Carl Hartmann – der Doppelpack von Basel

Drei Minuten waren in Basel gespielt, da lag der Ball im Schweizer Tor. Der Schütze war ein Stürmer von der Potsdamer Sport-Union, der erst seit Kurzem in Hamburg spielte. Carl Hartmann traf am 3. Juni 1923 zum 1:0 und in der 71. Minute zum 2:0. Beide deutschen Tore des Tages, beim 2:1. Es blieben, wie es der DFB zählt, seine einzigen Länderspieltore. Vier Einsätze, zwei Treffer, ein Nachmittag: Mehr steht nicht in seiner Länderspielbilanz.

Carl Hartmanns Laufbahn · von Potsdam nach Hamburg, 1905–1928
Carl Hartmanns Laufbahn · von Potsdam nach Hamburg, 1905–1928

»… stattdessen Akteure von zweitrangigen Klubs wie Guts Muths Dresden (Rudolf Leip), Potsdamer SU (Carl Hartmann) oder TuRU Düsseldorf (Josef Lüke) eingesetzt hatte.«

— Schulze-Marmeling (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, über die Kritik am DFB-Spielausschuss vor dem Finnland-Spiel im August 1923

Von der Sport-Union an die Alster

Carl Hartmann wird am 8. Februar 1894 in Potsdam geboren, so geben es die Wikipedia und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 an; dort steht er als »Karl«, von Beruf Feinmechaniker, Stammposten Mittelstürmer. Die Wikipedia nennt außerdem den Todestag, 9. Dezember 1971, ohne Ort. Die englischsprachige Wikipedia gibt dagegen den 24. Juni 1943 an, ebenfalls ohne Ort, und lässt ihn schon 1911 zur Union Potsdam kommen. Beide Angaben stehen unbelegt nebeneinander, ein Sterbeort oder ein Nachruf, der sie klären könnte, liegt nicht vor. Mit elf Jahren, 1905, tritt er der Potsdamer Sport-Union bei, und bleibt bis 1923. Meist spielt er in der zweiten Klasse. Aufstieg bedingt kommt er 1921/22 und 1922/23 noch zu Spielen in der Berliner Meisterschaft, der ersten Klasse.

Dann wird er entdeckt. Nach einem Städtespiel zwischen Berlin und Hamburg, in dem er drei Tore erzielt, melden sich gleich zwei Hamburger Vereine. Der SC Victoria und der Eimsbütteler TV bieten ihm Hilfe beim beruflichen Fortkommen an, so die Wikipedia. Hartmann entscheidet sich für Victoria. Die beiden Nachbarvereine bezichtigen sich nun gegenseitig der »Spielerziehung«, eines Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen. Das Ende vom Lied: August Bosse, Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbands und zugleich Leiter der Fußballabteilung des ETV, tritt zurück. Ein Datum nennt die Wikipedia dafür nicht. Hartmann spielt von 1923 bis 1928 auf der Hoheluft, einige Jahre gemeinsam mit seinem Bruder Erich.

Auch in der Länderspielliste finden sich Zeitangaben, die sich nicht ganz decken. Der Spielbericht zur Partie in Hamburg am 10. Mai 1923 führt ihn schon als Victoria-Spieler. Schulze-Marmeling nennt ihn dagegen im August noch bei der Potsdamer SU. Wann genau der Wechsel vollzogen wurde, bleibt offen.

Vier Spiele im Nationaltrikot

Am 10. Mai 1923 steht Hartmann in Hamburg gegen die Niederlande im Angriff, neben den Vereinskameraden Ernst Eikhof und Henry Müller, vor 28.000 Zuschauern auf dem Platz seines neuen Vereins. Acht der elf Deutschen debütieren, es endet 0:0. Das nächste Spiel bringt die Tore: Am 3. Juni gewinnt Deutschland in Basel 2:1.

