Ernst Eikhof – der Mann mit der Eintrittskarte

Als elfjähriger Schüler ging Ernst Eikhof 1903 zum Endspiel um die deutsche Meisterschaft nach Altona. Er hob die Eintrittskarte auf. Heute, über ein Jahrhundert später, gilt sie nach der Wikipedia als die einzige erhaltene Karte zu diesem Spiel. Der Junge wurde Mittelläufer, spielte fast zwei Jahrzehnte für Victoria Hamburg, führte Buch über Spiele und Zahlen und stand mit 31 Jahren dreimal im Nationaltrikot. Einmal sogar als Kapitän.

Ernst Eikhofs Laufbahn · von der Karte 1903 bis zu den Seniorenteams, 1903–1942
Ernst Eikhofs Laufbahn · von der Karte 1903 bis zu den Seniorenteams, 1903–1942

»Duitschland ontgaat een verdiende overwinning.«

— Het Vaderland, 11. Mai 1923, Überschrift zu Eikhofs Länderspieldebüt (aus dem Niederländischen: »Deutschland entgeht ein verdienter Sieg«)

Eine Fußballfamilie von der Hoheluft

Ernst Eikhof kommt am 6. Mai 1892 in Hamburg zur Welt, so schreibt es die Wikipedia, die auch den Sterbetag nennt: 19. November 1978, ebenfalls in Hamburg. Er wird Kaufmann. Und er wächst in einer Familie auf, in der Fußball selbstverständlich ist. Der älteste Bruder Otto, genannt »Tulle«, spielt in der Victoria-Elf der Jahrhundertwende, leitet später als Schiedsrichter das Meisterschaftsendspiel von 1906 und wandert 1907 nach Chile aus. Bruder Willi hütet das Tor und führt den Verein später als erster Vorsitzender. Wer in Büchern über frühe deutsche Meisterschaftsspiele auf »Eikhof« als Schiedsrichter stößt, meint also in aller Regel Otto, nicht den Nationalspieler Ernst, etwa in den Biografien von Heinrich Riso und Lothar Budzinski-Kreth. Libero führt Otto Eikhof als Schiedsrichter von Endrundenspielen 1906 (Halbfinale Hertha – VfB Leipzig am 6. Mai in Berlin und das Endspiel VfB Leipzig – Pforzheim am 27. Mai in Nürnberg), 1908 (Halbfinale am 17. Mai in Magdeburg) und am 17. April 1910 im Viertelfinale des Duisburger SV gegen den Karlsruher FV in Mönchengladbach, bei dem Budzinsky und Christian Schilling für den DSV spielten. Für das Endspiel 1907 war er angesetzt, doch die Berliner Viktoria lehnte ihn ab, weil er Mitglied des Hamburger Victoria war. Das passt schlecht zur Wikipedia, nach der Otto 1907 nach Chile auswanderte, wo er mit einer Deutsch-Chilenin verheiratet war, drei Kinder hatte und 1974 in Santiago starb; wie sich beides zusammenfügt, sagen die benutzten Quellen nicht. Ein Viertelfinale am 13. April 1913 in Berlin-Mariendorf pfiff nach Libero ein Willy Eikhof aus Hamburg. Ob es der Torwart-Bruder Willi war, sagt die Quelle nicht.

Ernst geht zum SC Victoria, einem Verein von der Hoheluft, und bleibt dort. Von 1911 bis 1930 steht er in der Ligamannschaft, mindestens 413 Mal, nach der Wikipedia ohne einen einzigen Wechsel. Danach spielt er noch bis 1942 in den Seniorenteams. Der Verein nennt ihn Ehrenspielführer. Er misst 185 Zentimeter und läuft als Mittelläufer auf, in der Mitte der Läuferreihe, wo man die gegnerischen Stürmer stellt und das eigene Spiel eröffnet. Die Wikipedia beschreibt ihn als Spieler alter Schule mit Schnauzbart, und als untadeligen Sportsmann: Vom Platz gestellt wurde er nur einmal, am 28. September 1919 gegen den HSV, nachdem ihn, so zitiert die Wikipedia, »eine Gemeinheit des halblinken Schneider« provoziert hatte. Auch Schneider musste gehen.

