Conny Heidkamp – der Grenadier, der Bayern zum ersten Titel führte
Am 12. Juni 1932 führt ein Düsseldorfer die Münchner Meisterelf aufs Feld. Konrad Heidkamp, genannt Conny, ist 26 Jahre alt und Spielführer des FC Bayern, im Nürnberger Stadion geht es gegen Eintracht Frankfurt. Rund 55.000 Zuschauer sehen ein 2:0 durch einen Elfmeter von Oskar Rohr und ein Tor von Franz Krumm. Die Badische Presse schreibt am nächsten Tag sogar von 60.000. Es ist der erste nationale Titel der Vereinsgeschichte. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 findet es bemerkenswert, dass die Münchner einen »Fremden« zum Kapitän machten, der nicht einmal Maß und Brathendl richtig aussprechen konnte. Conny, schreibt es, sei ungewöhnlich beliebt bei seinen Kameraden gewesen.
»Seine langen Beine angelten dem schnellsten Gegner die Bälle weg, und wenn sein scharfer, weiter Steilpaß vorpirschte, war der Sturm in Gang.«
Vom Rheinland nach München
Konrad Heidkamp kommt am 27. September 1905 in Rath zur Welt, heute ein Stadtteil von Düsseldorf. Beruflich ist er kaufmännischer Angestellter, so steht es im Lexikon von 1939. Fußball spielt er beim Düsseldorfer SC 99, nach der Wikipedia von 1925 bis 1928. Der große Nachbar heißt Fortuna: Hinter ihr wird der DSC 1927 und 1928 jeweils Zweiter. Heidkamp spielt auch in der westdeutschen Verbandsauswahl, im Bundespokal. Im Winter und Frühjahr 1928 braucht sie drei Halbfinalspiele gegen den Norden: 4:4 nach Verlängerung in Hamburg, 2:2 nach Verlängerung, dann ein 1:2 nach Verlängerung in Altona. In dieser Auswahl spielt er mit Ernst Albrecht, Georg Euler, Ernst Kuzorra und Fritz Szepan.
Nach den Olympischen Spielen 1928 geht er nach München. In Amsterdam lernt er Ludwig Hofmann kennen, den Linksaußen der Bayern, der nach der Wikipedia als »Vermittler« auftritt. Heidkamp kommt zur Saison 1928/29 und bleibt bis 1937.
Der Grenadier
Seinen Spitznamen erklären die Quellen unterschiedlich. Das Lexikon von 1939 beschreibt einen Mann, den man »aus hundert Außenläufern herauskennen« würde, wegen seines eigenartigen Schritts und der Oberkörperhaltung, und nennt ihn den »langen Düsseldorf-Münchener«. Die englische Wikipedia führt den Namen auf seine spätere Frau Magdalena zurück, die ihn wegen seiner Schussstärke so genannt habe, und auch der FC Bayern bringt den »Grenadier« mit seiner Schusskraft in Verbindung. Welche Version stimmt, lässt sich nicht entscheiden.
Auch seine Position wird verschieden geführt. Das Darmstädter Tagblatt führt ihn im Länderspiel als Außenläufer, in Berlin 1930 in der Läuferreihe Heidkamp – Leinberger – Mantel. Das DFB-Datencenter nennt ihn gegen England dagegen Verteidiger, und im Endspiel 1932 steht er neben Sigmund Haringer hinten. Am ehesten war er wohl beides, ein Mann für die linke Seite hinten, der sich auch in die Mitte schob.
Neun Länderspiele zwischen Lob und Tadel
Debüt hat er am 20. November 1927 in Köln, 2:2 gegen die Niederlande. Der Reichstrainer Otto Nerz schickt vier Neulinge aufs Feld, und mit Heidkamp läuft auch Kuzorra zum ersten Mal im Nationaltrikot auf. Das Darmstädter Tagblatt ist streng: Die beiden Außenläufer Heidkamp und Weber seien »fehl am Platz« gewesen, bei Heidkamp habe das Stellungsspiel zu wünschen übrig gelassen. Kurz vor Schluss verpasst er einen Ball, Hans Kalb will einspringen und stürzt, und Smeets schießt das 2:2. Kuzorra dagegen habe sich wohl »einen bleibenden Platz in der Nationalelf gesichert«.
