Hellmut Maneval – ein Pforzheimer Linksaußen der Kickers an Himmelfahrt
Hamburg, Himmelfahrt 1923: Acht der elf deutschen Spieler tragen zum ersten Mal das Nationaltrikot. Einer davon ist ein Kaufmann aus Pforzheim, der für die Stuttgarter Kickers links außen spielt, Hellmut Maneval. Er kommt nach der Wikipedia »eher zufällig« zu seinem Einsatz, weil für das Spiel gegen die Niederlande zahlreiche andere Spieler absagen. Im Spiel schießt er knapp am Tor vorbei, es endet 0:0, und die Wikipedia vermerkt, trotz achtbarer Leistung sei er nie wieder berufen worden.
»Maneval en Claus Oehler waren hem meestal te vlug af, zoodat Denis hem vaak te hulp moest komen.«
(»Maneval und Claus Oehler waren ihm meistens zu schnell, sodass Denis ihm oft zu Hilfe kommen musste.«)
Von Pforzheim nach Stuttgart
Hellmut Maneval wird am 13. November 1898 in Pforzheim geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Pforzheim-Baden als Heimatort, als Stammposten Halblinks und Linksaußen und als Beruf Kaufmann. Beim 1. FC Pforzheim spielt er von 1917 bis 1920, ab der Saison 1919/20 in der Kreisliga Baden als Halbstürmer. 1920 geht er zu den Stuttgarter Kickers und wird dort zum Linksaußen.
Mit den Kickers wird er 1921 und 1923 Kreismeister von Württemberg. Im Bezirksfinale Württemberg/Baden 1923 verliert die Mannschaft ausgerechnet gegen seinen früheren Verein, den 1. FC Pforzheim. 1924 und 1925 gewinnen die Kickers die Bezirksliga Württemberg/Baden: In der süddeutschen Endrunde 1924 wird Stuttgart Dritter unter sechs Mannschaften, 1925 Vierter unter fünf. 1928 siegt Maneval mit den Kickers in der Gruppe Württemberg und belegt in der Finalrunde den fünften Platz unter acht. Zweimal spielt er außerdem in der Auswahl des Süddeutschen Fußball-Verbands.
Der große Tag: Hamburg, 10. Mai 1923
Der Spieltag ist ein Festtag. Neun Jahre nach dem letzten Aufeinandertreffen empfangen die Hamburger ihre niederländischen Gäste mit Musikkorps, Lorbeerkranz und einem Empfang im Rathaus. Am Victoria-Sportplatz an der Hoheluft stauen sich schon vier Stunden vor dem Anpfiff die Schaulustigen. Nach DFB-Angabe sind 28.000 Zuschauer da, die niederländischen Zeitungen schätzen 25.000. Schiedsrichter ist der Schwede Arthur Björklund.
Die deutsche Elf ist eine Mannschaft der Neulinge. Im Tor steht Carl Zörner aus Köln, hinten spielen Walter Risse und Henry Müller, in der Läuferreihe neben Walter Krause und Ernst Eikhof der Kölner Erich Pohl. Kapitän ist Georg Wunderlich, im Angriff spielen mit Maneval auch Josef Lüke aus Düsseldorf, Carl Hartmann und Walter Claus-Oehler aus Bielefeld.
Nach dem Bericht des Vaderland beginnen die Niederländer sofort drückend. Zörner hält früh, dann hat Maneval seine Szene: Er schießt knapp neben das Tor. Auch Lüke scheitert an De Boer im niederländischen Tor, Claus-Oehler setzt einen Ball aus kurzer Distanz weit darüber. Nach der Pause werden die Deutschen nach dem Urteil der niederländischen Berichterstatter überlegen, Eikhof spielt eine glänzende Partie, und die Niederländer werden zeitweise eingeschnürt. Zweimal hintereinander entgeht das niederländische Tor in der Schlussphase einer Entscheidung, einmal arbeitet Denis den Ball nach Ansicht vieler von der Linie. Krause muss verletzt vom Feld, die Deutschen spielen kurz zu zehnt, auch das hält sie nicht auf. Es bleibt beim 0:0.
