Ernst Kuzorra – Schalkes Kreisel-Stürmer und seine zwölf Länderspiele
»Da wird einer als der wohl beste Spieler seiner Epoche bezeichnet – und bringt es dennoch nur auf zwölf Länderspiele.« So beginnt Schulze-Marmeling in der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« das Porträt von Ernst Kuzorra. Es klingt wie ein Rätsel. Die Lösung, die das Buch anbietet, heißt Otto Nerz: Der Reichstrainer und der Schalker mochten sich nicht. Ganz so einfach ist es nicht, und über Kuzorra wird ohnehin mehr erzählt, als sich belegen lässt. Hier steht, was in den Quellen steht, und dort, wo es sich widerspricht, steht beides.
»Der Westdeutsche war nicht nur technisch ausgezeichnet, er war auch wieselflink und sehr schußfreudig.«
Ein Junge aus Schalke
Ernst Kuzorra kommt am 16. Oktober 1905 in Gelsenkirchen zur Welt, im Stadtteil Schalke. Seine Eltern stammen aus Osterode in Masuren, der Vater Karl ist Bergmann, und das Kind wächst im masurischen Arbeitermilieu auf, so die Neue Deutsche Biographie. Die Volksschule verlässt er 1919 ohne Abschluss, von 1920 bis 1927 arbeitet er auf der Zeche Consolidation. Die Zeche unterstützt den FC Gelsenkirchen-Schalke 04 und ermöglicht seinen Fußballern, wie die NDB schreibt, eine Existenz als »Amateur«. Kuzorra selbst nennen seine Kameraden »Clemens«, so die Wikipedia.
Die Eltern, so die NDB weiter, stammen beide aus Osterode: Karl, geboren am 25. September 1877, und Bertha, geborene Striewski, geboren am 31. Juli 1880. Ernst hat sechs Geschwister, eines davon ist Elise, die spätere Frau von Fritz Szepan. Wie sehr die Herkunft auch ein öffentliches Thema war, zeigt ein Vorgang von 1934. Nach dem ersten Meistertitel schrieb die polnische Presse, fast alle Schalker seien Polen, »Söhne eingewanderter Bergleute«. Der Verein antwortete laut Wikipedia mit einem offenen Brief: Alle elf Spieler der Meisterelf und zwei Reservisten seien im Ruhrgebiet geboren, die Eltern von acht der Spieler stammten aus Masuren.
Die Technik, aus der später der Kreisel wird, kommt nach der Wikipedia aus England. Die in Dortmund geborenen Brüder Hans und Fred Ballmann waren als Kinder mit ihrer Familie nach England gezogen, kehrten 1919 zurück und brachten das flache schottische Kurzpassspiel mit. Fred Ballmann kümmerte sich bis 1926 um die »Kreiseltechnik«, seine erfolgreichsten Schüler waren Kuzorra und Szepan. Wer Kuzorra als Erfinder des Kreisels feiert, sollte das im Hinterkopf haben.
Als Spieler des FC Schalke 04 führt ihn die NDB ab 1923, die Wikipedia nennt schon 1920 die Jugend, Olympedia 1915. 1926 steigt der Verein mit ihm als Kapitän in die höchste westdeutsche Spielklasse auf. (Die Wikipedia führt ihn als Mannschaftskapitän von 1928 bis 1948, die NDB nennt ihn schon beim Aufstieg 1926 so.) Als er 1927 die Zeche verlässt, hilft ihm der Verein beim Aufbau eines Tabakladens, den er bis 1975 betreibt, in den ersten Jahren zusammen mit seinem Schwager Fritz Szepan. Der ist mit Kuzorras Schwester Elise verheiratet. Szepan kam, so steht es in seiner Biografie, auf Kuzorras Empfehlung zu Schalke. Kuzorra selbst heiratet am 14. Mai 1930 Elli Gehring, das Paar hat zwei Töchter.
