Hans Hagen – der grimmige Prinz vom Ronhof
Er war kein Hüne, eher feingliedrig, mit einer Kriegsnarbe quer im Gesicht und einer Miene, die selten lächelte. Und doch war Hans Hagen siebzehn Jahre lang der Mann, an dem bei der SpVgg Fürth kaum ein Gegner vorbeikam: zwei deutsche Meisterschaften, zwölf Länderspiele, 883 Spiele für das Kleeblatt. Dazu ein Titel, den er fast 35-jährig als Kapitän holte, mit einer Mannschaft, die gar keinen Trainer hatte.
»Auf Hans Hagen war immer Verlaß, gleichgültig ob er in der Läuferreihe stand oder als Verteidiger seine Gegner schachmatt setzte.«
Vom FC Schneidig zum Kleeblatt
Hans Hagen kommt am 15. Juli 1894 in Fürth zur Welt. Mit elf Jahren läuft er beim FC Schneidig auf, einem Verein, dessen Name klingt wie ein Befehl vom Kasernenhof. Zwölf Jahre bleibt er dort.
Dann kommt der Erste Weltkrieg und nimmt ihm etwas, das er nie wieder zurückbekommt: ein unversehrtes Gesicht. Die Narbe, die er aus dem Krieg mitbringt, wird zu seinem Markenzeichen. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 spricht ohne Umschweife von der »schrecklichen Kriegsnarbe im Gesicht«.
Im Juli 1917 wechselt Hagen zum großen Nachbarn, der Spielvereinigung. Er ist schon 23, ein Spätstarter, wie die Statistikzeitschrift »Libero« schreibt. Die Meisterschaft von 1914 hat er also verpasst, auch wenn ein Buch über die Nationalmannschaft später das Gegenteil behauptet. Doch er holt schnell auf.
Schon 1920 steht er im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. 35.000 Zuschauer drängen sich am 13. Juni in Frankfurt, Rekord, und es heißt Fürth gegen Nürnberg. Das ist das Frankenderby, nur eben mit dem Titel als Preis. Laut »Libero« scheinen auf beiden Seiten nur zwei Männer gleichwertig: die Mittelläufer »Prinz« Hagen und ein 20-jähriger Student der Zahnheilkunde namens Hans Kalb. Der Club gewinnt 2:0. Hagen verliert sein erstes Finale, aber nicht seinen Platz in der Geschichte. Im September debütiert er in der Nationalelf, in Wien gegen Österreich, als rechter Außenläufer. Mit ihm stehen dort vier weitere Neulinge auf dem Platz, darunter Hans Lohneis, der wie er beim FC Schneidig angefangen hatte.
Der grimmige Prinz
Woher der Spitzname kommt, ist gut belegt. Die Narbe und dazu eine »stets ernste Miene« (»Libero«) machten ihn zum »grimmigen Prinzen«. Abseits des Platzes galt er als »verschlossener, in sich gekehrter Typ«. Wer ein Interview mit Pointen wollte, war bei Hagen an der falschen Adresse.
Auf dem Platz sprach er eine deutlichere Sprache. Das Lexikon von 1939 wunderte sich über seinen »feingliedrigen Körper«, in dem »man niemals die Stärke und Kraft und Schnelligkeit vermutete«. Die Kleeblatt-Chronik nennt ihn einen »Manndecker der ersten Stunde«, der sich in den Gegner »förmlich wie ein Terrier verbeißen konnte«. Ein Dribbelkünstler war er nicht, dafür kamen seine Direktschläge an. Außerdem war er »ein sicherer Elfmeterschütze«.
Anfangs spielte er in der Läuferreihe, ab Mitte der Zwanziger in der Verteidigung, 1926 links, 1929 rechts. Die Rolle wechselte, die Zuverlässigkeit blieb.
In der Nationalelf sammelte er zwischen 1920 und 1930 zwölf Einsätze, gegen Österreich, die Schweiz, Italien, Schweden, Holland und Finnland. Im April 1924 fuhr er mit fünf weiteren Fürthern zum Länderspiel nach Amsterdam. Die ganze Elf kam aus Nürnberg und Fürth, und sie reiste, so eine Bildunterschrift in einer Geschichte der Nationalmannschaft, »reichlich zerstritten«. Gewonnen wurde trotzdem, 1:0.
