Heinrich Hergert – der Schepp aus Pirmasens

Am 15. März 1931 stand im Pariser Stadion von Colombes ein Mittelläufer im deutschen Sturm. Vor 40.076 Zuschauern stürmte Heinrich Hergert vom FK Pirmasens in der Mitte, weil es dem Reichstrainer an einem Mittelstürmer fehlte und er sich zu helfen wusste. Es ging nicht gut aus. Deutschland verlor 0:1, und das Darmstädter Tagblatt fand, Hergert sei »zu schwerfällig und zu langsam« gewesen. Dabei hatte der Mann aus der Pfalz in seinem ersten Länderspiel im Jahr zuvor eine ganz andere Kritik bekommen. Fünf Länderspiele hat er insgesamt, kein Tor, und eine Geschichte, die zeigt, wie man in den frühen Dreißigern eine Nationalelf zusammensetzte.

Heinrich Hergerts Laufbahn · FK Pirmasens, Nationalelf und die Jahre danach, 1925–1949
Heinrich Hergerts Laufbahn · FK Pirmasens, Nationalelf und die Jahre danach, 1925–1949

»Die Überraschung des Tages war die deutsche Läuferreihe, die nicht nur unermüdlich tätig war, sondern auch technisch und taktisch brillierte.«

— Darmstädter Tagblatt, 5. Mai 1930, über das 5:0 in Zürich

Ein Pirmasenser mit Umweg

Heinrich Hergert kommt am 21. Februar 1904 in Pirmasens zur Welt. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt als Stationen Union Pirmasens, den FK Pirmasens und einen Turn- und Sportverein in Weißenfels, dazu den Vermerk, er spiele »seit 1925« beim FK. Die Wikipedia kennt nur Union Pirmasens und den Wechsel zum FK im Jahr 1925. Als Stammposten nennt das Lexikon den Mittelläufer, als Beruf Zigarrenhändler. In der Wikipedia heißt er außerdem »Schepp«, das war sein Spitzname.

Der FK Pirmasens, »die Klub«, wurde am 10. Juni 1903 gegründet. Seit 1912 spielt er im Stadion an der Zweibrücker Straße, das die Pirmasenser »Horeb« nennen. Zu Hergerts Zeit ist der Verein nach dem Ersten Weltkrieg zu einem großen Namen im südwestdeutschen Fußball geworden.

Beim FK Pirmasens ist er der Mann in der Mitte, und zwar nicht immer da, wo ihn das Lexikon später einordnet. Das Darmstädter Tagblatt führt ihn im Frühjahr 1930 als Mittelstürmer. Am 23. März 1930 gewinnt der FKP in München 3:2 gegen Bayern, Hergert bringt die Gäste nach drei Minuten in Führung, und die Zeitung attestiert den Pfälzern, in dem Mittelstürmer einen »ausgezeichneten Sturmführer« zu haben (24. März 1930). Zwei Wochen später, am 6. April, schlägt der FKP den Freiburger FC 5:1. Der »Sturmführer Hergert«, schreibt das Tagblatt am 7. April, sei erst am Morgen von Nürnberg zurückgekehrt und deshalb nicht zur gewohnten Form aufgelaufen. In Nürnberg fand ein Trainingskurs für die süddeutsche Auswahl statt, auf dem Neulinge für die Fahrt nach Wien gesichtet wurden. Der Verein wird von 1930 bis 1933 viermal in Folge Meister der Gruppe Saar im Bezirk Rhein/Saar, doch in den süddeutschen Endrunden sind, so die Wikipedia, immer die Mannschaften aus Frankfurt, Fürth, München, Nürnberg, Stuttgart oder Mannheim besser. In die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft kommt Hergert in seiner ganzen Laufbahn nicht. Die Tabellen der Wikipedia zeigen, wie nah und wie fern das war: 1930 wird der FKP Vierter der acht Gruppensieger, hinter Eintracht Frankfurt, der SpVgg Fürth und dem FC Bayern, 1931 Sechster, 1932 und 1933 Sechster und Siebter ihrer Endrundengruppen. Dass man ihn trotzdem kennt, liegt an seinen Spielen. Am 9. März 1931 etwa schreibt das Tagblatt über einen 4:3-Sieg des FKP in Böckingen, der »Internationale Hergert« habe als Mittelläufer »eine ganz überragende Leistung« geboten.

