Heinrich Altvater – der Münchner Linksaußen im Fürther Kleeblatt-Team
Sieben Fürther, dazu Spieler aus Leipzig, Mannheim und Stuttgart und ganz links außen ein 19-Jähriger aus München: So sah die deutsche Elf aus, die am 26. März 1922 in Frankfurt gegen die Schweiz antrat. Der Münchner hieß Heinrich Altvater, spielte für den FC Wacker und bekam genau diesen einen Länderspielnachmittag. Es stand 2:0 für Deutschland, dann war es 2:2. Altvater blieb noch bis 1940 in seinem Verein, zum Länderspiel rief ihn nie wieder jemand.
»Die Münchener mit ihrem Außenläufer ›Wastl‹ Gabler und ihren Außenstürmern ›Ignaz‹ Ostermaier und ›Heiner‹ Altvater fanden nicht wie erwartet zu ihrem Spiel, zumal ›Luden‹ Breuel den HSV in Führung brachte.«
Ein Linksaußen für Wacker
Heinrich Altvater kommt am 27. August 1902 zur Welt. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 nennt als Heimatort München und als Beruf städtischer Angestellter, die deutsche Wikipedia schreibt im Text ebenfalls München. Die Datenbox desselben Artikels nennt dagegen als Geburtsort Siebenbürgen in Österreich-Ungarn. Das ließ sich nicht auflösen.
Sein Verein ist der FC Wacker München. Wann er dort anfängt, sagen die Quellen unterschiedlich: Die Wikipedia nennt 1920, das DFB-Datencenter führt ihn vom 1. Juli 1921 an. Fest steht seine Rolle: Altvater spielt Linksaußen, das Lexikon nennt ihn so, die Wikipedia auch, und die englische Wikipedia schreibt, er habe nie woanders gespielt. Mit 19 Jahren steht er in einer Mannschaft, die gerade ihre große Zeit hat. In der Saison 1921/22 gehört auch der Ungar Alfréd Schaffer zum Verein, der 1918 und 1919 als europäischer Rekordtorschütze galt. Dazu kommen die Nationalspieler Albert Eschenlohr und Eugen Kling.
Aufgestellt am 10. März
Wenige Tage vor der Berufung steht Altvater in der süddeutschen Auswahl noch nicht auf dem Platz. Am 5. März 1922 gewinnt Süddeutschland das Bundespokal-Endspiel in Hamburg 7:0 gegen den Norden, den linken Flügel bildet der Nürnberger Hans Sutor. Fünf Tage später gibt der DFB die Elf für das Länderspiel gegen die Schweiz bekannt, sechzehn Tage vor dem Anpfiff. Sie wird, wie die Berichtsseite zum Spiel festhält, ohne Rücksicht auf Form oder Verletzungen aufgestellt. Die Nürnberger fehlen, ihr Club ist auf Spanienreise. So entsteht eine Mannschaft, in der Fürth den Ton angibt, und Altvater ist eine der Ergänzungen von außen.
Der große Tag: Frankfurt, 26. März 1922
Es ist das erste Länderspiel in Frankfurt überhaupt. Als der Zug mit der Schweizer Mannschaft und ihren Anhängern ankommt, muss der Hauptbahnhof eineinhalb Stunden gesperrt werden, so voll ist die Halle. Auf dem Römer begrüßen über 20.000 Menschen die Gäste. Gespielt wird im Stadion am Riederwald, denn das Waldstadion gibt es noch nicht. Das Eintracht-Museum nennt 40.000 Zuschauer, RSSSF 35.000. Schiedsrichter ist der Niederländer Wolf Boas.
Deutschland spielt mit Theodor Lohrmann im Tor, Georg Wellhöfer und Josef Müller in der Verteidigung, Hans Lang, Eduard Pendorf und Hans Hagen in der Läuferreihe, vorn Fritz Retter, Andreas Franz, Lony Seiderer, Willi Hutter und links außen Altvater.
Die Schweiz beginnt stärker, Deutschland verteidigt gut. Franz bringt die Gastgeber in der 26. Minute in Führung, Seiderer erhöht in der 34. auf 2:0. Nach der Pause kippt das Spiel. Theodor Lohrmann verletzt sich, und weil es keine Auswechselspieler gibt, geht Seiderer, eigentlich Mittelstürmer, ins Tor. Die Wikipedia nennt für diesen Wechsel die 62. Minute und merkt an, dass Deutschland danach nur noch zu zehnt spielte. In der 72. Minute verkürzt Paul Sturzenegger, vier Minuten vor Schluss gleicht Oskar Merkt aus. Ein niederländischer Bericht vom 28. März meldete, der deutsche Torwart sei verletzt ausgeschieden und die Elf dadurch durcheinandergeraten.
Über Altvaters eigenen Anteil an diesem Nachmittag ist nichts überliefert, weder eine Torchance noch ein Urteil über sein Spiel. Das Lexikon notiert nur ein Länderspiel, 1922, gegen die Schweiz.
