Georg Knöpfle – der »Knopf« aus Schramberg

Sepp Herberger saß beim Essen, vor sich ein Stück Eisbein, als Georg Knöpfle hereinkam. Er brachte eine Nachricht aus dem Berliner Poststadion: Deutschland hatte beim Olympischen Fußballturnier 1936 gegen Norwegen verloren, Isaksen hatte sechs Minuten vor Schluss mit seinem zweiten Treffer alles entschieden. »Ich war gerade dabei, ein Stück Eisbein zu schlucken, als Georg Knöpfle aus dem Poststadion zurückkam und mir die Nachricht überbrachte«, erzählte Herberger später. »Seitdem kann ich kein Eisbein mehr essen.« Der Überbringer war kein Fremder im Nationalfußball. Knöpfle hatte zwischen 1928 und 1933 selbst 23 Länderspiele bestritten, als Läufer, ohne ein einziges Tor, aber mit dem Ruf, für zwei zu arbeiten. 1936 gehörte er zum Trainerstab. Später trainierte er den ersten Meister der Bundesliga.

Georg Knöpfles Laufbahn · vom Schwarzwald zu Fürth und Frankfurt, zur Nationalelf und auf die Trainerbänke, 1920–1972
Georg Knöpfles Laufbahn · vom Schwarzwald zu Fürth und Frankfurt, zur Nationalelf und auf die Trainerbänke, 1920–1972

»Georg Knöpfle war die verkörperte Energie, und später, als er den Sportlehrer ergriffen hatte, da verstand er es auch, diese Energie auf seine Schüler zu übertragen.«

— Die Deutschen Nationalspieler (1939)

Vom Schwarzwald nach Fürth

Georg Knöpfle kommt am 15. Mai 1904 in Schramberg zur Welt, einer Uhrenstadt im Schwarzwald. Er ist das vierte von sieben Kindern des Ehepaars Matthias und Christine Knöpfle, geht von 1910 bis 1918 in die Berneckschule und macht danach bis 1921 eine Mechanikerlehre bei Junghans, der großen Uhrenfabrik am Ort. So steht es in der Wikipedia. Olympedia dagegen schreibt, er sei Kaufmann gewesen und habe in dem Beruf nie gearbeitet, das Lexikon von 1939 führt ihn als staatlichen Turn- und Sportlehrer. Fußball spielt er seit dem neunten Lebensjahr in Schramberg. Die Kleeblatt-Chronik nennt für die Jahre bis 1926 nacheinander drei Schramberger Vereine: Viktoria Schramberg (1913 bis 1917), den FV Schramberg (1917 bis 1923) und die SpVgg 08 Schramberg (1923 bis April 1926). Die Wikipedia spricht durchgängig von der SpVgg 08. Einig sind sich beide darin, dass er schon 1921, mit 17, teilweise in der ersten Mannschaft steht.

Im April 1926 wechselt er zur SpVgg Fürth, laut Chronik. Im selben Jahr wird Fürth Deutscher Meister, der Trainer ist der Engländer William Townley. Knöpfle spielt zunächst weiter unten mit: In der Chronik stehen für 1926/27 elf Ligaspiele ohne Tor, für 1927/28 sind es 27 Spiele mit einem Treffer. Das Lexikon von 1939 erzählt es so: In Fürth sei man auf den Läufer der unteren Mannschaften aufmerksam geworden, und von da an habe sein Weg steil aufwärts geführt.

Er spielt wechselweise linker oder rechter Läufer, wie die Chronik schreibt, und er spielt mit Biss. Seine Körpergröße ist überschaubar. Wegen ihr und, wie Olympedia ergänzt, auch wegen seiner Spielweise nennen ihn alle »Knopf«. Das passt gut: Ein Knopf hält zusammen, was sonst auseinanderfällt, und das war seine Arbeit. Das Lexikon von 1939 sieht es nüchtern. Es habe in Deutschland Läufer von besserer technischer Fertigkeit und mehr Übersicht gegeben, aber »in der aufopfernden Spielweise ist ihm keiner nachgekommen«.

