Hans Stubb – der Freistoß aus der eigenen Hälfte

Der Ungar Polgár hatte einen deutschen Läufer unfair gefoult, das Publikum pfiff, und Hans Stubb legte sich den Ball zurecht. Nicht vor dem gegnerischen Strafraum, sondern in der eigenen Hälfte, nach dem Darmstädter Tagblatt rund 60 Meter vom ungarischen Tor entfernt. Dann trat der Verteidiger der Eintracht zu. »Wie der Blitz sauste der Ball dieses wundervoll getretenen Strafstoßes davon und landete im Ungarntor«, schrieb die Zeitung am nächsten Tag. »Im Moment war alles platt, aber dann brach ein nicht endenwollender Jubel los.« Es stand 2:1 für Deutschland, am 14. Januar 1934 in Frankfurt, und es war das einzige Länderspieltor eines Mannes, dessen Aufgabe es in neun anderen Länderspielen gewesen war, Tore zu verhindern.

Hans Stubbs Laufbahn · von Germania 94 zur Eintracht und in die Nationalelf, 1920–1944
Hans Stubbs Laufbahn · von Germania 94 zur Eintracht und in die Nationalelf, 1920–1944

»Zwei, die sich großartig ergänzten: der ungestüme, lebhafte Stubb und der ruhige, besonnene Franz Schütz. Der eine ein Draufgänger, der andere ein überlegter Spieler.«

— Die Deutschen Nationalspieler (1939), Textspalte bei den Einträgen Schütz und Stubb

Der lange Hennes

Hans Stubb wird am 8. Oktober 1906 geboren, so die Wikipedia, die Rüdesheim als Geburtsort nennt. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt ihn dagegen mit dem Heimatort Frankfurt am Main, als Beruf Kaufmann, als Stammposten linker Verteidiger. In Frankfurt spielt er sein ganzes Fußballleben. 1920 beginnt er in der Jugend von Germania 94 und bleibt bis 1925. Von 1925 bis 1928 spielt er bei der SpVgg Ostend 07, dann holt ihn die Eintracht. Dort bleibt er bis 1944. Den Spitznamen »Hennes« trägt er schon als Spieler, und er passt zu dem Bild, das das Tagblatt 1934 zeichnet: ein langer Kerl, dem die Gegner mit »seinen bekannten Riesenschritten« nicht davonlaufen.

Die Eintracht, in die er 1928 kommt, ist ein Spitzenverein im Süden. Schon 1928/29 spielt sie in der Endrunde um die süddeutsche Meisterschaft und wird Vierte von acht Mannschaften. Ein Jahr später gewinnt sie die Süddeutsche Meisterschaft, nach der Wikipedia zum ersten Mal, mit Stubb in der Abwehr. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft schlägt sie am 18. Mai 1930 im Riederwald-Stadion den VfL Benrath 1:0, scheidet aber am 1. Juni in Berlin im Viertelfinale mit 2:4 gegen Holstein Kiel aus. Nach dem Archiv der Eintracht kommt Stubb in dieser Endrunde einmal zum Einsatz. 1931 gewinnt die Eintracht am 14. Mai in Düsseldorf 3:2 nach Verlängerung gegen Fortuna, verliert dann aber am 17. Mai im Altonaer Stadion 0:2 gegen den Hamburger SV.

Seinen größten Erfolg erlebt er 1932. Das Endspiel um die süddeutsche Meisterschaft findet am 1. Mai 1932 in Stuttgart auf dem VfB-Platz am Cannstatter Wasen statt, vor 20.000 Zuschauern. Die Eintracht, trainiert von Paul Oßwald, führt durch zwei Tore von Walter Dietrich in der 5. und 35. Minute 2:0 gegen den FC Bayern München, die Wikipedia spricht von taktisch klugem Spiel und zwei schweren Deckungsfehlern der Bayern. Gegen Schluss, so die Wikipedia, übersieht Schiedsrichter Glöckner aus Pirmasens zwei Handspiele der Frankfurter im eigenen Strafraum, das zweite von Stubb. Es sei so krass gewesen, dass Zuschauer von allen Seiten auf das Feld drangen und auch den Schiedsrichter angingen. Sieben Minuten vor Schluss wird das Spiel abgebrochen, und der Süddeutsche Verband erklärt die Eintracht zum Meister. Das Darmstädter Tagblatt schreibt am 2. Mai 1932 über die Frankfurter Verteidigung: »Bei der Eintracht lieferten die beiden Verteidiger Schütz und Stubb ein überragendes Spiel. An ihnen lief sich der Bayern-Sturm mürbe.«

