Hans Brunke – der Verteidiger von Tennis Borussia

Nach gut zwanzig Minuten lag die deutsche Elf in Altona 0:1 hinten, und dann verschuldete Hans Brunke eine Ecke. Aus der Ecke wurde das 0:2. Das Darmstädter Tagblatt schrieb es am nächsten Tag ohne Umschweife auf. Es schrieb aber auch, wie das Spiel weiterging: Am 23. Oktober 1927 gewann Deutschland noch 6:2. Für den linken Verteidiger von Tennis Borussia Berlin blieb es der einzige Sieg im Nationaltrikot.

Hans Brunkes Laufbahn · Tennis Borussia Berlin und die Nationalelf, 1922–1939
Hans Brunkes Laufbahn · Tennis Borussia Berlin und die Nationalelf, 1922–1939

»Brunke und Stubb (übrigens zwei Linksverteidiger) waren keine schlechten Spieler, sie hatten Schnelligkeit und Ballsicherheit, aber sie waren nicht aufeinander eingespielt.«

— Darmstädter Tagblatt, 8. September 1930, über das 3:6 in Kopenhagen

Ein Berliner bei den Veilchen

Hans Brunke wird am 1. Oktober 1904 in Berlin geboren, so führen es das DFB-Datencenter, die Wikipedia und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 übereinstimmend. Das Lexikon nennt ihn einen Kaufmann und weist ihm den Stammposten des linken Verteidigers zu. Sein Verein ist Tennis Borussia im Bezirk Charlottenburg. Das DFB-Datencenter datiert seine Zugehörigkeit vom 1. Juli 1922 bis zum 30. Juni 1939. Die Wikipedia schreibt, er habe bis weit in die 1930er Jahre für die »Veilchen« gespielt.

Berlin gehörte in diesen Jahren Hertha BSC. Die Wikipedia sagt es so: An der Vormachtstellung der Hertha um Hanne Sobek konnten die Lila-Weißen nichts ändern. Zu Brunkes Mitspielern zählt die Wikipedia Heinz Emmerich, Erich Kauer, Otto Martwig, Willi Handschuhmacher und Herbert Pahlke. Trotzdem schaffte es Tennis Borussia regelmäßig in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft: 1929, 1930 und 1931 als Berlin-Brandenburger Vizemeister, 1932 als Meister.

Brunke bestritt dort nach dem DFB-Datencenter sieben Spiele, drei gewonnen, vier verloren. Am 16. Juni 1929 setzte sich TeBe 3:2 nach Verlängerung gegen den Stettiner FC Titania durch, zwei Wochen später verlor die Elf 1:3 gegen den 1. FC Nürnberg. 1930 gab es ein 1:4 gegen die SpVgg Fürth, 1931 ein 6:1 gegen den VfB Liegnitz und ein 0:1 gegen den TSV 1860 München, 1932 ein 3:0 gegen Viktoria Stolp und am 22. Mai ein 1:3 bei Eintracht Frankfurt. Im Kader dieser Meistersaison 1931/32 führt das Datencenter auch Sepp Herberger.

Der Verein, bei dem Brunke diese Jahre verbrachte, war in der Zeit ein Sprungbrett für spätere Trainer. Nach der Wikipedia trainierte Otto Nerz, der spätere erste Reichstrainer, die Mannschaft ab 1924 und führte sie schon in seiner ersten Spielzeit auf Platz zwei der Staffel B der Oberliga. Herberger spielte von 1926 bis 1930 für die »Veilchen« und stand danach als Trainer an der Linie (Vereinsliste: 1930 bis 1932). Unter Walter Hollstein stellte TeBe 1928 einen Erstliga-Rekord auf: Bis April 1928 gab die Mannschaft in 18 Spielen nur einen Punkt ab, bei 93:16 Toren. Brunke gehörte also zu einer Mannschaft, die in Berlin ganz oben mitspielte und dennoch Vizemeister blieb, 1928 bis 1931, hinter dem Dauerrivalen Hertha BSC.