Für Süddeutschland spielt er nach der Wikipedia erst nach seinem Länderspieldebüt. Das erste Spiel in der süddeutschen Auswahl sei am 19. April 1931 das Bundespokalfinale in Dresden gewesen: 4:3 nach Verlängerung gegen Mitteldeutschland, mit Hergert als rechtem Läufer neben Ludwig Leinberger und Georg Knöpfle, so die Wikipedia. Dazu passt das Darmstädter Tagblatt nur halb. Schon am 10. April 1930 nennt die Zeitung Hergert vom FC Pirmasens in der Aufstellung, mit der Süddeutschland am Sonntag, dem 13. April, auf der Hohen Warte in Wien gegen Niederösterreich antritt, ein Vergleich, der nach dem Blatt einem Länderspiel gegen Österreich gleichzusetzen war. Süddeutschland verliert vor 50.000 Zuschauern 3:0. Das Tagblatt kritisiert am 14. April, der Innensturm sei ein »völliger Versager« gewesen, und macht dafür zum großen Teil Hergert verantwortlich (der Satz ist im Scan der Zeitung nur zum Teil lesbar). Ob er das Spiel von Anfang an bestritt, ob die Wikipedia also eine frühere Auswahlberufung übersieht, lässt sich aus diesen Zeilen nicht entscheiden. Die Wikipedia merkt an, wie wichtig der Vereinserfolg für die Berufung war. Der Mann aus Pirmasens war eben nie Meister im Süden und wurde deshalb lange übersehen.

Der große Tag: Zürich, 4. Mai 1930

Hergerts Debüt ist sein bester Nachmittag. Am Sonntag, dem 4. Mai 1930, spielt Deutschland im Zürcher Hardturm gegen die Schweiz. Das Tagblatt hat vorab geschrieben, die Schweizer stellten eine schlagkräftige Mannschaft aus Zürcher Spielern, Deutschland könne »nicht einmal seine beste Mannschaft stellen«. Die Elf von Reichstrainer Otto Nerz hat drei Neulinge: Hergert in der Läuferreihe, Josef Bergmaier auf Rechtsaußen und Alfred Huber links außen. Nach der Wikipedia war der Pirmasenser Mittelläufer dem Reichstrainer nach dem ersten Meistertitel im Bezirk und den Endrundenspielen 1930 aufgefallen.

25.000 Zuschauer sind im Stadion, Schiedsrichter ist der Engländer Stanley Rous. In der 8. Minute schießt Richard Hofmann das 1:0. Dann werden die Minuten vor der Pause deutsch: Nach dem DFB-Datencenter trifft Ernst Kuzorra in der 38. Minute, Hofmann in der 40., Kuzorra in der 41. Es steht 4:0. Hergert spielt, mit Leinberger und Conny Heidkamp, die Läuferreihe, die nach dem Tagblatt die Schweizer Angriffe »verblüffend« abfängt. Kuzorra legt in der 76. Minute das 5:0 nach, nach dem Tagblatt aus 30 Metern.

Schweiz – Deutschland 0:5 in Zürich · die Läuferreihe mit Hergert, drei Neulinge in der Elf
Schweiz – Deutschland 0:5 in Zürich · die Läuferreihe mit Hergert, drei Neulinge in der Elf