Im Sommer 1928 steht Heidkamp im Olympiakader von Amsterdam, wird aber in keinem der beiden Spiele eingesetzt. Danach geht es Schlag auf Schlag. Am 16. September 1928 erlebt das neue Nürnberger Stadion seinen ersten großen Fußballnachmittag, und Deutschland liegt gegen Dänemark nach neun Minuten 0:1 zurück. Nach dem Wechsel, in der 58. Minute, holt sich Heidkamp in einem Gedränge den Ball und schießt ihn platziert zum Ausgleich, dem dänischen Torwart haben eigene Leute die Sicht verstellt. Es ist sein einziges Länderspieltor. Ludwig Hofmann macht in der 68. Minute das 2:1. Eine Woche später legt er in Oslo das 1:0 durch Josef Schmitt auf, das Tagblatt nennt ihn dort den besten der drei Läufer. Beim 0:2 in Stockholm schreibt es, er und Georg Knöpfle hätten sich »ganz ausgezeichnet« gehalten.
Beim 1:1 gegen Schottland in Berlin am 1. Juni 1929 gefällt er dem Tagblatt besser als sein Nebenmann Hans Geiger. Dann kommt das Jahr 1930, und es zeigt, wie schnell das Urteil kippt. Am 2. März verliert Deutschland in Frankfurt 0:2 gegen Italien. Nach dem Tagblatt vom 3. März hält Heidkamp links keinen Platz, er sei »nie auf seinem Posten« und treibe sich »zu viel in der Mitte« herum, Costantino habe freie Bahn gehabt. Ein Satz im selben Bericht klingt anders: Der Italiener Baloncieri sei nicht aufgefallen, weil ihn der ständig als »halber Mittelläufer« spielende Heidkamp gut gedeckt habe. Zwei Monate später, beim 5:0 in Zürich, nennt dieselbe Zeitung die Läuferreihe die Überraschung des Tages: Hergert habe viel gearbeitet, die Leistung Heidkamps sei kaum dahinter zurückgeblieben.
Berlin, 10. Mai 1930: Gegen England
Sechs Tage später spielt Deutschland in Berlin zum ersten Mal gegen die A-Auswahl Englands. Im Deutschen Stadion sind nach dem DFB 50.000 Zuschauer. England geht in der 8. Minute durch Joe Bradford in Führung, Richard Hofmann gleicht in der 21. Minute aus, Bradford trifft noch einmal, 1:2 zur Pause. Hofmann, elf Wochen nach seinem Autounfall zurück, dreht die Partie: 2:2 in der 49. Minute, 3:2 in der 60. In der 83. Minute gleicht England zum 3:3 aus. Das DFB-Datencenter nennt David Jack als Torschützen, das Tagblatt Vic Watson.
Heidkamp spielt links in der Läuferreihe, neben Ludwig Leinberger und Hugo Mantel. Das Tagblatt vom 11. Mai schreibt, diese drei verdienten »ein Gesamtlob«, sie hätten »unermüdlich« gearbeitet, und das deutsche Hintertrio sei »bombensicher« gewesen. Die Wikipedia nennt es den Höhepunkt seiner Länderspielzeit. Das Lexikon von 1939 hält die »wunderbare Abwehrleistung im England-Kampf 1933« für sein größtes Spiel. Ein Länderspiel gegen England gab es 1933 nicht, Heidkamp spielte nur 1930 gegen die Engländer, vermutlich ist dieses Spiel gemeint.
Sein letztes Länderspiel macht er am 28. September 1930 in Dresden. Gegen Ungarn liegt Deutschland nach 40 Minuten 0:3 hinten und gewinnt 5:3. Nach der Zeitung haben in der ersten Halbzeit nur Franz Schütz und Heidkamp die Erwartungen voll erfüllt, beide seien auch in der zweiten gleichbleibend gut gewesen. Warum danach kein Ruf mehr kam, nennt keine Quelle.
Meister 1932: der Weg
Die Bayern gewinnen 1929 die südbayerische Meisterschaft und werden Vizemeister im Süden. In der Endrunde schlagen sie am 16. Juni in München den Dresdner SC 3:0, mit Richard Hofmann im Gegner-Sturm, und scheitern im Viertelfinale mit 3:4 nach Verlängerung beim Breslauer SC 08. 1930 und 1931 sind sie wieder südbayerischer Meister, in der süddeutschen Endrunde aber nur Dritter. Zum 1. Juli 1930 übernimmt der Österreicher Richard Dombi das Training. Er baut, so die Wikipedia, die Mannschaft um den Stürmer Oskar Rohr und um Heidkamp auf.