Der Kreisel und sein Mittelpunkt
Was die Schalker in den Dreißigern auszeichnet, nennt man den Kreisel: kurze, flache Pässe, der Ball kreiselt zwischen den Spielern, statt über die Flügel zu laufen. Kuzorra gilt nach der NDB als »Regisseur der Erfolge« seines Vereins, das Lexikon von 1939 führt ihn als »Halblinks«. Die Wikipedia schreibt, er habe den Kreisel zusammen mit Szepan »eingeführt«, Olympedia, er habe ihn mit Szepan »geschaffen«. Die NDB ist vorsichtiger: Kuzorra bildete auf der Stürmerposition den Mittelpunkt des Kreisels, gemeinsam mit seinem Schwager und den anderen Beteiligten. Das klingt plausibler. Eine Spielweise entsteht in einer Mannschaft, nicht bei zwei Schwägern.
Die Spielweise gefiel nicht jedem. Nerz, schreibt Schulze-Marmeling, habe dem Schalker Kreiselspiel nicht viel abgewinnen können, es war ihm zu wenig englisch und brauchte zu viel »Fummelei«. Auch das eigene Publikum pfiff die Schalker bei Misserfolg gelegentlich aus. In der zeitgenössischen Berichterstattung stehen laut Wikipedia, die sich auf ein Buch von 1948 beruft, Vorwürfe wie »in Schönheit sterben« und die Forderung nach mehr Zielstrebigkeit. Schönspielerei war das Kreiseln eben nur dann, wenn es nicht klappte.
Szepan und Kuzorra waren Anfang der Dreißiger, so die Wikipedia, die treibenden Kräfte der Mannschaft, verantwortlich für Taktik und Aufstellung, auch wenn offiziell Hans Sauerwein als Trainer geführt wurde. Das Lexikon von 1939 erzählt in einem Kasten über den guten Spielführer eine Szene, die zu dem Bild passt. Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt, das die Schalker beherrschten und doch zu verlieren drohten, vergab Mittelstürmer Nattkämper freistehend aus wenigen Metern, er schoss »hoch ... drüber«. Kuzorra, schreibt das Lexikon, sei nicht auf ihn losgegangen, sondern zu ihm gelaufen, habe ihm den Arm um die Schulter gelegt und ihm gut zugeredet. Ein Datum nennt das Lexikon nicht. Es kann das verlorene Halbfinale vom 29. Mai 1932 gewesen sein (Eintracht Frankfurt gewann in Dresden 2:1), das ist aber nur eine Vermutung.
Zwölf Länderspiele in elf Jahren
Am 20. November 1927 in Köln ist er der erste Schalker in der Nationalmannschaft, nach Olympedia. Deutschland spielt 2:2 gegen die Niederlande, Nerz hat vier Neulinge aufgeboten, darunter Conny Heidkamp, der am selben Tag debütiert. Kuzorra spielt auf der linken Seite und legt Josef Pöttinger beide Tore auf. Das Darmstädter Tagblatt meint, er habe sich wohl »einen bleibenden Platz in der Nationalelf gesichert«. Im Sommer 1928 gehört er zum Olympiakader in Amsterdam, kommt aber in keinem der beiden Spiele zum Einsatz. Im September trifft er in Oslo zum 2:0, in der 62. Minute, doch das Tagblatt sagt, er und sein Sturmpartner Willi Winkler hätten nicht imponiert. In Stockholm, beim 0:2 eine Woche darauf, verfehlt er allein vor dem Tor, das Blatt lobt dennoch die linke Seite mit ihm und Ludwig Hofmann. Dann ist erst einmal Schluss.