Schon vor dem Spiel hatte das Tagblatt am 22. April die vom DFB benannte Elf kommentiert: Die Abwehr sei »sehr glücklich« gestellt, der Sturm ein »interessantes Experiment«, das man gutheißen könne. Mit den beiden Außenläufern, also Hergert und Heidkamp, sei man dagegen »gar nicht einverstanden«; für das Spiel gegen die Schweiz mögen sie genügen, für das Spiel gegen England eine Woche später werde man die Läuferreihe wohl umbesetzen müssen. Am nächsten Morgen steht in der Zeitung, was Hergert erwartet haben dürfte: Er habe »eine riesige Arbeitsleistung« geboten, die Heidkamp kaum nachstand, und Leinberger habe gespielt »wie in seinen besten Tagen«. Gemeint ist die Läuferreihe, die zur Überraschung des Tages erklärt wird. Nach dem Abpfiff, so das Blatt, trugen Zuschauer Spieler der deutschen Elf auf den Schultern vom Platz. Ein besseres Debüt kann man sich kaum wünschen.

Fünf Spiele, drei Aufgaben

Hergert bleibt, was er in Pirmasens ist: einer, der arbeitet. Die Wikipedia beschreibt ihn als dynamisch, zäh und einsatzstark. Im September 1930 spielt er in Kopenhagen als Seitenläufer neben Reinhold Münzenberg, der in der Mitte debütiert, und Hugo Mantel. Deutschland verliert 3:6, und das Tagblatt vom 8. September ist hart: Münzenberg sei »sehr schwach« gewesen, und auch Hergert habe »trotz seines Fleißes nicht imponieren« können.

Drei Wochen später, am 28. September in Dresden, liegt Deutschland gegen Ungarn schon nach 40 Minuten 0:3 hinten, gewinnt aber 5:3, auch dank der Hofmanns und Johannes Ludwig. Hergert spielt in einer Läuferreihe mit Leinberger und Heidkamp, und das Tagblatt vom 29. September urteilt, seine Leistungen hätten »befriedigt«. Er habe mit dem vorzüglichen ungarischen linken Flügel keine leichte Arbeit gehabt.

Dann kommt Paris. Seit Kuzorra ausgebootet ist, fehlt nach dem Tagblatt vom 13. März ein vollwertiger Mittelstürmer. Bei einem Übungsspiel der Kandidaten in Karlsruhe versagen beide Mittelstürmer, und die Zeitung schreibt am 12. März, da liege es nahe, Hergert in den Sturm zu stellen. Einen Tag später heißt es, die Frage könne im Augenblick gar nicht besser gelöst werden: Hergert sei den Posten aus seiner Vereinself gewohnt, denke beim Spiel und sei »ein Dränger und gefährlicher Torschütze«. Vier Tage zuvor hatte dasselbe Blatt noch seine Leistung als Mittelläufer gelobt.

Am 15. März erlebt er, wie schwer der Posten ist. Frankreich geht in der 14. Minute durch ein Eigentor Münzenbergs in Führung, die Deutschen sind nach dem Tagblatt anfangs »befangen«, Hergert steht einmal im Abseits, und ein Kopfball nach einer Ecke geht knapp am Pfosten vorbei. Das Tagblatt vom 16. März bilanziert: »Hergert enttäuschte sehr, er war zu schwerfällig und zu langsam. Zudem fand er auch keinen Kontakt zu seinen Nebenleuten.«

Im Juni 1931 nennt das Tagblatt Hergert am 12. und am 14. Juni als vorgesehenen Läufer für das Spiel in Stockholm. In der Elf, die dort 0:0 spielt, steht er nicht, er fährt nach der Wikipedia ohne Einsatz mit nach Skandinavien. Warum, sagen die Quellen nicht.

Berlin, 19. März 1933, und das Ende

Fast zwei Jahre später ist er zurück, diesmal wieder als Mittelläufer. Im Berliner Deutschen Stadion spielt er am 19. März 1933 gegen Frankreich zwischen Rudolf Gramlich und Hugo Mantel. 55.000 Zuschauer sind es nach dem DFB, 45.000 nach dem Tagblatt. Deutschland führt nach Toren von Oskar Rohr (zwei) und Ludwig Lachner 3:1, dann trifft René Gérard in der 81. und in der 83. Minute. Beim 3:3 bleibt es.