Nerz' unermüdlicher Läufer

Am 15. April 1928 steht Knöpfle erstmals im Nationaltrikot, in Bern, und die Deutschen gewinnen 3:2. Zwei Monate später fährt er mit zu den Olympischen Spielen nach Amsterdam. Er spielt beide Partien, das 4:0 gegen die Schweiz und das 1:4 gegen Uruguay. Gegen Uruguay muss er in der ersten Halbzeit verletzt vom Platz, nach der Maasbode kommt er später wieder. In einer hitzigen Partie, die mit drei Platzverweisen endet, ist das fast eine Randnotiz.

Kurz nach dem Turnier verlässt er Fürth und geht zum FSV Frankfurt. Die Chronik nennt als Ende in Fürth den Juni 1928. Für die Nationalelf bleibt er der Mann auf der Läuferbahn. Am 30. September 1928 führt er die Mannschaft in Stockholm aufs Feld. Das Darmstädter Tagblatt überschreibt seinen Bericht über das 0:2 mit »Eine vollkommen unverdiente Niederlage unserer Mannschaft« und lobt vom Läufertrio, dass sich die Außenläufer Knöpfle und Heidkamp »ganz ausgezeichnet« gehalten hätten (1. Oktober 1928).

Wie wichtig er ist, zeigt sich in den Jahren danach. Beim 2:1 in Turin am 28. April 1929 haben die Italiener nach dem Tagblatt die weitaus größere Zahl an Torchancen. Dass sie nicht gewinnen, sei »fast allein unserer glänzenden Läuferreihe und dem tapferen Torwart Stuhlfauth zu verdanken«. Im Spielbericht steht dazu: »Leinberger und Knöpfle wühlten unermüdlich, Geiger erreichte die beiden anderen erst in der zweiten Halbzeit.« Gemeint sind Ludwig Leinberger und Hans Geiger, im Tor steht Heiner Stuhlfauth. Zwei Monate später, beim 3:0 gegen Schweden in Köln am 23. Juni 1929, legt Knöpfle Richard Hofmann zweimal die Bälle vor, und Hofmann schießt alle drei Tore. »Knöpfle hat schön Hoffmann vorgelegt«, notiert das Tagblatt am 24. Juni. Am 15. März 1931 verliert Deutschland in Paris 0:1. Das Tagblatt schreibt am 16. März: »Der beste Mann war Knöpfle, in Deckung und Angriff gleich gut. Er schaffte zudem für zwei Mann.«

Es ist die Zeit, in der Reichstrainer Nerz nach einer Mannschaft sucht. Nach Schulze-Marmeling hat in diesen Tagen fast niemand eine Stammplatzgarantie, zum »erweiterten Kreis« zählt das Buch unter anderen »Regisseur ›Schorsch‹ Knöpfle vom FSV Frankfurt«. Dann kommen das 0:6 gegen Österreich in Berlin im Mai 1931 und das 0:5 in Wien im September. Zwei Wochen nach Wien stellt Nerz in Hannover gegen Dänemark eine neue Elf auf. Kreß, Schütz, Stubb, Knöpfle und Gramlich bilden, so Schulze-Marmeling, den Frankfurter Abwehrblock. Das Tagblatt findet für Knöpfle sein Wort: Er sei »wieder das bekannte Arbeitspferd« gewesen (28. September 1931). Dass es auch bei ihm hakt, vergisst die Zeitung nicht. Das zweite dänische Tor entsteht nach einem Missverständnis zwischen Knöpfle und Leinberger, und Dänemark führt 2:1, bis Deutschland das Spiel 4:2 gewinnt.

