Emil Kutterer – Mile, der Verteidiger des FC Bayern

Der Mann im Tor war kein Torwart. Am 22. Juli 1928 stand der Verteidiger Emil Kutterer im Duisburger Wedaustadion zwischen den Pfosten, im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, Gegner war der Hamburger SV. Bayerns Torwart Alfred Bernstein war nicht mehr im Spiel, Kutterer sprang ein. Das Spiel endete 2:8. Es ist ein ungerechtes Schlussbild für einen Mann, der in den Jahren davor als linker Verteidiger zu den Stützen des FC Bayern zählte und siebenmal hintereinander für Deutschland spielte.

Emil Kutterers Laufbahn · von Daxlanden über den Karlsruher FV zum FC Bayern und auf die Trainerbank, 1908–1954
Emil Kutterers Laufbahn · von Daxlanden über den Karlsruher FV zum FC Bayern und auf die Trainerbank, 1908–1954

»In der Verteidigung zeigte Kutterer das bessere Spiel, jedoch war auch Beier recht gut.«

— Darmstädter Tagblatt, 13. Dezember 1926, über das 2:3 gegen die Schweiz in München

Aus Daxlanden

Emil Kutterer kommt am 11. November 1897 in Daxlanden zur Welt, heute ein Stadtteil von Karlsruhe. Das geben die deutsche Wikipedia und Olympedia an. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939, die englische Wikipedia und fussballdaten.de nennen 1898, das Lexikon als Heimatort Karlsruhe. Tag und Monat sind überall gleich. Im Fußball hieß er »Mile«.

Olympedia nennt ihn einen gebildeten Kaufmann. Das Lexikon von 1939 führt ihn als Sportlehrer, damals bei TuRa Leipzig.

Mit neun schloss er sich dem FV Daxlanden an. 1916 ging er zum FV Beiertheim, 1920 zum Karlsruher FV. Dort trainierte ihn nach der Wikipedia der frühere Nationalspieler Max Breunig. Der KFV gewann die Südwestkreismeisterschaft, scheiterte aber in der Runde um die Bezirksmeisterschaft an den Stuttgarter Sportfreunden.

München: Pokalfinale und Auswahl

Zur Saison 1922/23 wechselte er zum FC Bayern. Olympedia und fussballdaten.de nennen 1923. Am 17. Juni 1923 verlor er mit Bayern das Endspiel um den Süddeutschen Pokal 3:4 gegen die SpVgg Fürth. In der Auswahl des Süddeutschen Fußball-Verbands debütierte er an seinem 26. Geburtstag, dem 11. November 1923, beim 3:0 im Bundespokal-Halbfinale gegen Mitteldeutschland. Beim Finale im Februar 1924 gegen Norddeutschland (4:2 in Frankfurt) fehlte er, an seiner Stelle verteidigte Anton Kugler vom 1. FC Nürnberg. Insgesamt bestritt er nach der Wikipedia zwischen 1923 und 1931 acht Spiele für die süddeutsche Auswahl.

Acht Länderspiele in drei Jahren

Dass Kutterer im Juni 1925 zum ersten Mal für Deutschland spielte, lag nach der Wikipedia daran, dass Fürther und Nürnberger Spieler nicht mit nach Skandinavien fuhren. Am 21. Juni verlor die Elf in Stockholm 0:1, acht Spieler debütierten, darunter Kutterer und der Münchner Torwart Georg Ertl. Nach niederländischen Zeitungsmeldungen waren rund 10.000 Zuschauer im Stadion, darunter die königliche Familie, und Ali Beier verließ nach 22 Minuten das Feld. Fünf Tage später gewann Deutschland in Helsinki vor 3.500 Zuschauern 5:3, nach 0:1 zur Pause und 0:2 kurz nach dem Wechsel; Paul Pömpner traf dreimal. Nach diesen beiden Spielen blieb Kutterer, so die Wikipedia, bis Dezember 1926 sieben Mal in Folge in der Elf.

Am 25. Oktober 1925 gewann Deutschland in Basel 4:0 gegen die Schweiz, Tull Harder schoss drei Tore. Am 20. Juni 1926 stand Kutterer beim 3:3 gegen Schweden im Nürnberger Zabo vor Heiner Stuhlfauth. Das Darmstädter Tagblatt (21. Juni 1926) sah die Deutschen in der ersten Halbzeit klar besser und machte für das Unentschieden vor allem den kranken Mittelläufer Georg Köhler verantwortlich. Die Verteidigung habe »einige schwache Momente« gehabt, sei aber insgesamt gut gewesen, urteilte es. Zwei Minuten vor Schluss gab Kutterer, so der Bericht, noch einen Ball zur linken Flanke, Hofmann erwischte ihn.

