Kurt Landauer – der Präsident, der nach Dachau und zurückkehrte
Kurt Landauer besitzt für eine Online-Biografie eine außergewöhnliche Quellenlage. Anders als bei vielen Funktionären seiner Zeit steht nicht nur Vereins- und Sekundärliteratur zur Verfügung, sondern ein umfangreiches Selbstzeugnis: ein handschriftlicher, 77-seitiger Lebensbericht von 1944/45 an Maria Baumann, erhalten im Jüdischen Museum München unter der Inventarnummer JM 23.01/2017. Dazu kommen weitere Briefe aus der Exil- und Nachkriegszeit. Diese Quellen erlauben es, Landauers eigene Stimme zum tragenden Element seiner Geschichte zu machen.
Ein Münchner beim FC Bayern
Landauer wird am 28. Juli 1884 in Planegg bei München in eine jüdische Familie geboren und ist früh eng mit dem FC Bayern verbunden. Seine Bedeutung als Präsident liegt nicht nur in sportlichen Erfolgen, sondern in der institutionellen Entwicklung des Vereins über mehrere Amtszeiten hinweg. Unter seiner Führung gewinnt Bayern 1932 erstmals die deutsche Meisterschaft. Wenige Monate später verändert die nationalsozialistische Machtübernahme die Bedingungen für ihn grundlegend.
Verfolgung, Dachau, Flucht
Als Jude wird Landauer ausgegrenzt und verfolgt. Nach dem Novemberpogrom 1938 wird er im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Später gelingt ihm die Flucht in die Schweiz. Die oft erzählte Geschichte vom emigrierten Bayern-Präsidenten gewinnt durch seinen Lebensbericht eine private Dimension: Landauer schreibt nicht rückblickend Jahrzehnte später, sondern während des Exils selbst, als seine Zukunft noch offen ist. Er berichtet darin über seine Beziehung zu Maria Baumann, über familiäre Bindungen, über Trennung und über die sechs Jahre dauernde räumliche Distanz von seinem bisherigen Leben.
Gerade deshalb sollte seine Geschichte nicht auf die oft zitierte, symbolträchtige Episode reduziert werden, dass ihn Bayern-Spieler bei einem Spiel in der Schweiz begrüßt hätten. Solche Geschichten sind wichtig, gehören aber in den größeren Zusammenhang von Verfolgung, Exil und persönlichem Verlust. Landauers Selbstzeugnisse zeigen, wie stark Vereinsgeschichte und private Lebensgeschichte bei ihm ineinandergriffen.
Rückkehr nach 1945
Nach dem Krieg kehrt Landauer nach München zurück und übernimmt erneut Verantwortung beim FC Bayern. Diese Rückkehr ist historisch bemerkenswert: Ein jüdischer Emigrant und ehemaliger KZ-Häftling wird wieder Präsident eines deutschen Fußballvereins. Eine gründliche Biografie muss fragen, welche Kontinuitäten im Verein bestanden, wie Landauer seine eigene Rückkehr wahrnahm und welche Erfahrungen aus Verfolgung und Exil in der Nachkriegszeit ausgesprochen oder verschwiegen wurden. Landauer stirbt am 21. Dezember 1961 in München.
Ein Nachlass, der Nähe erlaubt
Der Nachlass Landauer/Baumann im Jüdischen Museum München ermöglicht hier eine außergewöhnliche Tiefe. Der Lebensbericht von 1944/45, Briefe von 1946 und 1947 und weitere persönliche Unterlagen sollten nicht nur als Belege für einzelne Daten dienen, sondern chronologisch gelesen werden. So lässt sich nachvollziehen, wie Landauer in unterschiedlichen Momenten über Familie, über seinen Verein, über Deutschland und über seine eigene Zukunft sprach.
Damit bietet sich mehr als die verbreitete Ehrenpräsidenten-Erzählung: eine aus Selbstzeugnissen entwickelte Geschichte über Vereinsführung, jüdisches München, Verfolgung, Exil, eine persönliche Beziehung und eine Rückkehr, die so selbstverständlich nicht war.
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Quellenkritischer Stand: 2. Oktober 2026 | Basierend auf dem internen Rechercheprojekt „Rasenpoesie Best-Online v37" (Primärquellenstatus: A – ein direktes Selbstzeugnis liegt digital dokumentiert vor, seine vollständige Auswertung hat Priorität). Offene Prüfpunkte: Der 77-seitige Lebensbericht ist noch nicht vollständig transkribiert und mit den Briefen von 1946/47 sowie den Vereinsprotokollen des FC Bayern abgeglichen worden; auch das genaue Datum seiner Emigration in die Schweiz 1939 wird in verschiedenen Vereinsquellen unterschiedlich angegeben.