Sein vielleicht schönstes Zeugnis stammt aus einer Niederlage. Beim 0:2 gegen die Niederlande am 4. Dezember 1932 in Düsseldorf lieferte Knöpfle nach dem Tagblatt vom 5. Dezember »ein ganz großes Spiel« und war »unstreitig der Beste in der deutschen Elf«. Die Hauptschuld an der Niederlage trage der Sturm. Knapp einen Monat später, am Neujahrstag 1933, bestreitet er in Bologna gegen Italien sein 23. und letztes Länderspiel, das 1:3. Im Oktober 1933 stehen er, Leinberger, Schütz und andere nicht mehr im Aufgebot: Sie hätten, schreibt Schulze-Marmeling, »aus unterschiedlichen Gründen ihren Abschied von der Nationalmannschaft verkündet – bzw. verkündet bekommen«.

Der große Tag: Frankfurt, 30. April 1933

Der FSV Frankfurt ist 1928, als Knöpfle kommt, nicht mehr die Nummer eins am Main. Die Eintracht hat dem deutschen Vizemeister von 1925 den Rang abgelaufen. Fünf Jahre später steht der FSV im Endspiel um die Süddeutsche Meisterschaft, gegen den SV 1860 München, im Frankfurter Waldstadion. Das Wetter ist schlecht, nach dem Tagblatt kommen deshalb nur 15.000 Zuschauer. Sie sehen einen »in allen Spielphasen fesselnden Kampf«.

Die Münchner sind nach dem Blatt eine »an sich völlig gleichwertige, technisch sogar etwas überlegene Mannschaft«. Aber die Frankfurter, schreibt das Tagblatt am 1. Mai, beherrschten diesmal »die Münchener Schule«, das genaue Zuspiel und das Mitgehen jedes Einzelnen, genauso wie die Münchner selbst, und dazu komme die »so oft gerühmte Durchschlagskraft und Wucht«. Zur Pause steht es 0:0. Dann, sieben Minuten vor Schluss, legt 1860-Torwart Georg Ertl den Frankfurter Sadtler an der Strafraumgrenze. Den Freistoß, das Tagblatt nennt ihn »Strafstoß«, bringt der FSV vors Tor, und Knöpfle köpft ihn zum 1:0 ins Netz. Es bleibt das einzige Tor des Tages.

FSV Frankfurt – 1860 München 1:0 in Frankfurt · Knöpfles Kopfball sieben Minuten vor Schluss
FSV Frankfurt – 1860 München 1:0 in Frankfurt · Knöpfles Kopfball sieben Minuten vor Schluss

Der Läufer, der in der Nationalelf nie ein Tor geschossen hat, entscheidet das Endspiel um den ersten süddeutschen Titel der Vereinsgeschichte. Der FSV wird zum ersten Mal Süddeutscher Meister, nach der Wikipedia ist es bis heute der einzige Titel dieser Art. Beim Datum gibt die Wikipedia zwei Termine an, den 30. April und alternativ den 3. Mai 1933. Das Tagblatt berichtet das Spiel am Montag, den 1. Mai, als Ergebnis vom »Sonntag«, also vom 30. April. Bei den Münchnern stürmte Ludwig Lachner, der nach dem Lexikon von 1939 noch 1933 zu Eintracht Braunschweig übersiedelte und dort später mit Knöpfle zusammenarbeitete. In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ist für den FSV bereits im Viertelfinale Schluss.

Vom Spieler zum Lehrer

Während seiner Zeit in Frankfurt macht Knöpfle in Berlin an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen eine Ausbildung zum Sport- und Fußballlehrer. Im Sommer 1932 ist er drei Monate lang in dieser Rolle bei Victoria Hamburg. Im Mai 1933 verletzt er sich nach der Wikipedia bei einem Meisterschaftsspiel gegen Schalke 04 schwer, danach, heißt es dort, müsse er auf die Fortsetzung der Spielerlaufbahn verzichten. Wann er den FSV tatsächlich verlässt, ist nicht eindeutig: Die Chronik sagt 1933 mit dem Wechsel nach Braunschweig, die Wikipedia nennt 1934 als Ende, Olympedia 1936. Dieselbe Chronik führt für 1933 außerdem Trainerstationen beim FSV Heusenstamm und bei der SpVgg Arheilgen auf. In den Kriegsjahren steht er für Eintracht Braunschweig noch einmal auf dem Platz, die Chronik zählt für 1942/43 neun Gauliga-Spiele und nennt für 1944 noch ein Gastspiel bei seinem Heimatverein in Schramberg.