Nach dem neunten Länderspiel im März 1925 schien seine Zeit im Nationaltrikot vorbei. Doch im Oktober 1929 holte ihn der DFB zurück, und gegen Finnland trug er sogar die Kapitänsbinde. Im März 1930 verlor Deutschland in Frankfurt 0:2 gegen Italien. Der Berichterstatter fand trotzdem Lob: »Entschieden der beste Mannschaftsteil war das Schlußtrio, in dem sowohl Hagen als auch Stuhlfauth ihr Möglichstes leisteten.« Da war Hagen 35.
Sogar die Konkurrenz zog den Hut. Hertha-Star Hans Sobek zählte ihn 1932 in einem Zeitschriftenartikel zu den »Fußballstrategen« der deutschen Spitzenklubs, in einer Reihe mit Kalb, Popp, Szepan und Kuzorra. Das ist bemerkenswert, denn Sobeks Hertha hatte gegen Fürth schon zwei Endspiele verloren.
Der große Tag: Meister ohne Trainer (Juli 1929)
Wenn man nur eine Geschichte über Hans Hagen erzählen darf, dann diese.
Sommer 1929. Die SpVgg Fürth steht in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft, und ihr fehlt etwas, das heute jeder Kreisligist hat: ein Trainer. Also machen es die Alten selbst. Training und Aufstellung übernehmen die erfahrenen Spieler, allen voran »Prinz« Hagen und »Urbel« Krauß. Präsident Paul Sörgel begleitet das Team ständig. Kapitän ist Hagen. Er wird in diesem Sommer 35 Jahre alt.
Am 30. Juni geht es im Viertelfinale zum Titelverteidiger Hamburger SV, vor 25.000 Zuschauern im Bahrenfelder Stadion in Altona. Fürth gewinnt 2:0. Die Abwehr um Hagen und Krauß sei »ein schier unüberwindlicher Abwehrblock« gewesen, schreibt »Libero«.
Das Endspiel steigt am Sonntag, dem 28. Juli 1929, um 17 Uhr in Nürnberg, vor 50.000 Zuschauern. Der Gegner ist Hertha BSC, wie schon 1926. Für »Libero« ist es das Duell der beiden »technisch versiertesten und spielkulturell besten deutschen Teams«. Es wird ein Spiel wie ein Pingpong-Match. Zweimal führt Fürth, zweimal gleicht Sobek aus, beim zweiten Mal sogar, obwohl Hertha seit der 63. Minute nach einer Verletzung nur noch zu zehnt spielt. Alle rechnen mit einer Verlängerung, da trifft Rechtsaußen Karl Rupprecht fünf Minuten vor Schluss zum 3:2.
Geschenkt wird dabei nichts. Laut Kleeblatt-Chronik verweigert der Schiedsrichter in der ersten Halbzeit einen klaren Elfmeter, nachdem Auer im Strafraum gelegt worden ist. In der zweiten Hälfte muss Hagen eine Zeitlang pausieren, kämpft dann aber weiter. Das Spiel ist so hart, dass der DFB-Spielausschuss danach den Berliner Domscheidt und den Fürther Hans Krauß für jeweils ein Jahr sperrt.
Ein Detail macht den Tag endgültig historisch: Die zweite Halbzeit wird im Rundfunk übertragen. Am Mikrofon sitzt Reichstrainer Dr. Otto Nerz. So kommentiert der ranghöchste Fußballlehrer Deutschlands, wie eine Mannschaft ohne Trainer Deutscher Meister wird.
Für Hagen schließt sich ein Kreis, und zwar bis ins Detail. Schiedsrichter ist Dr. Peco Bauwens aus Köln, derselbe Mann, der neun Jahre zuvor das verlorene Finale von 1920 geleitet hatte. Damals ging Hagen als Verlierer vom Platz. Jetzt ist er als Kapitän Meister, zum zweiten Mal nach 1926, und die Spielvereinigung hat ihren dritten Titel.
