Theodor Lohrmann – der Fangkünstler im grau-grünen Pullover

Nürnberg hatte Heiner Stuhlfauth, den besten Torwart Deutschlands. Also besorgte sich Fürth den zweitbesten. So erzählt es jedenfalls die Legende um Theodor »Teddy« Lohrmann, einen blonden Riesen aus Heidelberg, der im Sommer 1920 vom SV Waldhof an den Ronhof kam. Drei Länderspiele hat er gemacht, keines verloren. Das erste gewann Deutschland 1:0 gegen Ungarn, und hinterher sprach man über zwei Dinge: seine Paraden und seinen Pullover. Sein größter Tag aber kam anderthalb Jahre später in Hamburg, an einem Nachmittag mit sieben Toren, Polizei auf dem Rasen und null Gegentreffern.

Theodor Lohrmanns Laufbahn · 1908–1939
Theodor Lohrmanns Laufbahn · 1908–1939

»Wurde stets mit Stuhlfauth in einem Atem genannt. Er wirkte breiter, war aber ein Riese auf tönernen Füßen. Als Fangkünstler übertraf er den Heiner.«

— Richard Kirn und Alex Natan, »Fußball« (zitiert nach Wikipedia)

Vom Waldhof an den Ronhof

Theodor Robert Lohrmann wird 1898 in Heidelberg geboren, laut Wikipedia und der Fürther Vereinschronik am 7. September. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 nennt den 7. August. Groß wird er in Mannheim, beim SV Waldhof, laut kleeblatt-chronik.de ab 1908. Das Lexikon rühmt den Vorort als einen Ort, »der Jahr für Jahr neue Spielertalente wachsen läßt«.

1919/20 steht er im Tor einer bemerkenswerten Waldhof-Elf, mit Sepp Herberger, Karl Höger und Willi Hutter. Die Mannheimer gewinnen den Kreis Odenwald nach zwei Entscheidungsspielen gegen den VfR und werden in der süddeutschen Endrunde Zweiter. Vor ihnen landet der 1. FC Nürnberg, der wenig später Deutscher Meister wird – mit Stuhlfauth im Tor.

Das ist der Moment, in dem Fürth zugreift. Die Kleeblatt-Chronik beschreibt Lohrmann als »Torwartriese« und »Beherrscher seine[s] Strafraumes«, dem Nürnberger sehr ähnlich. Am 19. August 1920 spielt er zum ersten Mal für die Spielvereinigung, in einem Freundschaftsspiel gegen Guts Muts Dresden.

Das Fernduell mit Stuhlfauth

Zwischen Fürth und Nürnberg liegen nur ein paar Kilometer. Zwischen den beiden Torhütern entsteht, so die Kleeblatt-Chronik, »ein Fernduell um die Nummer eins im Tor der Nationalelf«. Dreimal bekommt Lohrmann den Vorzug.

Das erste Mal am 24. Oktober 1920 in Berlin. Im Deutschen Stadion trifft Adolf Jäger nach 22 Minuten per Elfmeter, mehr Tore fallen nicht. Der DFB schreibt heute, der Sieg habe »im Zeichen der grandiosen Torwartleistung von Teddy Lohrmann aus Fürth« gestanden. Und weiter: Er »soll auch den weiblichen Teil der 35.000 im Grunewald-Stadion beeindruckt haben – durch seinen modischen grau-grünen Pullover«. Die Fürther Chronik zählt sogar 55.000 Zuschauer. Es ist Deutschlands erster Sieg gegen Ungarn überhaupt.

Die beiden anderen Einsätze folgen 1922: ein 2:2 gegen die Schweiz in Frankfurt und ein 0:0 gegen Ungarn in Bochum. In Frankfurt verletzt er sich. Sein Fürther Mannschaftskamerad Leonhard Seiderer, eigentlich Mittelstürmer, geht für ihn ins Tor.

Wie gut war er nun wirklich? Das Lexikon von 1939 zieht einen feinen Strich. Fangsicherheit, weiter Schlag, Mut – das alles habe ihn »lange Zeit hindurch mit Stuhlfauth auf dieselbe Klasse« gestellt. Der Nürnberger sei nur »schneller am Boden« gewesen und in den Zweikämpfen »vielleicht auch etwas wuchtiger«. Kirn und Natan setzen den Akzent anders: Als Fangkünstler habe Lohrmann den Heiner sogar übertroffen.

Der große Tag: Bundespokal-Endspiel in Hamburg (März 1922)

Der Bundespokal ist damals das Turnier der Regionalauswahlen. Am 5. März 1922 steht in Hamburg das Endspiel an, Norddeutschland gegen Süddeutschland. Gespielt wird auf dem Platz des Eimsbütteler TV an der Hoheluft. Der Süden reist praktisch als Kleeblatt an: Neben Lohrmann stehen mit Georg Wellhöfer, Josef Müller, Hans Lang, Andreas Franz und Leonhard Seiderer fünf weitere Fürther in der Elf, dazu fünf Nürnberger. Im Norden spielt unter anderen Walter Krause, der mit Lohrmann 1920 in Berlin debütiert hatte.