Zwischen Stockholm im September 1928 und Zürich im Mai 1930 liegen 19 Monate ohne Länderspiel. Einen Grund nennen die Quellen nicht. Für die nächste Pause, 16 Monate nach Zürich, gibt es einen. Am 25. August 1930 schließt der Westdeutsche Spielverband Schalke vorübergehend aus und erklärt 14 Spieler zu Profis, wegen »überhöhter Spesenzahlungen« und eines »Verstoßes gegen das Amateurwesen«. Bis zu zwanzig statt der erlaubten fünf Mark Handgeld sollen unter anderem Hans Tibulski, Szepan und Kuzorra kassiert haben (Wikipedia, Geschichte des FC Schalke 04, nach einem Beitrag von Roman Kolbe in »Schalke Unser« 1998). Die englische Wikipedia spricht von zehn statt fünf Reichsmark für ein Auswärtsspiel. Schon im Januar 1931 wird der Verein wieder in den Verband aufgenommen, die gesperrten Spieler werden zum 1. Juni 1931 begnadigt. An diesem Tag sehen 70.000 Zuschauer in der Glückauf-Kampfbahn das Comeback gegen Fortuna Düsseldorf, obwohl der Platz nur für 34.000 gebaut war. Stefan Goch und Norbert Silberbach, zitiert nach der Wikipedia, lesen darin, dass viele Menschen die Schalker eher als Opfer bürgerlicher Sportfunktionäre sahen denn als Sünder. Bei Schulze-Marmeling war der Aufschrei im Land so laut, dass die Sperre wieder aufgehoben werden musste. Die Quellen datieren die Sperre unterschiedlich, die Wikipedia zu Kuzorra auf 1930 und 1931, die NDB auf 1931. Die Saisonstatistik der englischen Wikipedia (nach dem Buch »Königsblau«, 2015) führt für 1930/31 keinen einzigen Pflichtspiel-Einsatz Kuzorras.
Im September 1931 steht Kuzorra wieder in der Nationalelf, in Wien und Hannover. Das Hannover-Spiel am 27. September ist nach Szepans Länderspielliste das einzige, in dem beide Schwäger gemeinsam für Deutschland auflaufen. Auch Tibulski, der Dritte im Bunde, ist dabei.
Das Wien-Spiel am 13. September 1931 endet 0:5. Kuzorra trifft nur die Latte, und das Tagblatt ist streng: Er und Richard Hofmann enttäuschten mit ihrer Eigenbrötelei. Zwei Wochen später, in Hannover, schlägt Deutschland Dänemark 4:2. Kuzorra gleicht in der 19. Minute aus, nach einem Sologang, bei dem er drei Gegner umspielt. Das Tagblatt nennt ihn »der gegebene Dirigent des Angriffs«, wenn auch sein Vereinskamerad Szepan seine Absichten oft durchkreuze. In Leipzig, im März 1932, spielt er gegen die Schweiz Mittelstürmer, ein ungewohnter Posten, und das Blatt tadelt, er sei vor dem Tor »viel zu unentschlossen«. Ein Schweizer Verteidiger geht ihn unfair an, Kuzorra verlässt kurz den Platz. Nach der Umstellung auf seine gewohnte halblinke Position wird das Spiel besser, am Ende steht es 2:0. Gegen Finnland im Juli 1932 und gegen die Niederlande im Dezember 1932 spielt er wieder mit. Das 0:2 in Düsseldorf ist sein zehntes Länderspiel.
Dann fehlt er fast vier Jahre. Für die Weltmeisterschaft 1934 galt er, so Schulze-Marmeling, als Ersatzmann für den verletzten Josef Rasselnberg, fiel aber selbst aus, und Edmund Conen rückte in den Kader. Für das olympische Turnier 1936 in Berlin durften er und Szepan nach Schulze-Marmeling nicht mitspielen, sie galten als verurteilte Berufsspieler und waren nicht spielberechtigt. Im September 1936, mit 30 Jahren, ist er wieder dabei. Am 27. September gewinnt Deutschland in Krefeld 7:2 gegen Luxemburg, Kuzorra schießt nach RSSSF und dem Lexikon von 1939 zwei Tore. An diesem Tag tritt eine zweite deutsche Elf in Prag an und gewinnt 2:1, beide Spiele zählen als A-Länderspiele. Nach Otto Nerz' Biografie auf dieser Seite betreuen er und Sepp Herberger an diesem Tag gleichzeitig zwei A-Auswahlen. Das letzte Mal im Nationaltrikot steht er am 20. März 1938 in Nürnberg, beim 1:1 gegen Ungarn.