Am 31. Oktober 1926 folgte in Amsterdam ein 3:2, das erste Spiel unter Reichstrainer Otto Nerz. Das Tagblatt (1. November 1926) schrieb: »In der deutschen Elf war die Hintermannschaft einschließlich des Torhüters, wie erwartet, sehr gut.«

Am 12. Dezember 1926 verlor die Mannschaft in München 2:3 gegen die Schweiz. Das Tagblatt nannte es eines der schlechtesten Spiele der Nationalelf und schimpfte auf Torwart Ertl und Stürmer Harder. Kutterer, schrieb es, habe in der Verteidigung das bessere Spiel gezeigt, Ali Beier ebenfalls ein gutes. In der 21. Minute köpfte er, in der Torecke stehend, einen Ball weg, der sonst das dritte Schweizer Tor gewesen wäre.

Dann ruhte die Nationalelf zehn Monate. Nerz stellte auf das W-M-System um und holte im Oktober 1927 in Kopenhagen neun Neulinge. Kutterer war nicht dabei. Am 15. April 1928 stand er in Bern wieder in der Elf, beim 3:2 über die Schweiz. Nach dem Tagblatt (16. April 1928) war der Sieg verdient, »technisch gaben die Deutschen den Schweizern regelrecht eine Lektion«. Die besten Leistungen sahen die Berichterstatter bei Hornauer und dem Verteidiger Müller. Sein achtes Länderspiel blieb sein letztes. Zu den Olympischen Spielen reiste er mit, einen Einsatz bekam er nicht, in der Verteidigung spielten Beier und der Debütant Heinrich Weber.

Der große Tag: Düsseldorf, 18. April 1926

Sein größtes Länderspiel war das vierte. Am Sonntag, dem 18. April 1926, drängten sich im Düsseldorfer Rheinstadion 60.000 Zuschauer nach dem DFB-Datencenter, 65.000 nach dem Tagblatt, mehr, als je ein deutsches Fußballspiel gesehen hatte. Das Spiel sollte um halb vier beginnen, die Menge drückte die Eingangstore ein, um 4.05 Uhr pfiff der dänische Schiedsrichter Lauritz Andersen an. Ein Flugzeug warf über dem Platz Blumen und zwei Bälle ab.

Vier Spieler des FC Bayern standen in der Elf. Neben Kutterer waren es die Debütanten Ludwig Hofmann, Josef Pöttinger und Ernst Nagelschmitz. Deutschland gewann 4:2 gegen die Niederlande, nach 1:1 zur Pause, Pöttinger erzielte nach dem DFB-Datencenter drei Tore, Harder eins. Das Tagblatt sah die Deutschen »um eine Klasse besser«, als beste Spieler hob es den Dresdner Mittelläufer Georg Köhler hervor. Über Kutterer schrieb es, er und der Torwart hätten »wieder sehr angenehm« enttäuscht, also positiv überrascht, und nicht zum ersten Mal.

Deutschland – Niederlande 4:2 in Düsseldorf · die deutsche Elf nach DFB-Datencenter, Kutterer markiert
Deutschland – Niederlande 4:2 in Düsseldorf · die deutsche Elf nach DFB-Datencenter, Kutterer markiert

Bayerns Meisterjahre

1926 gewann der FC Bayern zum ersten Mal die süddeutsche Meisterschaft, und Kutterer war nach der Wikipedia ein Eckpfeiler dieses Erfolgs. In der Endrunde der sechs Regionalmeister blieb Bayern nach den Tabellen der Wikipedia mit acht Siegen und zwei Unentschieden ungeschlagen, 56:17 Tore. Die Deutsche Meisterschaft begann dann mit einer Enttäuschung. Am 16. Mai 1926 verlor Bayern in Leipzig 0:2 gegen Fortuna Leipzig. Das Darmstädter Tagblatt (17. Mai 1926) sprach von einer Riesenüberraschung vor 25.000 Zuschauern: Bayern habe trotz besseren Spiels verloren, 7:1 Ecken gezählt und in der 22. Minute einen Elfmeter vergeben. Der Sturm habe zu viel kombiniert und zu wenig geschossen. Zu den besten Leuten der Mannschaft zählte die Zeitung die Verteidiger Kutterer und Schmidt sowie Torwart Bernstein. Am 4. Juli 1926 gewann er mit der süddeutschen Auswahl in Köln das Endspiel um den Kampfspielpokal 7:2 gegen Westdeutschland, neben den Vereinskameraden Franz Dietl, Ludwig Hofmann und Josef Pöttinger.

