Johannes Ludwig – Holsteins Mittelstürmer im Finale von Düsseldorf
Am 22. Juni 1930 drängen sich im Düsseldorfer Rheinstadion nach dem Tagblatt 45.000 Menschen in tropischer Hitze und sehen ein Endspiel, das keiner vergisst. Holstein Kiel führt gegen Hertha BSC nach acht Minuten 2:0. Berlin dreht das Spiel, Kiel kontert, 3:3 zur Pause. Dann, im zweiten Durchgang, stellt der Schiedsrichter den Kieler Mittelstürmer vom Platz. Johannes Ludwig geht weinend, schreibt das Darmstädter Tagblatt. Drei Monate später steht er im Trikot der Nationalelf in Dresden. Es werden drei Länderspiele, und dazu ein Name, der sich leicht mit anderen verwechseln lässt.
»Besondere Erwähnung verdient vielleicht nur das gute Spiel des Angriffsführers Ludwig.«
Kiel, Hohenzollern-Hertha und Holstein
Johannes Ludwig, »Hannes« gerufen, wird am 8. Juni 1903 in Kiel geboren. Er ist Kaufmann, so führt ihn das Nationalspieler-Lexikon von 1939, und als Stammposten nennt es den Mittelstürmer. Seine erste Fußballheimat ist Hohenzollern-Hertha Kiel, ein Verein, mit dem er nach Wikipedia in den Zwanzigerjahren erfolgreich ist und als Torschütze gefeiert wird. Genaue Daten zu diesen Jahren liegen nicht vor.
1928 wechselt er zum Stadtrivalen Holstein Kiel. Nach Wikipedia geschah das, weil Hohenzollern-Hertha finanziell zusammengebrochen war. Bei Holstein trifft er auf eine Mannschaft, die in der Saison 1929/30 groß aufspielt. Zu ihr gehören auch Werner Widmayer, Oskar Ritter, Kurt Voß und Franz Esser. Mehrere von ihnen spielten später selbst für Deutschland.
Düsseldorf: das Finale, das Kiel nicht verlor, sondern verschenkte
Der Weg dorthin ist selbst schon eine Geschichte. Norddeutscher Meister ist Holstein 1930 geworden, dann geht es in die Endrunde. Am 18. Mai gewinnt Kiel in Hamburg vor 8.000 Zuschauern 4:3 gegen den VfB Leipzig: Widmayer trifft in der 3. Minute, Ritter verwandelt in der 12. einen Elfmeter, Esser erhöht vor der Pause, und Widmayer köpft vier Minuten vor Schluss den Siegtreffer (Tagblatt, 19. Mai 1930). Das Viertelfinale am 1. Juni auf dem Berliner Preußen-Platz endet 4:2 gegen Eintracht Frankfurt, vor rund 12.000. Das Halbfinale am 15. Juni in Duisburg gewinnt Kiel 2:0 gegen den Dresdner SC, vor 25.000 in der Hitze; Dresdens Richard Hofmann wird, so das Tagblatt, eng gedeckt.
Trainer ist der Österreicher Karl Heinlein. Im Finale steht Kiel mit Kramer im Tor, Lagerquist und Zimmermann hinten, Baasch, Ohm und Lübke in der Läuferreihe und vorne Voß, Ritter, Ludwig, Widmayer und Esser. Das Finale gegen Hertha, die zuvor schon viermal im Endspiel gescheitert war, geht los wie im Kino. Widmayer verwandelt in den ersten Minuten einen Freistoß zum 1:0, Ritter legt nach. Hertha antwortet mit zwei Toren von Hanne Sobek. Dann kommt Ludwig: Nach guter Vorarbeit von Waldemar Lübke und Franz Esser schießt er in der 29. Minute das 3:2. Lehmann gleicht in der 38. Minute noch vor der Pause aus (Zeitangaben nach dem Tagblatt).
Im zweiten Durchgang geht Hertha in Führung. Kiel ermüdet. Dann kommt die Szene des Tages: Ludwig reklamiert, so das Tagblatt, »allzu temperamentvoll« beim Schiedsrichter Willi Guyenz aus Essen und wird des Feldes verwiesen. Das Publikum, bis dahin neutral, pfeift nun Hertha aus und feuert die Kieler an. Zwei Minuten nach dem Platzverweis gleicht Ritter zum 4:4 aus. Dann entscheidet Hertha: Hans Ruch trifft zum 5:4.
Uneinig sind die Quellen bei den Minuten. Das Tagblatt nennt den Platzverweis in der 32. Minute der zweiten Halbzeit, Ruchs Siegtreffer in der 40. Wikipedia führt den Verweis in der 80., das 5:4 in der 87. Minute. Auch die Zuschauerzahl schwankt: 45.000 beim Tagblatt, 40.000 bei Wikipedia.
