Werner Kuhnt – der Berliner im Tor gegen Schweden
Berlin, Deutsches Stadion, 31. August 1924. Nach 79 Minuten steht es 1:1 gegen Schweden, den Olympiadritten. Dann fallen innerhalb von neun Minuten drei Tore, und der Torwart, der an diesem Nachmittag sein erstes und einziges Länderspiel bestreitet, steht im Mittelpunkt der Berichte. Werner Kuhnt war 30 Jahre alt, Schlosser, Berliner und nach der Wikipedia in den Zwanzigern einer der besten deutschen Torhüter. Zu diesem Länderspiel verhalf ihm ein Streit, der mit ihm nichts zu tun hatte.
»Man glaubte, daß das Resultat nach der Halbzeit gehalten werden könnte, als in den letzten zehn Minuten die Katastrophe einsetzte.«
Ein Torwart aus Berlin
Werner Kuhnt wird am 27. Oktober 1893 geboren, so führen es das DFB-Datencenter, die Wikipedia und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939. Das Lexikon nennt Berlin als Heimatort und Schlosser als Beruf, einen Geburtsort geben die anderen Quellen nicht an. Als Sterbedatum nennt die deutsche Wikipedia den 1. Januar 1970, ohne Ort, die englische Seite kennt kein Datum.
Bis 1922 spielt er nach der Wikipedia beim Lichtenberger SC 01, so steht es auch im Lexikon, danach bei SV Norden-Nordwest. Das DFB-Datencenter führt ihn dagegen schon ab 1. Juli 1918 bei Norden-Nordwest. Der Verein aus dem Berliner Gesundbrunnen, 1898 gegründet, spielt am Behmstraßen-Platz, der nach der Wikipedia der älteste noch genutzte Vereinsplatz Deutschlands ist. Norden-Nordwest spielt bis 1933 ununterbrochen in der Berliner Oberliga, meist im oberen Tabellendrittel, wird 1922 Berliner Meister, kommt in der deutschen Endrunde bis ins Halbfinale und verliert dort am 4. Juni 1922 in Fürth 0:1 gegen den 1. FC Nürnberg. Ob Kuhnt in diesen Endrundenspielen im Tor stand, ist offen: Klaus Querengässers Buch zur Deutschen Fußballmeisterschaft nennt für 1922 einen Torhüter namens »Bork«, was nach der Wikipedia zu Kuhnts Zugehörigkeit zum Lichtenberger SC bis 1922 passen könnte.
Ruhe und Abgeklärtheit zeichnen ihn aus, so die Wikipedia, die ihn zu den besten Torhütern der Zwanziger zählt. Mit Norden-Nordwest gewinnt er am 17. Juni 1925 den Berliner Landespokal, 3:1 gegen den 1. FC Neukölln. Das Finale am 25. Juni 1927 geht gegen den BFC Viktoria 1889 mit 2:6 verloren. Kuhnt hütet auch das Tor der Brandenburger Auswahl: Am 14. Oktober 1923 gewinnt sie in Stettin 2:1 gegen den Baltischen Verband, am 11. November 1923 verliert sie im Bundespokal-Halbfinale in Berlin 2:4 nach Verlängerung gegen Norddeutschland. Vermutlich war das die Zwischenrunde, wegen der das Länderspiel gegen Norwegen eine Woche vorher von Berlin nach Hamburg verlegt wurde.
Der große Tag: Berlin, 31. August 1924
Auf Heiner Stuhlfauth und die Spieler des 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth muss der DFB an diesem Tag verzichten. Nach der Wikipedia wollen sie wegen unüberbrückbarer Auseinandersetzungen ihrer Vereine nicht miteinander in der Nationalelf spielen, das Darmstädter Tagblatt spricht von einer »Disqualifizierung der Nürnberg-Fürther Spieler«. Es ist das erste Länderspiel der Saison 1924/25, und nach der Wikipedia debütieren sechs Spieler, darunter Kuhnt. Die Läuferreihe bilden Hermann Lux, Albert Eschenlohr und der Hamburger Hans Lang. Im Sturm stehen Rudolf Leip, Carl Hartmann, Tull Harder, Willi Kirsei und Paul Pömpner. Den vollständigen Spielverlauf erzählt der Spielbericht.