Der große Tag: Zürich, 4. Mai 1930
Nach anderthalb Jahren Pause steht Kuzorra am 4. Mai 1930 im Zürcher Hardturm, vor 25.000 Zuschauern. Deutschland hatte, so das Darmstädter Tagblatt, in seinen letzten großen Spielen nur Misserfolge erlitten, und einzelne Stimmen in der Schweiz sprachen vor dem Spiel von einer »Promenade« für die Gäste. Reichstrainer Nerz bietet drei Neulinge auf, Heinrich Hergert, Josef Bergmaier und Alfred Huber.
In der 8. Minute legt Kuzorra Richard Hofmann das 1:0 auf, der den Ball unhaltbar verwandelt. Gegen Ende der ersten Halbzeit setzt der deutsche Sturm zum »Generalsturm« an, wie das Tagblatt schreibt: drei Tore in fünf Minuten. Kuzorra trifft in der 38. Minute, Hofmann zwei Minuten später, abermals Kuzorra in der 41. So führt der DFB die Minuten, das Tagblatt zählt Kuzorras Tore in der 38., 42. und 77. Minute. 4:0 zur Pause. Nach dem Wechsel muss er mit einer leichten Verletzung kurz vom Platz. In der 76. Minute schießt er aus 30 Metern das 5:0.
Die Zeitung feiert einen »Ueberraschungssieg«, in der Überschrift steht dabei versehentlich 8:0. Über Kuzorra schreibt sie: technisch ausgezeichnet, wieselflink, schussfreudig, mit einem Verständnis für die Nebenleute, das »kaum einen Wunsch offen« ließ. Sechs Tage später in Berlin gegen England, beim 3:3, sieht dasselbe Blatt es nüchterner: Pöttinger und Kuzorra hätten nicht genug Durchschlagskraft gehabt, technisch aber recht gut gespielt. Drei Tore in einem Länderspiel gelingen Kuzorra nur dieses eine Mal.
Das Endspiel 1934 und die Legende vom Leistenbruch
Schalke steht 1933 zum ersten Mal im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft und verliert am 11. Juni in Köln vor 55.000 bis 60.000 Zuschauern 0:3 gegen Fortuna Düsseldorf. Das Darmstädter Tagblatt vom 12. Juni 1933 sieht Fortuna als verdienten Sieger, die Düsseldorfer hätten die besseren Nerven gehabt und ihr flaches Kombinationsspiel durchgezogen. Szepan und Kuzorra hätten »mit allen Kräften« gewühlt, die übrigen Stürmer seien aber zu oft nicht auf die Ideen der beiden »alten Internationalen« eingegangen, und Schalke habe zu wenig geschossen. Beide seien noch die Besten gewesen. Nach dem Spiel erhielt Kuzorra unter dem Beifall der Zuschauer einen Blumenstrauß. Ein Jahr später, am 24. Juni 1934, kommt es im Berliner Poststadion vor 45.000 Zuschauern zum Endspiel gegen den favorisierten 1. FC Nürnberg. Bis zur Pause fällt kein Tor. Nürnberg geht nach der Pause durch Georg Friedel in Führung (54. Minute nach der Wikipedia-Saisonseite; auch niederländische Zeitungen wie die Volkskrant vom 27. Juni 1934 nennen Friedel). Abweichend schreibt das Darmstädter Tagblatt vom 25. Juni 1934 »Schmidt«, der nach einem Flankenlauf von Kund eingeschossen habe, in der Zählung des Blattes in der 8. Minute der zweiten Halbzeit; gemeint ist vermutlich der Nürnberger Josef Schmitt (Vermutung, nicht belegt). Drei Minuten vor Schluss gleicht Szepan nach einer Ecke aus. Und dann, als alles auf die Verlängerung wartet, läuft Kuzorra durch.
