Willi Winkler – Der Stürmer, den Worms nach Oslo ziehen lassen musste
Sonntag, 23. September 1928, Arheilgen bei Darmstadt. Die Gastgeber warten vergeblich auf Wormatia Worms, den Tabellenführer der Gruppe Hessen, bis dahin noch ohne Verlustpunkt (10:0 Punkte, 22:4 Tore). Der Grund steht am Montag im Darmstädter Tagblatt: Die Wormser hatten ihren Stürmer Winkler für die Nationalmannschaft abgeben müssen. Während in Arheilgen kein Ball rollte, lief Willi Winkler im Ullevaal-Stadion von Oslo auf. Es blieb sein einziges Länderspiel.
»Winkler und Kuzorra beschränkten sich fast immer auf Durchbruchsarbeit, sie konnten beide wirklich nicht imponieren.«
Ein Wormser
Willi Winkler wird am 24. August 1903 in Worms geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Worms als Heimatort und ihn selbst einen Geschäftsführer. Als Vereine führt es Wormatia Worms, Eintracht Kreuznach und wieder Wormatia Worms auf. Wann er in Kreuznach spielte, sagt keine Quelle. Die Wikipedia und das DFB-Datencenter lassen ihn von 1924 bis 1940 bei Wormatia spielen.
Das Jahr 1924 ist für den Verein ein Wendepunkt. VfR Wormatia 08, zwei Jahre zuvor aus der Fusion zweier Wormser Klubs entstanden, wird Meister der Kreisliga und steigt nach einer Aufstiegsrunde in die erstklassige Bezirksliga auf. In der Saison 1924/25 spielt auch Willis Bruder Karl für Wormatia. Karl Winkler (1899–1960) wird später Trainer, bei Rot-Weiß Oberhausen, Preußen Dellbrück und 1953/54 beim 1. FC Köln, mit dem er Westmeister wird und das DFB-Pokalfinale erreicht. Zuletzt trainiert er wieder Wormatia.
Der Innensturm von Worms
Ab 1926 formt der Spielertrainer Ludwig Philipp, früherer Nationalspieler, die Wormser zu einer Spitzenmannschaft. Nach der Wikipedia ist ihr Innensturm mit Philipp selbst, Ludwig Müller und Winkler bald in ganz Süddeutschland bekannt. Von 1928 bis 1931 gewinnt Wormatia vier Mal in Folge die Gruppe Hessen der Bezirksliga Main/Hessen, 1932 und 1933 wird sie Vizemeister.
Weiter nach oben geht es zunächst nicht. In der Süddeutschen Meisterschaft ist Platz 6 im Jahr 1928 das beste Ergebnis, die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft bleibt außer Reichweite. Winkler ist also der Stürmer eines starken Regionalmeisters, kein Mann eines der großen Namen. Dass Reichstrainer Otto Nerz ihn trotzdem holt, passt zu dem, was Schulze-Marmeling über diese Zeit schreibt: Nerz macht sich an den Umbruch und gibt nachrückenden Talenten wie Winkler aus Worms, Horn vom HSV oder Josef Schmitt aus Nürnberg eine Chance.
Der große Tag: Oslo, 23. September 1928
Am Freitag, dem 21. September, druckt das Tagblatt die Elf für den Sonntag. Rechtsaußen spielt Ernst Albrecht von Fortuna Düsseldorf, daneben auf Halbrechts Winkler, in der Mitte Josef Schmitt, dazu kommen Ernst Kuzorra und Georg Kießling. Die Zeitung findet die Mannschaft so stark, dass sie auch kräftigen Widerstand der Norweger überwinden könne, und erwartet einen deutschen Sieg.
Das Ullevaal-Stadion ist neu, die Kulisse gut: 16.400 Zuschauer sehen die Partie nach dem DFB-Datencenter, Schiedsrichter ist der Däne Lauritz Andersen. In der 17. Minute köpft Josef Schmitt eine Vorlage von Conny Heidkamp zum 1:0 ein. Dann drängen die Norweger. Heiner Stuhlfauth wehrt mit dem Fuß ab, Henry Müller köpft im letzten Moment von der Linie. In der 62. Minute schiebt Ernst Kuzorra nach einer Vorlage Schmitts zum 2:0 ein. Danach hält Stuhlfauth, was zu halten ist.