Die Presse sieht eher die Deutschen als verhinderte Sieger. Het Vaderland überschreibt seinen Bericht am 11. Mai mit »Duitschland ontgaat een verdiende overwinning« (»Deutschland entgeht ein verdienter Sieg«), das Algemeen Handelsblad nennt es schlicht »een puntloos spel«. Über Maneval selbst fällt im Vaderland nur dieser Nebensatz (Zitat oben). Das Nieuwsblad van het Noorden sieht ihn am 12. Mai ganz anders: »De minste in den aanval was de linksbuiten Maneval« (»Der Schwächste im Angriff war der Linksaußen Maneval«). Das Innentrio sei durch sein Versagen und das eigensüchtige Spiel Wunderlichs zu sehr auf sich allein gestellt gewesen. Zwei Zeitungen, zwei Urteile.
England, Pforzheim und ein umstrittenes Todesdatum
Im Dezember 1924 lässt sich Maneval nach der Wikipedia aus geschäftlichen Gründen in England nieder, kehrt aber wenig später in seine Heimatstadt zurück. 1929 verlässt er die Kickers und spielt noch zwei Jahre für den 1. FC Pforzheim, bis er am Ende der Saison 1930/31 seine Laufbahn beendet. Zum 1. Mai 1937 tritt er nach Angaben des Bundesarchivs, die die Wikipedia nach dem Zeit-Artikel von Armin Jäger vom 24. Juli 2024 wiedergibt, in die NSDAP ein.
Über sein Leben nach dem Fußball ist wenig bekannt, aber ein Lebenszeichen gibt es. In den Vereinsnachrichten der Kickers vom Juli 1978 heißt es, bei einer Feierstunde am 20. Januar 1978 hätten drei Spieler der ersten Mannschaft aus den frühen Zwanzigern »im vertrauten Gespräch fröhlich und gesund beisammen« gesessen, unter ihnen der 79-jährige »Helmut Maneval« (so im Zitat der Wikipedia). Auch im Januar 1971 soll er an einem Kameradschaftsabend teilgenommen haben.
Das macht ein Problem sichtbar: Der Pforzheimer Heimatforscher Gernot Otto nennt als Todesdatum den 19. April 1967. Die Wikipedia hält das für widerlegt und gibt nach dem Stadtarchiv Pforzheim den 4. August 1984 an, ebenfalls Pforzheim. Beigesetzt ist er laut Friedhofsverwaltung auf dem Hauptfriedhof Pforzheim. Auch der Vorname schwankt, das Lexikon und das DFB-Datencenter schreiben »Hellmut«, die Kickers-Chronik von 1978 »Helmut«.
Hellmut Maneval auf einen Blick
Geboren: 13.11.1898 in Pforzheim
Gestorben: 4.8.1984 in Pforzheim (Stadtarchiv Pforzheim nach Wikipedia; Gernot Otto nennt 19.4.1967, von der Wikipedia als widerlegt bezeichnet)
Vereine: 1. FC Pforzheim (1917–1920, 1929–1931), Stuttgarter Kickers (1920–1929)
Position: Linksaußen, Halblinker, zuvor Halbstürmer
Beruf: Kaufmann (Lexikon 1939)
Erfolge: Kreismeister Württemberg 1921 und 1923, Bezirksmeister Württemberg/Baden 1924 und 1925, Bezirksmeister Württemberg 1928
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Unentschieden), kein Tor (1923)
Länderspiele
- 10.05.1923 Deutschland – Niederlande 0:0 – Linksaußen in der Startelf (Hamburg)
Quellen
- Wikipedia: Hellmut Maneval
- Wikipedia (englisch): Hellmut Maneval
- DFB-Datencenter: Hellmut Maneval, Spielerprofil
- DFB-Datencenter: Deutschland – Niederlande 0:0, 10. Mai 1923
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Armin Jäger: NS-Geschichte im Fußball, Die Zeit, 24. Juli 2024
- Gernot Otto: Eine »Pforzheimer Nationalelf«, in: Christian Groh (Hrsg.): Neue Beiträge zur Pforzheimer Stadtgeschichte, Bd. 4, Ubstadt-Weiher 2014, S. 172–188 (zitiert nach der Wikipedia)
- Delpher – Nieuwsblad van het Noorden, 12. Mai 1923 (Urteil über Maneval)
- Delpher – Het Vaderland, 11. Mai 1923, Algemeen Handelsblad, 11. Mai 1923 (nach der Berichtsseite des Länderspiels auf rasenpoesie.de)