Richard Gedlich – der Dresdner Stürmer zwischen Düsseldorf und Kopenhagen
Zwei Länderspiele, anderthalb Jahre dazwischen, ein Sieg und eine Niederlage. Richard Gedlich, Stürmer vom Dresdner SC, hat in der Nationalmannschaft keine Tore geschossen. Das vierte deutsche Tor beim 4:2 über die Niederlande in Düsseldorf beschreibt das Darmstädter Tagblatt aber so: Nach einem »Strafstoß« wandert der Ball »über Gedlich, Harder an Pöttinger«, und der vollendet. Ein kleiner Platz in einem großen Tag, mehr gönnen die Quellen ihm nicht. Der Rest seiner Geschichte spielt in Dresden.
»Hofmann und Gedlich waren nicht schlecht, zeigten aber auch gerade nichts Ueberragendes.«
Ein Dresdner Stürmer
Ernst Heinrich Richard Gedlich wird am 17. Februar 1900 in Trachau geboren, heute ein Stadtteil von Dresden. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Dresden als Heimatort, den Beruf Geschäftsführer und den Stammposten Mittelstürmer. Als Verein führt es den Dresdner Sportclub auf und daneben einen »SV Haus Bergmann Dresden«, den die Wikipedia nicht erwähnt. Er stirbt nach der Wikipedia am 5. Januar 1971 in Dresden.
Dem Dresdner SC gehört Gedlich nach der Wikipedia von 1917 bis 1930 an. In den beiden Spielzeiten bis 1925 wird der DSC im Gau Ostsachsen nur Zweiter und Dritter, mit Gedlich, Georg Köhler und Fritz Retter in der Elf. Dann läuft es: In diesem Jahr gewinnt der DSC den Gau mit 17 Siegen in 18 Spielen bei 121:26 Toren. In der Mitteldeutschen Meisterschaft folgen ein 7:0 gegen den VfB Kamenz, ein 4:1 in Plauen, ein 8:1 gegen Zwickau und am 11. April in Halle ein 5:2 nach Verlängerung bei den Sportfreunden. Eine Woche nach Gedlichs Länderspiel, am 25. April 1926, schlägt der DSC auf der Radrennbahn Dresden-Reick Fortuna Leipzig 3:0 und holt die Mitteldeutsche Meisterschaft, nach 21 Jahren die zweite des Vereins. Insgesamt kommt Gedlich nach der Wikipedia auf fünf Gaumeisterschaften hintereinander und drei mitteldeutsche Titel, 1926, 1929 und 1930. Das Lexikon rechnet 1939 vor: Zwölf Nationalspieler trug der Verein bis dahin, Gedlich ist einer von ihnen.
Der große Tag: Düsseldorf, 18. April 1926
Im Frühjahr 1926 steht der DSC in bester Form, und der DFB holt zwei Dresdner in die Elf für das Länderspiel gegen die Niederlande: Köhler und Gedlich. Georg Köhler wird nach dem Tagblatt der beste Mann des Spiels. Gedlich steht auf Halbrechts, an der Seite des Berliners Hans Schröder, und im Angriff neben Tull Harder, Josef Pöttinger und Ludwig Hofmann. Es ist sein Debüt. Schon vor dem Spiel hat die niederländische Presse die Elf studiert. Das Arbeiterblatt Het Volk schreibt am 31. März 1926 über den deutschen Angriff: Rechts und links neben Harder stünden Gedlich und Pöttinger, zusammen bildeten sie ein Innentrio, gegen das die holländische Verteidigung »geen gemakkelijk werk« haben werde, keine leichte Arbeit. Die Nieuwsblad van het Noorden vom 30. März meldet unter Berufung auf eine Agentur, die Elf sei am Sonntag zuvor endgültig aufgestellt worden, mit »Gedlich (Dr.)« auf Halbrechts. Das Lexikon von 1939 führt ihn als Mittelstürmer, das Tagblatt und die niederländischen Zeitungen stellen ihn im Innensturm auf.