Gespielt wird vor 20.000 Zuschauern, die Wikipedia zu Kuhnt nennt 25.000. Die Schweden gehen nach dem DFB-Datencenter in der 19. Minute durch Rune Wenzel in Führung, nach dem Tagblatt schon in der 9. durch Bror Carlsson. Harder gleicht in der 28. Minute aus, das Tagblatt nennt die 27. Mit 1:1 geht es in die Pause. Das Blatt sieht ein interessantes Spiel, in dem die Schweden etwas mehr vom Spiel haben, die deutsche Mannschaft sich aber nicht zusammenfindet. Pömpner muss mit einer Verletzung raus, das DFB-Datencenter nennt für den Wechsel die 72. Minute, das Tagblatt spricht von einem verletzten »Linksaußen Paulsen«, den nach der Pause Schumann aus Berlin ersetzt.
Dann kommt die Schlussphase. Nach dem DFB-Datencenter trifft Otto Malm in der 80. Minute zum 1:2, Gunnar Rydberg eine Minute später zum 1:3, Carlsson in der 89. Minute zum 1:4. Das Tagblatt schreibt, Kuhnt habe »einen kinderleichten Ball« durchgelassen und gleich darauf einen »ebenso leichten Kopfball«. Auch am letzten Treffer sei der Torhüter »nicht ganz schuldlos« gewesen. Die Wikipedia fügt hinzu, dem sonst so ruhigen Kuhnt sei es damaligen Berichten zufolge das ganze Spiel über nicht gelungen, seine Nervosität abzulegen, einen Beleg gibt sie dafür nicht an. Dasselbe Tagblatt zeichnet allerdings ein freundliches Bild der Gäste: Sie hätten einen »tadellosen, einwandfreien, systemvollen und außerordentlich fairen Fußball« gespielt, das 4:1 sei trotzdem zu hoch ausgefallen, ein 2:1 wäre gerechtfertigter gewesen.
Danach
Drei Wochen später, am 21. September 1924, steht in Budapest wieder Stuhlfauth im Tor, die Nürnberger sind zurück, die Fürther fehlen weiter. Es endet wieder 1:4. Kuhnt kommt nicht mehr in die Nationalelf, eine Begründung nennt keine Quelle.
Er bleibt Berliner Torwart. 1926 ist Norden-Nordwest Vizemeister von Brandenburg und damit in der deutschen Endrunde. Im Achtelfinale in Köln gewinnt die Elf gegen den VfR Köln 04 mit 2:1, im Viertelfinale verliert sie am 30. Mai 1926 im Deutschen Stadion in Berlin 0:4 gegen Holstein Kiel. Beide Spiele werden Kuhnt zugerechnet, das DFB-Datencenter führt ihn als einen Sieg und eine Niederlage. 1927 wechselt er zum Eckernförder SV in Schleswig-Holstein und beendet dort nach der Wikipedia seine Laufbahn. Die Wikipedia-Seite des Eckernförder SV nennt ihn einen der besten deutschen Torhüter jener Zeit. Er stirbt am 1. Januar 1970.
Werner Kuhnt – und der andere
Die Wikipedia führt unter dem Namen eine Begriffsklärung mit zwei Einträgen: den Fußballer, 1893 bis 1970, und einen Politiker, 1911 bis 2000. Gemeint ist hier der Torwart, der Schlosser aus Berlin.
Werner Kuhnt auf einen Blick
Geboren: 27.10.1893 (Heimatort Berlin laut Lexikon 1939)
Gestorben: 1.1.1970 (nach der Wikipedia, Ort nicht genannt)
Vereine: Lichtenberger SC 01 (bis 1922), SV Norden-Nordwest Berlin (1922–1927; DFB: ab 1918), Eckernförder SV (ab 1927)
Position: Torwart
Beruf: Schlosser
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Niederlage), 4 Gegentore (1924)
Erfolge: Berliner Meister 1922 mit Norden-Nordwest, Berliner Pokalsieger 1925, Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft 1926
Länderspiele
- 31.08.1924 Deutschland – Schweden 1:4 – Debüt und einziges Länderspiel
Quellen
- Wikipedia: Werner Kuhnt (Fußballspieler)
- Wikipedia: Werner Kuhnt (Begriffsklärung)
- Wikipedia (en): Werner Kuhnt
- DFB-Datencenter: Werner Kuhnt, Spielerprofil
- Wikipedia: SV Norden-Nordwest
- Wikipedia: Eckernförder SV
- Wikipedia: Berliner Fußballmeisterschaft 1921/22
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1921/22
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1925/26
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Darmstädter Tagblatt, 1. September 1924