Georg Ertl – Schorsch im Schatten von Stuhlfauth
Am 13. Dezember 1926 stand im Darmstädter Tagblatt ein Satz, den ein Torwart nicht gern über sich liest: Der Münchner hätte alle drei Tore der Schweizer verhindern müssen. Gemeint war Georg Ertl. Acht Monate zuvor, nach dem 4:2 gegen die Niederlande in Düsseldorf, hatte dieselbe Zeitung noch geschrieben, er und sein Verteidiger hätten »wieder sehr angenehm« enttäuscht. Und wieder sechseinhalb Jahre später, am 29. Mai 1933, hieß es im selben Blatt über ein 0:4 im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, Ertl im Tor sei an den vier Treffern »völlig schuldlos« gewesen. Alle drei Urteile gehören zu einem Torwartleben, dessen Nationalelf-Teil kurz war: sieben Spiele zwischen Juni 1925 und Oktober 1927 und über allem ein Name: Heiner Stuhlfauth, der Nürnberger, an dem in diesen Jahren keiner so recht vorbeikam.
»Kutterer dagegen und Ertl im Tor enttäuschten wieder sehr angenehm.«
Von Augsburg an die Isar
Georg Ertl, »Schorsch« gerufen, kommt am 17. März 1901 in Augsburg zur Welt. Mit 17 schließt er sich dem TSV Schwaben Augsburg an, ein Jahr später wechselt er nach München zum FC Wacker, so geben es die Wikipedia und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 an. Im Beruf ist er nach dem Lexikon Versicherungsangestellter.
Wacker war damals eine gute Adresse. 1922, so die Wikipedia, wurde der Verein als erster Münchner Klub süddeutscher Meister, mit dem Ungarn Alfréd Schaffer, und Tausende empfingen die Spieler am Hauptbahnhof. Ob Ertl damals schon im Tor stand, ist nicht überliefert. Er folgte, schreibt die Wikipedia, dem Torwart Alfred Bernstein nach. In der Bezirksliga Bayern wurde Wacker mit ihm am Ende der Spielzeiten 1924/25, 1926/27 und 1927/28 jeweils Dritter.
Die Nordlandreise und das Rekordspiel
Dass Ertl im Juni 1925 überhaupt für Deutschland spielte, lag nach der Wikipedia an einem Streit: Die Fürther Spieler sagten dem DFB für die Skandinavienreise ab, und der 1. FC Nürnberg stellte wegen eines Zwists mit dem Verband keine Spieler ab. Stuhlfauth, der Nürnberger, fehlte. Der DFB schickte nach Schulze-Marmeling 25 Spieler auf die Reise, 15 davon sah man nie wieder im Nationaltrikot. Ertl gehörte nicht dazu. Beim ersten Spiel am 21. Juni in Stockholm debütierten nach den Aufstellungen der Seite acht Spieler, darunter er und der Münchner Verteidiger Emil Kutterer. Deutschland verlor 0:1, das Tor erzielte Schwedens Filip Johansson (DFB: 9. Minute, niederländische Zeitungen: fünf Minuten nach dem Anpfiff).
Fünf Tage später, am 26. Juni, gewann die Elf in Helsinki 5:3 nach 0:2-Rückstand, Paul Pömpner schoss drei Tore. Am 25. Oktober folgte in Basel ein 4:0 gegen die Schweiz, bei dem Tull Harder dreimal traf und Ertl ohne Gegentor blieb.
Seinen Höhepunkt erlebte er am 18. April 1926 in Düsseldorf. 60.000 Zuschauer zählt das DFB-Datencenter, das Tagblatt sprach von 65.000 und einem Rekord für Deutschland. Die Niederländer, die wenige Wochen zuvor die Schweiz 5:0 geschlagen hatten, verloren 2:4. Das Tagblatt sah die Deutschen »um eine Klasse besser«. Im Spielbericht endet ein holländischer Torschuss »bei dem glänzend haltenden Ertl«, und im Fazit heißt es, er und sein Verteidiger Kutterer hätten »wieder sehr angenehm« enttäuscht. Das »wieder« lässt vermuten, dass er auch in den Spielen davor ordentlich gehalten hatte.
Dann kam Stuhlfauth zurück. Am 20. Juni 1926 stand er beim 3:3 gegen Schweden im Nürnberger Zabo im Tor, vor heimischem Publikum.
