Baptist Reinmann – der schnelle Mann vom Club
Als Baptist Reinmann am 23. Oktober 1927 in Altona zum ersten Mal das Nationaltrikot trägt, liegt Deutschland zur Pause 0:2 gegen Norwegen zurück. Am Ende steht es 6:2. Josef Pöttinger erfasst, wie das Darmstädter Tagblatt schreibt, »eine glänzende Vorlage von Reinmann« und schießt das Führungstor zum 3:2. Der Rechtsaußen des 1. FC Nürnberg bleibt in seinen vier Länderspielen ohne Tor, aber auch ohne Niederlage: drei Siege, ein Unentschieden. Mit dem Dresdner Martin Reißmann, der 1923 ein Länderspiel gegen Norwegen bestritt, hat er nur den Klang des Namens gemeinsam.
»… namentlich gab der schnelle Reinmann den Engländern manch harte Nuss zu knacken.«
Von Herzogenaurach zum Club
Johann Baptist Hubert Reinmann kommt am 31. Oktober 1903 in Herzogenaurach zur Welt. Er fängt beim 1. FC Herzogenaurach an. Zum 1. FC Nürnberg kommt er nach der Wikipedia zur Saison 1925/26, auf der Vereinsseite glubberer.de zählen seine Jahre für den Club von 1926 bis 1935. Er ist Rechtsaußen. Beruflich ist er Finanzbeamter, so das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939, Olympedia nennt ihn einen Steuerbeamten, die Wikipedia später Finanzsekretär.
Der Anfang ist unspektakulär. Im Oktober 1926 spielt er gegen Wacker München auf ungewohntem Posten als Linksaußen. Die Vereinszeitung findet, das sei »keineswegs eine Schwächung der Angriffsreihe« gewesen. Auf der Weihnachtsfeier 1926, bei der jeder Spieler der ersten Mannschaft bedacht wurde, kommt Reinmann nicht gut weg. Dr. Schregle sagt über ihn und einen Mitspieler: »Von euch beiden kann ich weder Gutes noch Schlechtes berichten.« So wird es bei glubberer.de überliefert. Im Mai 1927 kommt das Lob, nach dem, wie glubberer.de schreibt, legendären Spiel gegen den FC Burnley.
Die Endrunde 1927 beginnt für den Club am 8. Mai in Fürth gegen den Chemnitzer BC, 5:1 vor 6.000 Zuschauern am Ronhof. Reinmann erzielt das 1:0 in der 25. Minute, Schiedsrichter ist Otto Zander; als Trainer nennt »Libero« Frederick Spiksley und Dr. Richard Michalke. Am 22. Mai folgt ein 2:1 beim Hamburger SV vor 25.000 Zuschauern: Wieder trifft zweimal, Harder verkürzt, und Träg muss durch Uhl ersetzt werden. Eine Woche später schlägt Nürnberg im Halbfinale 1860 München 4:1. Für den Club war es nach »Libero« das 19. Endrundenspiel in Folge ohne Niederlage; nach dem Finale steht die Bilanz bei 20 Spielen, 18 Siegen und 2 Unentschieden.
Und im Juni 1927 steht Reinmann im Endspiel. Am 12. Juni schlägt der Club im Berliner Deutschen Stadion vor 50.000 Zuschauern Hertha BSC 2:0, Hans Kalb trifft in der 6. Minute, Heinrich Träg in der 65. Reinmann spielt rechts außen, neben ihm im Angriff stehen Georg Hochgesang, Josef Schmitt, Ludwig Wieder und Träg. Das Darmstädter Tagblatt vom 13. Juni 1927 urteilt: »Der Sieg Nürnbergs war so verdient, wie selten der Sieg einer Mannschaft.« Es lobt ein harmonisches Gebilde und das Kombinationsspiel der Franken, besonders den linken Sturmflügel; über Reinmann selbst steht nur die Aufstellung im Bericht. Träg musste nach einem Zusammenstoß vom Feld, laut Tagblatt in der 12. Minute der zweiten Halbzeit, bei »Libero« steht eine Rote Karte in der 75. Minute. Das passt schlecht zu einem Tor in der 65. Minute, die Quellen widersprechen sich hier. Stuhlfauth hielt einen Elfmeter von Guyenz.
Vier Monate später trägt er zum ersten Mal das Nationaltrikot.