Nach der Wikipedia, die sich auf eine Karteikarte im Bundesarchiv und einen Artikel der Zeit vom 24. Juli 2024 beruft, trat Knöpfle zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Er war außerdem Mitglied im NSKK und dort nach der Wikipedia führend tätig.

1935 legt er beim DFB die Prüfung zum Bundessportlehrer ab und gehört im Sommer 1936 zum Trainerstab bei den Olympischen Spielen in Berlin, das Turnier mit dem Eisbein aus dem Anfang. Dann geht er nach Braunschweig. Nach der Wikipedia wird er 1937 an die Hochschule für Lehrerbildung berufen, später leitet er das Institut für Leibesübungen an der Technischen Hochschule. Die Chronik nennt für ihn zwischen 1933 und 1937 die Aufgabe eines Gausportlehrers der Gaue Nordmark und Niedersachsen. Von 1937 bis 1948 trainiert er die Braunschweiger Eintracht, elf Jahre lang.

Hamburg, München, Aachen

Nach dem Krieg macht Knöpfle als Trainer Karriere. Nach einem Jahr bei Arminia Hannover, die in der Oberliga Nord Zehnter von zwölf wird, übernimmt er 1949 den Hamburger SV, den Meister der Oberliga Nord. Als Antrittsgeschenk bringt er aus Hannover den Abwehrspieler Jupp Posipal mit. Der kommt 1951 in die Nationalelf und wird 1954 Weltmeister, nach der Wikipedia bis heute der einzige HSVer mit diesem Titel.

Mit dem HSV gewinnt Knöpfle von 1950 bis 1953 vier weitere Oberliga-Titel in Folge. Im April 1950 reist der Verein als erste deutsche Mannschaft nach dem Krieg nach England. Die Wikipedia sieht darin einen Beitrag zur Völkerverständigung, beim 3:1 in Burnley, damals Zehnter der First Division, schießt Herbert Wojtkowiak alle drei Tore. Im Mai folgt eine Reise in die USA. In den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft kommt der HSV dagegen nicht weit, auch ein 8:2 gegen Schalke 04 in der Gruppenphase 1952 ändert daran nichts. Als sich 1952/53 die Stammtorhüter verletzen, macht Knöpfle den 17-jährigen Horst Schnoor zum Stammtorwart, der den Platz danach lange behält. 1949 organisiert er ein Gastspiel des HSV in seiner Heimatstadt Schramberg, das die Gäste 5:0 gewinnen. Mit Schramberg und der dortigen Familie bleibt er sein Leben lang verbunden.

Dann der Rückschlag. 1953/54 wird der HSV nur Elfter, es ist die einzige Oberliga-Saison, in der er nicht Norddeutscher Meister wird. Die Wikipedia nennt außerdem einen Abzug von vier Punkten wegen einer Schwarzgeldaffäre. Im März 1954 unterschreibt Knöpfle für drei Jahre beim FC Bayern als Nachfolger von Georg Bayerer, der Verein war in der Vorsaison Neunter der Oberliga Süd. Nach dem 14. Spieltag, wenige Tage vor Weihnachten, wird er entlassen, die einzige vorzeitige Trennung seiner Trainerlaufbahn. Die Bayern liegen auf dem letzten Platz, vier Punkte hinter dem rettenden 14. Rang. Sein Nachfolger wird Bertl Moll, den Abstieg, den ersten der Vereinsgeschichte, verhindert auch der nicht.

