Georg Kießling – der Fürther »Görg« und sein Tor in Kopenhagen
Dänemark führte in Kopenhagen 1:0, durch Michael Rohde, und die deutsche Elf, in der neun Spieler zum ersten Mal das Nationaltrikot trugen, sah nicht so aus, als könne sie darauf antworten. Dann schoss ein Debütant aus Fürth, den man dort »Görg« nannte, kurz vor der Pause den Ausgleich. Georg Kießling, Linksaußen der SpVgg Fürth, war am 2. Oktober 1927 der Mann des deutschen Treffers. Es blieb sein einziges Länderspieltor. Ein zweites Spiel folgte, ein drittes nicht mehr.
»Der ›Görg‹, wie er im Volksmund hieß, bildete fortan als Linksaußen mit ›Allan‹ Frank den gefährlichen linken Sturmflügel der ›Kleeblättler‹.«
Von Selbitz an den Ronhof
Georg Kießling wird am 7. März 1903 im oberfränkischen Selbitz geboren. Anfang 1919 zieht seine Familie nach Fürth. Mit 16 tritt er der Jugendabteilung der SpVgg bei, so die Wikipedia, die Chronik nennt Juli 1919. In den Spielzeiten 1921/22 und 1922/23 kommt er bereits in Pokalspielen der ersten Mannschaft zum Einsatz. Die Wikipedia setzt den Aufstieg in die erste Mannschaft auf die Saison 1924/25, die Statistik der Chronik führt für ihn allerdings schon 1923/24 mit 22 Ligaspielen und sieben Toren. Auch hier lassen sich die Quellen nicht zur Deckung bringen. Von Beruf ist er nach dem Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 Kaufmann.
Die Chronik beschreibt ihn als einen Spieler »mit enormer Schusskraft«, der wegen seiner Fairness und »rationellen Spielweise« beliebt gewesen sei. Auf dem Platz bildet er mit Georg Frank, den die Chronik »Allan« nennt, den linken Fürther Sturmflügel.
Die Saisonstatistik der Chronik zeigt, wie fest er im Fürther Angriff steht: 1927/28 spielt er 28 Mal in der Bezirksliga und trifft neunmal, 1928/29, in der Meistersaison, sind es 29 Spiele und zwölf Tore, sein bestes Jahr. 1929/30 kommt er auf 28 Spiele und fünf Tore, 1930/31 auf 25 Spiele und nur ein Tor, 1931/32 auf 27 Spiele und fünf Tore. Rechnet man alle Zeilen der Tabelle von 1923/24 bis 1931/32 zusammen, kommt man auf 207 Ligaspiele und 55 Tore. Dass der Außenstürmer dabei oft selbst abschließt, passt zu der »enormen Schusskraft«, die ihm die Chronik nachsagt.
Meister mit dem Kleeblatt
Fürth ist in diesen Jahren eine der ersten Adressen im deutschen Fußball, und Kießling ist dabei. Die Statistik der Chronik führt ihn 1923/24 mit 22 Ligaspielen und sieben Toren, 1924/25 mit zehn Spielen und sieben Toren, 1925/26 mit 22 Spielen und sieben Toren. Sein Platz ist am Ende der Sturmreihe, an der Seitenlinie, neben dem Halblinken Georg Frank.
1926. Als Dritter der Bayernliga ist Fürth sportlich eigentlich gescheitert, doch als Süddeutscher Pokalsieger darf die Spielvereinigung doch an der süddeutschen Endrunde teilnehmen und kommt als Zweiter weiter. Es folgen auf dem Weg zum Titel Siege über Viktoria Forst (5:0, 16. Mai im Ronhof), den Breslauer SC (4:0, 30. Mai in Leipzig) und Holstein Kiel (3:1, 6. Juni in Düsseldorf). Am 13. Juni 1926 steht Kießling im Finale im Frankfurter Stadion. Laut Libero-Jahrbuch spielt Fürth mit Hörgreen; Müller, Hagen; Krauß I, Leinberger, Kleinlein; Auer I, Franz, Seiderer, Ascherl und Kießling. Gegner Hertha BSC geht in der 9. Minute durch Ruch in Führung, danach dreht Fürth die Partie und gewinnt 4:1, vor etwa 40.000 Zuschauern. Das Darmstädter Tagblatt schildert am 14. Juni das 2:1: Ascherl schieße »eine von Kießling gegebene Flanke placiert«, Götze werfe sich, könne den Ball aber nur schlecht abwehren, Auer berühre ihn. Die Zeitung nennt dafür die 34. Minute, die Statistik 35. und gibt das Tor Auer. Wer den Ball zuletzt berührt hat, ist also eine Frage der Lesart.