1932 geht es weiter. Die Bayern werden südbayerischer Meister vor 1860 München und Erster der süddeutschen Endrundengruppe Süd/Ost vor dem 1. FC Nürnberg. Das süddeutsche Endspiel verlieren sie am 24. April in Stuttgart 0:2 gegen Eintracht Frankfurt. Den Weg zum Titel gehen sie trotzdem: Am 8. Mai besiegen sie Minerva 93 Berlin 4:2, am 22. Mai in Leipzig den PSV Chemnitz 3:2, am 29. Mai im Mannheimer Stadion den 1. FC Nürnberg 2:0. Sturmführer Josef Pöttinger fällt nach der Wikipedia in der ganzen Endrunde verletzt aus.
Der große Tag: Nürnberg, 12. Juni 1932
Im Finale wartet wieder Eintracht Frankfurt, knapp sieben Wochen nach Stuttgart. Die Badische Presse beschreibt am 13. Juni, wie das Stadion schon zwei Stunden vor Anpfiff, um zwei Uhr mittags, überfüllt ist, wie Sanitäter ständig Ohnmächtige auf Bahren forttragen und wie die Anreisenden mit Musikkapellen durch die Straßen ziehen. 57.000 Karten seien verkauft, mit den Notsitzen im Innenraum dürften es 60.000 Zuschauer gewesen sein. Die Wikipedia nennt 55.000. Auch den Termin überliefern die Quellen nicht einheitlich: Die Badische Presse datiert ihren Drahtbericht auf den 12. Juni, so führen es auch die Wikipedia-Übersicht der Meisterschaft und der FC Bayern. Heidkamps eigene Wikipedia-Biografie nennt dagegen den 16. Juni.
Schiedsrichter ist Alfred Birlem aus Berlin. Bayern spielt mit Lechler im Tor, Heidkamp und Sigmund Haringer als Verteidigerpaar, Ernst Nagelschmitz, Ludwig Goldbrunner und Breindl in der Läuferreihe und vorn Josef Bergmaier, Franz Krumm, Rohr, Hans Schmid und Hans Welker. Der Reporter findet das Spiel nicht immer hochklassig, aber hart und spannend. Frankfurt ist in der ersten Halbzeit leicht überlegen, Haringer schießt aus gut 20 Metern dreimal über das Tor (die Zeitung nennt es »Strafstoß«). Dann hält der Frankfurter Leis in der 35. Minute einen Schuss von Krumm mit der Hand, Birlem zeigt auf den Punkt, und Rohr schießt in die rechte Ecke. Es steht 1:0. Nach der Pause, nach dem Bericht in der 30. Minute, dreht sich Krumm mit dem Rücken zum Tor, zieht ab, trifft die Innenkante des Pfostens, und der Ball springt ins Netz. Danach ziehen sich die Bayern zurück, meist stehen nur drei Stürmer vorn, während Frankfurt mit allem, sogar mit den Verteidigern, anrennt. Es bleibt bei 2:0.
Über Heidkamp urteilt die Badische Presse: Er und Haringer seien ein gutes Verteidigerpaar gewesen, das dem internationalen Frankfurter Paar Franz Schütz und Hans Stubb »kaum nachstand«. Bester Mann der Läuferreihe war nach dem Bericht Nagelschmitz. Das Fachblatt »Fußball« schrieb nach einem Zitat bei Grüne, das die Wikipedia anführt,: »Mit den Bayern ist die beste deutsche Mannschaft Meister geworden! Die im entscheidenden Augenblick beste deutsche Mannschaft!« Als beste Bayern nannte es Haringer, Heidkamp und Goldbrunner. Die Clubnachrichten vom Juli 1932 bezeichneten Heidkamp, so zitiert es das Museum des FC Bayern, als »das Rückgrat der Mannschaft«.
Nach dem Titel
Die Jahre nach 1932 verändern den Verein. Kurt Landauer, seit 1919 Präsident, legt am 22. März 1933 sein Amt nieder, und Richard Dombi verlässt München der Wikipedia zufolge im Mai 1933 und geht zunächst in die Schweiz. Heidkamp bleibt Spieler der Bayern, nach der Wikipedia bis 1937, und läuft im Bundespokal noch bis 1935 für die Auswahl auf. Von 1937 bis 1939 ist er Trainer beim BC Augsburg.