Von 1955 bis 1958 betreut Knöpfle Alemannia Aachen, die in diesen Jahren die besten Platzierungen ihrer Oberliga-Zeit erreicht, zweimal Dritter und einmal Fünfter. Ansonsten war ein dritter Platz von 1952 das Beste, was der Verein bis dahin geschafft hatte.

Bremen: Der Pokal von 1961

1958 geht er zu Werder Bremen. Dass dort etwas wächst, zeigt der Weg im DFB-Pokal 1960/61. Werder schlägt im Achtelfinale den 1. FC Saarbrücken auswärts 1:0, im Viertelfinale den 1. FC Köln 3:2 und im Halbfinale den Karlsruher SC 3:2 nach Verlängerung. Das Endspiel steigt, ungewöhnlich spät, am Mittwoch, dem 13. September 1961, in der Glückauf-Kampfbahn in Gelsenkirchen, wo der 1. FC Kaiserslautern wartet. Nach dem DFB-Datencenter treffen Willi Schröder in der 10. und Helmut Jagielski in der 52. Minute, im Bremer Team steht unter anderen Sepp Piontek. Der 2:0-Sieg vor nur 18.000 Zuschauern ist der erste nationale Titel der Bremer und die geringste Zuschauerzahl, die je ein deutsches Pokalendspiel gesehen hat.

Im Jahr darauf spielt Werder im Europapokal der Pokalsieger. Die Mannschaft setzt sich gegen den dänischen Vertreter Aarhus GF durch und scheidet im Viertelfinale gegen Atlético Madrid aus, 1:1 zu Hause, 1:3 auswärts. In der Oberliga Nord führt er sie zu den größten Erfolgen der Vereinsgeschichte bis dahin, den Vizemeisterschaften 1962 und 1963. 1962/63 schießt Werder 102 Tore, nach der Wikipedia bis heute Vereinsrekord in einer Saison. Die gute Platzierung sichert den Platz in der neuen Bundesliga. Dort soll Willi Multhaup 1965 Werder zur ersten Meisterschaft führen. Auch an ihn wird noch zu denken sein.

Köln: Der erste Meister der Bundesliga

1963 wird er Trainer des 1. FC Köln, als Nachfolger von Zlatko Čajkovski, der den Verein 1962 zur Deutschen Meisterschaft geführt hatte und danach zum FC Bayern gewechselt war. Knöpfle findet eine Mischung aus Routiniers wie dem 36-jährigen Weltmeister von 1954 Hans Schäfer und jungen Spielern wie dem 23-jährigen Karl-Heinz Thielen, dem 20-jährigen Wolfgang Overath und dem 19-jährigen Wolfgang Weber vor.

Die Bundesliga beginnt am 24. August 1963, und Köln lässt sich nicht lange bitten. Seit dem fünften Spieltag steht der FC nach der Wikipedia ununterbrochen an der Tabellenspitze. Am Ende hat er 45:15 Punkte und 78:40 Tore, bei 17 Siegen, 11 Unentschieden und nur 2 Niederlagen, und sechs Punkte Vorsprung auf den Meidericher SV. Die Meistermannschaft: im Tor Fritz Ewert (26 Spiele) und Toni Schumacher (4), dahinter Matthias Hemmersbach, Fritz Pott, Anton Regh, Wolfgang Weber und Leo Wilden, im Mittelfeld Helmut Benthaus, Overath und Hans Sturm, im Angriff Heinz Hornig, Christian Müller, Kapitän Schäfer und Thielen. Thielen wird mit 16 Treffern bester Kölner Torschütze, Müller trifft 15-mal, Sturm 13-mal, Schäfer 12-mal. Bundesliga-Torschützenkönig ist mit 30 Toren Uwe Seeler vom HSV, Knöpfles früherem Verein. In Köln heißt Knöpfle seitdem der »Meisterschmied« und der »Trainer mit der hohen Stirn«. Wer die Bücher des DFB aufschlägt, sieht nüchtern, was dahintersteckt: In 122 Pflichtspielen unter ihm gewinnt der FC 64, spielt 34-mal unentschieden und verliert 24, davon in der Bundesliga 50 Siege, 27 Remis und 17 Niederlagen bei 94 Spielen.