1928 wurde Bayern zum zweiten Mal süddeutscher Meister, in der Finalrunde mit zehn Siegen und vier Unentschieden ohne Niederlage (41:17 Tore), vor Eintracht Frankfurt. Bei der Endrunde galt der Klub als hoch gehandelter Titelanwärter. Auf das 3:0 beim Halleschen FC Wacker am 8. Juli folgte am 12. Juli ein 5:2 gegen die SpVgg Sülz 07 in München. Dann kam Duisburg.

Duisburg, 22. Juli 1928: der Verteidiger im Tor

Hamburg führte zur Pause nach der Wikipedia 1:1 und gewann 8:2. Das Darmstädter Tagblatt (23. Juli 1928) erzählt den Nachmittag so: Nach der Pause fielen schnell das 2:1 und das 3:1, die Münchner Läuferreihe fiel immer weiter ab, die Verteidigung wurde nervös. Nach dem 6:2 durch Harder gab es fünf Minuten später Elfmeter für den HSV. »Bernstein verließ darauf den Platz. Kutterer ging für ihn ins Tor«, schreibt die Zeitung, er habe den Elfmeter von Rave aber nicht halten können, 7:2. Den Schlusspunkt setzte Harder in der letzten Minute. Die Zeitung hielt den HSV-Sieg für verdient, aber nicht in dieser Höhe, und nannte das Versagen der Läuferreihe in der zweiten Halbzeit den ausschlaggebenden Moment. Die Wikipedia erzählt es anders: Bernstein habe sich beim Stand von 1:1 in der zweiten Halbzeit einen Fingerbruch zugezogen, und Kutterer sei schon dann ins Tor gegangen. Welche Fassung stimmt, lässt sich mit diesen Quellen nicht entscheiden.

1929 war Kutterer noch einmal bei der Endrunde dabei, nach der Wikipedia zum dritten Mal. Bayern wurde süddeutscher Vizemeister, gewann das Achtelfinale am 16. Juni 1929 in München 3:0 gegen den Dresdner SC und schied am 30. Juni im Viertelfinale in Breslau aus, 3:4 nach Verlängerung gegen den Breslauer SC 08. Den Titel, den Bayern 1932 gewann, erlebte er nicht mehr mit. 1931 ging er zum SV Wiesbaden und beendete dort 1933 seine Laufbahn.

Trainer und »Mile«

Er trainierte von 1936 bis 1938 TuRa Leipzig, von 1939 bis 1941 Fortuna Leipzig, später den 1. FSV Schierstein 08 und von 1947 bis 1949 die SG Mainz-Gonsenheim, von 1950 bis 1953 den FV Engers 07 in der Oberliga Südwest und 1953/54 den FC Singen 04. Bei Schierstein nennt die Wikipedia keine Jahre, Olympedia nennt 1947 bis 1949 gemeinsam für Schierstein und Gonsenheim.

Eine Geschichte erzählt die Wikipedia aus dem Jahr 1937. Sein Heimatverein FV Daxlanden feierte das 25-jährige Bestehen, der FC Bayern kam als Jubiläumsgast nach Karlsruhe. Dort verteidigte der 39-jährige »Mile« nach der Wikipedia noch beeindruckend. Bayern gewann 4:2. Emil Kutterer starb am 13. Juli 1974 in Wiesbaden.

Emil Kutterer auf einen Blick

Geboren: 11.11.1897 in Daxlanden (Karlsruhe); 1898 und Karlsruhe nach Lexikon 1939
Gestorben: 13.7.1974 in Wiesbaden
Vereine: FV Daxlanden, FV Beiertheim (1916–1920), Karlsruher FV (1920–1922), FC Bayern München (1922/23–1931), SV Wiesbaden (1931–1933)
Position: Linker Verteidiger
Beruf: Sportlehrer (laut Lexikon 1939), Kaufmann (laut Olympedia)
Bilanz: 8 Länderspiele (5 Siege, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen), 24:16 Tore (1925–1928)
Titel: süddeutscher Meister 1926 und 1928 (FC Bayern); Kampfspielpokal 1926 (Süddeutschland)
Als Trainer: TuRa Leipzig, Fortuna Leipzig, Schierstein 08, Mainz-Gonsenheim, FV Engers 07, FC Singen 04 (1936–1954)

Länderspiele

Quellen