Die Pokale von Ascholding
Später ist er wieder bei den Bayern, wo er von 1943 bis 1945 Spielertrainer ist. Die Wikipedia nennt ihn zugleich Spieler bis 1944. Im April 1944 verliert der 38-Jährige mit Bayern in der ersten Runde der Deutschen Meisterschaft 1:2 nach Verlängerung beim VfR Mannheim.
Aus dem Krieg bleibt eine Geschichte, die der FC Bayern erzählt. Viele Vereine folgten 1940 einem Aufruf von Hermann Göring zur Metallspende und gaben Pokale zum Einschmelzen ab, nach der Wikipedia. Die Bayern behielten ihre Trophäen. Als im Spätsommer 1942 die Luftangriffe auf München begannen, brachten Heidkamp und seine Frau Magdalena die Kisten mit einem Holzvergaser-Auto zu einem Bauern in Ascholding bei Wolfratshausen, bei dem sie als Kind Ferien verbracht hatte. Im Frühjahr 1945, kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner, vergruben sie die Kisten dort. Mehr als 25 Jahre später besichtigte Magdalena Heidkamp das neu eröffnete Vereinszentrum an der Säbener Straße. In ihren Erinnerungen »Mein Leben mit Konny Heidkamp« schrieb sie: »Dort bekam ich zum ersten Mal die Pokale zu sehen, die ich bisher nur in Kisten kannte.«
Beruflich blieb Heidkamp 40 Jahre bei Siemens & Halske und stieg dort bis zum Geschäftsführer auf, so die Wikipedia mit Verweis auf Schulze-Marmeling. Sein Sohn, ebenfalls Konrad Heidkamp (1947–2009), wurde Journalist und Musik- und Literaturkritiker, nicht zu verwechseln mit dem Vater. Conny Heidkamp, Ehrenmitglied des FC Bayern, starb am 5. März 1994 in München, 88 Jahre alt.
Conny Heidkamp auf einen Blick
Geboren: 27.9.1905 in Rath (Düsseldorf)
Gestorben: 5.3.1994 in München
Spitzname: »Conny«, »Grenadier«
Vereine: Düsseldorfer SC 99 (1925–1928), FC Bayern München (1928–1937, 1939–1944)
Trainer: BC Augsburg (1937–1939), FC Bayern München (1943–1945)
Position: linker Läufer, auch Verteidiger
Beruf: kaufmännischer Angestellter, später Geschäftsführer bei Siemens & Halske
Erfolge: Deutscher Meister 1932 als Spielführer des FC Bayern, Olympia 1928 (im Kader, ohne Einsatz)
Bilanz: 9 Länderspiele (4 Siege, 3 Unentschieden, 2 Niederlagen, Torverhältnis 20:14), 1 Tor, 1927–1930
Länderspiele
- 20.11.1927 Deutschland – Niederlande 2:2
- 16.09.1928 Deutschland – Dänemark 2:1 – 1 Tor
- 23.09.1928 Norwegen – Deutschland 0:2
- 30.09.1928 Schweden – Deutschland 2:0
- 01.06.1929 Deutschland – Schottland 1:1
- 02.03.1930 Deutschland – Italien 0:2
- 04.05.1930 Schweiz – Deutschland 0:5
- 10.05.1930 Deutschland – England 3:3
- 28.09.1930 Deutschland – Ungarn 5:3
Quellen
- Wikipedia: Konrad Heidkamp (Fußballspieler)
- Wikipedia (en): Conrad Heidkamp
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1931/32
- Olympedia: Conny Heidkamp
- FC Bayern: Konrad Heidkamp, Hall of Fame
- FC Bayern Museum: Die erste Deutsche Meisterschaft (2012)
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Darmstädter Tagblatt, 21. November 1927
- Darmstädter Tagblatt, 24. September 1928
- Darmstädter Tagblatt, 1. Oktober 1928
- Darmstädter Tagblatt, 3. Juni 1929
- Darmstädter Tagblatt, 3. März 1930
- Darmstädter Tagblatt, 5. Mai 1930
- Darmstädter Tagblatt, 11. Mai 1930
- Darmstädter Tagblatt, 29. September 1930
- Badische Presse, 13.6.1932 (Endspiel Bayern – Eintracht)