Das Tagblatt urteilt: Hertha habe den Sieg verdient. Aber der Platzverweis sei »jedenfalls etwas zu hart« gewesen. Holstein habe die letzte Viertelstunde mit zehn Mann gespielt, sein bester Spieler, der Mittelstürmer, sei draußen gewesen: »Wer weiß, was passiert wäre, wenn …« Auch Wikipedia hält fest, dass die Entscheidung schon nach dem Spiel als Unrecht bezeichnet wurde.
Der große Tag: Dresden, 28. September 1930
Hertha ist Meister, Kiel Vizemeister. Reichstrainer ist Otto Nerz. Drei Wochen nach dem 3:6 in Kopenhagen meldet das Darmstädter Tagblatt am 27. September die Elf für Dresden: Kreß im Tor, Albrecht, Lachner, Ludwig (Kiel), Richard Hofmann und Ludwig Hofmann im Sturm. Die Zeitung warnt: Die Mannschaft müsse mit großem Elan spielen, wenn sie gegen die Ungarn auch nur ehrenvoll bestehen wolle.
In Dresden waren seit Tagen keine Karten mehr zu haben, im Stadion am Ostragehege, dem Platz des Dresdner SC, zählt der DFB 42.000 Zuschauer, das Tagblatt 45.000. Schiedsrichter ist der Däne Lauritz Andersen. »Dieses Länderspiel wird man sobald nicht vergessen«, schreibt das Tagblatt am 29. September. Ungarns Takács trifft in der 29., 35. und 40. Minute zum 0:3, nach der Pause dreht Deutschland. Im Sturm war, so das Tagblatt, in der ersten Halbzeit nur Ludwig wirklich gut. Richard Hofmann dagegen habe zu viel »gefummelt«. Dann verletzen sich Ludwig und der ungarische Stürmer Turay. Beide kehren zurück, Ludwig humpelt auf den linken Flügel, Richard Hofmann übernimmt die Mitte, Ludwig Hofmann rückt nach halblinks.
Die Tore: Richard Hofmann in der 59. Minute, Ludwig Hofmann in der 61. Dann der Ausgleich. Nach dem DFB-Datencenter und Wikipedia schießt Ludwig das 3:3 in der 73. Minute, Lachner das 4:3 in der 78. Das Tagblatt erzählt es anders: Ludwig flankt auf Albrecht, der köpft das 3:3, und fünf Minuten später trifft Ludwig zum 4:3. Ludwig hat bei beiden Fassungen seinen Anteil, nur wer zuletzt trifft, bleibt umstritten. Fest steht: Das Lexikon von 1939 zählt ihm ein Tor.
Auf dem Platz standen vier Spieler, die mit »Ludwig« zu tun hatten: Ludwig Leinberger, Ludwig Lachner, Ludwig Hofmann und Johannes Ludwig. Das Lexikon behilft sich mit einem Zusatz und spricht vom »Kieler Ludwig«. Den Schlusspunkt zum 5:3 setzt in der 86. Minute der Münchner Hofmann. Das Tagblatt sieht Deutschland nach der Pause als verdienten Sieger, selbst die Ungarn hätten das eingeräumt.
Mit Norddeutschland im Bundespokal
Schon vor dem Finale gehört Ludwig zu den Auswahlspielern des Nordens. Am 28. April 1929 verliert Norddeutschland in Berlin 1:4 gegen Brandenburg, 25.000 sehen es; auf Brandenburgs Seite spielen unter anderem Brunke und Emmerich, also Heinz Emmerich, mit dem Ludwig es noch öfter zu tun bekommt. Am 9. März 1930 gewinnt Norddeutschland das Rückspiel in Altona 2:0 vor 17.570 Zuschauern. Wikipedia verzeichnet Ludwig in den Aufstellungen dieser Spiele in der Läuferreihe, nicht im Sturm. Ob das ein Irrtum der Zusammenstellung ist oder seine Rolle in der Auswahl, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht entscheiden.
Nach dem Finale: Vizemeister, Nationalelf und das Jahr 1931
Holstein gilt nach 1930 als das Gesicht des norddeutschen Fußballs: Nach Wikipedia stammen sieben der acht Kieler Nationalspieler aus dieser Mannschaft. Im Lexikon von 1939 steht für Ludwig die nüchterne Bilanz: Kaufmann, Mittelstürmer, zwei Tore, 1930 beim 5:3 gegen Ungarn und 1931 beim 2:2 in Norwegen.
Auch 1931 ist Kiel wieder in der Endrunde. Am 10. Mai gewinnt Holstein 3:2 gegen Prussia-Samland Königsberg, eine Woche später 4:3 beim Dresdner SC. Im Halbfinale am 31. Mai in Duisburg unterliegt die Mannschaft mit Ludwig dem TSV 1860 München 0:2, vor 12.000 Zuschauern. Der Norden ist in beiden Jahren vorn dabei, das Finale aber erreicht Kiel nicht mehr.