Mit dem Jahr 1933 endete diese Zeit. Nach der Wikipedia hatte damals etwa ein Drittel der Vereinsmitglieder einen jüdischen Hintergrund. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden diese Mitglieder gezwungen, den Verein zu verlassen, und die erfolgreiche Ära des Klubs ging zu Ende. Erst 1941 gewann TeBe wieder die Gauliga-Meisterschaft. Brunke, der laut DFB-Datencenter bis 1939 zum Verein gehörte, erlebte diese Jahre als Mitglied. Wie er sie erlebte, überliefern die benutzten Quellen nicht.

In Frankfurt standen nach den Spielerzahlen des DFB-Datencenters zwei Nationalspieler einander gegenüber, die sich schon aus der Nationalelf kannten. Die Eintracht hatte Hugo Mantel in allen vier Endrundenspielen dieser Saison aufgeboten, TeBe Brunke in beiden. Mehr dazu im Porträt von Hugo Mantel.

Sieben Spiele, ein Sieg

Debütiert hat er in Kopenhagen. Am 2. Oktober 1927 verlor die Nationalelf vor etwa 19.000 Zuschauern unter dem norwegischen Schiedsrichter Ragnvald Smedvik 1:3 gegen Dänemark, neun Spieler in der Startelf trugen zum ersten Mal das Nationaltrikot, und Torwart Georg Ertl verlor den Dauerstreit mit Heiner Stuhlfauth für immer. Neben Brunke debütierte auch Hugo Mantel von Dresdner SC.

Drei Wochen später kam Altona, und danach kam lange nichts. Nach der Wikipedia folgten zwei Jahre Länderspielpause. Am 1. Juni 1929 stand Brunke im Deutschen Stadion in seiner Heimatstadt, gegen die schottischen Profis, es endete 1:1. Das Tagblatt zählte 50.000 Zuschauer, die das Oval im Grunewald »bis auf den letzten Platz« füllten, der DFB nennt 40.000. Das Tagblatt lobte den Frankfurter Franz Schütz, der durch Ruhe und Eleganz bestehe, und fand: »Brunke spielte etwas massiver, aber nicht so rein.«

Am 7. September 1930 spielte Brunke wieder in Kopenhagen, diesmal beim 3:6. Der Reichstrainer Otto Nerz probierte eine weitgehend neue Elf aus: Nur vier Spieler der Startelf hatten schon ein Länderspiel bestritten. Das DFB-Datencenter nennt 21.000 Zuschauer, das Tagblatt 18.000 beim Anstoß. In der 56. Minute pfiff der Schwede Carl Olsson Elfmeter, weil Brunke, so das Tagblatt, im Übereifer den Ball mit der Hand berührt hatte. Knud Christophersen verwandelte zum 2:4, eine Minute später stand es 2:5. Dieselbe Zeitung nahm Brunke und den Frankfurter Hans Stubb anschließend in Schutz: keine schlechten Spieler, aber nicht aufeinander eingespielt. Dass beide eigentlich Linksverteidiger waren, vermerkte das Blatt nebenbei.

Im Juni 1931 fuhr die Mannschaft nach Skandinavien, und Brunke bildete mit seinem Vereinskameraden Heinz Emmerich das Berliner Verteidigerpaar. In Stockholm blieb es am 17. Juni vor 16.000 Zuschauern unter dem Belgier John Langenus beim 0:0, und das Tagblatt fand, die beiden Berliner hätten »sehr sicher ihre Pflicht« getan. Vier Tage später, am 21. Juni im Osloer Ullevaal-Stadion, stand es 2:2. Die Zuschauerzahl ist umstritten: 25.000 nach dem Tagblatt, 17.000 nach norwegischer Angabe. Schiedsrichter war der Schwede Ivan Eklind. In der letzten Minute trat Brunke, so das Tagblatt, über den Ball, ein Tor schien unvermeidlich, bis Emmerich hinzusprang und zur Ecke abwehrte. In der Gesamtwertung der Zeitung war Emmerich »etwas besser als Brunke«.

Sein letztes Länderspiel war am 13. September 1931 das 0:5 in Wien gegen das österreichische Wunderteam. Im Prater, vor 50.000 Zuschauern (DFB) oder 60.000 (Tagblatt), kassierte Deutschland zwei Tore vor der Pause und drei danach. Das Tagblatt schrieb, die Verteidigung Emmerich–Brunke habe sich in der ersten Hälfte noch einigermaßen gehalten, sei dann aber der österreichischen Kombination hilflos gegenübergestanden: »Das war keine Verteidigung von internationalem Format.« Zwei Wochen später lief in Hannover gegen Dänemark eine völlig neu formierte Elf auf. Weshalb Brunke nicht mehr berufen wurde, sagt keine der benutzten Quellen.