Das Tagblatt vom 25. Juni 1934 schreibt, er habe das Spiel »mit einem schweren Leistenbruch« durchgestanden, um sich danach sofort operieren zu lassen. Er überlaufe den alten Popp und schieße »mit letzter Kraft scharf in die rechte Ecke«. Das 2:1 fällt in der Schlussminute, die Wikipedia gibt die 90. Minute an. Das Lexikon von 1939 und die NDB bestätigen den Leistenbruch. Das Lexikon erzählt auch den Rest dramatischer: Er sei nach dem Schuss bewusstlos zusammengebrochen und habe beim Schlusspfiff am Boden gelegen, die Wikipedia übernimmt den Zusammenbruch. Der Bericht des Tagblatts vom Tag danach erwähnt ihn nicht. Das Bild vom Zusammenbruch stammt also aus einer Erzählung, die fünf Jahre nach dem Spiel gedruckt wurde. Dazu passt eine Beobachtung desselben Tagblatts: Die eiserne Nürnberger Abwehr habe Kuzorra bis dahin glänzend gedeckt. Der Held des Tages war über weite Strecken ein Mann in der Deckung, der einmal frei war und traf.
Sechs Titel, drei verlorene Endspiele
Der Sieg von Berlin ist der erste von sechs Titeln: 1934, 1935, 1937, 1939, 1940 und 1942. Dazu kommt der Tschammerpokal des Wettbewerbs 1937, dessen Endspiel erst im Januar 1938 stattfindet. Er gilt als erstes Double der deutschen Fußballgeschichte. Kuzorra ist in diesen Jahren Kapitän, in den Endspielen aber nicht immer der Mann des Tages. Ein Überblick nach den Spielberichten:
- 23. Juni 1935, Köln, 6:4 gegen den VfB Stuttgart: 72.000 Zuschauer, nach dem Tagblatt vom 24. Juni 1935 »zehn Tore in einem Endspiel«, so viele hatte es bis dahin nicht gegeben. Schalke führte 4:0, dann kamen die Schwaben auf 4:2 und 5:3 heran. Der beste Stürmer war nach der Zeitung Adolf Urban. Über Kuzorra heißt es knapp: »Schwach spielte Kuzorra, der weit von seiner sonstigen Form entfernt war.«
- Dezember 1935, Düsseldorf, Tschammerpokal-Endspiel: Schalke verliert 0:2 gegen den 1. FC Nürnberg (Wikipedia, Geschichte des FC Schalke 04).
- 3. Januar 1937, Berlin, Tschammerpokal-Endspiel 1936: Schalke verliert vor 70.000 Zuschauern 1:2 gegen den VfB Leipzig. Kuzorra spielt als Kapitän, in diesem Wettbewerb hatte er vier Tore geschossen (Wikipedia).
- 20. Juni 1937, Berlin, 2:0 gegen den 1. FC Nürnberg: 101.000 Zuschauer, Tore von Ernst Poertgen und Ernst Kalwitzki.
- 9. Januar 1938, Köln, Tschammerpokal-Endspiel 1937, 2:1 gegen Fortuna Düsseldorf: 72.000 Zuschauer, Tore von Kalwitzki und Szepan kurz nach der Pause, Düsseldorf verkürzt durch Paul Janes per Handelfmeter. Damit ist das Double perfekt. Auf der Gegenseite stand auch Ernst Albrecht.
- 18. Juni 1939, Berlin, 9:0 gegen Admira Wien: 100.000 Zuschauer. Kuzorra trifft in der 84. Minute zum 8:0, Kalwitzki erzielt fünf Tore.
- 21. Juli 1940, Berlin, 1:0 gegen den Dresdner SC: 95.000 Zuschauer. Kalwitzki trifft in der 27. Minute nach einem Pass von Kuzorra.
- 22. Juni 1941, Berlin, 3:4 gegen Rapid Wien: 80.334 Zuschauer. Schalke führt 3:0 und verliert noch. Dazu mehr im Kapitel über die NS-Zeit.
- 4. Juli 1942, Berlin, 2:0 gegen First Vienna FC: 90.000 Zuschauer, Tore von Kalwitzki und Szepan.
Quelle der Daten sind, wenn nicht anders angegeben, die Wikipedia-Artikel zu den jeweiligen Meisterschaftssaisons und Pokalwettbewerben. Zwischen den Zeilen sieht man, wohin sich die Mannschaft entwickelt: Die Tore schießen zunehmend andere. Kalwitzki, Urban, Eppenhoff, Poertgen und Hinz tragen die Endspiele, Szepan und Kuzorra steuern sie. Die Wikipedia ordnet die jungen Spieler wie Burdenski, Schuh und Füller 1940 als »dritte Generation« der Schalker ein.
