Franz Horn – der Stürmer, der in Amsterdam zusah
Am 3. Juni 1928 steht Deutschland in Amsterdam vor dem Viertelfinale gegen Uruguay. Das Darmstädter Tagblatt hält tags darauf fest, die Elf sei angetreten wie gegen die Schweiz, »die Ersetzung Hornauers durch Horn war unterblieben«. Wer sie erwogen hatte, sagt die Zeitung nicht. Josef Hornauer spielte, Franz Horn sah zu. Vier Buchstaben trennen die beiden Namen, an diesem Nachmittag trennte sie der Aufstellungszettel.
Die Chance kam trotzdem, dreimal. Und im Verein war Horn ohnehin der Mann für die Tore: 121 in 105 Meisterschaftsspielen für den Hamburger SV, so zählt es die Wikipedia.
»Horn bewährte sich als Sturmführer, er verteilt glänzend, ist uneigennützig …«
Von Essen an die Alster
Franz Horn kommt am 26. August 1904 in Essen zur Welt. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn Kaufmann und führt als Vereine Schwarz-Weiß Essen und den Hamburger SV auf. Bei Schwarz-Weiß gehört der Innenstürmer nach der Wikipedia früh zur Stammformation. Die englische Wikipedia nennt davor noch den Essener TB (1923/24). 1926 geht er nach Hamburg, die Wikipedia gibt als Beweggrund an, er habe überregional erfolgreich spielen wollen.
Beim HSV stürmt er zunächst als Halbstürmer neben Otto »Tull« Harder (mehr zu ihm bei Tull Harder), später übernimmt er dessen Rolle als Sturmspitze. Er gilt als guter Techniker und Spiellenker, dem man nachsagt, Zweikämpfen eher aus dem Weg gegangen zu sein. Die Zahlen sprechen für ihn, doch die Wikipedia gibt zu bedenken, dass der HSV in Hamburg und im Norden fast konkurrenzlos war. Norddeutscher Meister wird er 1928, 1929, 1931 und 1932, 1930 gewinnt er mit der norddeutschen Auswahl den Bundespokal und schießt beim 2:0 gegen Brandenburg eines der beiden Tore.
Elf Spiele bestreitet Horn in den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft, sieben Tore schießt er darin (Wikipedia; die Libero-Chronik der Endrunden bestätigt beides). Am 8. Mai 1927 gewinnt er mit dem HSV im Achtelfinale in Düsseldorf 4:1 bei Fortuna, zwei Wochen später verliert der HSV das Viertelfinale daheim 1:2 gegen den 1. FC Nürnberg.
Sein Jahr aber ist 1928. Weil die Nationalelf im Mai nach Amsterdam fährt, rückt die Endrunde in den Juli. Am 8. Juli geht es im Achtelfinale auf dem Platz des Eimsbütteler TV an der Hoheluft gegen Schalke 04, 10.000 Zuschauer sehen ein 4:2, Horn trifft in der 25. und 65. Minute. Eine Woche später gewinnt der HSV in Königsberg 4:0. Am 22. Juli folgt im Duisburger Wedau-Stadion das Halbfinale gegen Bayern München, vor 20.000 Zuschauern, 8:2 – Horn schießt das 3:1 (47. Minute) und das 6:2 (77.). Am 29. Juli steht das Finale in Altona an, 42.000 Zuschauer, Gegner ist Hertha BSC mit Hanne Sobek im Angriff. Der HSV führt nach 20 Minuten 3:0, Hertha verkürzt, und in der 57. Minute stellt Horn auf 4:1. Am Ende heißt es 5:2. Das Darmstädter Tagblatt nennt den wiedererstandenen Harder und »den technisch überragenden Horn« die besten Leute eines Angriffs, dessen Durchschlagskraft »enorm« gewesen sei (30. Juli 1928); zum 2:0 durch Ziegenspeck habe Horn eine »prächtige Vorlage« gegeben, zum 4:1 flankte Rave auf ihn. Das Tagblatt zählt 50.000 Zuschauer, Libero 42.000. Mit fünf Toren teilt Horn sich Platz vier der Torschützenliste mit Hans Rave.