Schweden und Norwegen, Sommer 1931
Ludwig spielt noch zweimal. Im Juni 1931 reist die Nationalelf nach Skandinavien. Im Olympiastadion von Stockholm gibt es am 17. Juni ein 0:0 vor 16.000 Zuschauern (DFB; die niederländische Presse nennt 17.000), geleitet vom Belgier John Langenus. Es ist ein Spiel, in dem laut Tagblatt Kreß im Tor »einfach nicht zu schlagen« ist. Das Blatt findet im deutschen Angriff Sobek zu langsam und Sackenheim schwach, Widmayer und Ludwig dagegen »sehr befriedigend«.
Vier Tage später, am 21. Juni im Ullevaal-Stadion von Oslo, bleibt es beim 2:2. Josef Bergmaier trifft in der 1. Minute. Nach der Pause setzt Ludwig den Ball allein vor dem Tor über die Latte, dann trifft er doch: Sobek legt auf, Sackenheim flankt, Ludwig schießt »unhaltbar« zum 2:1. Die Norweger gleichen aus, Sten Moe, wie das DFB-Datencenter schreibt. In der 30. Minute der zweiten Halbzeit, so das Tagblatt, wird Ludwig im Strafraum von einem Verteidiger gestoßen und prallt mit dem norwegischen Torwart zusammen. Ein Elfmeter, findet das Blatt, wäre fällig gewesen, der schwedische Schiedsrichter Ivan Eklind pfeift nicht. Das DFB-Datencenter vermerkt dazu nichts. Ludwigs Tor zum 2:1 bleibt sein zweites und letztes im Nationaltrikot.
Danach taucht sein Name in keiner deutschen Aufstellung mehr auf. Warum, ist nicht überliefert. Wikipedia schreibt, er sei »trotz guter Leistungen« nie wieder eingesetzt worden. Nach Dietrich Schulze-Marmeling wurde die Mannschaft in dieser Zeit vor fast jedem Spiel umgebaut.
Danach in Kiel
Mitte der Dreißigerjahre beendet Ludwig nach Wikipedia seine Karriere in Kiel. Später arbeitet er zusammen mit Franz Esser als Trainer bei Holstein, wann genau, nennt die Quelle nicht. Nach dem Krieg, so Wikipedia, macht er sich um den Wiederaufbau der Kieler Nachwuchsarbeit verdient. Am 7. Januar 1985 stirbt er in Kiel, mit 81 Jahren.
Wer nach einem Nationalspieler Ludwig sucht, findet zwei: Karl Ludwig, den Kölner Läufer, der 1908 in Basel im allerersten Länderspiel stand, und Johannes Ludwig, den Kieler Stürmer von 1930 und 1931. Eine Verbindung zwischen beiden ist nirgends belegt, und ihre Länderspiele liegen mehr als zwei Jahrzehnte auseinander. Karl Ludwigs Geschichte steht hier.
Johannes Ludwig auf einen Blick
Geboren: 8.6.1903 in Kiel
Gestorben: 7.1.1985 in Kiel
Spitzname: »Hannes«
Vereine: Hohenzollern-Hertha Kiel, ab 1928 Holstein Kiel
Position: Mittelstürmer
Beruf: Kaufmann
Titel: Norddeutscher Meister 1930, Deutscher Vizemeister 1930 (Finale 4:5 gegen Hertha BSC); 1931 Halbfinale der Endrunde
Bilanz: 3 Länderspiele (1930–1931), 2 Tore
Später: Trainer bei Holstein Kiel (zusammen mit Franz Esser), Einsatz für die Kieler Nachwuchsarbeit
Länderspiele
- 28.09.1930 Deutschland – Ungarn 5:3 · 1 Tor (73. Min. nach DFB-Datencenter)
- 17.06.1931 Schweden – Deutschland 0:0
- 21.06.1931 Norwegen – Deutschland 2:2 · 1 Tor (60. Min.)
Quellen
Wikipedia: Johannes Ludwig (Fußballspieler) · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1930/31 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1929/30 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · DFB-Datencenter: Deutschland–Ungarn 5:3 · DFB-Datencenter: Schweden–Deutschland 0:0 · DFB-Datencenter: Norwegen–Deutschland 2:2 · Darmstädter Tagblatt: 19.5.1930 (Achtelfinale), 23.6.1930, 27.9.1930, 29.9.1930, 18.6.1931, 22.6.1931 · Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Patrick Nawe u. a.: 100 Jahre Holstein Kiel. Chronik (2000), als Literaturangabe bei Wikipedia · Biografie Karl Ludwig