Der Platz ist offiziell für 28.000 Menschen zugelassen. Wikipedia gibt 30.000 Zuschauer an und zitiert Wiener Zeitungen, nach denen 35.000 Karten verkauft worden sein sollen, angeblich waren sogar 44.000 im Stadion. Die Leute stehen »wie Heringe zusammengepfercht«, es gibt »wahre Schlachten um den Besitz von Steh- und Sitzplätzen«. Vor dem Anpfiff muss die Polizei das Spielfeld räumen. Schiedsrichter ist Peco Bauwens aus Köln.

Zur Pause steht es nur 1:0, Franz hat in der 40. Minute getroffen. Dann bricht der Norden ein. Franz trifft in der 50. und 55. Minute, Heinrich Träg in der 60., 61. und 70., am Ende noch einmal Franz. 7:0. Als die ersten Zuschauer vorzeitig gehen, nehmen sie die Abkürzung über das Feld, das Spiel muss erneut unterbrochen werden. Hinterher liegen Barrieren und Bänke in Trümmern.

Der Mann des Tages ist Franz mit vier Toren. Aber hinten steht die Null, und die Fürther Chronik vermerkt, Lohrmann sei am Sieg »maßgeblich beteiligt« gewesen. Das Chaos hat übrigens Folgen: Das Länderspiel gegen Ungarn, eigentlich für Hamburg geplant, wird nach Bochum verlegt. Im Tor steht dort im Juli wieder – Lohrmann. Im Juni gewinnt er mit dem Süden außerdem den Kampfspielpokal in Berlin, 4:1 gegen den Westen.

»Seine Fangsicherheit, sein weiter Schlag, sein mutiges Spiel stellten ihn lange Zeit hindurch mit Stuhlfauth auf dieselbe Klasse.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Wien, Wasserball und ein früher Abschied

1923 wird Fürth süddeutscher Meister. In der Endrunde hält Lohrmann beim 4:0 gegen die Breslauer Sportfreunde die Null, laut »Libero« kam der Gegner »nicht ein einziges Mal« an der Abwehr um ihn vorbei. Im Halbfinale in Halle ist dann überraschend Schluss, 1:2 gegen Union Oberschöneweide.

Im selben Jahr geht er nach Wien, zum Wiener Amateur-Sportverein, der späteren Austria. Mit ihr wird er laut Wikipedia 1924 und 1926 österreichischer Meister und gewinnt dreimal den Pokal. Weil er in Wien als Profi spielt, ist er für den DFB nicht mehr spielberechtigt. Das Duell mit Stuhlfauth ist damit entschieden, ohne dass einer den anderen geschlagen hätte.

Fußball ist für Lohrmann ohnehin nur eine Disziplin von vielen. Wikipedia nennt Rugby, Tennis, Handball und Wasserball und erzählt, er habe in Wien einmal an einem Tag in allen vier Sportarten gespielt. Im Wasserball wird er österreichischer Meister. Das Lexikon von 1939 behauptet sogar, der Wasserballtorhüter sei »noch unbezwinglicher als der Fußballtorwächter gewesen«.

Das Ende kommt abrupt. »Eine schwere Verletzung, verursacht durch sein tollkühnes und wagemutiges Spiel, unterband eine der hoffnungsreichsten Spielerlaufbahnen«, schreibt das Lexikon. Zuletzt spielt er 1929/30 beim Wiener AC.

Der Lehrer vom Niederrhein

Lohrmann wird Sportlehrer und Trainer, vor allem im Westen. Mit Hamborn 07 wird er 1932/33 Niederrheinmeister, eine Vereinschronik schreibt den Erfolg »in erster Linie« ihm zu. Am 20. Oktober 1938 übernimmt er Rot-Weiß Oberhausen und steigt 1939 in die Gauliga auf. Zu seinen Schülern zählt laut Wikipedia der spätere Weltmeister-Torwart Toni Turek. Außerdem trainiert er den FC Zürich und Schwarz-Weiß Essen.

Theodor Lohrmann stirbt im September 1971, laut Wikipedia am 4., laut Fürther Chronik am 2. September. Begraben ist er auf dem Westfriedhof in Oberhausen.

Theodor Lohrmann auf einen Blick

Geboren: 7.9.1898 in Heidelberg (Lexikon 1939: 7.8.1898)
Gestorben: 4.9.1971 (laut kleeblatt-chronik.de 2.9.1971), begraben in Oberhausen
Spitzname: »Teddy«
Vereine: SV Waldhof (1908–1920), SpVgg Fürth (1920–1923), Wiener Amateur-SV/Austria Wien (1923–1929), Wiener AC (1929/30)
Position: Torwart
Titel: Bundespokalsieger 1922, Kampfspielpokal 1922, Süddeutscher Meister 1923, Österreichischer Meister 1924 und 1926, Österreichischer Pokalsieger 1924, 1925, 1926; Österreichischer Meister im Wasserball
Bilanz: 3 Länderspiele, 0 Tore (1920–1922), keine Niederlage
Beruf: Sportlehrer
Trainer: u. a. Hamborn 07 (Niederrheinmeister 1933), Rot-Weiß Oberhausen (ab 1938), FC Zürich, Schwarz-Weiß Essen
Nationalspieler Nr.: 121 (Debüt 24. Oktober 1920 in Berlin)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Theodor Lohrmann · kleeblatt-chronik.de: Theodor Lohrmann · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · DFB: Rückblick auf alle Duelle gegen Ungarn (2024) · Wikipedia: Bundespokal · Libero 36 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Kicker 1959 · Fußball Oberliga West 1950/51 (Neeb)