Karl Politz – das Wiesel aus dem Schanzenviertel

»Altes Semester« nennt ihn das »Darmstädter Tagblatt« am Tag vor dem Länderspiel, den kleinen Politz, 31 Jahre alt. Das stimmt nicht ganz, er ist erst 30, aber der Ton ist klar: ein Routinier zwischen lauter Neulingen. Am Sonntag, dem 14. Januar 1934, flankt dieser Mann in Frankfurt zweimal von links, und beide Flanken führen zu Toren. Dann ist es vorbei. Karl Politz bleibt der Mann mit einem einzigen Länderspiel.

Karl Politz' Laufbahn · St. Pauli Sport, Hamburger SV und ein Länderspiel, 1912–1935
Karl Politz' Laufbahn · St. Pauli Sport, Hamburger SV und ein Länderspiel, 1912–1935

»Politz entpuppt sich als eine ›kleine‹ Kanone!«

— Darmstädter Tagblatt, 15. Januar 1934, im Bericht vom Spiel in Frankfurt

Ein Straßenjunge vom Schanzenviertel

Karl Politz · Quelle: Wikimedia Commons (Public domain)
Karl Politz · Quelle: Wikimedia Commons (Public domain)

Karl Politz wird am 14. August 1903 in Hamburg geboren, so führen es das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 und die Wikipedia. Fußball lernt er nach der Wikipedia auf der Straße, im Gassengewirr des Schanzenviertels, hinter »fußballähnlichen Gebilden« her. Er spielt bei St. Pauli Sport, mit dem er der Wikipedia zufolge in der Jugend die norddeutsche Meisterschaft holt. Später ist er als Stürmer »das Wiesel«, so nennen sie ihn dort, und sein Spitzname ist »Kalli«.

Für die Zeit in St. Pauli Sport nennt die Wikipedia einen kurzen Abstecher zu Union 03 Altona 1920/21. In der Runde 1927/28 gewinnt er mit St. Pauli Sport die Meisterschaft im Elbekreis. Das Endspiel um die Hamburger Meisterschaft geht am 11. März 1928 vor 8.000 Zuschauern 0:3 gegen den HSV verloren, in der norddeutschen Endrunde wird es Platz sechs. Am 29. April 1928 steht er in Breslau im Bundespokal-Endspiel der norddeutschen Auswahl gegen Südostdeutschland (0:2), neben Hans Rave auf dem linken Flügel.

In der Oberliga Groß-Hamburg wird St. Pauli Sport 1930 Achter und 1931 Siebter. Mitten in der Saison 1931/32 wechselt Politz zum Hamburger SV; die Wikipedia nennt ihn dort den Nachfolger von Hans Rave.

Beim HSV: Meister im Norden, Nebenrolle im Reich

Beim HSV ist Politz einer von mehreren guten Stürmern. In der Saison 1931/32 bestreitet er nur ein Ligaspiel (4:0 beim ETV Eimsbüttel, ein Tor), in den Spielen um die norddeutsche Meisterschaft aber zwei, gegen den Bremer SV und den ETV, mit zusammen fünf Toren. Der HSV wird norddeutscher Meister. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft 1932 kommt er laut Wikipedia nicht zum Einsatz, auf dem linken Flügel steht dort Fritz Gröber. Im folgenden Jahr, als der HSV erneut norddeutscher Meister wird, bleibt es bei einem Auftritt: Politz spielt in der Endrunde beim 1:4 gegen Eintracht Frankfurt.

Mit der Gauliga Nordmark ändert sich der Rahmen, nicht der Rang. 1933/34 und 1934/35 wird der HSV jeweils Zweiter hinter dem Eimsbütteler TV. Politz kommt in diesen beiden Runden auf 35 Ligaspiele und zehn Tore, so die Wikipedia. Im Sommer 1935 hört er auf. Er gilt als fair, die Wikipedia schreibt, er sei nie des Feldes verwiesen worden, und als Spezialität nennt sie seine genauen, gefühlvollen Flanken. Genau die sind es, die ihn 1934 in die Nationalelf bringen.

Hamburger Flügel: Politz und Noack

Reichstrainer Otto Nerz baut im Januar 1934 seinen Angriff um. Auf der linken Seite stehen zwei Hamburger vom HSV, Rudolf Noack als Halblinker und Politz als Linksaußen, in der Mitte debütiert Edmund Conen aus Saarbrücken. Politz spielt dabei anstelle des Düsseldorfers Stanislaus Kobierski auf Linksaußen.

Das Tagblatt druckt am 11. Januar Fotos der neuen Spieler, Politz ist als »linker Außenstürmer« beschriftet. Am 13. Januar schreibt es, die norddeutschen Kritiken meldeten, das Paar sei »toppfit«. Man sei im Süden noch zu sehr an die alten Namen gewöhnt, an Harder, Jäger, Pöttinger, Kuzorra, Kobierski und andere, um den neuen »Sternen« nicht gleich einen Schweif anzudichten. Aber was man über Politz und Noack höre, sei »unbedingt erwärmend«. Über Politz selbst steht dort nur: das »alte Semester«, trotzdem »wieselflink«.