Das Spiel hat bei 60.000 (DFB-Datencenter) bis 65.000 Zuschauern (Tagblatt) alles, was ein Spiel nur haben kann: überrannte Eingangstore, 35 Minuten Verspätung, zwei Rückstände, zwei Ausgleichstore und ein Finale der Tore in den letzten Minuten. Beim 1:0 in der 17. Minute glaubt die niederländische Zeitung De courant, Gedlich habe im Abseits gestanden, das Tor zählt trotzdem. Beim 4:2 ist er an der Entstehung beteiligt. Das Urteil des Tagblatts am Ende fällt nüchtern aus: nicht schlecht, aber nichts Überragendes. Als beste Stürmer nennt das Blatt Pöttinger, Harder und Schröder. Die niederländischen Berichte sehen es etwas freundlicher: Eine Zeitung schreibt, nach der Pause funktioniere das Zusammenspiel besonders schön auf dem rechten Flügel Gedlich–Schröder, auch wenn die holländische Verteidigung dort standhält. Kurz vor dem 2:2 fällt ihm der Ball vor dem leeren Tor zu, nachdem Torwart Quax herausgelaufen ist, doch der Verteidiger Denis steht gerade noch rechtzeitig im Weg. Wer die Tore schoss, ist ebenfalls nicht eindeutig: Das Tagblatt schreibt alle vier Pöttinger zu, die niederländische Zeitung die beiden letzten Harder, und der DFB zählt drei für Pöttinger und eines für Harder. Den Spielverlauf mit Torfolge und Quellenabweichungen erzählt der Spielbericht.
Am 16. Mai 1926 steht er mit dem DSC im Achtelfinale um die deutsche Meisterschaft. In Breslau verliert Dresden 0:1 gegen den Breslauer SC 08 (Näheres weiter unten).
Kopenhagen, 2. Oktober 1927
Anderthalb Jahre später ist er wieder dabei. Zehn Monate nach dem 2:3 gegen die Schweiz in München tritt die deutsche Mannschaft in Kopenhagen an, Otto Nerz hat nach Schulze-Marmeling gleich neun Neulinge aufgestellt, die Mannschaft verliert 1:3 gegen Dänemark. Gedlich spielt im Innensturm zwischen Richard Hofmann und Georg Frank. Ob er halblinks oder als Mittelstürmer aufläuft, geben die Quellen verschieden an: Die Reihenfolge im DFB-Datencenter spricht für den Halblinken, die vor dem Spiel gedruckte Aufstellung im Groninger Dagblad (23. September 1927) nennt Haftmann, Hofmann, Gedlich, Frank und Kießling und würde ihn in die Mitte stellen. Auf der anderen Seite des Sturms steht mit Martin Haftmann ein zweiter Dresdner. Das Groninger Dagblad kommentiert die Nominierung vor dem Spiel: Mit Blick auf die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam habe die Aufstellungskommission nur jüngeren Spielern eine Chance geben wollen. Harder, Stuhlfauth, Müller und andere Namen aus der Stammelf stünden deshalb nicht in der Mannschaft, weil man von dem jungen Team mehr erwarte. Gedlich war damals 27. Georg Kießling schießt das einzige deutsche Tor, Michael Rohde trifft zweimal für die Dänen. Die niederländischen Zeitungen sehen die Deutschen spielerisch im Vorteil, ihnen habe nur der letzte Schliff gefehlt.
Das Darmstädter Tagblatt druckt am 3. Oktober nur eine Kurzmeldung über die Torfolge, einen Satz über Gedlich allein enthält keine der gesichteten Quellen. Es bleibt bei zwei Spielen; warum er danach nicht mehr gerufen wurde, sagt kein Bericht. Das Lexikon von 1939 zählt ihn später zu den zwölf Nationalspielern des Dresdner SC. Dort stehen er und Arno Neumann, Rudolf Berthold, Haftmann, Hofmann, Kreß, Köhler, Stössel, Mantel, Müller, Schlösser und Schön in einer Reihe. Der Spielbericht enthält Aufstellungen und Pressestimmen.