Auch für den Norden läuft er auf. Am 8. Februar 1914 steht er mit seinem Vereinskameraden Adolf Gehrts im Halbfinale gegen Brandenburg in Hannover (3:2), zwei Wochen später gewinnt der Norden in Berlin 2:1 gegen Mitteldeutschland. Bis 1926 kommt er auf zwölf Spiele in den Bundespokalrunden, insgesamt auf 27 für den Norddeutschen Verband. Auch in der Saison 1923/24 erreicht der Norden mit ihm das Finale, verliert dort aber 2:4 gegen Süddeutschland.

Die Mannschaft, in der er spielt

Eikhofs Verein ist um 1920 eine der ersten Adressen des Nordens. Victoria hat 1907 den Sportplatz Hoheluft eröffnet, der in den folgenden Jahren zum nach der Wikipedia größten Fußballstadion Hamburgs ausgebaut wird. 1912/13 wird der Klub Hamburger Meister, ab dem Spätsommer 1918 spielt er mit dem HFC 88 als Kriegsvereinigung Victoria Hamburg 88 und gewinnt am 1. Juni 1919 die norddeutsche Meisterschaft. Dann schließt sich der HFC 88 dem neu gegründeten Hamburger SV an, und aus dem Nachbarn wird für Jahrzehnte der härteste Rivale. 1922 holt Victoria den englischen Trainer William Townley, dessen Sohn Jimmy ebenfalls im Team spielt. Die Wikipedia schreibt, die Mannschaft um die »Victoria-Legende Ernst Eikhof« habe das englische Kombinationsspiel gepflegt.

Eine zeitgenössische Beschreibung liefert der Frankfurter Bericht über das Freundschaftsspiel am 13. August 1922 auf dem Riederwald: Eintracht Frankfurt verliert 2:5 gegen Victoria. Die Fachzeitschrift »Fußball« (Heft 33/1922, wiedergegeben im Eintracht-Archiv) lobt die Hamburger als die »elegant spielende Kombinationself«, jeder Einzelne habe »viel Verständnis, viel Fußballgefühl«, und zeichnet in der Läuferreihe den Mittelläufer aus: »In der Läuferreihe überragten der Mittelläufer Eickhoff und der rechte Außenläufer.« Der Name ist im Bericht mit ck und ff geschrieben. Nach der Rolle gemeint ist sehr wahrscheinlich Ernst Eikhof, bewiesen ist es aus dem Text allein nicht. Dass Victoria auch eigenen Ehrgeiz hatte, zeigt der Wechsel von Carl Hartmann, den der Klub 1923 von der Potsdamer Union holt: Er führte laut Wikipedia zu so heftigem Streit mit dem Nachbarn Eimsbütteler TV, der Hartmann ebenfalls umworben hatte, dass 1924 dessen Fußball-Abteilungsleiter August Bosse als Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbands zurücktrat.

Mit 31 in die Nationalelf

Erst vier Tage nach seinem 31. Geburtstag kommt die Berufung: Am 10. Mai 1923, Christi Himmelfahrt, spielt Deutschland in Hamburg gegen die Niederlande, auf Eikhofs Heimplatz an der Hoheluft. 28.000 Zuschauer sind es nach dem DFB, die niederländischen Zeitungen schätzen 25.000. Die deutsche Elf ist ein Haufen Neulinge: Acht der elf Spieler debütieren. Eikhof steht mit seinen Vereinskameraden Henry Müller und Carl Hartmann auf dem Platz; zu seiner Läuferreihe gehören Erich Pohl und Walter Krause. Nach dem Wechsel wird Deutschland nach dem Urteil niederländischer Reporter überlegen, ein Tor fällt trotzdem nicht. »Het Vaderland« schreibt, Eikhof habe im Mittelfeld »eine glänzende Partie« gespielt.

Das »Vaderland« meldet am selben Tag, Eikhof gehöre auch zu der Hamburger Stadtauswahl, die am folgenden Sonntag bei Sparta in Rotterdam antreten solle; ob er dort spielte, geht aus der Meldung nicht hervor. Drei Wochen nach dem Hamburger Spiel, am 3. Juni, gewinnt Deutschland in Basel 2:1 gegen die Schweiz. Wieder ist Eikhof dabei, diesmal mit den Nürnbergern Carl Riegel und Hans Schmidt in der Läuferreihe, und sein Hamburger Vereinskamerad Hartmann schießt beide Tore. Wer in der Läuferreihe wo spielte, geben die Quellen nicht an. Das dritte Spiel wird anders.

