Ernst Nagelschmitz – der Budapester, der in München Meister wurde

Eine Ecke, ein Kopfstoß, 2:1. So erzählt das Darmstädter Tagblatt die entscheidende Wendung im Düsseldorfer Rheinstadion am 18. April 1926, vor mehr als 50.000 Zuschauern, nach Zählung des Blattes sogar 65.000. Den Eckball schlägt Ernst Nagelschmitz, Läufer des FC Bayern, den Kopfball setzt sein Vereinskamerad Josef Pöttinger. Für Nagelschmitz ist es das erste und das letzte Länderspiel. Seine Geschichte ist die eines Mannes, der gar nicht in Bayern geboren wurde und trotzdem fast sein ganzes Fußballleben dort verbrachte.

Ernst Nagelschmitz' Laufbahn · vom Budapester Kind zum Bayern-Meister, 1902–1987
Ernst Nagelschmitz' Laufbahn · vom Budapester Kind zum Bayern-Meister, 1902–1987

»In der Läuferreihe gefiel neben Köhler noch Nagelschmitz am besten.«

— Darmstädter Tagblatt, 19. April 1926, Drahtbericht aus Düsseldorf

Von Budapest nach München

Ernst Nagelschmitz wird am 1. Mai 1902 in Budapest geboren, damals Österreich-Ungarn. Das nennen die Wikipedia und Olympedia übereinstimmend. Mit neun Jahren kommt er mit den Eltern nach München. Mit 13, im Jahr 1915, schließt er sich dem FC Bayern an. Am 27. Juli 1920 rückt er mit Josef Pöttinger und Franz Dietl aus der Jugend in die erste Mannschaft auf, so schreibt es die Wikipedia nach der Festschrift »25 Jahre FC Bayern München«. Die englische Wikipedia lässt seine Zeit im Verein schon 1919 beginnen.

Der Beruf ist ebenfalls je nach Quelle ein anderer: Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn kaufmännischen Angestellten, Olympedia nennt eine kaufmännische Ausbildung, die Wikipedia später einen Finanzbeamten. Das muss kein Widerspruch sein, es kann die Stationen eines Berufslebens beschreiben. Olympedia kennt auch seinen Spitznamen, »Kanna«.

Ein Läufer mit Technik

Das Lexikon von 1939 nennt als Stammposten Außenläufer, also die Position, die heute etwa dem defensiven Mittelfeld entspricht. Die Wikipedia nennt ihn einen hochgewachsenen, brillanten Techniker, dem die Bayern den Spielaufbau anvertrauten. Die Bayern der 1920er Jahre sind ein guter, aber noch kein großer Verein. Am 17. Juni 1923 verlieren sie das Endspiel um den Süddeutschen Pokal 3:4 gegen die SpVgg Fürth.

Seine erste Glanzsaison ist 1925/26. Bayern wird Erster der Bezirksliga Bayern und holt in den Stadtderbys gegen 1860 München ein 2:0 am 26. September und ein 3:3 am 20. Dezember 1925; Nagelschmitz spielt beide Male mit. In der Endrunde um die süddeutsche Meisterschaft ziehen die Bayern mit 18:2 Punkten drei Zähler vor Fürth davon. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft ist dann im Achtelfinale Schluss: 0:2 am 16. Mai 1926 bei Fortuna Leipzig.

Vier Wochen vor dem Länderspiel, am 28. März 1926, spielt er nach der Wikipedia im Kampfspielpokal für Süddeutschland gegen Mitteldeutschland (3:1 in München), als linker Außenläufer neben Hans Hagen und Ludwig Leinberger. Dort soll er überzeugt haben.

Der große Tag: Düsseldorf, 18. April 1926

Das Spiel gegen die Niederlande wird ein Ereignis, bevor es angepfiffen ist. Das Tagblatt spricht von 65.000 Zuschauern, das DFB-Datencenter nennt 60.000. Die Eingangstore werden aufgedrückt, das Spiel beginnt mit 35 Minuten Verspätung. Das Tagblatt druckt die Elf: Ertl im Tor, Emil Kutterer und Josef Müller hinten, in der Läuferreihe Nagelschmitz, Georg Köhler und Hans Lang, im Sturm Schröder, Gedlich, Tull Harder, Josef Pöttinger und Ludwig Hofmann. Vier der elf Spieler kommen vom FC Bayern. Für Nagelschmitz, Ludwig Hofmann, den Berliner Hans Schröder und den Dresdner Richard Gedlich ist es das erste Länderspiel.