1927. In der Endrunde 1927 gewinnt Fürth am 8. Mai in Breslau 3:1 beim Verein Breslauer Sportfreunde (18.000 Zuschauer, Sportpark Grüneiche), schlägt am 22. Mai in Nürnberg die Kickers 1900 aus Berlin 9:0 und scheitert am 29. Mai im Halbfinale in Leipzig vor 25.000 Zuschauern mit 1:2 an Hertha BSC. Kießling spielt in Breslau und im Halbfinale.
1929. Der zweite Titel ist der härteste. Am 16. Juni schlägt Fürth im Nürnberger Zabo Fortuna Düsseldorf 5:1, am 30. Juni im Altonaer Stadion den Hamburger SV 2:0 (25.000 Zuschauer). Am 7. Juli folgt der 6:1-Sieg gegen den Breslauer SC 08. Dabei fällt Kießlings einziges Tor in der Endrunde, das 2:0 in der 10. Minute, so verzeichnet es das Libero-Jahrbuch. Ob Wikipedia und Chronik mit »ein Tor« dasselbe meinen, bleibt offen.
Das Finale steigt am 28. Juli 1929 in Nürnberg, wieder gegen Hertha. 50.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Dr. Peco Bauwens aus Köln. Fürth spielt mit Neger; Hagen, Krauß I; Röschke, Leinberger, Krauß II; Auer II, Rupprecht, Franz, Frank und Kießling. Das Tagblatt vom 29. Juli beschreibt ein Fußballwetter ohne Sonne und Wind. In der 14. Minute gibt Frank den Ball an Kießling, der aufs Tor schießt. Gehlhaar faustet zu schwach, Frank kann nachsetzen und ins leere Tor einschieben. Das Libero-Jahrbuch und die Wikipedia geben dieses 1:0 dagegen Auer. Hertha gleicht durch Sobek aus (43.), Frank trifft zum 2:1, Sobek wieder zum 2:2. Dann, kurz vor dem Ende, wird Frank in der Berliner Hälfte unfair angegangen. Es gibt Freistoß. Kießling tritt ihn, laut Tagblatt »steil vors Tor«, Rupprecht nimmt den Ball auf und schießt ein. 3:2. Die Zeitung schreibt, der Jubel halte »fast bis zum Schlusspfiff« an. Die Statistik führt dieses Tor in der 85. Minute.
Dazu kommen die Nordbayerischen Meisterschaften 1928, 1930 und 1931, die Süddeutsche Meisterschaft 1931 und die Siege im Süddeutschen Pokal 1925, 1926 und 1927. In der Meistersaison 1928/29 führt ihn die Chronik mit 29 Ligaspielen und zwölf Toren.
1930. In der Süddeutschen Meisterschaft 1929/30 gewinnt Eintracht Frankfurt den Titel. Fürth gewinnt die Gruppe Nordbayern (elf Siege, zwei Unentschieden, eine Niederlage, 56:12 Tore), wird in der Endrunde mit acht Siegen, einem Unentschieden und fünf Niederlagen bei 45:20 Toren Zweiter und löst damit das Ticket für die deutsche Endrunde. Das Darmstädter Tagblatt nennt Kießling in drei Spielen dieser Runde. Am 24. März meldet es das 1:4 beim VfB Stuttgart vor 12.000 Zuschauern: Der Deutsche Meister, ohne den fehlenden Leinberger, sei klar überspielt worden und habe nur einen Treffer durch Kießling erzielt. Am 31. März steht ein 10:0 über den FK Pirmasens in der Zeitung. Kießling trifft nach einem Strafstoß in der 24. Minute zum 3:0 und legt mit einer Flanke das 6:0 für Rupprecht auf. Am 7. April berichtet das Blatt vom 2:4 bei Bayern München vor 25.000 Zuschauern. Fürths Angriffsreihe sei nicht recht in Fahrt gekommen, schreibt der Berichterstatter, »lediglich Kießling war auf der Höhe seines Könnens«. Das sind einzelne Urteile über einzelne Spiele, aber sie passen zum Bild des verlässlichen Flügelmanns. Als Titelträger darf Fürth zum Turnier nach Genf, dem Tournoi International de Football des Servette FC (28. Juni bis 6. Juli 1930). In der ersten Runde schlägt die Mannschaft den FC Sète 4:3 nach zwei Verlängerungen, das entscheidende Tor schießt Karl Rupprecht in der 148. Minute. Im Viertelfinale verliert sie 1:7 gegen First Vienna. Zuvor, am 18. Mai, hatte Fürth in der Endrunde Tennis Borussia Berlin 4:1 geschlagen, und am 1. Juni verliert die Elf in der Dresdner Ilgen-Kampfbahn vor 24.000 Zuschauern 4:5 nach Verlängerung gegen den Dresdner SC. Es ist ein irres Spiel: 0:2 nach 20 Minuten, 3:1 zur Pause, dann holt Fürth auf, geht in der 72. Minute 4:3 in Führung, und in der 73. Minute gleicht Berthold zum 4:4 aus. In der 94. Minute fällt das 5:4 durch Hallmann. Auf der anderen Seite spielt Richard Hofmann. Kießling steht in der Fürther Elf.
