Walter Risse – der Verteidiger, der rückwärts köpfte

Mit dem Rücken zum Tor stehen, den Kopf weit in den Nacken reißen und eine Flanke rückwärts ins Netz köpfen: Das konnte Walter Risse angeblich. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 jedenfalls erzählt es so und vermutet trocken, er müsse »eine ungewöhnliche Nackenmuskulatur gehabt haben«. Als das Lexikon erschien, kannte man Risse nur noch als den »großen Verteidiger«. Die Kunststücke stammten aus seiner Zeit als Stürmer.

Walter Risses Laufbahn · vom Düsseldorfer SC 99 über den HSV bis zu den Trainerbänken, 1912–1969
Walter Risses Laufbahn · vom Düsseldorfer SC 99 über den HSV bis zu den Trainerbänken, 1912–1969

»Da erregte vor allem … ein zur wahren Virtuosität entwickeltes Kopfballspiel Sonntag um Sonntag Aufsehen.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Von Düsseldorf nach Hamburg

Wo Walter Risse am 2. Dezember 1893 geboren wurde, sagen die Quellen nicht einheitlich: Die deutsche Wikipedia nennt Iserlohn, die englische Düsseldorf. Das Lexikon von 1939 gibt Düsseldorf als Heimatort an und als Beruf Sportlehrer. Nicht zu verwechseln ist er mit dem gleichnamigen Generalleutnant Walter Risse (1892–1965).

Von 1912 an spielt er beim Düsseldorfer SC 99, mit Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg, nach der Wikipedia bis 1923. Mit der Auswahl Westdeutschlands gewinnt er am 20. Juni 1920 in Hannover den Bundespokal: 1:0 nach Verlängerung gegen Mitteldeutschland, das Tor fällt in der 116. Minute. Zwei Jahre später, im Juni 1922, steht er wieder in der westdeutschen Elf, die in Berlin 1:4 gegen Süddeutschland verliert. Am 25. Februar 1923 steht er in Frankfurt im Finale und unterliegt dem Süden 1:2. In derselben Elf spielt ein Bielefelder Halbstürmer, der bald sein Mitspieler in der Nationalelf wird: Walter Claus-Oehler.

Zu Jahresbeginn 1924 wechselt er nach der Wikipedia zum Hamburger SV. Gleich in der ersten Saison steht er im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft: Am 9. Juni 1924 verliert der HSV vor 40.000 Zuschauern im Berliner Deutschen Stadion 0:2 gegen den 1. FC Nürnberg.

Der Kopf als Waffe

Das Lexikon nennt als Stammposten Halblinks und Verteidiger und schreibt, »vielleicht war er … origineller in seinem Spiel, als er noch stürmte«. Über Laufwege, Zweikämpfe oder Charakter ist wenig überliefert. Die Kopfballkunst dagegen füllt im Lexikon fast den ganzen Eintrag: Kombinationszüge »wanderten über seinen Kopf«, und aus allen Lagen schoss er köpfend aufs Tor.

Acht Länderspiele, fünf mit Henry Müller

Am 10. Mai 1923, Christi Himmelfahrt, debütiert Risse in Hamburg beim 0:0 gegen die Niederlande. Acht der elf deutschen Spieler tragen zum ersten Mal das Nationaltrikot, darunter Claus-Oehler im Angriff. Nach DFB-Angabe kommen 28.000 Zuschauer, niederländische Zeitungen schätzen 25.000. Neben Risse verteidigt Henry Müller von Victoria Hamburg. Beide, so der Berichterstatter von Het Vaderland, hatten in der zweiten Halbzeit keine Mühe, ihr Terrain zu behaupten.

Das Duo bleibt zusammen. Am 3. Juni 1923 gewinnt Deutschland in Basel 2:1 gegen die Schweiz, vier Wochen später verliert es in Stockholm 1:2 gegen Schweden, und am 12. August in Dresden fällt gegen Finnland (1:2) ein Müller-Eigentor. Fünf der acht Länderspiele bestreitet Risse an Müllers Seite, auch das letzte.

Der große Tag: Hamburg, 4. November 1923

Ein Sonntag auf dem Victoria-Sportplatz an der Hoheluft, 20.000 Zuschauer, Gegner ist zum ersten Mal Norwegen. Das Spiel sollte ursprünglich in Berlin stattfinden und wurde nach Hamburg verlegt, weil in Berlin kurz darauf die Zwischenrunde um den Bundespokal anstand. Der Hamburger Tull Harder, der für das Länderspiel eine Spielgenehmigung bekommen hat, trifft in der 22. Minute, mehr Tore fallen nicht.

