Heinrich Träg – der Schrecken der Tormänner

»Wer hat nicht von diesem Schrecken der Tormänner gehört?« So beginnt 1939 der Lexikoneintrag über Heinrich Träg, den alle nur Heiner nannten. Sechzehn Jahre lang stürmte er für den 1. FC Nürnberg, 455 Spiele, fünf deutsche Meisterschaften. Er war klein, bullig und fast ausschließlich linksfüßig, und er schoss so hart, dass ihn der Schwung manchmal selbst von den Beinen holte. Er hatte aber auch ein Temperament, das Schiedsrichter fürchteten. Sein letztes Spiel, das Endspiel 1927 in Berlin, zeigt beides: ein Tor und einen Platzverweis.

Heiner Trägs Laufbahn · 1911–1927
Heiner Trägs Laufbahn · 1911–1927

»… aber jeder andere Stürmer des Clubs hätte drei Beine benötigt, um an die Trefferzahl dieses Haudegens der alten Clubmannschaft heranzukommen.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Pfeil zum Club

Heinrich Träg wird am 3. Januar 1893 in Nürnberg geboren. Sein Stammverein ist laut Wikipedia und der Fanseite glubberer.de der FC Pfeil, über den FC Viktoria kommt er zum 1. FC Nürnberg. Das Lexikon von 1939 nennt stattdessen die Sportfreunde Nürnberg. Auch beim Jahr sind sich die Quellen nicht einig. Die Vereinszeitung des Clubs schreibt 1926, Träg habe 1911 sein Probespiel als Linksaußen gemacht und sei »alsbald ständig in die 1. Mannschaft eingereiht« worden.

Er beginnt links außen, rückt später auf halblinks, um den Flügel für Hans Sutor freizumachen, und kehrt am Ende auf die Außenbahn zurück. Mit Sutor versteht er sich am besten. Das Lexikon von 1939 berichtet, dass ein weniger geschickter Ersatzmann auf links von Träg manchmal »auch nicht einen einzigen Ball erhielt«.

Zwei Nummern zu klein

Träg ist kein Techniker. Er ist ein Durchreißer. Glubberer.de zitiert den langjährigen Spielausschussvorsitzenden Hans Hofmann: »Einmal durch, dann durfte der Mann im Kasten sein Testament machen.« Ein Berliner Journalist schreibt zu seinem zehnjährigen Jubiläum: »Träg hat Sehorgane an den Füßen.«

Dazu kommt eine Marotte, die gleich zwei Quellen überliefern. Laut Hofmann kauft er seine Fußballstiefel »um zwei Nummern kleiner, als er sie normalerweise hätte brauchen können«, und zwängt sich eine halbe Stunde lang hinein. Das Lexikon von 1939 ergänzt: Wenn der Fuß nicht hineinwollte, »so ließ er die Ferse zur Hälfte draußen«.

Die Tore kommen in Serie. Im Januar 1918 schießt er in Regensburg zehn der 19 Nürnberger Tore, bei 30 Zentimetern Neuschnee. 1919 liegt der Club gegen Jena zur Pause 0:2 zurück und gewinnt 9:2, Träg trifft siebenmal. Im Halbfinale um die Meisterschaft 1920 in Berlin erzielt er gegen Titania Stettin alle drei Tore. »Libero« nennt ihn »den Held des Spieles«. Es ist der erste von fünf Meistertiteln.

Seine Schwäche ist der Kopfball. Heiner Stuhlfauth erinnert sich, nur einen einzigen gesehen zu haben, im Endspiel 1921 gegen Vorwärts Berlin: »Der Ball ist ihm auf den Kopf gefallen und von da ins Tor gesprungen.« Stuhlfauth spricht vom fünften Tor. Laut DFB und »Libero« traf Träg in diesem Spiel aber zum 2:0 und 3:0, das fünfte schoss Popp.

Nationalspieler und Hitzkopf

Am 5. Mai 1921 debütiert Träg in Dresden gegen Österreich. Nach zwölf Minuten schießt er das 2:0, am Ende steht es 3:3. Es bleibt sein einziges Länderspieltor in sechs Einsätzen bis 1926. Am Neujahrstag 1923 in Mailand führt er die Mannschaft sogar als Kapitän aufs Feld, Deutschland verliert 1:3.