Das Wacker-Frühjahr 1922
Der Verein, zu dem Altvater aus Frankfurt zurückkehrt, erlebt ein Frühjahr voller Entscheidungsspiele. Zuerst wird Wacker Südbayerischer Meister, mit 8:3 Toren in zwei Spielen gegen den SV 1860 München. Im Bezirksfinale Bayern setzt sich der Verein nach drei Spielen (3:2, 0:1, 1:0) gegen die SpVgg Fürth durch, den Klub, der bei Altvaters Länderspiel sieben Spieler gestellt hat. Als Datum des Entscheidungsspiels nennt die Wikipedia den 26. März, den Tag des Länderspiels, was sich nicht verträgt. Eines der beiden Daten stimmt also nicht.
Am 7. Mai schlägt Wacker den VfR Mannheim 4:1, am 14. Mai in Frankfurt Borussia Neunkirchen im Endspiel 2:1 nach Verlängerung. Es ist der erste und einzige süddeutsche Titel des Vereins. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft gewinnt Wacker das Viertelfinale am 21. Mai in Karlsruhe 5:0 gegen Arminia Bielefeld. Altvater steht dabei nicht auf dem Platz. Am 4. Juni steht er im Halbfinale, ausgerechnet im Riederwald, wo er zehn Wochen vorher Nationalspieler geworden war: Der Hamburger SV gewinnt 4:0, nach Toren von Breuel (25., 32.), Harder (62.) und Flohr (65., Elfmeter), vor 18.000 Zuschauern nach dem Libero-Heft. Der Bericht dort nennt Altvater beim Rufnamen »Heiner«, ein gutes Wort über den Münchner Flügel findet er nicht (Zitat oben). Laut DFB-Datencenter ist es Altvaters einziges Spiel in der Endrunde.
Am 23. Juni folgt noch der Kampfspielpokal in Berlin. Süddeutschland gewinnt vor 13.500 Zuschauern 4:1 gegen Westdeutschland, nach einem 0:1 zur Pause. Altvater und sein Wacker-Kollege Fritz Nebauer bilden den linken Flügel, Nebauer schießt das 2:1.
Auswahl und Bezirksliga
Insgesamt bestreitet Altvater von 1921 bis 1925 sechs Spiele für die süddeutsche Auswahl, so die Wikipedia. Das letzte ist das Bundespokal-Endspiel am 22. Februar 1925 in Hamburg. Süddeutschland verliert 1:2. Nebauer gleicht in der 60. Minute zum 1:1 aus, Tull Harder entscheidet das Spiel per Elfmeter, und in der Elf des Nordens steht der Kieler Kurt Voß. Den süddeutschen Sturm bilden neben Altvater Sepp Herberger und drei weitere Mannheimer.
Danach wird es still. Altvater bleibt bei Wacker. Von 1933 bis 1938 spielt er in der Gauliga Bayern, danach, nach einem Abstieg, in der zweitklassigen Bezirksliga. Das DFB-Datencenter führt ihn bis zum 30. Juni 1940, damals 37 Jahre alt. Später wird er Ehrenmitglied des FC Wacker München. Er stirbt am 25. Februar 1994, den Sterbeort nennt keine der Quellen, und liegt auf dem Waldfriedhof in München.
Heinrich Altvater auf einen Blick
Geboren: 27.8.1902 (Ort: München nach Lexikon und Wikipedia-Text, Siebenbürgen nach der Wikipedia-Datenbox)
Gestorben: 25.2.1994 (Ort nicht angegeben), beigesetzt auf dem Waldfriedhof München
Verein: FC Wacker München (ab 1920 nach Wikipedia, ab 1.7.1921 nach DFB, bis 1940)
Position: Linksaußen
Beruf: Städtischer Angestellter (Lexikon 1939)
Erfolge: Kampfspielpokal-Sieger 1922 mit Süddeutschland, Südbayerischer, Bayerischer und Süddeutscher Meister 1922
Bilanz: 1 Länderspiel (1922), 0 Tore, 1 Unentschieden
Länderspiele
- 26.03.1922 Deutschland – Schweiz 2:2 (Frankfurt am Main, Stadion am Riederwald, Debüt und einziges Länderspiel)
Quellen
- Wikipedia: Heinrich Altvater (Fußballspieler)
- Wikipedia: Heinrich Altvater (Begriffsklärung)
- Wikipedia (englisch): Heinrich Altvater
- DFB-Datencenter: Heinrich Altvater, Spielerprofil
- IFFHS: Libero International Nr. 36, Deutsche Meisterschaft 1903–1923 (Halbfinale HSV – Wacker München, 4. Juni 1922, Tore und Zuschauer)
- Wikipedia: Bundespokal
- Wikipedia: Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1921/22
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1921/22
- Eintracht Frankfurt Museum: Erstes Länderspiel in Frankfurt, 26. März 1922
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Limburger Koerier, 28. März 1922 (zitiert nach der Berichtsseite zum Spiel auf rasenpoesie.de)