1931. Mit der Süddeutschen Meisterschaft, die Fürth in der Endrundengruppe mit acht Siegen, fünf Unentschieden und einer Niederlage und 36:17 Toren gewinnt, ist die SpVgg noch einmal in der Endrunde. Am 10. Mai 1931 schlägt sie im Leipziger Probstheida vor 12.000 Zuschauern die SpVgg 1899 Leipzig-Lindenau 3:0 (zwei Tore von Franz, dazu ein Eigentor). Eine Woche später steht das Viertelfinale im Berliner Poststadion an, 40.000 Zuschauer, Gegner ist Hertha BSC. Sobeck (23.) und Kirsei (25.) treffen früh, Franz verkürzt in der 66. Minute, Lehmann entscheidet es in der 85. zum 3:1 für Hertha. Das Libero-Jahrbuch vermerkt, dass Hans Krauß I in der 85. Minute wegen rohen Spiels vom Platz gestellt und danach vom Publikum verprügelt worden sei. In beiden Fürther Aufstellungen steht Kießling. Es sind seine letzten Endrundenspiele: Die Libero-Tabelle der Endrundenspieler führt ihn mit 12 Spielen zwischen 1926 und 1931.
Zwei Länderspiele
Am 29. September 1927 meldet das Darmstädter Tagblatt die deutsche Elf für das Länderspiel in Dänemark. In ihr steht Kießling am Ende der Sturmreihe, also links außen. Die Berichtsseite nennt ihn in ihrer Aufstellung dagegen an erster Stelle des Sturms, was auf rechts außen deuten würde. Ob es in Kopenhagen eine Umstellung gab, geht aus den benutzten Quellen nicht hervor. Das Lexikon von 1939 und die Chronik nennen ihn als Linksaußen.
Er bekommt eine Elf, die Otto Nerz nach zehn Monaten Länderspielpause neu zusammengestellt hat. Neun der elf Spieler sind Neulinge, darunter der Meeraner Richard Hofmann. Fünf der elf tauchen danach nie wieder im Nationalteam auf. Zu Kießlings Fürther Kameraden in der Elf gehören der Mittelläufer Ludwig Leinberger und der Stürmer Georg Frank.
Der große Tag: Kopenhagen, 2. Oktober 1927
Rund 19.000 Zuschauer sehen die Partie im Idrætsparken, Schiedsrichter ist der Norweger Ragnvald Smedvik. Michael Rohde bringt Dänemark in der 23. Minute in Führung, in der 42. Minute gleicht Kießling aus. Das Darmstädter Tagblatt meldet am 3. Oktober knapp: »Dänemark hatte durch Rhode die Führung übernommen, die Kießling ausglich.« Die Angabe von 42 Minuten stammt aus dem DFB-Datencenter. Die englische Wikipedia setzt das Tor dagegen in die 10. Minute. Dann hätte Kießling zuerst getroffen. Das Tagblatt spricht dafür, dass der Ausgleich nach dem dänischen Führungstreffer fiel, was zur 42. Minute passt.
Nach der Pause trifft Rohde in der 48. Minute erneut, Henry Hansen erhöht nach dem DFB in der 70. Minute auf 3:1 (englische Wikipedia: 67.). Die niederländische Zeitung Nieuwsblad van het Noorden vom 3. Oktober schreibt unter Berufung auf die Courant, die Deutschen hätten ein glänzendes Kurzpassspiel gezeigt, aber es habe der letzte Schliff gefehlt. Die Dänen hätten unter Form gespielt, doch die größere Schussstärke habe entschieden (Presseurteil, übersetzt).
Das Lexikon von 1939 verzeichnet es als sein einziges Tor: »1 Tor: 1927 Dänemark 1:3.«
Oslo und danach
Elf Monate später ruft ihn Nerz noch einmal. Am 23. September 1928 gewinnt Deutschland in Oslo im Ullevaal-Stadion 2:0 gegen Norwegen, vor rund 16.000 Zuschauern. Kießling spielt links außen, neben ihm im Sturm Ernst Kuzorra und Josef Schmitt. Nach dem 1:0 durch Schmitt in der 17. Minute geht ein Angriff nach dem Wiederanstoß mit einem scharfen Schuss Kießlings zu Ende. Tore fallen aber nur durch Schmitt und Kuzorra. Das Tagblatt vom 24. September ist mit den Flügeln unzufrieden: Die Außenstürmer seien zu wenig beschäftigt worden, »sie konnten sich nie recht entfalten«. Torwart Heiner Stuhlfauth ist bei diesem knappen Sieg der beste Mann.