In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft gewinnt die Eintracht am 8. Mai in Königsberg 6:0 gegen Hindenburg Allenstein, am 22. Mai im Riederwald 3:1 gegen Tennis Borussia Berlin, es ist Stubbs einziges Tor in einer Endrunde. Das Tagblatt schreibt am 23. Mai, die Frankfurter hätten durch Treffer von Ehmer und Stubb, einem Elfmeter, ihren Sieg gesichert, ohne ihre beste Leistung zu zeigen. Am 29. Mai folgt im Dresdner Ostragehege das Halbfinale gegen Schalke 04, 2:1 durch zwei Tore von Karl Ehmer; Schalkes Ausgleich fällt durch Rothardt in der ersten Halbzeit. Das Tagblatt lobt am 30. Mai die Taktik der Frankfurter: Sie hätten so lange offensiv gespielt, bis sie vorne lagen, dann die Halbstürmer zurückgezogen, damit Schütz und Stubb »klares Feld« vor sich hatten. Die besten Leute seien Schütz, Stubb und die Außenläufer Gramlich und Mantel gewesen, Schütz und Stubb seien »einfach nicht zu schlagen« gewesen. Beide Mannschaften werden am Ende gefeiert.

Das Finale am 12. Juni 1932 in Nürnberg verliert die Eintracht 0:2 gegen die Bayern, vor 55.000 Zuschauern, Schiedsrichter ist Alfred Birlem aus Berlin. Oskar Rohr trifft in der 36. Minute per Elfmeter, Franz Krumm in der 75. Minute. Die Eintracht spielt mit Ludwig Schmitt im Tor, Schütz und Stubb in der Abwehr, Rudolf Gramlich, Bernhard Leis und Hugo Mantel in der Läuferreihe, vorn mit Fritz Schaller, Theodor Trumpler, Karl Ehmer, Walter Dietrich und August Möbs. Nach der Wikipedia, die sich auf Ulrich Matheja stützt, verursachte Stubb dabei den Handelfmeter, den Rohr zur Führung der Bayern verwandelte.

1933 ist in der Endrunde nach drei Spielen Schluss, bei denen Stubb nach dem Archiv der Eintracht nur einmal mitwirkt: 4:1 am 7. Mai beim HSV, 12:2 am 21. Mai gegen Hindenburg Allenstein, 0:4 am 28. Mai in Berlin gegen Fortuna Düsseldorf. Weitere Endrunden-Auftritte folgen erst 1938.

Das Abwehrduo der Nationalelf

Am 4. Mai 1930 debütiert Stubb im Zürcher Hardturm beim 5:0 gegen die Schweiz, 25.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist der Engländer Stanley Rous. Das Tagblatt spricht von einem »unschlagbaren Abwehrbollwerk« aus Willibald Kreß, Franz Schütz und Stubb. Dann trifft ihn in der zweiten Halbzeit ein Ball am linken Auge, es schwillt sofort zu, und Hans Hagen übernimmt für ihn. Das Tagblatt findet, Hagen habe ihn nicht vollwertig ersetzen können. Sechs Tage später steht er in Berlin beim 3:3 gegen England wieder in der Elf, im ersten Spiel der Nationalelf gegen die englische A-Auswahl. Das Lexikon von 1939 hält fest, dass Stubb und Schütz mit ihrem tapferen Spiel gegen England »für immer« in den Annalen verzeichnet seien, und beschreibt das Paar als »der ungestüme, lebhafte Stubb und der ruhige, besonnene Franz Schütz«. Auf welcher Position er in Berlin genau stand, ist uneinheitlich: Die Spielliste dieser Seite führt ihn in der Aufstellung als Läufer, das Lexikon nennt ihn Verteidiger neben Schütz.

Im September folgt in Kopenhagen das 3:6 gegen Dänemark, ein Experiment von Reichstrainer Otto Nerz, bei dem nur vier Spieler der Startelf schon Länderspiele hatten. Am 2. November 1930 führt Stubb die Mannschaft in Breslau beim 1:1 gegen Norwegen als Kapitän aufs Feld, neben ihm steht nach der Aufstellung der Berichtsseite Reinhold Münzenberg in der Abwehr. Das Tagblatt lobt die beiden Verteidiger, »vor allem Stubb«, obwohl er sich schon in den ersten Minuten am Oberschenkel verletzt hat und trotzdem weiterspielt.

