Willi Hutter – das dritte H im Mannheimer Waldhof-Sturm

Zwei Länderspiele, zwei Remis, kein eigenes Tor: Auf dem Papier ist Willi Hutter eine Fußnote. In Mannheim war er mehr. Er gehörte zu einer Stürmerreihe, von der, so das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939, »heute noch ganz Mannheim schwärmt«. Zwei seiner Nebenleute hießen Herberger und Höger, und wie Hutter fingen alle drei mit H an.

Willi Hutters Laufbahn · von Mannheim über Saarbrücken nach Bonn, 1914–1936
Willi Hutters Laufbahn · von Mannheim über Saarbrücken nach Bonn, 1914–1936

»Höger – Herberger – Schwärzel – Hutter – Skutlarek, das war in den ersten Nachkriegsjahren eine Stürmerreihe, von der heute noch ganz Mannheim schwärmt.«

— Die Deutschen Nationalspieler (1939), im Eintrag zu Sepp Herberger

Die Waldhof-Reihe

Willi Hutter wird am 3. November 1896 in Mannheim geboren. Das nennen übereinstimmend die Wikipedia, das DFB-Datencenter und das Lexikon von 1939. Nach der Wikipedia spielt er in der Jugend beim FC Hertha Mannheim, 1914/15 kurz beim VfR Mannheim und danach bis Oktober 1921 beim SV Waldhof. Das Lexikon führt ihn als Mittelstürmer und Halblinken, von Beruf Sportlehrer.

Waldhof ist in diesen Jahren eine Adresse. In den Runden 1919/20 und 1920/21 gewinnt die Mannschaft die Meisterschaft im Kreis Odenwald und zieht damit in die Endrunde um die süddeutsche Meisterschaft ein. Beide Male ist am späteren Deutschen Meister 1. FC Nürnberg Schluss. Im Tor steht Theodor Lohrmann, im Sturm spielen Sepp Herberger, Karl Höger und Hutter. Die Wikipedia nennt das Trio den »H-Innensturm«, dessen technisch feines Spiel den Blau-Schwarzen weit über Mannheim hinaus Bewunderung eingebracht habe. Das Lexikon erweitert die Reihe auf fünf Mann und lobt Spieler, die »als Buben schon aufeinander abgestimmt waren« und jede gegnerische Hintermannschaft »aus dem Konzept bringen konnten«.

Der große Tag: Helsinki, 18. September 1921

Der DFB beruft die Mannheimer, und das gleich dreifach. Im September 1921 reist die Nationalelf nach Finnland, das erste Länderspiel gegen dieses Land. Die Reise ist, nach Schulze-Marmelings Geschichte der Nationalmannschaft, ein Missgriff: Es gibt keinen Trainer und keinen zweiten Torwart, die Spieler schlafen auf der »Ariadne« direkt über der Schiffsschraube, die Funktionäre mittschiffs. Herberger schreibt später in seinen Erinnerungen: »Jeder blieb sich selbst überlassen. Einen Trainer gab es nicht. Die ältesten Spieler wie Kalb gaben den Ton an und bestimmten die Taktik.«

Kapitän ist der Berliner Mittelläufer Karl Tewes. Im Angriff spielen neben Mittelstürmer Hans Kalb und Karl Wolter die drei Mannheimer. Für Herberger und Hutter ist es das Debüt. Vor 8.000 Zuschauern pfeift der Schwede Ernst Albihn an, und der Anfang ist ein Traum: Herberger trifft in der 5. Minute, Kalb in der 7., Deutschland führt 2:0. Finnland verkürzt in der 12. Minute, gleicht in der 54. aus, Herberger bringt Deutschland in der 66. wieder in Führung, und zwei Minuten vor Schluss fällt das 3:3. Torwart ist Willy Schwedler, in der Hintermannschaft spielen unter anderem Arthur Mohns, Alfred Au und Walter Krause.

Deutschland – Finnland 3:3 in Helsinki · Hutter debütiert im Sturm neben Herberger und Höger
Deutschland – Finnland 3:3 in Helsinki · Hutter debütiert im Sturm neben Herberger und Höger

Hutter trifft nicht. Schulze-Marmeling nennt das Ergebnis gegen den zweitklassigen Gegner enttäuschend. Für die drei Mannheimer bleibt es der einzige gemeinsame Länderspieleinsatz: Beim nächsten Spiel steht von ihnen nur noch Hutter in der Elf.

Saarbrücken und das zweite Länderspiel

Im Herbst 1921 wechselt Hutter ins Saarland zu Saar 05 Saarbrücken. Die Wikipedia stellt den Wechsel in den Zusammenhang der damaligen »Berufsspieleraffäre«, zu Hutters Fall äußert sie sich nicht näher. Auch um Herberger und Höger gab es im selben Herbst Ärger, nachzulesen in ihren Biografien. Mit seinem neuen Verein wird er 1921/22 Meister im Kreis Saar, vor dem SV Trier, dem SV Völklingen und dem FV Saarbrücken. Das Bezirksendspiel geht gegen Borussia Neunkirchen verloren.