Risse ist an diesem Tag nach dem Darmstädter Tagblatt vom 5. November 1923 neben Torwart Heiner Stuhlfauth, dem Kapitän, der stärkste deutsche Spieler. Sein Nebenmann Fritz Bache, der hier debütierte, sei daneben etwas abgefallen, und auch Harder habe als Sturmführer nicht ganz das Erwartete geleistet. Das Gesamturteil der Zeitung lautet trotzdem: »Der Sieg ist verdient.« Es ist das Länderspiel, in dem eine Zeitung Risse ausdrücklich hervorhebt.

Deutschland – Norwegen 1:0 in Hamburg · Walter Risse in der Abwehr neben Fritz Bache
Deutschland – Norwegen 1:0 in Hamburg · Walter Risse in der Abwehr neben Fritz Bache

Meisterschaft und Abschied

Im Juni 1924 hat Risse noch die Final-Niederlage von Berlin in den Beinen, als er sechs Tage später in Kristiania Norwegen 2:0 besiegt. Neben ihm verteidigt der Nürnberger Anton Kugler, Nürnberger Meisterspieler haben den Rest der Mannschaft gefüllt. Am 31. August 1924 folgt in Berlin das 1:4 gegen Schweden: Spieler aus Nürnberg und Fürth fehlen, sechs Spieler debütieren, und die letzten zehn Minuten bringen drei Gegentore. Danach bleibt Risse vier Jahre lang ohne Länderspiel. Warum, ist nicht überliefert.

In dieser Zeit wird er mit dem HSV mehrmals Norddeutscher Meister (1925, 1928, 1929, 1931, 1932, 1933). Der größte Erfolg gelingt am 29. Juli 1928 in Altona: 5:2 im Endspiel gegen Hertha BSC, vor 42.000 Zuschauern (Datenbanken). Auf dem Weg dorthin hatte der HSV Schalke 4:2, Königsberg 4:0 und die Bayern 8:2 geschlagen. Die sichere Abwehr um Risse, Albert Beier und Torwart Wilhelm Blunk trug nach der Wikipedia entscheidend zum Titel bei.

Der HSV spielte im Endspiel mit Blunk im Tor, Beier und Risse in der Verteidigung, Lang, Halvorsen und Carlsson in der Läuferreihe und dem Sturm Kolzen, Ziegenspeck, Harder, Horn und Rave. Nach den Datenbanken trafen Harder (7. Minute), Rave (17.), Kolzen (20. und 64.) und Horn (57.), für Hertha Kirsei (24.) und Grenzel (75.). Das Darmstädter Tagblatt vom 30. Juli 1928 zählt dagegen 50.000 Zuschauer und nennt andere Torschützen und Minuten. Die Aufstellung deckt sich. Sein Urteil über die Hintermannschaft (Presseurteil): »Mit großer Sicherheit, rein und schnell im Schlag, mit schnellem Start und großer Körperbeherrschung arbeitete die Verteidigung. Auch Blunk im Tor war gut.« Den besten Teil der Mannschaft sah die Zeitung in der Läuferreihe mit »Dirigenten Halvorsen«, und den Titel erklärte sie mit dem »unbeugsamen Siegeswillen« der Hamburger.

Zwei Monate später ruft ihn der DFB wieder. Am 23. September 1928 gewinnt Deutschland in Oslo 2:0 gegen Norwegen, dank Toren von Josef Schmitt und Ernst Kuzorra. Das Darmstädter Tagblatt sieht den Sieg »mit Glück« errungen und nennt die Verteidigung Müller–Risse mäßig und unsicher. Torwart Stuhlfauth dagegen habe man »selten besser gesehen«. Für Risse ist es das achte und letzte Länderspiel, wie schon beim Debüt neben Henry Müller.

Hamburger Jahre: 21 Endrundenspiele

Risses Bilanz um die Deutsche Meisterschaft ist lang. Nach den Aufstellungen im Libero-Heft zur Endrunde (D 6/7, 1993) stand er in 21 Endrundenspielen auf dem Platz, in neun verschiedenen Jahren. Das Finale 1924 stellte die Hamburger Elf so auf: Martens im Tor, Beier und Risse in der Verteidigung, Lang, Halvorsen und Krohn in der Läuferreihe, vorn Kolzen, Fick, Harder, Schneider und Rave. Auf dem Weg dorthin schlug der HSV am 11. Mai 1924 Breslau 3:0 und am 25. Mai Leipzig 1:0.