Die Nationalelf ist aber nicht seine Bühne. Glubberer.de schreibt, er habe nur mit wenigen Zuspielern harmoniert, mit Böß, Schaffer und Sutor, und in Länderspielen oft »keine besonders gute Figur« gemacht.

Dann ist da das Temperament. Im Wiederholungsspiel des endlosen Endspiels 1922 gegen den HSV stellt ihn Schiedsrichter Peco Bauwens in der Verlängerung vom Platz. In Bauwens' Bericht, den glubberer.de zitiert, heißt es: »Die Handlung war derart gemein, dass ich nahe daran war, das ganze Spiel jetzt schon abzubrechen.« 1925 legt derselbe Bauwens bei einem Spiel gegen MTK Budapest vorzeitig die Pfeife nieder, weil er die Nörgeleien Trägs satt hat.

Der »Kicker« würdigt ihn 1924 trotzdem als einen der Männer, die »einer ganzen Fußballepoche« ihren Stempel aufdrückten, zusammen mit Gustav Bark.

Der große Tag: das letzte Endspiel (Juni 1927)

Am 12. Juni 1927 spielt der Club im Deutschen Stadion in Berlin um seinen fünften Titel. Gegner ist Hertha BSC, 50.000 Zuschauer sind gekommen, Hertha hat Heimvorteil. Schiedsrichter ist Willi Guyenz aus Essen. Träg ist inzwischen 34 und spielt wieder links außen.

Hans Kalb bringt Nürnberg nach sechs Minuten in Führung. Das Publikum hat es auf Träg abgesehen. Laut glubberer.de hänseln ihn die Zuschauer mit »Berliner Witzworten«, wenn er einem Ball vergeblich nachjagt. In der 65. Minute schießt er das 2:0. »Libero« nennt es die »Vorentscheidung«.

Was dann kommt, erzählt jede Quelle ein wenig anders. Angeblich ruft Träg dem Publikum zu: »Edds kennder weiderschimbfn, gwunner ham mir!« Jetzt könnt ihr weiterschimpfen, gewonnen haben wir. In der 75. Minute stellt ihn Guyenz vom Platz. Wikipedia nennt als Grund Schiedsrichterbeleidigung, Stuhlfauth soll später von einem Götz-Zitat gesprochen haben.

Die Vereinszeitung nimmt ihn in Schutz, ein wenig jedenfalls:

»Er wäre mit Stuhlfauth und Kalb der Held des Tages geblieben und jeder hätte ihm den Triumph von Herzen gegönnt.«

— Vereinszeitung des 1. FC Nürnberg, 1927 (zitiert auf glubberer.de)

Nürnberg gewinnt 2:0. Für Träg ist es das letzte Spiel für den Club.

Nach dem Fußball

Der gelernte Kaufmann ist da längst im Beruf. Von 1922 bis 1966 ist er Mitinhaber und Geschäftsführer einer Mineralölfabrik in Schweinau. Dem Club bleibt er im Ältestenrat verbunden. Rückblickend sagt er, so glubberer.de: »Einen Trainer hatte ich während meiner Entwicklungszeit als Fußballer nie. Wir kannten auch keine Prämien.«

Heinrich Träg stirbt am 13. Oktober 1976 in Nürnberg. Laut glubberer.de trägt seit 2006 ein Block im Nürnberger Stadion seinen Namen.

Heinrich Träg auf einen Blick

Geboren: 3.1.1893 in Nürnberg
Gestorben: 13.10.1976 in Nürnberg
Spitzname: Heiner
Vereine: FC Pfeil Nürnberg, FC Viktoria Nürnberg (laut Lexikon 1939: Sportfreunde Nürnberg), 1. FC Nürnberg (1911–1927)
Position: Linksaußen, Halblinker
Titel: Deutscher Meister 1920, 1921, 1924, 1925, 1927
Bilanz: 6 Länderspiele, 1 Tor (1921–1926); 18 DM-Endrundenspiele, 16 Tore
Beruf: Kaufmann; Mitinhaber einer Mineralölfabrik
Nationalspieler Nr.: 127 (Debüt 5. Mai 1921 in Dresden)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Heinrich Träg · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1926/27 · glubberer.de: Heinrich Träg · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero International (IFFHS) · DFB-Datencenter: Endspiel 1927 · DFB-Datencenter: Deutschland – Österreich 3:3 · Kicker-Almanach 1996