Dann ist fast ein Jahr Pause. Deutschland spielt sechs Länderspiele ohne ihn und gewinnt keines, darunter das 0:6 und das 0:5 gegen Österreich. Nach dem 0:5 in Wien, so Schulze-Marmeling, stellt Reichstrainer Nerz die Elf um, und im September 1931 steht in Hannover ein Frankfurter Abwehrblock aus Kreß, Schütz, Stubb, Georg Knöpfle und Rudolf Gramlich. Das 4:2 gegen Dänemark ist der erste deutsche Sieg seit dem 5:3 gegen Ungarn im September 1930. Stubb hat an dem Tag keinen glänzenden Beginn: Eine Flanke wehrt er unglücklich ab, Ernst Nilsson erwischt den abspringenden Ball und schießt ihn zum 0:1 ins Tor, nach dem DFB-Datencenter in der 3. Minute.

1932 steht er in vier der fünf Länderspiele des Jahres in der Elf. Am 6. März gewinnt Deutschland vor 50.000 Zuschauern in Leipzig 2:0 gegen die Schweiz, und das Tagblatt lobt neben den Außenstürmern und den Läufern auch die Verteidigung mit Schütz und Stubb. Am 1. Juli 1932 gewinnt die Elf in Helsinki 4:1 gegen Finnland, im Tor Hans Jakob. Der Sieg sei, so das Tagblatt, »in erster Linie dem Abwehr-Dreieck Jakob–Schütz–Stubb zuzuschreiben«. Im September folgt das 4:3 in Nürnberg gegen Schweden, mit Sigmund Haringer neben ihm, und am 4. Dezember in Düsseldorf das 0:2 gegen die Niederlande vor 49.000 Zuschauern. Beide Gegentore fallen vor der Pause, in der 32. und 38. Minute durch Law Adam. Das Tagblatt schreibt von einem schönen Herbsttag, an dem Zuschauer aus dem ganzen Industriegebiet kommen, und davon, dass das Publikum Richard Hofmann wiederholt auspfeift.

Der große Tag: Frankfurt, 14. Januar 1934

Dann kommt der Januar 1934. Im Frankfurter Waldstadion sind 38.000 Zuschauer, das Tagblatt spricht von 40.000. Das Wetter ist schlecht, der Boden nach dem Tagblatt eine Rutschbahn, das Lexikon erinnert sich an einen regnerischen Tag mit Wind. Reichssportführer von Tschammer und Osten und Gauleiter Sprenger sehen zu. Die größte Ovation gilt Torwart Kreß, dem gebürtigen Frankfurter, der erstmals wieder im Nationaltor steht; Spielführer ist Rudolf Gramlich. Edmund Conen und Rudolf Noack debütieren im Angriff.

In der 17. Minute köpft Ludwig Lachner nach einer Flanke von Karl Politz an den Pfosten und schiebt den Abpraller zum 1:0 ein. Haringer hat sich kurz zuvor am Schlüsselbein verletzt und lenkt eine Flanke mit der Hand weg. Den Elfmeter verwandelt Polgár in der 30. Minute (Tagblatt: 32.) zum 1:1. Bald darauf muss Haringer aufgeben, Max Schäfer kommt für ihn, und eine Weile spielt Deutschland in Unterzahl, Gramlich rückt in die Verteidigung. Stubb hat da schon gezeigt, was er kann: Gleich zu Beginn läuft ihm der kleine ungarische Rechtsaußen davon, und Stubb holt ihn nach dem Tagblatt »mit seinen bekannten Riesenschritten« am Strafraum wieder ein. Auch später lässt der Rechtsaußen sich von dem »langen ›Hennes‹ Stubb« kopfschüttelnd abstoppen.