Der große Tag: Dresden, 12. August 1923

Sonntag, 12. August 1923, Dresdner Kampfbahn. Gegner ist Finnland, das auf seiner Sommerreise durch Europa im Juni in Kristiania 0:3 und in Gävle 4:5 verloren hat. Schon im Vorfeld hatte es harsche Kritik am Spielausschuss des DFB gegeben, nach Schulze-Marmeling. Aus der Nürnberg-Fürther Schule hatte der Ausschuss nur Hans Sutor nominiert, dafür standen unter anderem Rudolf Leip aus Dresden, Josef Lüke aus Düsseldorf und Hartmann von der Potsdamer Sport-Union in der Elf. Eikhof, der Mittelläufer von Victoria, führt sie als Kapitän aufs Feld.

Die Zuschauerzahl: 25.000 nach dem DFB, 20.000 nach Schulze-Marmeling. Schiedsrichter ist der Niederländer Job Mutters. Es wird ein schlimmer Anfang. In der 10. Minute lenkt Eikhofs Vereinskamerad Henry Müller einen Ball ins eigene Tor, in der 27. Minute erhöht Aarne Linna auf 2:0 für die Gäste. Walter Claus-Oehler verkürzt in der 31. Minute, es bleibt sein einziges Länderspieltor. In der zweiten Halbzeit scheitert Josef Lüke mit einem Elfmeter. Dabei bleibt es.

Deutschland – Finnland 1:2 in Dresden · die Elf unter Kapitän Eikhof liegt nach 27 Minuten 0:2 zurück
Deutschland – Finnland 1:2 in Dresden · die Elf unter Kapitän Eikhof liegt nach 27 Minuten 0:2 zurück

Die »Utrechtsche Courant« sah die deutsche Mannschaft technisch besser, die Finnen aber vom Glück begünstigt. Sie meldete übrigens einen anderen Spielverlauf, mit dem Halbzeitstand 0:2 und beiden finnischen Treffern als Eigentore Müllers. DFB, englische und finnische Wikipedia nennen dagegen Linna als zweiten Schützen. Schulze-Marmeling spricht vom »vorläufigen Tiefpunkt« der Mannschaft und nennt Finnland einen »Fußballzwerg«. Für Eikhof ist es das letzte Länderspiel. Warum es keine weiteren gab, ist nicht überliefert.

Die lange Treue

Bei Victoria geht es weiter. In der Norddeutschen Liga steht Eikhofs Mannschaft 1923/24 auf dem zweiten Platz, ein weiteres Mal ist sie 1927/28 Zweiter. 1928/29 muss sie nach der Fußball-Revolution in die Runde der Zehn und wird Zehnter. 1930 beendet er seine Zeit in der Ligamannschaft, mit 38 Jahren, und spielt noch zwölf Jahre bei den Senioren.

Das Wichtigste, was von Eikhof bleibt, steht nicht in den Spielberichten. Fußballhistoriker verdanken ihm nach der Wikipedia etliche persönliche Aufzeichnungen, darunter seltene Statistiken, und eben die Karte von 1903. Der Junge mit der Eintrittskarte hatte offenbar schon früh begriffen, dass Spiele verschwinden, wenn niemand sie festhält. Ernst Eikhof starb am 19. November 1978 und wurde auf dem Friedhof Ohlsdorf beigesetzt. Das Grab existiert nicht mehr.

Ernst Eikhof auf einen Blick

Geboren: 6.5.1892 in Hamburg
Gestorben: 19.11.1978 in Hamburg
Verein: SC Victoria Hamburg (Ligamannschaft 1911–1930, danach Senioren bis 1942)
Position: Mittelläufer
Beruf: Kaufmann
Familie: Brüder Otto (Spieler und Schiedsrichter) und Willi (Torwart)
Bilanz: 3 Länderspiele (1 Unentschieden, 1 Sieg, 1 Niederlage), 0 Tore (1923); einmal Kapitän

Länderspiele

Quellen