Insgesamt bestreitet er nach der Wikipedia 281 Pflichtspiele in zehn Jahren für den Club, darunter zwölf Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft. »Libero« bestätigt das: Zu den vier Spielen von 1927 kommen 1929 ein 6:1 in Hamburg gegen Holstein Kiel (16. Juni, 16.000 Zuschauer) und ein 3:1 gegen Tennis Borussia (30. Juni, Fürth, 15.000), dann das Halbfinale gegen Hertha: 0:0 nach Verlängerung am 7. Juli in Berlin (50.000) und die 2:3-Niederlage im Wiederholungsspiel am 21. Juli in Düsseldorf (40.000). 1930 folgen ein 7:0 bei den Breslauer Sportfreunden (18. Mai), ein 6:2 gegen Schalke (1. Juni) und ein 3:6 gegen Hertha in Leipzig (15. Juni, 27.000 Zuschauer), 1932 ein 4:0 gegen Holstein Kiel in Hamburg (22. Mai). Dazu kommen regionale Titel und 1934 die Meisterschaft der Gauliga Bayern. Dann zwingt ihn eine Achillessehnenverletzung zum Aufhören.
11,1 Sekunden und kein Selbstvertrauen
Die Beschreibung seines Spiels steht bei glubberer.de und in der Wikipedia gleichlautend. Reinmann konnte die 100 Meter in 11,1 Sekunden laufen und schlug trotzdem aus vollem Lauf präzise Flanken. Sein oft wiederholter Spezialtrick: Er täuschte im Lauf ein Anhalten oder Zurückziehen des Balles an, und während der Gegner noch darauf reagierte, war er schon weg.
Er war aber, sagt die Wikipedia, gelegentlich zu zaghaft. Die Vereinszeitung urteilte im Dezember 1929 nach einem Spiel gegen Fürth: »Reinmann war wieder zaghaft, er ist im Spiel wendig, hat aber kein Selbstvertrauen mehr.« Das Darmstädter Tagblatt schreibt im Februar 1929 über das Länderspiel in Mannheim, Reinmann zögere bei einem guten Angriff etwas. Im Frühjahr 1935 lautete das Urteil der Berliner »Fußballwoche«: »Noch immer schnell, sehr unternehmungslustig, nicht nur im Spiel.«
Abseits des Platzes war er nach glubberer.de ein Schelm. Auf Auswärtsfahrten knotete er den Mitspielern die Schuhe zusammen, die nachts vor den Hotelzimmern standen. Ein andermal erfand er einen Anruf des »8-Uhr-Blattes« und versuchte, ein überraschtes Mitglied der Mannschaft dazu zu bringen, per Telefon einen detaillierten Spielbericht abzugeben.
Vier Spiele, keine Niederlage
Reichstrainer Otto Nerz holt ihn im Herbst 1927. Am 23. Oktober debütiert Reinmann in Altona, am 20. November folgt in Köln das 2:2 gegen die Niederlande, vor rund 60.000 Zuschauern. Dort lähmt nach dem Tagblatt Richard Hofmanns eigensinniges Spiel als Halbrechter, mit vielem Abseitsstehen, auch den Rechtsaußen Reinmann. Eine große Chance nach dem Zusammenspiel von Reinmann und Pöttinger lässt Ludwig Hofmann liegen.
Der dritte Einsatz ist ein Heimspiel: Am 16. September 1928 erlebt das neue Nürnberger Stadion seinen ersten großen Fußballnachmittag, 50.000 Zuschauer sehen ein 2:1 gegen Dänemark. Das Tagblatt ist nicht begeistert. Der Sturm sei nicht einheitlich genug gewesen, der neue Mittelstürmer Schmitt seiner Aufgabe nicht ganz gewachsen. Über Reinmann heißt es, gutes habe man von ihm nur in Einzelaktionen gesehen. Auf Rechtsaußen hat er inzwischen Konkurrenz: Ernst Albrecht von Fortuna Düsseldorf hatte im April in Bern debütiert und stand im Olympiaturnier in beiden Spielen auf dieser Position. Reinmann gehört zum Olympia-Kader 1928, kommt in Amsterdam aber nicht zum Einsatz, so Olympedia und die Wikipedia. Die Wikipedia schreibt, er sei in der Nationalelf an Albrecht nicht vorbeigekommen.
Sein vierter und letzter Auftritt: Mannheim, 10. Februar 1929, das 7:1 gegen die Schweiz. Nach dem Tagblatt fängt der Schweizer Torwart Séchehaye eine Reinmann-Flanke sicher ab, später verzögert Josef Pöttinger nach einer Reinmann-Flanke, und Reinmann verschießt selbst. Im Gesamturteil der Zeitung ist der rechte Flügel nicht schlecht: »Beide Flügel imponierten durch rasante Läufe und vorbildliche Flanken. Der linke Flügel war etwas besser, womit aber nicht gesagt sein soll, daß der rechte schlecht gewesen sei.« Danach ruft Nerz ihn nicht mehr. Im April 1929 steht in Turin wieder Albrecht auf der Außenbahn.