Nach der Pause folgt die Szene, um die es hier geht. Das Tagblatt datiert sie auf die achte Minute nach dem Wiederanpfiff, der DFB auf die 55. Polgár, »der bekanntlich sehr hart ist«, hat dem deutschen linken Läufer »recht unfair den ›Ständer‹« reingehalten, und das Publikum veranstaltet ein Pfeifkonzert. Stubb legt sich den Ball in der eigenen Hälfte zurecht. Wo genau, steht in den Quellen verschieden: Das Tagblatt schreibt »fünf Meter auf der deutschen Spielfeldseite, also 60 Meter vom Ungarntor weg«, das Lexikon von 1939 schreibt »etwa zehn Meter hinter der Mittellinie in der deutschen Spielhälfte«. Gemeinsam ist beiden das Staunen: Das Lexikon nennt es »sicherlich das weiteste, das in der Geschichte der Länderspiele verzeichnet werden kann«. Die Wikipedia führt es, mit Verweis auf einen DFB-Rückblick, als das Tor aus der größten Distanz in der Geschichte der deutschen Mannschaft.

Deutschland – Ungarn 3:1 in Frankfurt · Stubbs Freistoß zum 2:1 in der 55. Minute
Deutschland – Ungarn 3:1 in Frankfurt · Stubbs Freistoß zum 2:1 in der 55. Minute

Danach ist Deutschland nicht mehr einzuholen. Noack trifft den Pfosten, und in der 80. Minute köpft Conen nach einer Flanke von Politz das 3:1, sein erstes Länderspieltor. Gegen Ende humpelt Stubb, verletzt, nach dem Tagblatt auf Linksaußen herum. Das Blatt schreibt im Urteil über die Elf: »Ueber das Schlußtrio ist kein böses Wort zu verlieren. Stubb war der Liebling der Masse. Das sagt genug.« Nach dem Spiel ehrt ihn Linnemann, damals an der Spitze des DFB, für sein zehntes Länderspiel.

Es bleibt sein letztes. Warum Stubb danach nicht mehr für Deutschland spielte, bleibt offen. Das Lexikon verlegt das Spiel übrigens ins Jahr 1933 (»Wir saßen 1933 im Frankfurter Stadion«), gespielt wurde am 14. Januar 1934.

Eintracht bis 1944

In Frankfurt bleibt Stubb auch ohne das Nationaltrikot gefragt. Von 1933 bis 1941 spielt er mit der Eintracht in der Gauliga Südwest, und 1938 wird sie Gaumeister. Danach folgt die Gauliga Hessen-Nassau, deren Saison 1944/45 nach fünf Spieltagen mit dem Kriegsende abgebrochen wird. Die Zahlen, die die Wikipedia und das Archiv der Eintracht nennen, sind beachtlich: 139 Ligaspiele mit neun Toren, dazu 42 Spiele in den süddeutschen Endrunden, zwölf (Wikipedia: 13) in den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft und 18 im Tschammer-Pokal mit einem Tor, insgesamt mehr als 500 Einsätze. Das Archiv führt die Ligaspiele Saison für Saison auf: 1929/30 sechs, 1930/31 neun (ein Tor), 1931/32 neun, 1932/33 dreizehn (drei Tore), 1933/34 fünfzehn, 1934/35 neunzehn (vier Tore), 1935/36 fünf, 1936/37 achtzehn, 1937/38 fünfzehn, 1938/39 drei, 1941/42 zwölf (ein Tor), 1942/43 zwölf und 1943/44 mindestens drei. Im Pokal spielt er 1936 und 1937 je dreimal, 1938 einmal, 1942 sechsmal (ein Tor), 1943 mindestens viermal und 1944 einmal. 1938 steht er in vier von sechs Gruppenspielen der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Die Eintracht wird Zweite der Gruppe A hinter dem Hamburger SV, mit 24:13 Toren und fünf Siegen bei einer Niederlage, darunter ein 6:5 in Stettin und ein 3:2 über den HSV am 22. Mai 1938. Das 500. Spiel für die Eintracht bestreitet er im Juli 1944. Er ist Ehrenspielführer des Vereins. Stubb stirbt am 19. März 1973 in Frankfurt am Main, so die Wikipedia. Über sein Leben nach dem Fußball ist wenig bekannt.

Hans Stubb auf einen Blick

Geboren: 8.10.1906 in Rüdesheim (Wikipedia; Lexikon 1939: Heimatort Frankfurt am Main)
Gestorben: 19.3.1973 in Frankfurt am Main
Vereine: Germania 94 Frankfurt (1920–1925), SpVgg Ostend 07 (1925–1928), Eintracht Frankfurt (1928–1944)
Position: linker Verteidiger
Beruf: Kaufmann (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 10 Länderspiele (6 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen, 29:19 Tore), 1 Tor (1930–1934)

Länderspiele

Quellen