Deutschland – Niederlande 4:2 in Düsseldorf · die deutsche Elf nach dem Darmstädter Tagblatt, Nagelschmitz in der Läuferreihe
Deutschland – Niederlande 4:2 in Düsseldorf · die deutsche Elf nach dem Darmstädter Tagblatt, Nagelschmitz in der Läuferreihe

Im Spiel selbst ist Nagelschmitz nach dem Tagblatt zweimal zu sehen. In der ersten Halbzeit rettet er in höchster Gefahr, als die Niederländer vors deutsche Tor kommen. In der zweiten legt er in der 13. Minute nach Wiederanpfiff einen Eckball gut vors Tor, und Pöttinger köpft das 2:1. Die niederländische Zeitung De courant erzählt dasselbe Tor anders: nach einer Flanke von rechts, sieben Minuten nach Wiederbeginn. Dass Nagelschmitz der Vorlagengeber war, steht also nur im Tagblatt.

Deutschland gewinnt 4:2. Wer die Tore schoss, ist ebenfalls je nach Quelle verschieden: Das DFB-Datencenter nennt Pöttinger dreimal und Harder einmal, das Tagblatt schreibt Pöttinger alle vier gut. Das Urteil des Tagblatts über Nagelschmitz ist eindeutig: Neben Köhler habe er in der Läuferreihe am besten gefallen. Den ganzen Spielverlauf mit Aufstellungen und Pressestimmen erzählt der Spielbericht.

Danach: Bayern, Amsterdam, Meisterschaft

Es bleibt bei diesem einen Länderspiel. Den Grund nennen die Quellen nicht. Beim FC Bayern aber geht es aufwärts. 1927/28 gewinnen die Bayern die süddeutsche Meisterschaft. In der Endrunde schlagen sie nach der Wikipedia Wacker Halle 3:0 und Sülz 07 5:2, im Halbfinale geht es 2:8 gegen den Hamburger SV, obwohl es zur Pause noch 1:1 stand. Nagelschmitz bildet die Läuferreihe mit Josef Hofmeister und Ludwig Goldbrunner.

Im Sommer 1928 gehört er zum Aufgebot für das olympische Turnier in Amsterdam, wie seine Vereinskameraden Kutterer, Hofmann und Pöttinger. Er kommt aber weder beim 4:0 gegen die Schweiz noch beim 1:4 gegen Uruguay zum Einsatz. Nach RSSSF war er eine Nachnominierung: Georg Kießling, Anton Kugler und Otto Harder standen ursprünglich auf der Liste und wurden durch Hans Gruber, Nagelschmitz und Heinrich Weber ersetzt. Die Aufstellungen beider Spiele stehen auf der Kaderseite zum Turnier.

Der Höhepunkt kommt 1932. Die Bayern gewinnen ihre Bezirksliga-Gruppe und die Endrunde ihrer Gruppe, verlieren das Endspiel um die süddeutsche Meisterschaft gegen Eintracht Frankfurt, sind aber für die deutsche Endrunde qualifiziert. Nagelschmitz spielt nach der Wikipedia in drei der vier Spiele, nicht im Viertelfinale. Am 12. Juni 1932 gewinnen die Bayern in Nürnberg das Endspiel 2:0 gegen Eintracht Frankfurt, ihren ersten deutschen Titel. Trainer ist Richard Dombi. Nagelschmitz spielt als linker Außenläufer, neben ihm stehen in der Abwehr Sigmund Haringer, Conny Heidkamp und Goldbrunner, im Sturm spielen unter anderem Josef Bergmaier, Franz Krumm und Oskar Rohr. Nach Schulze-Marmeling (»Die Bayern«, S. 68) muss er noch vor der Halbzeit verletzt ausscheiden. Das Finale war nach demselben Autor sein 378. Spiel für den FC Bayern.

Die Zahl der Spiele bleibt in den Quellen ungeklärt: Olympedia schreibt von rund 500 Spielen für Bayern in seiner Laufbahn, die englische Wikipedia nennt 224 Pflichtspiele von 1919 bis 1937.

Nach der Karriere

Fünf Jahre nach dem Titel hört er auf, 1937. Er bleibt dem Verein verbunden: Die Wikipedia nennt ihn Ehrenmitglied des FC Bayern und Dauergast bei den Heimspielen, bis kurz vor seinem Tod ein begeisterter Eisstockschütze. Ernst Nagelschmitz stirbt am 23. Mai 1987 in München, so die Wikipedia, Olympedia nennt den 21. Mai.

Ernst Nagelschmitz auf einen Blick

Geboren: 1.5.1902 in Budapest
Gestorben: 23.5.1987 in München (Olympedia: 21.5.1987)
Verein: FC Bayern München (1915 Jugend; erste Mannschaft ab 1920, Karriereende 1937)
Position: Außenläufer
Beruf: kaufmännischer Angestellter (Lexikon 1939), später Finanzbeamter (Wikipedia)
Erfolge: Deutscher Meister 1932, süddeutscher Meister 1926 und 1928, Endspielteilnehmer um die süddeutsche Meisterschaft 1932 (nach der Wikipedia), Halbfinale der Deutschen Meisterschaft 1928
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), kein Tor (1926); Olympia-Aufgebot 1928 ohne Einsatz

Länderspiele

Quellen