Das Tagblatt nennt den Sieg einen mit Glück gewonnenen. Norwegen habe mehr vom Spiel gehabt, Deutschland seine Chancen besser genutzt. Stuhlfauth sei der beste Mann gewesen, im Angriff habe Schmitt herausgeragt. Über Winkler steht dort der Satz vom Kopf dieser Seite: Er und Kuzorra hätten nicht imponiert. Viel mehr verrät das Blatt über seinen Abend nicht. Eine Woche später verliert Deutschland in Stockholm 0:2 gegen Schweden, Winkler steht nicht mehr in der Elf. Das Spiel ist auf der Seite Deutschland gegen Norwegen am 23. September 1928 ausführlich beschrieben.
Eine Fußnote zum Datum: Die Wikipedia nennt für Winklers Länderspiel den 23. September 1929, offenbar ein Schreibfehler. DFB-Datencenter, RSSSF und das Lexikon von 1939 führen das Spiel unter 1928.
Vom Stürmer zum Verteidiger
Winkler bleibt in Worms. Von 1933 an spielt Wormatia in der Gauliga Südwest, und sie gehört dort bis zum Krieg zur Spitze. Winkler wird mit dem Verein dreimal Gaumeister, 1936, 1937 und 1939. Die Südwestmeister dürfen um die Deutsche Meisterschaft mitspielen, und Winkler ist dabei, 1936 und 1937.
1936 steht er nach dem DFB-Datencenter in fünf von sechs Gruppenspielen auf dem Platz, nur das letzte in Nürnberg (1:2) fehlt. Am 3. Mai 1936 verwandelt er nach der Wikipedia beim 6:2 gegen die Stuttgarter Kickers einen Elfmeter zum 5:2. Wormatia wird Gruppenzweiter hinter dem 1. FC Nürnberg, 1937 wieder, diesmal hinter dem VfB Stuttgart. Da spielt Winkler alle sechs Gruppenspiele. Das Halbfinale erreicht Worms beide Male nicht.
Inzwischen hat sich seine Rolle verändert. Das Lexikon von 1939 nennt als Stammposten »früher Halbrechts und Rechtsaußen, jetzt rechter Verteidiger«, das DFB-Datencenter führt ihn 1936 in der Abwehr. Der Mann, der 1928 vorn im Länderspiel stand, hält inzwischen hinten den Laden zusammen.
1940 endet seine Zeit bei Wormatia. Nach Angaben des Bundesarchivs, die die Wikipedia nach einem Artikel von Armin Jäger in der »Zeit« vom 24. Juli 2024 wiedergibt, beantragte Winkler am 13. September 1939 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. November 1939 aufgenommen. Er stirbt am 12. Mai 1967. Den Ort nennen die Quellen nicht.
Nicht zu verwechseln
Es gab noch einen Winkler im Nationaltrikot: Paul Winkler (Jahrgang 1913, Schwarz-Weiß Essen), Rechtsaußen, ebenfalls mit einem einzigen Länderspiel, gegen Luxemburg. Das Lexikon von 1939 führt beide getrennt.
Willi Winkler auf einen Blick
Geboren: 24.8.1903 in Worms
Gestorben: 12.5.1967 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Wormatia Worms (1924–1940), Eintracht Kreuznach (Zeitraum unbekannt)
Position: früher Halbrechts und Rechtsaußen, später rechter Verteidiger
Beruf: Geschäftsführer (Lexikon 1939)
Familie: Bruder von Karl Winkler (1899–1960), Spieler und späterer Trainer
Erfolge: Hessenmeister 1928 bis 1931, Südwestmeister 1936, 1937 und 1939, Teilnahme an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1936 und 1937
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), kein Tor (1928)
Länderspiele
- 23.09.1928 Norwegen – Deutschland 0:2 – auf Halbrechts, Tore von Schmitt (17.) und Kuzorra (62.)
Weitere Länderspiele sind weder im DFB-Datencenter noch bei RSSSF oder im Lexikon von 1939 verzeichnet.
Quellen
- Wikipedia: Willi Winkler (Fußballspieler)
- Wikipedia: Willi Winkler (Begriffsklärung)
- Wikipedia: Karl Winkler (Fußballspieler)
- Wikipedia: Wormatia Worms
- DFB-Datencenter: Willi Winkler, Spielerprofil
- DFB-Datencenter: Wormatia Worms, Deutsche Meisterschaft 1935/36
- DFB-Datencenter: Willi Winkler, Spiele 1936/37
- Wormatia Worms, Spielerdatenbank: Karl Winkler
- RSSSF: Germany – International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Armin Jäger: NS-Geschichte im Fußball, Die Zeit, 24. Juli 2024
- Darmstädter Tagblatt, 21. September 1928 – Aufstellung für Oslo
- Darmstädter Tagblatt, 24. September 1928 – Spielbericht, Kritik, Absage in Arheilgen