Rotterdam, 24. März 1965

Als Meister spielt Köln im Europapokal der Landesmeister. Gegen Partizani Tirana reicht es zu einem 0:0 und 2:0, gegen Panathinaikos Athen zu einem 1:1 und 2:1. Im Viertelfinale wartet der FC Liverpool unter Bill Shankly. Das Hinspiel am 10. Februar 1965 in Köln endet vor 39.139 Zuschauern 0:0. Das Rückspiel in Anfield, ursprünglich für den 3. März angesetzt, wird wegen Schnees kurz vor dem Anpfiff abgesagt und am 17. März nachgeholt, wieder 0:0. Nach dem damaligen Reglement folgt ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz, ein Elfmeterschießen kennt der Europapokal noch nicht. Die UEFA folgt dem Kölner Wunsch und setzt es für den 24. März in den ausverkauften Rotterdamer De Kuip an, rund 20.000 Kölner reisen mit. Liverpool führt durch Ian St. John 1:0 und durch Roger Hunt 2:0, kurz vor der Pause verkürzt Thielen. In der ersten Halbzeit hatte sich Wolfgang Weber das Wadenbein gebrochen. Weil noch niemand wechseln darf, spielt er in der zweiten Hälfte vorn weiter, Knöpfle stellt ihn nach der Wikipedia in die Spitze. Hannes Löhr schießt in der 48. Minute das 2:2, und dabei bleibt es auch nach der Verlängerung.

Dann entscheidet das Los. Der belgische Schiedsrichter Robert Schaut wirft anstelle einer Münze eine rot-weiße Holzscheibe, die im Morast zunächst stehen bleibt. Beim zweiten Wurf zeigt sie Rot, Liverpool ist weiter. Das Hamburger Abendblatt berichtet am 25. März 1965, es sei Knöpfle vor dem Spiel im Kabinengang bleich aufgefallen. Ein Kölner Begleiter habe ausgerechnet, ein Weiterkommen Liverpools koste den Verein 600.000 DM, die Einnahmen eines Heimspiels gegen Inter Mailand im Halbfinale. Nach dem Spiel ist Knöpfle »sehr gefasst«:

»Das Ganze hat doch nichts mit Sport zu tun, es darf doch nicht wahr sein, daß nach drei unentschiedenen Spielen in genau fünf Stunden ein Los entscheidet, eine Münze, wie sie Kinder zum Spielen nehmen. Wenn man ein Elfmeterschießen als Entscheidung herangezogen hätte, so würde ich darin noch einen Sinn sehen, weil das mit Fußball ein wenig zu tun hat. Doch das Los mit einer Münze? Es ist einfach unfaßbar.«

— Georg Knöpfle, zitiert im Hamburger Abendblatt, 25. März 1965

Und weiter laut Abendblatt: Er könne der Mannschaft keinen Vorwurf machen, auch Torwart Schumacher nicht wegen des Fehlers beim zweiten Tor. »Meine Männer tun mir leid. Doch wir sind nicht gebrochen!« Das Blatt selbst findet, Köln habe den deutschen Fußball in Rotterdam würdig vertreten. In der Bundesliga reicht es nach dem Spiel nach der Wikipedia nur noch zur Vizemeisterschaft hinter Werder Bremen. Dort sitzt Willi Multhaup auf der Bank, Knöpfles Nachfolger.

