Richard »Tipfi« Oehm – der Läufer, der in Nürnberg nur flach spielte
Der Schlosshof des Escorial bei Madrid, Weihnachten 1934. Der 1. FC Nürnberg ist auf Spanienreise, der FC Madrid hat die Gäste zum Ausflug eingeladen, und im Hof spielt die ganze Jugend Fußball, natürlich machen die Nürnberger mit. Das Hin- und Herschlagen dauert, bis Richard Oehm einen Schuss auf den Weg bringt. Ein Fenster des Schlosses geht zu Bruch, und, so schreibt es Baptist Reinmann in seinem Reisebericht, »alle sang- und klanglos im Gebäude verschwanden«.
So war er, Tipfi Oehm: ein eleganter Techniker mit Fernschuss, der angeblich nur flach spielte, und einer, den der Club immer wieder auf neuen Positionen ausprobierte. Dreimal stand er für Deutschland auf dem Platz, dreimal gewann die Mannschaft.
»Das wird mir schwerfallen. Bei uns in Nürnberg spielen wir nur flach.«
Klein wie ein i-Tüpfelchen
Richard Oehm wird am 22. Juni 1909 in Nürnberg geboren, so führen ihn die Wikipedia, die Vereinschronik auf glubberer.de und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939. Das DFB-Datencenter nennt als Geburtstag den 22. Juli. Er stirbt am 20. Mai 1975.
Seinen Spitznamen bekommt er als Junge, weil er damals noch »klein wie ein i-Tüpfelchen« gewesen sein soll. Später misst er 1,88 Meter, der Name bleibt. Die Chronik nennt ihn eine Kopie des legendären Carl Riegel. Mit zwölf Jahren, so die Vereinschronik, beginnt er in der Schülermannschaft des 1. FC Nürnberg. Auf Wunsch seines Vaters wechselt er zwischendurch zum VfR Mögeldorf, kehrt aber zurück, und von da an gehört er dem Club. Ende 1929 gibt er sein Debüt in der ersten Mannschaft, im Spiel gegen die SpVgg Fürth. Die Vereinszeitung, zitiert in der Chronik, schreibt, er habe gezeigt, »dass er über gutes Spielvermögen verfügt«.
Zunächst spielt er Halbstürmer. Trainer Jenő Konrád macht ihn zum Läufer, mit dem Satz, Oehm sei »nicht der Halblinke, den der Club braucht«. Das Lexikon von 1939 führt ihn als linken Läufer, von Beruf Gartenbauarchitekt. Dafür studiert er in Weihenstephan und zieht nach München. Angebote Münchner Vereine schlägt er nach der Wikipedia und der Chronik aus. Er fährt lieber zu jedem Spiel mit dem Zug nach Nürnberg. Er kam auch in der Studentennationalmannschaft zum Einsatz, wie die Chronik vermerkt, ohne Einzelheiten zu nennen. Der Club-Chronist merkt dazu an, böse Zungen behaupteten, Oehm sei nur deshalb ungern zum Kopfball hochgestiegen, weil er Akademiker war.
Läufer, Kopfball, Versuchskarnickel
Ein Läufer der Nürnberger Schule, schreiben die »Düsseldorfer Nachrichten« nach dem Pokalfinale 1935 gegen Schalke 04: »Saubere Abwehrarbeit, feines Kopfballspiel, genaue und flache Steilvorlagen.« In der Chronik steht das neben dem, was Reichstrainer Otto Nerz ihm bei einem Lehrgang gesagt haben soll, Oehm müsse nur noch sein Kopfballspiel verbessern, und seiner Antwort, die diese Seite als Motto trägt.
Der Club probiert ihn auf verschiedenen Positionen aus, so oft, dass die Vereinszeitung im Januar 1935 vom »Versuchskarnickel Oehm« schreibt, der sich »einen festen Platz in der ersten Mannschaft und ein besseres Publikum« wünsche. Im Frühjahr 1935 schreibt die »Berliner Fußballwoche« über ihn: »Er spielt mit Zurückhaltung und Überlegung.« Im Oktober 1934 hatte Hans Kalb in der Vereinszeitung geurteilt, Oehm verbrauche »zu viel Kraft durch sein Überspielen und langes Ballhalten«.