Am 12. August 1923 folgt in Dresden das 1:2 gegen Finnland, wieder mit Hartmann im Sturm. Nach der Berichtsseite sahen 25.000 Zuschauer auf der Dresdner Kampfbahn im DDV-Stadion Finnlands einzigen Sieg in den fünf Länderspielen, die die Finnen im Sommer 1923 in Mitteleuropa bestritten, geleitet vom Niederländer Job Mutters. Und ein Jahr später, am 31. August 1924 im Berliner Deutschen Stadion, sein letztes Spiel: 1:4 gegen Schweden. Auf Torwart Heiner Stuhlfauth und die übrigen Nürnberger und Fürther Stammspieler musste der DFB nach dem Darmstädter Tagblatt wegen der Auseinandersetzungen zwischen beiden Vereinen verzichten. Sechs Spieler debütieren, im Sturm stehen neben Hartmann Rudolf Leip, Willi Kirsei, Paul Pömpner und als Mittelstürmer Tull Harder, der in der 28. Minute das einzige Tor erzielt. Dann bricht in den letzten zehn Minuten alles zusammen, drei schwedische Tore in neun Minuten.

Danach spielt Hartmann nicht mehr für Deutschland. Warum, steht in keiner der benutzten Quellen.

Der große Tag: Basel, 3. Juni 1923

Sonntag, 3. Juni 1923, Schützenmatte in Basel. 17.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist der Italiener Giovanni Mauro. Die deutsche Elf ist gegenüber dem Hamburger Spiel kräftig umgebaut: Torwart Carl Zörner, dahinter Henry Müller und Walter Risse, in der Läuferreihe Ernst Eikhof, Carl Riegel und Hans Schmidt. Im Angriff spielen neben Hartmann und Hans Sutor drei Neulinge, die Berliner Hanne Sobek und Otto Montag sowie der Nürnberger Ludwig Wieder. Riegel führt die Mannschaft laut Kicker-Almanach als Kapitän.

Schon in der 3. Minute trifft Hartmann zum 1:0. Mit diesem Stand geht es in die Pause. In der 71. Minute macht er das 2:0. In der 86. Minute verkürzt Robert Pache für die Schweiz, am 2:1 ändert das nichts mehr.

Schweiz – Deutschland 1:2 in Basel · beide deutschen Tore durch Carl Hartmann
Schweiz – Deutschland 1:2 in Basel · beide deutschen Tore durch Carl Hartmann

Für Hartmann ist es der Höhepunkt. Die Minuten 3 und 71 nennen DFB-Datencenter und Wikipedia übereinstimmend. Danach bleibt er in Dresden und gegen Schweden ohne Treffer.

Carl oder Karl?

Wer nach Hartmann sucht, stößt auf zwei Schreibweisen: Das Lexikon von 1939 führt ihn als »Karl«, die Wikipedia und das DFB-Datencenter schreiben »Carl«. Dieselbe Person ist gemeint, mit Geburtsdatum, Potsdam, Union Potsdam und Victoria Hamburg. Zu verwechseln ist er auch nicht mit seinem Bruder Erich, der laut Wikipedia einige Jahre ebenfalls für Victoria spielte. Als Nationalspieler ist in den Quellen nur Carl verzeichnet.

Die Jahre bei Victoria

In der Bezirksliga Groß-Hamburg wird Victoria mit Hartmann 1924, 1926, 1927 und 1928 jeweils Zweiter im Alsterkreis, hinter dem Hamburger SV. In seiner letzten Saison, 1927/28, nimmt der Verein an der Endrunde um die norddeutsche Meisterschaft teil und wird Dritter. Dann verliert sich seine Spur. Zahlen zu seinen Toren für Potsdam oder Hamburg sind nicht überliefert. Auch das Leben nach dem Fußball lässt sich aus den benutzten Quellen nicht rekonstruieren. Er stirbt, wenn man der deutschen Wikipedia folgt, am 9. Dezember 1971, nach der englischen am 24. Juni 1943.

Carl Hartmann auf einen Blick

Geboren: 8.2.1894 in Potsdam
Gestorben: 9.12.1971 nach der deutschen, 24.6.1943 nach der englischen Wikipedia (Ort jeweils nicht angegeben)
Vereine: Potsdamer Sport-Union (1905–1923), SC Victoria Hamburg (1923–1928)
Position: Mittelstürmer, Stürmer
Beruf: Feinmechaniker (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 4 Länderspiele (1 Sieg, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen), 2 Tore (1923–1924)

Länderspiele

Quellen