Ein Jahr später endet der Weg früher. Am 16. Juni 1929 siegt der HSV im Achtelfinale in Duisburg bei Meiderich 3:2, Horn erzielt in der 88. Minute den Siegtreffer. Zwei Wochen später, am 30. Juni, verliert der Titelverteidiger das Viertelfinale in Altona 0:2 gegen die SpVgg Fürth. 1931 trifft Horn im Achtelfinale in Beuthen (10. Mai, 2:0) und besiegt mit dem HSV die Frankfurter Eintracht (17. Mai, 2:0). Im Halbfinale am 31. Mai 1931 unterliegt der HSV bei Hertha BSC 2:3 nach Verlängerung. Eine Endrunde 1929/30 gibt es für den HSV nicht.
Im Frühjahr 1930, so die Wikipedia, gelingen ihm in einem Spiel um die norddeutsche Meisterschaft sieben Tore, nach anderer Quelle fünf. Als Gegner nennt sie Eintracht Braunschweig. Die Ergebnistabelle der Endrunde 1929/30 verzeichnet dagegen im Achtelfinale ein 13:1 des HSV gegen den VfB Braunschweig. Ob es dasselbe Spiel ist, bleibt offen.
Nerz' Neulinge
Für Amsterdam bietet Reichstrainer Otto Nerz fünf Neulinge auf: Gehlhaar, Heinrich Weber, Gruber, Josef Schmitt und Horn. Kritiker sprechen laut Schulze-Marmeling von einer bevorstehenden Pleite, weil die Mannschaft zu unerfahren sei. Horn gehört zum Kader, kommt aber in keinem der beiden Spiele zum Einsatz. Olympedia führt ihn als »Non-starter«.
Ein Länderspiel gibt es für ihn erst im September. Am 16. September 1928 weiht Nürnberg sein neues Städtisches Stadion ein, 50.000 Zuschauer kommen, Gegner ist Dänemark, das die drei bisherigen Duelle klar gewonnen hat. Horn stürmt als Verbinder neben dem Nürnberger Josef Schmitt, beide debütieren. Deutschland gewinnt 2:1, nach einem Rückstand in der 9. Minute. Das Tagblatt fand das Spiel gut, aber nicht vollkommen. Der Angriff sei nicht einheitlich genug gewesen, und »Horn als Verbinder litt darunter, zeigte sonst aber gute Kleinarbeit«.
Der große Tag: Köln, 23. Juni 1929
Neun Monate später steht er in Köln gegen Schweden wieder in der Elf. Im Müngersdorfer Stadion sind es 52.000 Zuschauer (DFB), 60.000 nach dem Tagblatt. In sieben früheren Spielen gegen Schweden hatte der DFB erst einmal gewonnen, und Horn ist von Beginn an mitten im Angriff. Er spielt sich durch und schießt knapp vorbei. Franz Schütz, der Frankfurter Verteidiger, schlägt einen Freistoß zu ihm, Horn leitet weiter, und Ludwig Hofmann schießt knapp am Tor vorbei. Dann köpft Horn selbst, doch Richard Hofmann steht im Abseits. Ein Bombenschuss geht 20 Zentimeter neben den Pfosten, ein freistehender Ball über das Tor.
Kurz vor der Pause nimmt er eine Flanke Ludwig Hofmanns im Sprung und köpft sie ins Netz. Der Jubel braust auf, der Schiedsrichter pfeift Abseits. Die Tore des Tages schießt am Ende der Dresdner: Richard Hofmann trifft dreimal, nach dem DFB in der 27., 65. und 85. Minute. Als ihm nach der Pause ein weiterer Treffer wegen Handspiels aberkannt wird, braust er auf, und Horn muss ihn beruhigen. Das Lexikon von 1939 notiert, es habe sechsmal im schwedischen Tor eingeschlagen, aber nur drei Treffer hätten gezählt.
