Gustav Roller – der Pforzheimer Verteidiger von Budapest

35.000 Zuschauer in Budapest, ein Gegner, der am Ende vier Tore geschossen hat, und mittendrin ein Verteidiger aus Pforzheim. Gustav Roller war 29, als er am 21. September 1924 sein erstes und einziges Länderspiel bestritt. Deutschland verlor 1:4. Die Wikipedia überliefert über seinen Auftritt einen einzigen Satz: Er sei als »Turm in der Schlacht« bezeichnet worden.

Gustav Rollers Laufbahn · von der Herta zum 1. FC Pforzheim, 1895–1959
Gustav Rollers Laufbahn · von der Herta zum 1. FC Pforzheim, 1895–1959

»Turm in der Schlacht«

— Wikipedia über Gustav Roller beim 1:4 in Budapest, ohne Angabe, von wem die Bezeichnung stammt

»Roller-Stäfle« aus Pforzheim

Gustav Roller wird am 19. Februar 1895 in Pforzheim geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Pforzheim als Heimatort und den Verteidiger als Stammposten. In seiner Heimatstadt heißt er nach der Wikipedia »Roller-Stäfle«. Mit elf Jahren, 1906, fängt er bei der Herta Pforzheim mit dem Fußball an. 1915 wechselt er zum VfR Pforzheim, für den er bis 1920 spielt, zuerst im Südkreis, danach in der Kreisliga Baden. Dann geht er zum Stadtrivalen 1. FC Pforzheim und bleibt dort, so die Wikipedia, bis 1933.

Der 1. FC ist ein Verein mit Vergangenheit: 1906 stand er im Endspiel um die deutsche Meisterschaft und verlor in Nürnberg 1:2 gegen den VfB Leipzig. Zu Rollers Zeit gehört der Verein nach der Wikipedia zu den stärksten in Süddeutschland. In seiner ersten Saison gewinnt er die Kreismeisterschaft Südwest und spielt in der Endrunde um die süddeutsche Meisterschaft, in der Pforzheim 1921 seine Gruppe vor dem FC Wacker München mit Albert Eschenlohr gewinnt. 1923 wird er mit Pforzheim Badischer Meister und steht wieder in der süddeutschen Endrunde. Im Dezember 1922 reist der Verein nach Spanien, nach der Wikipedia nach Barcelona zum FC Europa und nach Madrid zu Real und Atlético.

Aus dem 1. FC Pforzheim kamen auch andere Nationalspieler, etwa Marius Hiller, Robert Faas und Viktor Weißenbacher, der 1922 in Wien beim ersten deutschen Sieg über Österreich traf.

Der große Tag: Budapest, 21. September 1924

Die Vorgeschichte ist die Auseinandersetzung zwischen dem 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth. Drei Wochen zuvor, beim 1:4 gegen Schweden in Berlin, hatten weder Nürnberger noch Fürther gespielt. In Budapest kehren die Nürnberger zurück, Fürther fehlen weiter. In der Elf stehen Heiner Stuhlfauth im Tor, Luitpold Popp und Roller in der Verteidigung, dazu Hans Kalb, Hans Schmidt und der Hamburger Hans Lang. Im Angriff spielen unter anderen Tull Harder, Georg Hochgesang und Hans Sutor. Roller und der Freiburger Ernst Bantle debütieren, beide bleiben bei diesem einen Länderspiel. Für Deutschland ist es das 50. Länderspiel.

Das Darmstädter Tagblatt schreibt am 22. September, nach der Niederlage gegen Schweden habe man auf diesen Länderkampf gehofft, in dem »eine recht stark anmutende Mannschaft die Scharte wieder auswetzen sollte«. Gespielt wird bei »prächtigem, nur etwas zu warmem Wetter«. Dann liegt Deutschland schnell hinten: In der 33. Minute trifft Béla Szentmiklóssy, nachdem Stuhlfauth aus dem Tor gelaufen war. Zehn Minuten später fällt das 0:2, nach dem Tagblatt ein schwacher, von Kalb schlecht abgewehrter Schuss, nach dem DFB-Datencenter ein Eigentor von Lang in der 42. Minute. Kurz nach der Pause, nach dem Spielbericht dieser Seite in der 49. Minute, erhöht József Takács auf 3:0. Harder gelingt in der 56. Minute nach einem »prachtvollen Durchbruch« das deutsche Tor, in der 64. Minute stellt Takács mit dem 4:1 den Endstand her, nach dem Tagblatt »nach glänzender Kombination«. Die Zeitung sah die Ungarn insgesamt »taktisch und technisch« als die besseren.

Nach der Wikipedia spielte die deutsche Mannschaft ab der 35. Minute nur noch zu zehnt. Wer ausgefallen war und warum, nennt sie nicht. Ob die Bezeichnung »Turm in der Schlacht« mit dieser Unterzahl zu tun hat, lässt sich nicht belegen. Das Tagblatt erwähnt Roller nicht.

Ungarn – Deutschland 4:1 in Budapest · Rollers einziges Länderspiel, Harder verkürzt auf 1:3
Ungarn – Deutschland 4:1 in Budapest · Rollers einziges Länderspiel, Harder verkürzt auf 1:3

Zwei weitere Male gehörte Roller nach der Wikipedia als Ersatzmann zum Aufgebot des DFB. Eingesetzt wurde er nicht mehr.

Fußbruch, Brötzinger Tal und ein später Tod

Wann seine Laufbahn endete, ist nicht sicher. Die Wikipedia schreibt, er sei bis 1933 für den 1. FC aktiv gewesen und mit ihm 1932 Württembergischer Meister geworden. An anderer Stelle desselben Artikels steht, er habe 1926 nach einem Fußbruch bei einem Spiel in Dillweißenstein seine Laufbahn beenden müssen. Der 1. FC stieg am Ende der Saison 1925/26 als Tabellenvorletzter aus der Bezirksliga ab und kam 1929/30 zurück. Vereinsfunktionär blieb Roller auch danach, und »lange Jahre« war er Platzwart im Stadion im Brötzinger Tal, so die Wikipedia.

Gustav Roller stirbt am 20. Oktober 1959. Einen Ort nennt die Wikipedia nicht. Nicht zu verwechseln ist er mit dem gleichnamigen südafrikanischen Radsportler, geboren 2007.

Literatur zum Thema führt die Wikipedia an: Gernot Otto, »Eine ›Pforzheimer Nationalelf‹«, in: Christian Groh (Hrsg.), Neue Beiträge zur Pforzheimer Stadtgeschichte, Band 4, Ubstadt-Weiher 2014, S. 172–188.

Gustav Roller auf einen Blick

Geboren: 19.2.1895 in Pforzheim
Gestorben: 20.10.1959, Ort nicht angegeben
Vereine: Herta Pforzheim (ab 1906), VfR Pforzheim (1915–1920), 1. FC Pforzheim (1920–1933 laut Wikipedia)
Position: Verteidiger
Titel: Kreismeister Südwest 1921, Badischer Meister 1923, Württembergischer Meister 1932
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1924), 1 Niederlage

Länderspiele

Quellen