Der große Tag: Altona, 23. Oktober 1927

Der Sonntag begann nicht gut. Das neue Altonaer Stadion war mit 30.000 Zuschauern gefüllt, Hans Kalb führte die Mannschaft als Kapitän aufs Feld, der Däne Lauritz Andersen leitete das Spiel. Drei Wochen nach dem 1:3 in Kopenhagen hatte Reichstrainer Nerz, so Schulze-Marmeling, mit Stuhlfauth, Anton Kugler, Kalb und Georg Hochgesang bereits vier Stammspieler gefunden.

Die Norweger begannen mit einem Tempo, das nach dem Tagblatt »fast unheimlich« war. Das erste Tor fiel früh. Das DFB-Datencenter nennt Gunnar Dahl in der 3. Minute, das Tagblatt Finn Berstad in der Viertelstunde nach einem aberkannten Abseitstor. In der 22. Minute (DFB: 24.) fiel das 0:2. Brunke hatte die Ecke verschuldet, Stuhlfauth kam zu spät, Einar Gundersen drückte den Ball über die Linie. Zur Pause stand es 0:2. Im Sammelurteil des Tagblatts hielten sich die beiden Außenläufer »recht gut«, die beiden Verteidiger, also Brunke und Kugler, zeigten dagegen »nur Durchschnittsleistungen«.

Nach dem Wechsel kippte das Spiel. Nach dem DFB-Datencenter traf Hochgesang in der 55. Minute zum 1:2, dreimal Josef Pöttinger (67., 69., 88.), Kalb (73.) und Ludwig Hofmann (82.) machten daraus das 6:2. Das Tagblatt urteilte, die Mannschaft habe den Sieg »auf Grund ihrer guten Leistungen in der zweiten Halbzeit verdient«. Norwegen sei vor allem an der Läuferreihe gescheitert.

Deutschland – Norwegen 6:2 in Altona · Brunke verschuldet die Ecke zum 0:2, danach fallen sechs deutsche Tore
Deutschland – Norwegen 6:2 in Altona · Brunke verschuldet die Ecke zum 0:2, danach fallen sechs deutsche Tore

Brunkes Anteil am Sieg ist schwer zu benennen. Das Tagblatt nennt seinen Namen einmal, bei der Ecke, und sonst nur im Sammelurteil über die Verteidiger. Für ihn war es der erste und letzte Sieg im Nationaltrikot.

Danach

Nach Wien stand Brunke nicht mehr im Nationaltrikot. Mit Tennis Borussia wurde er 1931/32 Meister von Berlin-Brandenburg und schied in der Endrunde in Frankfurt aus. Nach der Wikipedia bestritt er 58 Spiele in Berliner oder Brandenburger Auswahlmannschaften, darunter am 28. April 1929 den 4:1-Finalsieg im Bundespokal gegen Norddeutschland, mit Paul Gehlhaar im Tor und Emmerich und Brunke in der Verteidigung. Am 9. März 1930 verlor die Berliner Auswahl als Titelverteidiger das Endspiel in Altona 0:2.

Das DFB-Datencenter führt ihn bei Tennis Borussia bis zum 30. Juni 1939. Er starb am 6. März 1985. Einen Sterbeort nennt die Wikipedia nicht, und über sein Leben nach dem Fußball steht in keiner der benutzten Quellen etwas.

Hans Brunke auf einen Blick

Geboren: 1.10.1904 in Berlin
Gestorben: 6.3.1985 (Ort nicht angegeben)
Verein: Tennis Borussia Berlin (1922–1939 nach DFB-Datencenter)
Position: Linker Verteidiger
Beruf: Kaufmann (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 7 Länderspiele (1 Sieg, 3 Unentschieden, 3 Niederlagen), keine Tore (1927–1931)
Endrunde um die deutsche Meisterschaft: 7 Spiele 1929–1932 (3 Siege, 4 Niederlagen)
Titel: Berlin-Brandenburger Meister 1931/32 (Tennis Borussia), Bundespokalsieger 1929 mit der Brandenburger Auswahl (Wikipedia)

Länderspiele

Quellen