Das Tagblatt zieht ein klares Fazit. Hofmann sei »tatsächlich einer der besten Stürmer, die wir je gehabt haben«, und Horn habe sich als Sturmführer bewährt. Ein Tor fehlt dem Hamburger, die Anerkennung nicht. Mehr zum Spiel steht im Bericht zum Länderspiel.
Altona, und dann nichts mehr
Das dritte und letzte Länderspiel folgt am 20. Oktober 1929 in Altona, in seiner Hamburger Heimat. Gegen Finnland siegt Deutschland 4:0, vor nur 20.000 Zuschauern, und fünf Spieler debütieren, darunter Fritz Szepan neben Horn im Angriff. Das Tagblatt urteilt: Horn führte »eine Halbzeit lang sehr fein, ließ aber nach der Pause nach«. Beim 3:0 legte er Richard Hofmann den Ball auf den Fuß. Nach diesem Tag steht sein Name nicht mehr in einer Länderspielaufstellung. Warum, sagen die Quellen nicht.
Das Knie, der Wein und die Partei
1932 kehrt Horn nach einer schweren Knieverletzung zu Schwarz-Weiß Essen zurück. Der Wein- und Spirituosenhändler, wie ihn die Wikipedia und Olympedia nennen, beendet dort 1935 seine Laufbahn und unterstützt den Verein später mit Rat und Geld.
Nach der Wikipedia, die sich auf eine Karteikarte im Bundesarchiv und einen Artikel der Zeit vom 24. Juli 2024 stützt, beantragt Horn am 8. Juni 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wird rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen.
Franz Horn stirbt 1963 in Essen-Rüttenscheid, im Alter von 59 Jahren. Die deutsche Wikipedia und Olympedia nennen den 29. September, die englische Wikipedia den 22. September.
Franz Horn auf einen Blick
Geboren: 26.8.1904 in Essen
Gestorben: 29.9.1963 in Essen-Rüttenscheid (englische Wikipedia: 22.9.1963)
Vereine: Schwarz-Weiß Essen (bis 1926), Hamburger SV (1926–1932), Schwarz-Weiß Essen (1932–1935)
Position: Halbstürmer, Mittelstürmer
Beruf: Kaufmann (Lexikon 1939), später Wein- und Spirituosenhändler
Erfolge: Deutscher Meister 1928, Norddeutscher Meister 1928, 1929, 1931, 1932, Bundespokalsieger 1930 mit Norddeutschland, Olympia 1928 (im Kader, ohne Einsatz)
Bilanz: 3 Länderspiele (3 Siege, Torverhältnis 9:1), kein Tor, 1928–1929
Länderspiele
- 16.09.1928 Deutschland – Dänemark 2:1
- 23.06.1929 Deutschland – Schweden 3:0
- 20.10.1929 Deutschland – Finnland 4:0
Beim olympischen Turnier 1928 in Amsterdam gehörte Horn zum Aufgebot, kam aber weder beim 4:0 gegen die Schweiz noch beim 1:4 gegen Uruguay zum Einsatz.
Quellen
- Wikipedia: Franz Horn (Fußballspieler)
- Wikipedia (englisch): Franz Horn
- Olympedia: Franz Horn
- DFB-Datencenter: Franz Horn, Spielerprofil
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1927/28
- Wikipedia: Norddeutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 4. Juni 1928
- Darmstädter Tagblatt, 30. Juli 1928
- Libero-Chronik: Deutsche Fußball-Endrunden 1927–1931 (Spielberichte und Aufstellungen)
- Darmstädter Tagblatt, 17. September 1928
- Darmstädter Tagblatt, 24. Juni 1929
- Darmstädter Tagblatt, 21. Oktober 1929