Der große Tag: Amsterdam, 31. Oktober 1926
Ertl bekam seine zweite Chance, und sie fiel in ein besonderes Spiel. Am 31. Oktober 1926 trat in Amsterdam die erste Nationalmannschaft mit einem Trainer an: Otto Nerz, 34 Jahre alt, durfte die Aufstellung allerdings nur vorschlagen, das letzte Wort behielt der Spielausschuss (Schulze-Marmeling). Es nieselte, 30.000 Zuschauer waren da, Schiedsrichter war der Engländer Albert Prince-Cox.
Schon in der 6. Minute, nach dem Tagblatt, schoss Wim Tap einen Freistoß flach in die linke Ecke. »Ertl war die Aussicht versperrt«, heißt es dort, nachdem Hans Kalb Eef Ruisch gefoult hatte (DFB: 16. Minute). Danach wehrte er nach dem Bericht die erste holländische Ecke »meisterlich« ab. Deutschland drehte das Spiel noch vor der Pause: Ludwig Wieder glich aus, Tull Harder erhöhte auf 2:1. In der zweiten Halbzeit, so das Tagblatt, »meistert Ertl bravourös« mehrere holländische Schüsse. Harder traf fünf Minuten vor Schluss zum 3:1, nach den niederländischen Zeitungen mit Hilfe eines missglückten Rückpasses, Tap verkürzte in der letzten Minute.
Die niederländischen Blätter machten ihren Torwart Gejus van der Meulen für zwei Gegentore mitverantwortlich. Auf der deutschen Seite hielt der Münchner. Es ist das Länderspiel, in dem die Zeitungen ihn am freundlichsten beschreiben.
Der schwarze Tag: München, 12. Dezember 1926
Sechs Wochen später, am 12. Dezember, kam die Schweiz nach München. Gespielt wurde an der Grünwalder Straße, nach der Wikipedia seit 1926 auch Wackers Heimstätte. 40.000 Zuschauer, Blumensträuße aus dem Flugzeug, ein Empfang im Rathaus. Dann ging es schnell.
Der Schweizer Verteidiger Ramseyer schlug einen Ball aus fast 70 Metern nach vorn, Ertl wehrte schlecht ab, und Max Brand schoss aus 40 Metern ein: »Ertl befand sich zu weit vorn im Feld.« In der 13. Minute (so das Tagblatt) flankte Ernesto Fink, Ertl ließ den Ball abprallen, Aldo Poretti schob ein. In der 21. Minute verpasste er einen Ball, und nur Kutterer, der in der Torecke stand, köpfte ihn weg und verhinderte das dritte Tor. Nach der Pause, schreibt das Tagblatt, verlor Ertl »wieder die Nerven«, diesmal rettete Ali Beier. Das 2:3 durch Fink fiel in der Schlussviertelstunde aus 30 Metern, Ertl berührte den nicht besonders harten Ball noch mit den Fingerspitzen.
Die Zeitung überschrieb ihren Bericht: »Die deutsche Nationalelf liefert eines ihrer schlechtesten Spiele. Ertl und Harder versagen.« Der Münchner hätte alle drei Tore verhindern müssen, hieß es, und das Blatt wunderte sich über das Versagen »des in vielen anderen Großkämpfen bewährten Torhüters Ertl«. Die niederländische Zeitung De Telegraaf schrieb, Ertl sei »niet op dreef« gewesen, nicht in Form. Deutschland hatte 6:1 Ecken, der Schweizer Torwart Pache hielt alles.
Kopenhagen, 2. Oktober 1927
Nach zehn Monaten Länderspielpause, in denen Nerz das Team auf das W-M-System umstellte (Schulze-Marmeling), reiste Deutschland am 2. Oktober 1927 nach Kopenhagen. Nerz hatte neun Neulinge aufgeboten, darunter Richard Hofmann und Ludwig Leinberger, und es setzte ein 1:3. Die niederländischen Zeitungen lobten das »schitterend short-passing« der Deutschen, dem aber der letzte Schliff gefehlt habe. Ertl, so Schulze-Marmeling, verlor den seit Jahren schwelenden Machtkampf mit Stuhlfauth in diesem Spiel »mit drei schweren Schnitzern« endgültig. Fünf der elf Spieler dieses Tages wurden nie wieder berufen. Zu den Olympischen Spielen 1928 reisten Stuhlfauth, Paul Gehlhaar und Hans Wentorf als Torhüter, Ertl stand nicht im Aufgebot.