Nach einem Spiel in Schweinfurt im September 1935, das wie schon öfter ausgeartet war, soll er trocken festgestellt haben: »Das Schönste von Schweinfurt ist die Heimfahrt!« Als Hans Hofmann im Januar 1936 über das Länderspiel in England schrieb und das Kopfballspiel der Engländer rühmte, fügte er hinzu: »Da hätte unser Tipfi Oehm aber was lernen können, sintemalen Kopfballzuspiel nicht seine starke Seite ist.«
Beruflich ist er inzwischen Stadtgartenarchitekt. Nach der Chronik ist er für die gärtnerische Planung der Erweiterung des Stadiongeländes zum Reichssportfeld mit dem Deutschen Stadion zuständig. Mit Fenstern hat er in diesen Jahren mehrfach zu tun: Im November 1932 meldet die Vereinszeitung nach einem Gastspiel bei Wacker München, dass sich Oehm auf der Fahrt von Freising nach Nürnberg im fahrenden Zug von einem herabfallenden Fenster eine starke Armgelenksprellung mit Bluterguss zuzog. Er fiel einige Zeit aus.
Drei Länderspiele, drei Siege
Am 25. September 1932 steht Oehm zum ersten Mal in der Nationalelf, und das in seiner Heimatstadt. Dazu gleich mehr. Im Januar 1934 kommt er im Frankfurter Waldstadion beim 3:1 gegen Ungarn zu seinem zweiten Einsatz. Im Sturm spielen Ernst Lehner, Ludwig Lachner, Edmund Conen, Rudolf Noack und Karl Politz. In der Läuferreihe stehen neben ihm Rudolf Gramlich und Ludwig Goldbrunner. Das Darmstädter Tagblatt schreibt am 15. Januar 1934: »In der Läuferreihe gefiel zunächst Oehm.« Danach lobt es Gramlich, der auf dem glatten Platz etwas steif gewirkt habe, und hält Goldbrunner für einen guten Schaffer, aber »keinesfalls ein Mittelläufer nationalen Formats«.
Am 11. März 1934 spielt er in Luxemburg, beim 9:1 in der WM-Qualifikation, seinem dritten und letzten Länderspiel. Vor dem Spiel trifft ihn der Reporter des Tagblatts im Hotel »Alfa« am Bahnhof, zusammen mit Sigmund Haringer und Stanislaus Kobierski. Auf die Frage nach einem Tipp meinte Oehm, bei solch schlechtem Wetter sei es schwer, etwas vorauszusagen. Haringer ist deutlicher: »Wir verlieren 0:1!«, sagt er, und schiebt hinterher, das sei natürlich Spaß. Deutschland gewinnt 9:1. Für die Weltmeisterschaft in Italien findet Nerz nach der Wikipedia keine Verwendung für ihn.
Der große Tag: Nürnberg, 25. September 1932
Der Club-Läufer debütiert vor eigenem Publikum. Der Tag beginnt mit einem Empfang im Alten Rathaussaal, wo Oberbürgermeister Luppe die schwedischen Gäste im Namen der Stadt begrüßt. Dann geht es ins Städtische Stadion, 30.000 Zuschauer zählt das DFB-Datencenter, 45.000 das Tagblatt. Reichstrainer Otto Nerz hat den Angriff fast ganz umgebaut: Oskar Rohr stürmt in der Mitte, Josef Bergmaier und Franz Krumm spielen rechts, nur Richard Hofmann und Kobierski waren schon in Helsinki dabei.