Danach ging es so weiter:

  • 1925: 1:2 nach Verlängerung gegen den FSV Frankfurt am 3. Mai auf der Radrennbahn in Hannover.
  • 1926: 3:1 in Duisburg (16. Mai), 6:2 gegen Fortuna Leipzig (30. Mai) und 2:4 gegen Hertha BSC am 6. Juni vor 45.000 Zuschauern im Grunewald.
  • 1927: 4:1 bei Fortuna Düsseldorf (8. Mai), 1:2 gegen Nürnberg (22. Mai).
  • 1928: der Titelweg mit den Spielen am 8., 15., 22. und 29. Juli. Das 8:2 gegen die Bayern fiel im Duisburger Wedaustadion vor 20.000 Zuschauern.
  • 1929: 3:2 gegen den Meidericher SV in Duisburg (16. Juni), 0:2 gegen Fürth in Altona (30. Juni).
  • 1931: 2:0 gegen Beuthen (10. Mai), 2:0 gegen Eintracht Frankfurt (17. Mai), 2:3 nach Verlängerung gegen Hertha in Leipzig (31. Mai).
  • 1932: 3:1 gegen Benrath (8. Mai), 2:4 gegen Schalke in Bochum (22. Mai).
  • 1933: 1:4 gegen Eintracht Frankfurt am 7. Mai an der Hoheluft.

1930 fehlt in der Reihe, weil der HSV in diesem Jahr die Endrunde nicht erreichte. Nach 1928 schied der HSV 1929 gegen Fürth aus, 1931 nach Verlängerung gegen Hertha, 1932 gegen Schalke und 1933 gegen Eintracht Frankfurt. Der Titel von 1928 blieb der einzige.

Trainer, Sohn, Spätjahre

Nach der Saison 1933 verlässt er den HSV im Streit: Er sei, so Skrentny und Prüß in »Mit der Raute im Herzen«, aus Altersgründen nicht mehr berücksichtigt worden. Schon vorher hatte er als Trainer begonnen, 1932/33 beim Oldesloer SV, ab Herbst 1933 bei Polizei Lübeck, 1936/37 bei der Hamburger Polizei-Sportvereinigung. 1937 übernimmt er den Eimsbütteler TV und trainiert ihn bis 1949, mit den Gaumeisterschaften 1940 und 1942 in den Kriegsjahren. In der Endrunde 1939/40 wurde der ETV in seiner Gruppe Zweiter hinter dem Dresdner SC, mit drei Siegen, einem Remis und zwei Niederlagen: 3:1 gegen Osnabrück, 0:1 gegen Jena, 0:0 gegen Dresden, 3:2 in Jena, 4:3 in Osnabrück und 0:3 gegen Dresden in Hamburg. 1942 gab es ein Freilos im Achtelfinale und am 24. Mai ein 2:4 bei Werder Bremen. Beim ETV spielt auch sein Sohn Walter, der später nach Schulze-Marmeling 82-mal in der Oberliga Nord auflief.

Nach der deutschen Wikipedia, die sich auf Unterlagen des Bundesarchivs stützt, trat Risse im Februar 1933 in die SA und zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein.

Aufhören kann er nicht. Am 28. November 1943, wenige Tage vor seinem 50. Geburtstag, hilft er beim 0:6 des ETV gegen den LSV Hamburg aus, mit »bemerkenswerter Frische«, wie die Stormarnsche Zeitung schrieb. Später trainiert er den TuS Hamburg (1947), den Harburger TB (1949/50), den FC St. Pauli (April 1950 bis 1952), Concordia Hamburg, wieder den ETV (1953–1955), Arminia Hannover (1955–1957) und zuletzt 1957/58 den VfL Wolfsburg.

Walter Risse stirbt 1969 in Hamburg, nach der deutschen Wikipedia am 8. Juni, nach der englischen am 16. Juni. Sein Grab liegt auf dem Friedhof Ohlsdorf im Planquadrat Bw 69, östlich der Kapelle 11, und gilt als verwaist.

Walter Risse auf einen Blick

Geboren: 2. Dezember 1893 in Iserlohn (nach anderer Angabe Düsseldorf)
Gestorben: 8. Juni 1969 in Hamburg (nach anderer Angabe 16. Juni)
Vereine: Düsseldorfer SC 99 (1912–1923), Hamburger SV (1924–1933)
Position: Verteidiger, früher Halblinks
Titel: Bundespokal 1920 mit Westdeutschland; Deutscher Meister 1928 mit dem HSV; Norddeutscher Meister 1925, 1928, 1929, 1931, 1932, 1933; 21 Spiele um die Deutsche Meisterschaft
Bilanz: 8 Länderspiele, kein Tor (1923–1928)
Beruf: Sportlehrer, Trainer
Trainerstationen: u. a. Eimsbütteler TV, FC St. Pauli, VfL Wolfsburg

Länderspiele

Quellen