Sommer 1928: Wacker und die Hitze
Mit seinem Verein erlebte Ertl im Sommer 1928 den größten Moment. Erstmals nahmen zwei Münchner Klubs an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft teil, Wacker und der FC Bayern, und beide kamen ins Halbfinale. Wacker war in der Bezirksliga nur Dritter geworden, reichte aber für die Endrunde. Nach der Wikipedia-Vereinsgeschichte kehrte kurz vorher auch Alfréd Schaffer, der Ungar, der 1922 zum Meistermacher geworden war, pünktlich zu den Endrundenspielen an die Isar zurück.
Das Vorrundenspiel am 8. Juli gegen den Dresdner SC dauerte 136 Minuten, zwei Verlängerungen waren nötig. Dann köpfte Nebauer das 1:0. Das Darmstädter Tagblatt schrieb am Montag, Wacker habe den Sieg »nur durch ihre größere Ausdauer und ihr besseres Stehvermögen« erzielt; technisch und taktisch seien die Sachsen mit ihrer Läuferreihe um Georg Köhler zumindest ebenbürtig gewesen. Eine Woche später gewann Wacker bei Tennis Borussia in Berlin 4:1. Das Tagblatt nennt den 15. Juli, die Wikipedia-Turnierseite den 12.; bei über 30 Grad im Schatten kamen laut Zeitung 20.000 Zuschauer. Sepp Herberger brachte die Berliner in der fünften Minute in Führung, dann drehten Sommer, Hörmiller, Brandl und Nebauer das Spiel. Über Ertl heißt es im Bericht: Er lenkte einen Schuss nach »rasantem Lauf« von Raue gerade noch zur Ecke, und nach der Pause zerstörte der »meisterhaft arbeitende Ertl im Wacker-Tor« alle Berliner Angriffe, die nicht ohnehin in »endloser Überkombination« versandeten.
Am 22. Juli folgte in Leipzig das Halbfinale gegen Hertha BSC. Wegen der Hitze hatte man den Anstoß auf 18.30 Uhr gelegt, 15.000 Zuschauer sahen den Hamburger Schiedsrichter Graack. Wacker spielte laut Tagblatt mit Ertl; Falk, Klingseis; Weber, Hurias, Ostermeier; Lindner, Nebauer, Brandl, Sommer, Hörmiller, also mit den Nationalspielern Wilhelm Falk und Josef Weber in der Mannschaft. Nach 0:0 zur Pause traf Brandl in der 65. Minute, die Berliner hatten auf Abseits gehofft und das Publikum protestierte. Vier Minuten später glich Grenzel aus 35 Metern aus, in der nächsten Minute fiel die Entscheidung: Ein Schuss von Kirsei prallte von Ertl ab, und Gülle verwandelte im Nachschuss. Das Spiel endete 1:2. Das Tagblatt urteilte: »Ertl, Falk und Klingseis hatten gegenüber den oft stark überlegen spielenden Berlinern einen harten Stand, hielten sich aber ganz vorzüglich.« Für den Süden war es eine Schlappe, denn auch Bayern verlor sein Halbfinale gegen den Hamburger SV mit 2:8. Das Tagblatt vermerkte, dass seit langen Jahren wieder einmal kein süddeutscher Verein im Endspiel stand. Dort schlug der Hamburger SV die Berliner nach der Wikipedia-Turnierübersicht 5:2.
Bayern, DSV, Sechzig
Von Januar 1929 bis Januar 1930 stand Ertl beim FC Bayern, im Februar 1930 ging er zum DSV München, 1931 zum TSV 1860. Dort wurde er 1933 süddeutscher Vizemeister, und die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft brachte noch einmal Schlagzeilen. Am 7. Mai gewann 1860 im Kölner Stadion 2:0 gegen den VfL Benrath. Das Tagblatt berichtete von 15.000 Zuschauern bei unfreundlichem Wetter: Die Münchner seien technisch besser gewesen, ihr Sturm im Strafraum aber »mehr als hilflos«. Benrath hatte die meisten Chancen, scheiterte aber an Pech und »dem überragenden Spiel von Ertl im Münchener Tor«. Am 21. Mai besiegte 1860 in Nürnberg den Beuthener SuSV 09 mit 3:0, vor nur 5.000 Zuschauern. Die Zeitung fand, ein zweistelliger Sieg hätte dem Kräfteverhältnis entsprochen.