Die erste Hälfte gehört den Deutschen: Rohr trifft in der 10., Kobierski in der 17., Krumm in der 41. Minute, zur Pause steht es 3:1. Nach der Pause kommt Schweden zurück: 3:2 in der 47. Minute, dann stellt Rohr in der 64. Minute auf 4:2, ehe Schweden in der 78. Minute noch auf 4:3 verkürzt. Der Schlusspfiff kommt bei einem schwedischen Eckball. Für Oehm war es kein Tag, den die Zeitung feierte. Das Tagblatt sah ihn am 26. September in der Läuferreihe hinter den »unermüdlich schaffenden« Leinberger und Knöpfle. Den Angriff hielt es für das Problem: »Der Sturm, den wir für unsere Nationalelf brauchen, ist noch zu suchen.«
Pokal und Meisterschaft
Im Club hat Oehm in dieser Zeit seine große Phase. Nach der Wikipedia bestreitet er von 1929 bis 1939 417 Pflichtspiele für den 1. FC Nürnberg. Mit der Mannschaft wird er 1932 und 1933 Nordbayerischer Meister und danach viermal Gaumeister in Bayern, 1934, 1936, 1937 und 1938. Nach der Wikipedia kommt er in 32 Endrundenspielen auf acht Tore, das DFB-Datencenter führt ebenfalls 32 Spiele. Bei den Pokalspielen weichen die Angaben ab: Das DFB-Datencenter zählt sieben Einsätze zwischen 1935 und 1937, die Wikipedia 13 zwischen 1935 und 1938.
1934: das verlorene Endspiel. Auf dem Weg ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft schlägt der Club am 17. Juni 1934 im Leipziger Probstheidaer Stadion Viktoria Berlin mit 2:1. Das Tagblatt zählt 25.000 Zuschauer und nennt Friedel als Torschützen schon in der ersten Minute; in der Läuferreihe, so das Tagblatt vom 18. Juni, »überzeugte Oehm«. Eine Woche später steht Nürnberg am 24. Juni im Berliner Poststadion vor 45.000 Zuschauern gegen Schalke 04. Oehm spielt linken Läufer in einer Elf mit Köhl; Popp, Munkert; Kreißel, Billmann, Oehm; Gußner, Eiberger, Friedel, Schmitt, Kund. Nürnberg geht in der 54. Minute in Führung, so die Wikipedia: Torschütze ist Georg Friedel. Das Darmstädter Tagblatt vom 25. Juni nennt dagegen Schmidt (Nürnberg) als Torschützen nach einem Flankenlauf von Kund. Dann verliert der Club das Spiel in den letzten Minuten: Szepan gleicht in der 88. Minute aus, Kuzorra trifft in der 90. zum 2:1. Das Tagblatt lobt die Läuferreihe der Nürnberger mit dem »ausgezeichneten Billmann« in der Mitte, Kreißel und dem »unübertrefflichen linken Läufer Oehm«. Es berichtet aber auch, Oehm sei »in der Hitze des Gefechtes unfair« geworden und habe verwarnt werden müssen. Schiedsrichter war Alfred Birlem aus Berlin.
1935: der erste Tschammerpokal. Am 8. Dezember 1935 gewinnt Nürnberg das Endspiel im Düsseldorfer Rheinstadion vor 60.000 Zuschauern gegen Schalke 04 mit 2:0: Eiberger trifft in der 46. Minute, Friedel in der 84. Oehm spielt wieder linken Läufer, neben Uebelein I und Carolin. Die Wikipedia notiert, dass Schalkes Spielmacher Fritz Szepan vom Länderspiel in England vier Tage zuvor noch geschwächt war und dass Oehm und Munkert in den letzten fünf Minuten Schalker Schüsse auf der Torlinie abwehrten. Obwohl Schmitt verletzt war, hielt die Nürnberger Elf das Ergebnis. Das Tagblatt vom 9. Dezember schreibt, die Läuferreihe der Nürnberger habe »eine doppelte Aufgabe« zu lösen gehabt, und rühmt die konsequente Deckungsarbeit der Gewinner.
1936: die Meisterschaft. Im Juni 1936 schlägt der Club im Halbfinale am 7. Juni in Stuttgart Schalke mit 2:0 und am 21. Juni im Berliner Poststadion vor 45.000 Zuschauern Fortuna Düsseldorf. Fortuna geht in der 3. Minute durch Nachtigall in Führung, Eiberger gleicht in der 34. aus, und erst in der 120. Minute, in der Verlängerung, schießt Gußner das 2:1. In der 95. Minute hatte Schiedsrichter Birlem einen Treffer von Czaika für Düsseldorf nicht anerkannt. Oehm steht als linker Läufer in der Elf. Auf einem Foto nach dem Endspiel wird Seppl Schmitt, wie die Bildunterschrift bei glubberer.de schreibt, vom Platz getragen, ebenso Schwab, während Oehm laufen muss.