»Der Titelgewinn gelang der SpVgg. Fürth ohne einen Trainer. Das Training und die Teamaufstellung wurde von den älteren Spielern ›Prinz‹ Hagen, ›Urbel‹ Krauß etc. geleitet bzw. vorgenommen.«
Die Sperre und die späten Jahre
1931 steht Hagen, fast 37, noch einmal in der Endrunde. Nebenbei beginnt er zu trainieren: 1932/33 den SK Lauf, 1933/34 die SpVgg Ansbach, so die Kleeblatt-Chronik. Am 5. November 1934 meldet die Presse knapp: »Hans Hagen (Fürth) suspendiert«. Der bekannte süddeutsche Fußballspieler sei bis zum 30. November aus dem DFB ausgeschlossen, »weil er ohne Genehmigung des Bundesführers Vereine gegen Bezahlung trainierte«. Welche Vereine gemeint waren, verrät die Meldung nicht. Der deutsche Fußball folgte damals streng dem Amateurideal, Geld war verdächtig.
Danach macht Hagen das Unterrichten zum Beruf. Als städtischer Sportlehrer bringt er Bamberger Volksschülern das Spiel bei und ist von 1935 bis 1939 Spielertrainer beim 1. FC Bamberg. Hin und wieder schnürt er selbst die Schuhe, wenn einer Bamberger Stadtmannschaft ein Mann fehlt. Das Lexikon von 1939 staunt darüber, »was ein alter Spieler, den kein Gramm Fett beschwert, noch zu leisten vermag«.
Zum 1. Mai 1937 tritt Hagen der NSDAP bei. Das belegt die Mitgliederkartei im Bundesarchiv, auf die sich Wikipedia und eine Recherche der »Zeit« von 2024 stützen.
Fürth holt ihn als städtischen Sportlehrer zurück, und von 1939 bis 1947 trainiert er die Spielvereinigung. Laut einer Geschichte der Nationalmannschaft läuft er mit 48 Jahren sogar noch gelegentlich selbst auf.
Hans Hagen stirbt am 11. Oktober 1957 in Fürth, mit 63 Jahren. Er hinterlässt keine großen Sprüche, dafür eine Bilanz, die für sich spricht.
Hans Hagen auf einen Blick
Geboren: 15.7.1894 in Fürth
Gestorben: 11.10.1957 in Fürth
Spitzname: »Prinz«, »der grimmige Prinz«
Vereine: FC Schneidig Fürth (1905–1917), SpVgg Fürth (1917–1934)
Position: Außen- und Mittelläufer, ab Mitte der 1920er Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1926 und 1929 (1929 als Kapitän), Vizemeister 1920; mit Süddeutschland Kampfspiel- und Bundespokalsieger
Bilanz: 883 Spiele für Fürth; 63 Spiele für Süddeutschland; 12 Länderspiele, 0 Tore (1920–1930)
Beruf: Städtischer Sportlehrer in Bamberg und Fürth
Trainer: SK Lauf (1932/33), SpVgg Ansbach (1933/34), 1. FC Bamberg (1935–1939, Spielertrainer), SpVgg Fürth (1939–1947)
Nationalspieler Nr.: 118 (Debüt 26. September 1920 in Wien)
Länderspiele
- 26.09.1920 Deutschland – Österreich 2:3
- 26.03.1922 Deutschland – Schweiz 2:2
- 01.01.1923 Deutschland – Italien 1:3
- 29.06.1923 Deutschland – Schweden 1:2
- 13.01.1924 Deutschland – Österreich 4:3
- 21.04.1924 Deutschland – Niederlande 1:0
- 23.11.1924 Deutschland – Italien 0:1
- 14.12.1924 Deutschland – Schweiz 1:1
- 29.03.1925 Deutschland – Niederlande 1:2
- 20.10.1929 Deutschland – Finnland 4:0
- 02.03.1930 Deutschland – Italien 0:2
Quellen
Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 31 · Kleeblatt-Chronik: Hans Hagen · Kleeblatt-Chronik: Endspiel 1929 · Wikipedia: Hans Hagen · Libero 36 · Libero 38 · DFB-Datencenter: Finale 1929 · RSSSF: Hans Hagen · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Ostdeutsche Morgenpost, 5.11.1934 · Der Querschnitt, Juni 1932 · Spielbericht März 1930 nach dem Völkischen Beobachter vom 4.3.1930