Dann kam das Halbfinale am 28. Mai in Leipzig. Schalke 04 gewann 4:0 (1:0), mit Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, auf Seiten der Münchner standen unter anderem Ludwig Lachner und Josef Wendl. Das Tagblatt schrieb, niemand habe geglaubt, dass das Spiel so sicher für Schalke ausgehe, und niemand habe einkalkuliert, dass die Münchner einen so schwarzen Tag haben könnten. Dann: »Ertl im Tor war an den vier Treffern völlig schuldlos.« Am selben Tag verlor in Berlin auch Eintracht Frankfurt 0:4, gegen Fortuna Düsseldorf; Süddeutschland, so das Blatt, spielte im Endspiel die Rolle des Zuschauers.
In der Gauliga Bayern wurde 1860 1934 und 1938 Zweiter. Ertl, der dort mit Alwin Riemke um den Platz im Tor konkurrierte, spielte 1936 außerdem im Tschammerpokal gegen die Stuttgarter Kickers (1:0) und gegen den 1. FC Pforzheim (3:3). Bis 1943, schreibt die Wikipedia, blieb er bei Sechzig, zwölf Jahre bei den Löwen, von denen die Quellen nur wenige Einzelheiten kennen.
Nach dem Spiel
Nach dem Krieg ließ sich der Versicherungsangestellte zum Fußball-Lehrer ausbilden. Von 1947 bis 1949 trainierte er den BC Augsburg, den er nach der Wikipedia zur Saison 1948/49 in die Oberliga Süd führte. Später betrieb er in München eine Annahmestelle für Lotto und Toto. Er starb am 22. Oktober 1968, einen Ort nennen die Quellen nicht.
Wer nach »Ertl« sucht, findet weitere: den Kardiologen Georg Ertl und den Fürther Abwehrspieler Herbert Erhardt, den sie »Ertl« riefen und der es auf 50 Länderspiele brachte (Schulze-Marmeling). Mit dem Torwart von Wacker haben beide nichts zu tun.
Georg Ertl auf einen Blick
Geboren: 17.3.1901 in Augsburg
Gestorben: 22.10.1968 (Ort nicht angegeben)
Vereine: TSV Schwaben Augsburg (1918–1919), FC Wacker München (1919–1928), FC Bayern München (1929–1930), DSV München (1930–1931), TSV 1860 München (1931–1943)
Position: Torwart
Beruf: Versicherungsangestellter (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 7 Länderspiele (4 Siege, 3 Niederlagen), 19:14 Tore (1925–1927)
Als Trainer: BC Augsburg (1947–1949)
Pressebelege: Darmstädter Tagblatt 1926–1928 und 1933 (Länderspiele, Wacker-Spiele, Wechsel zu Bayern, DSV und Sechzig)
Länderspiele
- 21.06.1925 Schweden – Deutschland 1:0 (Stockholm, Debüt)
- 26.06.1925 Finnland – Deutschland 3:5 (Helsinki)
- 25.10.1925 Schweiz – Deutschland 0:4 (Basel)
- 18.04.1926 Deutschland – Niederlande 4:2 (Düsseldorf)
- 31.10.1926 Niederlande – Deutschland 2:3 (Amsterdam)
- 12.12.1926 Deutschland – Schweiz 2:3 (München)
- 02.10.1927 Dänemark – Deutschland 3:1 (Kopenhagen)
Quellen
- Wikipedia: Georg Ertl
- Wikipedia: FC Wacker München
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1927/28
- RSSSF: (West) Germany International Results
- DFB-Datencenter: Länderspiele Deutschland 1925/26 und 1926/27
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 19. April 1926
- Darmstädter Tagblatt, 1. November 1926
- Darmstädter Tagblatt, 13. Dezember 1926
- Darmstädter Tagblatt, 3. Oktober 1927
- Darmstädter Tagblatt, 9. Juli 1928
- Darmstädter Tagblatt, 16. Juli 1928
- Darmstädter Tagblatt, 23. Juli 1928
- Darmstädter Tagblatt, 8. Mai 1933
- Darmstädter Tagblatt, 22. Mai 1933
- Darmstädter Tagblatt, 29. Mai 1933