Manager, Hamburg und Ruhestand

1965/66 wird der FC Fünfter, im Messestädte-Pokal schießt er Union Luxemburg mit 13:0 aus dem Stadion, nach der Wikipedia der höchste Pflichtspielsieg der Vereinsgeschichte, und scheidet in der dritten Runde gegen Újpest Budapest aus. Danach wird Multhaup, der Bremer Meistertrainer, in Köln der Nachfolger des Meistertrainers. Knöpfle wird 1966 technischer Direktor, nach der Wikipedia der erste in der Bundesliga, ein bezahlter Manager als verlängerter Arm des ehrenamtlichen Präsidenten Franz Kremer. Die Wikipedia erzählt, auch Münchner Bayern-Funktionäre hätten damals in Köln »hospitiert«, um vom damals erfolgreichsten deutschen Verein zu lernen.

Wo Knöpfle danach genau arbeitet, ist umstritten: Nach der Chronik bleibt er bis Mai 1969 in Köln, nach der Wikipedia wechselt er nach einer Saison zum Hamburger SV, um dort dieselbe Funktion einzuführen, und Olympedia sieht ihn von Anfang an in Hamburg. Sicher ist: 1967/68 springt er am letzten Spieltag noch einmal für den HSV-Trainer Kurt Koch ein, und 1969/70 sitzt er wieder als Cheftrainer auf der Bank des HSV. Mit dem damals schon 33-jährigen Uwe Seeler wird er Sechster. Mit 65 geht er in den Ruhestand. Zwei Jahre lang betreut er noch den Meiendorfer SV, einen Hamburger Amateurverein.

Georg Knöpfle stirbt am 14. Dezember 1987 mit 83 Jahren in Hamburg, nach den Angaben der Wikipedia und der Niedersächsischen Personen-Datenbank im Stadtteil Farmsen-Berne. Beigesetzt wird er auf dem Friedhof Öjendorf. Er war seit 1935 mit der Schrambergerin Laura Alber verheiratet, das Paar hatte drei Kinder. 2004, zu seinem 100. Geburtstag, benennt die SpVgg 08 Schramberg ihr Vereinsheim nach ihm: Georg-Knöpfle-Sportheim. Seinen Weg haben der Heimatforscher Hanspeter Kunz in der Zeitschrift D'Kräz und, für die Braunschweiger Jahre, Martin Fimpel im Braunschweigischen Jahrbuch für Landesgeschichte nachgezeichnet.

Georg Knöpfle auf einen Blick

Geboren: 15.5.1904 in Schramberg
Gestorben: 14.12.1987 in Hamburg (Farmsen-Berne), beigesetzt auf dem Friedhof Öjendorf
Spitzname: »Knopf«, »Schorsch«
Vereine (Spieler): SpVgg 08 Schramberg, SpVgg Fürth (1926–1928), FSV Frankfurt (1928–1933/34, Angaben schwanken), Eintracht Braunschweig (Kriegsjahre)
Trainer: Eintracht Braunschweig (1937–1948), Arminia Hannover (1948/49), Hamburger SV (1949–1954 und 1969/70), Bayern München (1954), Alemannia Aachen (1955–1958), Werder Bremen (1958–1963), 1. FC Köln (1963–1966, danach technischer Direktor), Meiendorfer SV (1970–1972)
Position: Läufer, links wie rechts
Beruf: Mechanikerlehre, später Turn- und Sportlehrer
Erfolge: Süddeutscher Meister 1933 (FSV Frankfurt), Olympia 1928; als Trainer DFB-Pokalsieger 1961 (Werder Bremen), Deutscher Meister 1964 (1. FC Köln), vier Oberliga-Nord-Titel in Folge mit dem HSV (1950–1953), Vizemeister der Oberliga Nord mit Werder 1962 und 1963
Bilanz: 23 Länderspiele (11 Siege, 3 Unentschieden, 9 Niederlagen, Torverhältnis 43:41), kein Tor, 1928–1933; drei als Fürther, 20 als Spieler des FSV Frankfurt

Länderspiele

Quellen