Das Tagblatt vom 20. März schreibt, Hergert habe »eine Stunde lang« durch gutes Zerstörungs- und Aufbauspiel befriedigt. Dann sei er nach einem harten Fall dem französischen Endspurt nicht mehr gewachsen gewesen. Es ist sein letztes Länderspiel. Nach der Liste der Kapitäne in der Wikipedia führte er die Mannschaft dabei als Spielführer aufs Feld, es wäre sein einziges Spiel mit der Binde; im Tagblatt und in den übrigen herangezogenen Berichten wird das nicht erwähnt. Als Nerz im Oktober 1933 eine neue Mannschaft gegen Belgien aufbietet, steht von der Berliner Elf nur noch Stanislaus Kobierski auf dem Platz. Bei Schulze-Marmeling steht Hergert unter denen, die ihren Abschied aus der Nationalelf »verkündet – bzw. verkündet bekommen« hätten.

Nach der Nationalelf

In der Südwest-Auswahl bleibt er gefragt. Im Sommer 1934 spielt er mit dem Gau Südwest den Reichsbundpokal, der wegen der Deutschen Kampfspiele in Nürnberg als Kampfspiel-Pokal 1934 geführt wird. Im Halbfinale am 25. Juli gewinnt Südwest dort vor 25.000 Zuschauern 2:1 nach Verlängerung gegen Niederrhein, mit Hergert als Mittelläufer zwischen den Frankfurtern Rudolf Gramlich und Willi Tiefel. Am 29. Juli folgt das Finale, 50.000 Zuschauer sehen das 5:3 gegen Titelverteidiger Bayern. Nach der Wikipedia führt Hergert die Elf als Kapitän aufs Feld. Nach 28 Minuten steht es 4:0, Edmund Conen schießt drei dieser Tore, Josef Fath das erste und später das 5:2, Bayern kommt durch Georg Friedel (zwei Tore) und Max Eiberger noch auf 5:3 heran. Hergert hat damit das erreicht, was ihm im Verein nie gelang: einen Titel auf Reichsebene, wenn auch mit einer Gauauswahl. Mit dem FK Pirmasens wird er in der neuen Gauliga Südwest drei Mal Vizemeister, hinter den Kickers aus Offenbach, dem FC Phönix Ludwigshafen und Wormatia Worms; in den Jahren 1934 bis 1936 reicht das allerdings nicht für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. 1938 wechselt er zum Bezirksligisten 1. FC Kaiserslautern und hilft mit, dass der Verein für die Saison 1939/40 in die Gauliga aufsteigt.

Nach der Wikipedia, die sich auf eine Karteikarte im Bundesarchiv und einen Artikel der Zeit vom 24. Juli 2024 stützt, trat er zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein und scheint spätestens 1940 aus der Partei ausgeschlossen worden zu sein, aus unbekannten Gründen. Nach dem Krieg lässt er seine Laufbahn als Spielertrainer beim SV Ruhbank ausklingen, einem Pirmasenser Vorortverein. Heinrich Hergert stirbt am 18. September 1949 in Heidelberg, 45 Jahre alt. Die Wikipedia nennt als Beleg das Sterberegister Heidelberg 1949.

Heinrich Hergert auf einen Blick

Geboren: 21.2.1904 in Pirmasens
Gestorben: 18.9.1949 in Heidelberg
Spitzname: »Schepp«
Vereine: Union Pirmasens, FK Pirmasens (ab 1925), 1. FC Kaiserslautern (1938–1939); das Lexikon von 1939 nennt zusätzlich einen Turn- und Sportverein in Weißenfels
Position: Mittelläufer, einmal Mittelstürmer
Beruf: Zigarrenhändler
Auswahl: Süddeutschland (Wien 1930 laut Tagblatt; Bundespokal 1931), Südwest (Kapitän, Reichsbundpokal-Sieger 1934)
Bilanz: 5 Länderspiele (2 Siege, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen, Torverhältnis 16:13), kein Tor, 1930–1933

Länderspiele

Quellen