Helmut Schön, der 1940 als Spieler des Dresdner SC im Endspiel gegen Kuzorra gespielt hatte, soll nach schalke04.de gesagt haben, Kuzorra sei »der größte Fußballer seiner Zeit. Er ist sicher auf eine Stufe zu stellen mit Fritz Walter oder Franz Beckenbauer.« Wann und wo Schön das gesagt hat, nennt die Vereinsseite nicht.
Kuzorra im Nationalsozialismus
Kuzorra war ein beliebter Sportler. Nach der Neuen Deutschen Biographie ließ er sich im »Dritten Reich« instrumentalisieren, rief bei Wahlen und »Abstimmungen« zur Unterstützung der Machthaber auf und beteiligte sich an »Testimonialanzeigen« für Adolf Hitler und die NSDAP. Nach dem Ende der Aufnahmesperre trat er zum 1. Mai 1937 der NSDAP bei, so die NDB. Die Wikipedia nennt als Beleg das Bundesarchiv (Bestand R 9361-IX KARTEI) und schreibt, auch Szepan und Hans Bornemann seien als Schalker Spieler beigetreten.
Die NDB hält zugleich fest, dass ihn das nicht davon abhielt, vermeintlich politische Eingriffe in den Fußball offen zu kritisieren. Als Schalke im Endspiel 1941 gegen Rapid Wien nach einer 3:0-Führung noch mit 3:4 verlor, vermutete er eine Manipulation. Nach der Wikipedia, die sich auf eine Veröffentlichung des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in NRW stützt, sagte er in Richtung des Reichssportführers: »Dass wir hier verloren haben, war Politik, kein Sport.« Der Kapitän weigerte sich außerdem, die Ehrennadel für die Vizemeisterschaft anzunehmen. Fachleute sahen die Ursache der Niederlage dagegen eher in der Siegessicherheit der Schalker und in Fehlern von Torwart Hans Klodt (Wikipedia zum Endspiel 1941). Die Wikipedia führt außerdem zwei Einzelheiten an, die auf Thomas Urban und einen WAZ-Artikel von 2014 zurückgehen: Der jüdische Geschäftsmann Leo Sauer habe Kuzorra Anfang der Dreißiger den Führerschein bezahlt und ihn als Fahrer angestellt, und Kuzorra habe Eintrittskarten für die Kinder jüdischer Kunden seines Tabakgeschäfts besorgt, als ihnen der Besuch von Sportveranstaltungen schon verboten war. Zeitzeugen beschrieben ihn, so die Wikipedia, grundsätzlich als unpolitischen Menschen. Beides steht in den Quellen nebeneinander.
Im Krieg war er nach der NDB vom 12. März 1941 bis 1. März 1942 im Sicherheits- und Hilfsdienst im Luftschutz, unter anderem in Essen, dann bis Januar 1945 als Feldwebel im Löschdienst. Bis Juni 1945 war er in britischer Kriegsgefangenschaft. 1948 stufte ihn der städtische Entnazifizierungsausschuss als politisch entlastet ein.
Nach dem Spielfeld
Aktiv blieb er, nach der Wikipedia, bis Januar 1949, die NDB nennt die Jahre 1949/50. Das Abschiedsspiel mit Szepan gegen Atlético Mineiro in der Glückauf-Kampfbahn folgt nach Szepans Biografie am 12. November 1950. Als Trainer vertrat er 1935/36 bei Borussia Dortmund den Profitrainer Fritz Thelen, ebenfalls ein ehemaliger Schalker und Kuzorras Schwager. Nach der NDB 1946/47 trainierte er 1946/47 kurz auch Schalke und danach Erkenschwick und Hückelhoven. Die Jahre bei Erkenschwick geben die Quellen verschieden an: 1942 bis 1946 nach der Wikipedia, 1947/48 und 1951 nach der NDB. Auch das »Strohmann«-Jahr, in dem er für einen Trainer ohne Lizenz auf der Schalker Bank saß, wird verschieden datiert: 1969/70 und 1970/71. Dem Verein blieb er sein Leben lang verbunden, als Obmann der Vertragsspieler von 1949 bis 1963 und 1976/77 als Mitglied des Präsidiums.