Am 26. März 1922 steht Hutter zum zweiten Mal in der Nationalelf, in Frankfurt gegen die Schweiz. Es ist das erste Länderspiel in der Stadt, gespielt am Riederwald, denn das Waldstadion gibt es noch nicht. Rund 40.000 Zuschauer kommen, die Angaben schwanken: RSSSF nennt 35.000. Weil der 1. FC Nürnberg auf Spanienreise ist, stellt der DFB eine Elf mit sieben Fürthern auf. Hutter spielt Halblinks, neben ihm stürmen Fritz Retter, Andreas Franz, Mittelstürmer und Kapitän Lony Seiderer und Heinrich Altvater.

Deutschland führt nach Toren von Franz (26. Minute) und Seiderer (34.) mit 2:0. Dann verletzt sich Lohrmann, nach der Wikipedia ab der 62. Minute, und Seiderer, eigentlich Mittelstürmer, geht ins Tor. Die Elf gerät durcheinander, die Schweiz gleicht in der 72. und in der 86. Minute aus. Die niederländische Zeitung Limburger Koerier schreibt am 28. März 1922, die Schweiz sei zunächst stärker gewesen, Deutschland habe aber gut verteidigt. Zu Hutters Spiel äußert sich der Bericht nicht.

Genauer wird die Nieuwe Rotterdamsche Courant, die einen eigenen Korrespondenten nach Frankfurt geschickt hat. In ihrer Ausgabe vom 28. März 1922 beschreibt er die Stadt im Ausnahmezustand: Am Samstagabend sind Sonderzüge mit rund tausend Schweizer Anhängern angekommen, mit Musik, Gesang und Reden, am Sonntagvormittag empfängt der Stadtrat die Gäste auf dem Römerberg. Das Spielfeld der Eintracht sei trotz Schnee und Tauwetter der letzten Tage in ausgezeichnetem Zustand, und er zählt mindestens 35.000 Zuschauer. Die Elf nennt er mit Lohrmann im Tor, Müller und Wellhöfer hinten, Hagen, dem Leipziger Pendorf (im Bericht »Edy«) und Lang in der Läuferreihe und vorn Retter, Franz, Seiderer, Hutter und Altvater. Schiedsrichter ist der Niederländer Boas.

Die deutsche Elf spielt in der ersten Halbzeit nach seinem Urteil besser als der beste niederländische Fußball. Ein Tor von Franz, das schon im Netz liegt, zählt nicht, Boas hatte kurz vorher wegen eines Regelverstoßes gepfiffen. Dann fallen die Tore, und bei der Reihenfolge widersprechen sich die Quellen: Die Berichtsseite nennt nach den DFB-Angaben Franz in der 26. und Seiderer in der 34. Minute, die Courant schreibt, Seiderer habe nach 25 Minuten getroffen und Franz zehn Minuten später nach einer Vorlage Seiderers. Lohrmann hat sich da schon bei einem Zusammenstoß mit dem Schweizer Namseyer am Knie wehgetan. Nach gut einer Stunde prallt er außerhalb des Strafraums mit seinem Läufer Lang zusammen und wird weggetragen, Seiderer geht ins Tor, und das Spiel kippt.

Für Hutter fällt das Urteil des Korrespondenten hart aus. Zur Schlussbilanz schreibt er, die schwachen Punkte der deutschen Elf seien Pendorf und Hutter gewesen, auch Lang sei nicht gut gewesen, und Altvater habe wenig ausrichten können, weil Hutter ihn nicht unterstützt habe (Presseurteil, aus dem Niederländischen übersetzt). Dann kommt er zur eigentlichen Ursache: Diese vier Spieler seien erst ins Team gerückt, nachdem vier Nürnberger wegen der Spanienreise ihres Vereins abgesagt hätten, Mittelläufer Riegel, ein linker Läufer, der Halblinke Träg und Linksaußen Sutor. Indem der Spielausschuss die Nürnberger freigab, habe er den Sieg verschenkt.

Es bleibt bei zwei Länderspielen. Warum, sagt keine der Quellen.

Bonn und das Ende

Zwischen 1922 und 1925 nennen die Quellen keine Station. Ab der Runde 1925/26 spielt der Sportlehrer für den Bonner FV, der 1926/27 in der Rheinbezirksklasse hinter dem Kölner CfR Zweiter wird. Am 10. Oktober 1926 steht Hutter in der Auswahl von Westdeutschland, die im Bundespokal in Köln gegen Norddeutschland 1:2 verliert. Er spielt Mittelstürmer, im Tor steht Karl Zolper, als linker Außenläufer spielt Conny Heidkamp.

Willi Hutter stirbt 1936 an den Folgen eines Motorradunfalls. Das Lexikon von 1939 nennt als Todestag den 27. Juni 1936, die Wikipedia nur das Jahr. Einen Sterbeort geben die Quellen nicht an. Er wurde 39 Jahre alt.

Willi Hutter auf einen Blick

Geboren: 3.11.1896 in Mannheim
Gestorben: 27.6.1936 nach dem Lexikon von 1939, Folge eines Motorradunfalls (Ort nicht angegeben)
Vereine: FC Hertha Mannheim (Jugend), VfR Mannheim (1914/15), SV Waldhof Mannheim (bis Oktober 1921), Saar 05 Saarbrücken (1921/22), Bonner FV (ab 1925/26)
Position: Mittelstürmer, Halblinker (Lexikon)
Beruf: Sportlehrer
Erfolge: Kreismeister Odenwald 1919/20 und 1920/21, Kreismeister Saar 1921/22
Bilanz: 2 Länderspiele (2 Unentschieden), kein Tor (1921, 1922)

Länderspiele

Quellen