Eine Woche später steht in Stockholm statt Kießling Ludwig Hofmann auf dem linken Flügel, die Elf verliert 0:2. Kießling bekommt keine weitere Einladung. Warum nicht, steht in keiner der benutzten Quellen.
Völklingen, Nürnberg und der Abschied
Bei der SpVgg bleibt Kießling bis zum Ende der Saison 1931/32. Dann zieht er aus beruflichen Gründen ins Saarland und spielt für den SV 06 Völklingen, nach der Chronik bis 1937 als Spielertrainer. Das Saargebiet ist zu dieser Zeit noch vom Deutschen Reich abgetrennt und steht als Mandatsgebiet unter Verwaltung des Völkerbunds, bis es im Frühjahr 1935 zurückgegliedert wird. Zum Vereinsnamen gibt es eine Unstimmigkeit: Die Chronik schreibt »SV Völklingen 06«, nach der Wikipedia hieß der 1906 gegründete Klub nach seiner Neugründung 1919 »Verein für Bewegungsspiele Völklingen« und erhielt den Namen SV 06 erst 1951 zurück. 1937 kehrt er in die fränkische Heimat zurück. Zwei Jahre lang spielt er noch beim FSV 83 Nürnberg in der zweitklassigen Bezirksklasse Mittelfranken, dann hört er auf.
Georg Kießling stirbt am 24. Juni 1964 in Fürth. Die Chronik, die ihn nur 61-jährig gehen lässt, vermerkt, dass er auf dem Fürther Friedhof beigesetzt wurde.
Georg Kießling auf einen Blick
Geboren: 7.3.1903 in Selbitz (Oberfranken)
Gestorben: 24.6.1964 in Fürth
Spitzname: »Görg«
Vereine: SpVgg Selbitz, SpVgg Fürth (Jugend ab 1919, Liga bis 1932), SV 06 Völklingen (1932–1937), FSV 83 Nürnberg (1937–1939)
Position: Linksaußen
Beruf: Kaufmann (Lexikon 1939)
Erfolge: Deutscher Meister 1926 und 1929, Süddeutscher Meister 1931, Nordbayerischer Meister 1928, 1930, 1931, Süddeutscher Pokalsieger 1925–1927
Endrunde: 12 Spiele um die Deutsche Meisterschaft (1926–1931), 1 Tor
Liga (Bezirksliga Bayern/Nordbayern, Chronik): 207 Spiele, 55 Tore (1923/24–1931/32, nach Addition der Chronik-Tabelle)
Bilanz: 2 Länderspiele (1 Sieg, 1 Niederlage), 1 Tor (1927–1928)
Länderspiele
- 02.10.1927 Deutschland – Dänemark 1:3 – Tor zum 1:1 (42.)
- 23.09.1928 Deutschland – Norwegen 2:0
Quellen
- Wikipedia: Georg Kießling
- Wikipedia (en): Georg Kießling
- Kleeblatt-Chronik: Georg Kießling (Georg Mentlein)
- Wikipedia: Ludwig Leinberger
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- DFB-Datencenter: Länderspiele Deutschland 1927/28 und 1928/29
- Darmstädter Tagblatt, 29. September 1927
- Darmstädter Tagblatt, 3. Oktober 1927
- Darmstädter Tagblatt, 24. September 1928
- Darmstädter Tagblatt, 14. Juni 1926 (Finale Fürth – Hertha) und 29. Juli 1929 (Finale Fürth – Hertha)
- Darmstädter Tagblatt, 24. März 1930, 31. März 1930 und 7. April 1930 (Süddeutsche Endrunde)
- Wikipedia: Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Libero Deutschland Special: Die Deutsche Fußballmeisterschaft 1903–1945 (Endrundenaufstellungen und Torfolgen)
- Libero Deutschland Special (Endrunde 1931: Aufstellungen, Torfolgen, Zuschauerzahlen; Tabelle der Endrundenspieler)
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1930/31 und Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1930/31
- Wikipedia: SV Röchling Völklingen und Saargebiet
- Wikipedia: Coupe des Nations 1930; Deutsche Fußballmeisterschaft 1925/26, 1928/29, 1929/30
- Nieuwsblad van het Noorden, 3. Oktober 1927 (Delpher)