Am 19. April 1971 zitiert ihn die WAZ nach dem 0:1 gegen Arminia Bielefeld, das sei eine »schwache Schalker Vorstellung« gewesen, »keine 18 DM für die Tribünenkarte wert«. Später stellte sich heraus, dass dieses Ergebnis im Bundesliga-Skandal für 100.000 DM erkauft worden war. So steht es in der Wikipedia.
Die Ehrungen kommen spät. 1979 erhält er das Bundesverdienstkreuz am Bande (die Wikipedia nennt 1980), 1985 wird er Ehrenbürger von Gelsenkirchen, 1986 bekommt er den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Vor der Glückauf-Kampfbahn trägt seit 1990 ein Platz seinen Namen, die Geschäftsstelle von Schalke liegt seit 2001 am Ernst-Kuzorra-Weg. In den 1990er Jahren wird nach der Wikipedia diskutiert, den Platz umzubenennen und die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen. Beides geschieht nicht. Ernst Kuzorra stirbt am 1. Januar 1990 in Gelsenkirchen, 84 Jahre alt, und liegt auf dem Friedhof Rosenhügel. Olympedia merkt an, dass er im Stadion immer mit Zigarre im Mund zu sehen war.
Was erzählt wird und was belegt ist
- Seine Einsätze für Schalke: Schalke04.de nennt »gut 350 Pflichtspiele« mit 265 Toren und schätzt, mit Freundschafts- und Juniorenspielen dürfte er »an die 1000 Mal« getroffen haben. Die englische Wikipedia führt nach dem Buch »Königsblau« (2015) und worldfootball.net 450 Spiele mit 419 Toren, davon 277 Ligaspiele. Beide Zahlen lassen sich hier nicht abgleichen, sie hängen davon ab, welche Wettbewerbe und Freundschaftsspiele man zählt.
- Der erste Einsatz: Der Legende nach bestritt Kuzorra sein erstes Spiel für den Verein am 25. Mai 1919 als B-Jugendlicher gegen Erle 08 (Wikipedia, Geschichte des FC Schalke 04). Die englische Wikipedia erzählt, er sei 1920 mit 14 Jahren zum Verein gekommen und habe, vom Spielfeldrand weg gefragt, in seinen Konfirmationsschuhen gespielt. Olympedia gibt 1915 als Beginn an. Das Datum stammt aus der Vereinslegende, die Schuh-Anekdote bleibt Erzählung.
- Die Zahl der Länderspiele: Zwölf sind es nach RSSSF, Wikipedia, NDB und Schulze-Marmeling. Das Lexikon von 1939 spricht von 13, zählt aber nur zwölf Spiele auf. Olympedia nennt fünf Tore, RSSSF und Wikipedia sieben. Fünf sind es bis einschließlich 1932, die zwei von Krefeld 1936 machen sieben. Vermutlich zählt Olympedia sie nicht.
- Der Streit mit Nerz: Nach Schulze-Marmeling bezeichnete Kuzorra Nerz einmal als »Arschloch«, die Wikipedia sagt, Nerz habe weitere Einsätze verhindert. Die NDB führt es auf Kuzorras Kritik an Nerz' Aufstellungen zurück, dass er nach 1938 nicht mehr berufen wurde. Nach Nerz' Biografie auf dieser Seite begann der Wechsel zu Herberger aber schon 1936, und nach Schulze-Marmeling wurden die Zeiten für Kuzorra besser, als Herberger Nerz ablöste. Wie weit die Abneigung reichte, bleibt Deutung.
- Das Angebot aus Wien: Die Wikipedia schreibt, Kuzorra hätte 1930 für 1.000 Mark im Monat als Profi in Wien spielen können und sei Schalke treu geblieben. Einen Beleg dazu nennt sie nicht.