Im April 1936 widmen ihm Anhänger aus Leipzig einen Ehrenhut und ein Gedicht, das die Chronik überliefert: »Der Tipf auf dem i, Ricardo der Oehm, / als Mensch wie als Spieler etwas bequem«. Ein »Veilchen, das im Verborgenen blüht – aber gut« sei er, und man bitte ihn, sich noch nicht zur Ruhe zu setzen. Bei der Weihnachtsfeier 1935 hatte er ein anderes Verslein zu hören bekommen, das ihn freundlich an seine Vorliebe für ein Glas erinnert: »Auch dir, o Tipfi, du weißt, dir frommt ein schwerer Trunk nicht immer.«
Danach: Club, Politik, Garten
Nach der aktiven Laufbahn bleibt er dem Club verbunden. Ab 1952 ist er im Vereinsvorstand Spielerobmann, beruflich arbeitet er jetzt als selbstständiger Gartenarchitekt. Im selben Jahr kandidiert er für die Deutsche Demokratische Partei und zieht in den Nürnberger Stadtrat ein. Die Chronik hält fest, dass er mit Vorliebe Karl Valentin imitierte. Wie lange er im Stadtrat blieb, geben die benutzten Quellen nicht an. Bei der Pelzmärtl-Feier der Club-Jugend 1952 widmet ihm Jugendleiter Andreas Weiß Verse in fränkischer Mundart: Er sei ein »Läufer einst, wöis net viel gebn, a Spieler mit gar viel Verstand und deshalb passend für sei Amt«, und er habe »a Herz« und teile mit den Buben »Freud und Schmerz«. Anfang der siebziger Jahre zeigt ihn ein Foto mit Max Eiberger beim Besuch eines Club-Spiels (Der Club 9/1988, nach glubberer.de).
Nach der Wikipedia, die sich auf die Karteikarte des Bundesarchivs und auf das Buch von Bernd Siegler über den 1. FC Nürnberg beruft, trat er zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein.
Richard und Richard
Der Vorname verführt zu Verwechslungen mit Richard Hofmann, dem Dresdner Rekordtorschützen, der beim Debüt in Nürnberg im selben Angriff stand. Oehm ist der Nürnberger Läufer ohne Länderspieltor. Das Lexikon von 1939 nennt als Länderspieljahre 1932 (Schweden) und 1933 (Ungarn, Luxemburg). Die beiden anderen Spiele fanden aber am 14. Januar und am 11. März 1934 statt, so bestätigen es DFB-Datencenter, Wikipedia und die Berichtsseiten.
Richard Oehm auf einen Blick
Geboren: 22.6.1909 in Nürnberg (DFB-Datencenter: 22.7.1909)
Gestorben: 20.5.1975
Vereine: VfR Mögeldorf (zwischendurch), 1. FC Nürnberg (1929–1939)
Position: Läufer (anfangs Halbstürmer)
Beruf: Gartenbauarchitekt
Bilanz: 3 Länderspiele (3 Siege), kein Tor (1932–1934)
Erfolge: Tschammerpokalsieger 1935, Deutscher Meister 1936, Gaumeister Bayern 1934, 1936, 1937, 1938
Später: Spielerobmann des 1. FC Nürnberg ab 1952, Stadtrat in Nürnberg (DDP)
Länderspiele
- 25.09.1932 Deutschland – Schweden 4:3 – Debüt
- 14.01.1934 Deutschland – Ungarn 3:1
- 11.03.1934 Luxemburg – Deutschland 1:9 – WM-Qualifikation
Quellen
- Wikipedia: Richard Oehm
- Wikipedia (en): Richard Oehm
- glubberer.de: Richard »Tipfi« Oehm – Vereinschronik mit Zitaten aus der Vereinszeitung und den »Düsseldorfer Nachrichten«
- DFB-Datencenter: Richard Oehm, Spielerprofil
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Darmstädter Tagblatt, 26. September 1932
- Darmstädter Tagblatt, 15. Januar 1934
- Darmstädter Tagblatt, 13. März 1934
- Darmstädter Tagblatt, 18. Juni 1934
- Darmstädter Tagblatt, 25. Juni 1934
- Darmstädter Tagblatt, 9. Dezember 1935
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1933/34
- Wikipedia: Tschammerpokal 1935
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1935/36