Willy Völker – der Doktor in der Verteidigung

Im Kicker-Almanach steht er mit Titel: »Dr. W. Völker«. Willy Völker war Philosophiestudent, später Studienrat in Jena, und dazwischen einer der Verteidiger, mit denen der VfB Leipzig 1913 Deutscher Meister wurde. Eigentlich war er Turner und dann Halbstürmer. Erst ein gebrochener Fuß machte ihn zum Abwehrspieler. Im April 1914 spielte er einmal für Deutschland, beim 4:4 in Amsterdam. Seinen spannendsten Nachmittag erlebte er aber ein halbes Jahr vorher in Nürnberg, in einer Verlängerung gegen die Stars des Südens.

Willy Völkers Weg · 1906–1945
Willy Völkers Weg · 1906–1945

»In der Verteidigung der Messestädter stand der dribbelstarke und gewandte Dr. Willy Völker.«

— Libero Nr. 36 (IFFHS), Deutsche Meisterschaft 1903–1923

Vom Turnen zum Fußball

Willy Völker wird am 20. Dezember 1889 geboren, laut Wikipedia in Kahla als Sohn eines Hofuhrmachermeisters; die Statistikzeitschrift Libero nennt Gera. In seiner Jugend ist er ein talentierter Turner. Mit 16 wechselt er zum Fußball, zum Geraer Ballspiel-Club. Von 1908 bis 1910 spielt er für den FC Apelles Plauen, laut Wikipedia, »um drohenden Sanktionen wegen des Fußballspielens zu entgehen«.

1910 beginnt er in Leipzig ein Philosophie-Studium und schließt sich dem VfB an, einem der besten Vereine Deutschlands. Völker spielt zunächst halblinks. Dann bricht er sich den linken Fuß, und danach stellt man ihn in die Verteidigung. Dort bleibt er.

Meister mit dem VfB

Schon in der ersten Saison erreicht der VfB das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, verliert es aber am 4. Juni 1911 in Dresden 1:3 gegen Viktoria 89. Zwei Jahre später klappt es. Am 11. Mai 1913 gewinnt der VfB in München 3:1 gegen den Duisburger SpV, Völker verteidigt neben Dr. Alfred Herrmann. 1914 steht der VfB erneut im Finale und verliert in Magdeburg nach Verlängerung 2:3 gegen die SpVgg Fürth. Insgesamt zählt Libero acht Endrundenspiele Völkers. Dazu kommen vier mitteldeutsche Meistertitel.

Libero lobt nicht nur den Verteidiger, sondern auch die Haltung. Über den Linksaußen Adalbert Friedrich heißt es dort: »›Bert‹ besaß wie Dr. Willy Völker einen beispiellosen Idealismus.«

Der große Tag: Verlängerung in Nürnberg (November 1913)

Im Herbst 1913 spielt Völker für Mitteldeutschland im Kronprinzenpokal, dem Wettbewerb der Regionalauswahlen. Nach einem 2:1 gegen Südostdeutschland geht es im Halbfinale am 9. November 1913 nach Nürnberg, auf den Platz des 1. FCN am Zerzabelshof. Der Gegner ist Süddeutschland, und der Süden bietet auf, was er hat: Max Breunig als Mittelläufer, im Sturm Karl Wegele, Fritz Förderer, Gottfried Fuchs und Julius Hirsch. 6.000 Zuschauer kommen, Schiedsrichter ist Richard Hebak aus Berlin.

Völker bildet mit Ernst Rokosch von der SpVgg Leipzig das Verteidigerpaar, dahinter steht sein VfB-Kollege Johannes Schneider im Tor. In der 20. Minute bringt Breunig den Süden in Führung. In der 57. Minute scheidet Förderer aus, Libero vermerkt einen Beinbruch. Der Süden führt trotzdem noch lange. Erst in der 75. Minute gleicht Paul Pömpner aus, der VfB-Stürmer, der jahrelang unter dem Decknamen »Paulsen« spielte. 1:1 nach 90 Minuten, es geht in die Verlängerung. In der 117. Minute trifft Robert Winkler aus Dresden zum 2:1. Mitteldeutschland steht im Finale.

Das Finale am 22. Februar 1914 im Berliner Deutschen Stadion geht dann 1:2 gegen Norddeutschland verloren, das erste Tor schießt ein junger Hamburger namens Otto Harder. Sechs Wochen später stehen Völker, Rokosch und Harder zusammen in der Nationalelf.

Ein Länderspiel und ein langes Leben in Jena

Am 5. April 1914 spielt Deutschland in Amsterdam gegen die Niederlande. Fünf Spieler debütieren, darunter Völker und Rokosch als Verteidiger. 18.000 Zuschauer sehen ein wildes 4:4, der Ausgleich fällt erst in der 90. Minute. Es ist das letzte Länderspiel vor dem Ersten Weltkrieg und Völkers einziges.

Ab 1919 arbeitet der promovierte Philosoph als Lehrer in Jena. Für den VfB Leipzig spielt er trotzdem weiter, laut Libero fährt er bis 1924 jeden Sonntag nach Leipzig. Von 1931 bis 1942 ist er Vorsitzender des VfB Jena, des heutigen USV Jena.

Laut Wikipedia, gestützt auf die NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv, tritt Völker zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei. 1942 erhält er einen Lehrauftrag für Mathematik an der Universität Jena. 1945 verliert er ihn und wird im Zuge der Entnazifizierung aus dem Schuldienst entlassen. In den 1950er-Jahren unterrichtet er Mathematik an einer Ingenieurschule. Willy Völker stirbt am 30. Oktober 1973 in Jena, 83 Jahre alt.

Willy Völker auf einen Blick

Geboren: 20.12.1889 in Kahla (laut Libero in Gera)
Gestorben: 30.10.1973 in Jena
Vereine: Geraer Ballspiel-Club, FC Apelles Plauen (1908–1910), VfB Leipzig (1910–1924)
Position: Verteidiger (zuvor Halbstürmer)
Titel: Deutscher Meister 1913; Mitteldeutscher Meister 1911, 1913, 1918, 1920; Kronprinzenpokal-Finalist 1914
Bilanz: 1 Länderspiel (1914)
Beruf: Dr. phil., Studienrat in Jena, später Mathematik-Dozent
Nationalspieler Nr.: 104 (Debüt 5. April 1914 in Amsterdam)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Willy Völker · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero Nr. 36 (IFFHS): Deutsche Meisterschaft 1903–1923 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · DFB-Datencenter: Niederlande – Deutschland 1914 · Kicker-Almanach 1996