Der große Tag: Altona, 23. Oktober 1927
Das neue Altonaer Stadion, 30.000 Zuschauer, Anstoß um 3.15 Uhr, Schiedsrichter ist der Däne Lauritz Andersen. Die Norweger beginnen nach dem Tagblatt mit Feuereifer und fast unheimlichem Tempo. Ein früher Treffer zählt wegen Abseits nicht, dann fällt das 0:1 (der DFB nennt Gunnar Dahl in der 3. Minute, das Tagblatt Berstad), in der 22. Minute das 0:2 (DFB: 24.). Im deutschen Angriff, schreibt das Blatt, fehlt vorerst die Verständigung.
Nach dem Wechsel dreht Otto Nerz' Elf das Spiel. Georg Hochgesang verkürzt, Pöttinger gleicht nach Zusammenspiel mit Hochgesang aus, und dann kommt die Szene mit Reinmann: Pöttinger erfasst eine Vorlage seines Rechtsaußen und schießt das 3:2. Hans Kalb trifft zum 4:2, Ludwig Hofmann zum 5:2, und kurz vor Schluss macht Pöttinger seinen dritten Treffer, das 6:2. Nach dem DFB-Datencenter fallen die deutschen Tore in der 55., 67., 69., 73., 82. und 88. Minute, das Tagblatt zählt die Minuten anders, hat aber dieselbe Reihenfolge.
Das Tagblatt findet, die Mannschaft habe den Sieg »auf Grund ihrer guten Leistungen in der zweiten Halbzeit verdient«. Ludwig Hofmann und Pöttinger seien die besten Leute des Angriffs gewesen. Über Reinmann steht im Bericht sonst nur die Vorlage zum 3:2.
Die Jahre danach
Nach der Karriere bleibt Reinmann beim Club. Die Jahreshauptversammlung wählt ihn 1955 zum Fußballobmann des Vereins. In den 1970er Jahren betreut er laut glubberer.de den TSV Höchstadt an der Aisch als Trainer. Als erster Bundesligaverein benennt der 1. FC Nürnberg 2006 Stadionblöcke nach verdienten Spielern, der Block 39 trägt den Namen Reinmanns.
Nach Angaben der Wikipedia, die sich auf eine Karteikarte im Bundesarchiv und ein Buch von Bernd Siegler stützt, beantragte Reinmann am 25. September 1939 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Dezember 1939 aufgenommen. Für die Vereinszeitung schrieb er nach glubberer.de einen Bericht über die Madridreise des Clubs im Dezember 1934.
Baptist Reinmann stirbt 1980 in Nürnberg. Beim Tag gehen die Quellen auseinander: glubberer.de und Olympedia nennen den 2. März, die Wikipedia, die sich auf Fritz Tauber stützt, den 4. März. Er wurde 76 Jahre alt.
Baptist Reinmann auf einen Blick
Geboren: 31.10.1903 in Herzogenaurach
Gestorben: 1980 in Nürnberg (2. oder 4. März, die Quellen weichen ab)
Vereine: 1. FC Herzogenaurach, 1. FC Nürnberg (ab 1925/26 oder 1926, bis 1935)
Position: Rechtsaußen
Beruf: Finanzbeamter (Lexikon 1939), später Finanzsekretär
Erfolge: Deutscher Meister 1927, Gaumeister Bayern 1934, Olympiakader 1928 (ohne Einsatz)
Bilanz: 4 Länderspiele (3 Siege, 1 Unentschieden, keine Niederlage, Torverhältnis 17:6), kein Tor, 1927–1929
Länderspiele
- 23.10.1927 Deutschland – Norwegen 6:2
- 20.11.1927 Deutschland – Niederlande 2:2
- 16.09.1928 Deutschland – Dänemark 2:1
- 10.02.1929 Deutschland – Schweiz 7:1
Quellen
- Wikipedia: Baptist Reinmann
- Wikipedia (en): Baptist Reinmann
- Olympedia: Baptist Reinmann
- glubberer.de: Baptist Reinmann
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1926/27
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Libero 38 (2002), Endrunden 1920 bis 1929/30 und Libero D 6/7 (1993)
- Darmstädter Tagblatt, 13. Juni 1927 (ULB Darmstadt)
- Darmstädter Tagblatt, 24. Oktober 1927
- Darmstädter Tagblatt, 21. November 1927
- Darmstädter Tagblatt, 17. September 1928
- Darmstädter Tagblatt, 11. Februar 1929