Der große Tag: Frankfurt, 14. Januar 1934

Das Wetter ist nach dem Tagblatt »alles andere als begeisternd«, auf dem Rasen des Waldstadions gibt es Rutschpartien. Zuschauer kommen 38.000 nach dem DFB-Datencenter, 40.000 nach der Überschrift des Tagblatts. Deutschland spielt mit: Willibald Kreß im Tor, davor Sigmund Haringer und Hans Stubb, als Läufer Rudolf Gramlich, Ludwig Goldbrunner und Richard Oehm, im Sturm Ernst Lehner, Ludwig Lachner, Conen, Noack und Politz.

Es dauert nur wenige Minuten, bis der Hamburger Flügel auffällt. Noack und Politz kommen nach dem Tagblatt »gleich groß in Fahrt« und schaffen »brenzliche Momente« vor dem ungarischen Tor. In der 17. Minute spielt Conen zu dem »überaus schnellen Politz«, der flankt zur Mitte. Lachner köpft an den Pfosten, der Ball springt ihm vor die Füße, er schiebt ihn ein. Haringer lenkt eine Flanke mit der Hand weg, Gyula Polgár gleicht in der 30. Minute per Elfmeter aus. Haringer muss danach verletzt raus, für ihn kommt Max Schäfer von 1860 München. Nach der Pause trifft Stubb mit einem Freistoß aus der eigenen Hälfte zum 2:1, nach der Wikipedia aus rund 60 Metern.

Die Entscheidung bringt wieder Politz. Lachner schiebt ihm den Ball hin, der »kleine« Linksaußen flankt, und Conen köpft in der 80. Minute zum 3:1 ein. Er sei der »Glückliche« gewesen, wie er nach dem Spiel selbst bestätigte, schreibt das Tagblatt.

Deutschland – Ungarn 3:1 · Die Aufstellung von Frankfurt, Politz bereitet zwei Tore vor
Deutschland – Ungarn 3:1 · Die Aufstellung von Frankfurt, Politz bereitet zwei Tore vor

Die Zeitung urteilt gut über ihn. Gleich nach Wiederbeginn spielten »die beiden Kleinen im Sturm, Lachner und Politz, wie die ›Herrgötter‹«. Der beste deutsche Spieler sei Lachner gewesen, heißt es im Schlussurteil, und weiter: »Nach ihm ist der kleine Politz zu nennen, der großartig einschlug, wie auch sein Landsmann Noack sehr tüchtig war.« Und: »Es ist anzunehmen, dass sich dieser norddeutsche Flügel mit dem Spiel seinen Platz in der Nationalmannschaft erspielt hat.« Das ist das Urteil eines einzelnen Blattes, abgegeben am Tag danach. Mehr als ein Spiel hatte es nicht zu beurteilen.

Ein Lehrgang, eine Probe, dann nichts mehr

Politz nimmt laut Wikipedia vom 7. bis 19. Mai 1934 am WM-Lehrgang teil. In einem Testspiel gegen die englische Profimannschaft von Derby County, das 5:2 endet, stürmt er in Frankfurt auf dem linken Flügel. Zum Turnier nach Italien fährt er nicht mit. Schon im März, beim 9:1 in Luxemburg, stand wieder Kobierski in der Aufstellung, die beiden Hamburger fehlten.

Im Bundespokal 1934/35 spielt Politz noch für die Auswahl der Nordmark, gegen den Mittelrhein (3:2 nach Verlängerung), gegen Sachsen (4:2) und am 3. März 1935 im Halbfinale in Hamburg gegen Mitteldeutschland (2:4, nach 2:0-Halbzeitführung). Der Angriff lautet jedes Mal Wilhelm Ahlers, Otto Rohwedder, Herbert Panse, Noack und Politz.

Nach dem Fußball

Er wohnt in der Eimsbüttler Osterstraße. Beruflich ist er Abteilungsleiter, so das Lexikon von 1939, nach der Wikipedia (Skrentny und Prüß) in einer chemischen Fabrik in Uetersen. Als Älterer spielt er beim HT 16 Faustball und hält sich nach der Wikipedia mit Radfahren und Gymnastik fit.

Nach Angaben des Bundesarchivs, die die Wikipedia zusammen mit einem Zeit-Artikel von Armin Jäger vom 24. Juli 2024 wiedergibt, wurde Politz zum 1. Mai 1937 in die NSDAP aufgenommen. Er stirbt am 5. September 1987 in Hamburg.

Karl Politz auf einen Blick

Geboren: 14.8.1903 in Hamburg
Gestorben: 5.9.1987 in Hamburg
Vereine: St. Pauli Sport (bis 1931, 1920/21 kurz Union 03 Altona), Hamburger SV (1931–1935)
Position: Linksaußen
Beruf: Abteilungsleiter (Lexikon 1939), in einer chemischen Fabrik in Uetersen (Wikipedia)
Erfolge: Meister im Elbekreis 1928, norddeutscher Meister 1932 und 1933 (mit dem HSV), Vizemeister der Gauliga Nordmark 1934 und 1935
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), kein Tor, zwei Torvorlagen (1934)

Länderspiele

Quellen