- Das zweite Begräbnis: Eine von der Bild-Zeitung verbreitete Legende erzählt, nach Kuzorras Beerdigung seien Trauerzug und Kranzniederlegung wiederholt worden, damit der Vereinspräsident Günter Eichberg aufs Foto kam. Eichberg selbst sagt nach dem von der Wikipedia zitierten Redelings-Band, er sei lediglich von der Presse zu einem nachgestellten Foto am frischen Grab bewogen worden.
- Das Bonmot: »Dem Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion« wird Johannes Rau zugeschrieben, auf die Frage, ob man Stadien nicht auch nach Frauen benennen solle. Die Wikipedia verweist auf Wikiquote, einen Beleg aus erster Hand nennt sie nicht.
Ernst Kuzorra auf einen Blick
Geboren: 16.10.1905 in Gelsenkirchen
Gestorben: 1.1.1990 in Gelsenkirchen
Spitzname: »Clemens«
Verein: FC Schalke 04 (1923 bis 1949/50)
Position: Halblinker, auch Mittelstürmer
Beruf: Bergarbeiter (1920–1927), selbstständiger Tabakwarenhändler (bis 1975)
Erfolge: Deutscher Meister 1934, 1935, 1937, 1939, 1940, 1942; Tschammerpokal 1937; Olympia 1928 (im Kader, ohne Einsatz)
Bilanz: 12 Länderspiele (6 Siege, 3 Unentschieden, 3 Niederlagen, Torverhältnis 30:20), 7 Tore, 1927–1938
Länderspiele
- 20.11.1927 Deutschland – Niederlande 2:2
- 23.09.1928 Norwegen – Deutschland 0:2 – 1 Tor
- 30.09.1928 Schweden – Deutschland 2:0
- 04.05.1930 Schweiz – Deutschland 0:5 – 3 Tore
- 10.05.1930 Deutschland – England 3:3
- 13.09.1931 Österreich – Deutschland 5:0
- 27.09.1931 Deutschland – Dänemark 4:2 – 1 Tor
- 06.03.1932 Deutschland – Schweiz 2:0
- 01.07.1932 Finnland – Deutschland 1:4
- 04.12.1932 Deutschland – Niederlande 0:2
- 27.09.1936 Deutschland – Luxemburg 7:2, Krefeld – 2 Tore
- 20.03.1938 Deutschland – Ungarn 1:1, Nürnberg
Quellen
- Stefan Goch: »Kuzorra, Ernst«, Neue Deutsche Biographie (online)
- Wikipedia: Ernst Kuzorra
- Olympedia: Ernst Kuzorra
- RSSSF: Ernst Kuzorra – Goals in International Matches (Matthias Arnhold)
- Wikipedia (en): Germany national football team results (1930–1942)
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1933/34
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft (Internet Archive)
- Stefan Goch / Norbert Silberbach: Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 im Nationalsozialismus, Essen 2005
- Darmstädter Tagblatt, 21. November 1927
- Darmstädter Tagblatt, 24. September 1928
- Darmstädter Tagblatt, 5. Mai 1930
- Darmstädter Tagblatt, 11. Mai 1930
- Darmstädter Tagblatt, 14. September 1931
- Darmstädter Tagblatt, 28. September 1931
- Darmstädter Tagblatt, 7. März 1932
- Darmstädter Tagblatt, 5. Dezember 1932
- Wikipedia (en): Ernst Kuzorra
- Wikipedia: FC Schalke 04, Abschnitte zur Vereinsgeschichte 1924–1945, und Schalker Kreisel
- Wikipedia: Endspielberichte der Saisonseiten Deutsche Fußballmeisterschaft 1936/37, 1938/39, 1939/40, 1940/41, 1941/42 sowie Tschammerpokal 1936 und 1937
- schalke04.de: 16. Oktober – Ernst Kuzorra wird geboren
- Darmstädter Tagblatt, 12. Juni 1933
- Darmstädter Tagblatt, 24. Juni 1935
- Darmstädter Tagblatt, 25. Juni 1934
- Volkskrant, 27. Juni 1934 (Delpher), sowie Limburger Koerier und Venlosche Courant – Endspielberichte; nennen Friedel als Torschützen.