Meisterschaften, Halbfinale, Abschied
Beim DSC spielt Gedlich weiter. Die Wikipedia zählt für ihn in den Endrunden um die deutsche Meisterschaft vier Einsätze, und jeder endet mit einer Niederlage. Die Libero-Aufstellungen bestätigen die Reihenfolge und zeigen ihn jedes Mal im Sturmzentrum:
- 16. Mai 1926, Breslau: 0:1 beim Breslauer SC 08 vor 15.000 Zuschauern auf dem Platz des SC Schlesien. Das Tor fällt in der 55. Minute durch Wolff. Der DSC muss nach Libero auf seinen Mittelläufer Köhler verzichten, die Schlesier machen laut dem Heft mit Laufarbeit die technische Überlegenheit der »Elbflorenzer« wett.
- 8. Juli 1928, München: 0:1 nach Verlängerung gegen den FC Wacker München, das Tor schießt Nebauer in der 134. Minute. 16.000 Zuschauer sind im Stadion an der Grünwalder Straße.
- 16. Juni 1929, München: 0:3 gegen den FC Bayern, wieder vor 16.000 Zuschauern an der Grünwalder Straße. Schmid II (18.), Pöttinger (74.) und Trausenecker (80.) treffen. Köhler fehlt abermals, im Sturm spielt erstmals in einer Endrunde Richard Hofmann an Gedlichs Seite. Auf Bayern-Seite stehen unter anderem Conny Heidkamp und Ludwig Hofmann, die Gedlich aus der Nationalelf kennt. Trainer des DSC ist der Engländer James Hogan, der laut Wikipedia von 1928 bis 1932 in Dresden arbeitet (zu seiner Biografie).
- 15. Juni 1930, Duisburg: Halbfinale, 0:2 gegen Holstein Kiel vor 17.000 Zuschauern. Widmayer (71.) und Esser (81.) entscheiden das Spiel erst in der Schlussphase. Libero schreibt, die beiden erfahrenen ausländischen Trainer, Hogan und der Österreicher Karl Heinlein, hätten ihre Teams klug auf den Gegner eingestellt und vorsichtig operieren lassen. Die Runden davor, ein 8:1 gegen den VfB Königsberg (18. Mai, Halle) und ein 5:4 nach Verlängerung gegen die SpVgg Fürth (1. Juni, Dresden), bestreitet Gedlich nach der Zählung von Wikipedia und Libero nicht mit; im Halbfinale steht er wieder im Sturm, neben Richard Hofmann.
Das Halbfinale ist der weiteste Weg, den Gedlich in der Endrunde kommt. Kiel verliert eine Woche später das Endspiel gegen Hertha BSC mit 4:5. Die Mitteldeutschen Titel 1929 und 1930 hat der DSC zuvor in den Endspielen gegen den Chemnitzer BC (3:2 am 12. Mai 1929 in Chemnitz) und den VfB Leipzig (2:1 am 4. Mai 1930) errungen. 1929 gewinnt er den Gau mit 18 Siegen in 18 Spielen, 1930 mit 15 Siegen und 3 Remis bei 85:15 Toren.
Von 1930 bis 1933 stürmt er für den SV Brandenburg 01 Dresden, von 1933 bis 1935 für die Sportfreunde 01 Dresden, so die Wikipedia fusionsbedingt. Der Brandenburg-Klub, 1920 aus zwei kleineren Vereinen entstanden, hatte nach der Wikipedia seine Heimspiele erst am Dreyßigplatz in Mickten und wich dann auf einen Platz in Trachau aus, also in Gedlichs Geburtsstadtteil. In den 1920er Jahren gehörte ihm auch der spätere Leichtathlet Rudolf Harbig an. 1930 erreicht Brandenburg das Viertelfinale des Mitteldeutschen Pokals und verliert 2:3 gegen Wacker Leipzig. 1933 geht der Verein in den Sportfreunden 01 auf; mit wem er sich genau zusammenschloss, geben die Wikipedia-Seiten unterschiedlich an (Dresdner Fußballring 1902 beziehungsweise zusätzlich Ring-Greiling und Rasensport). Danach endet die Spur in den Quellen. Gedlich stirbt 1971 in Dresden.
Richard Gedlich auf einen Blick
Geboren: 17.2.1900 in Trachau (heute Dresden)
Gestorben: 5.1.1971 in Dresden
Vereine: Dresdner SC (1917–1930), SV Brandenburg 01 Dresden (1930–1933), Sportfreunde 01 Dresden (1933–1935); nach dem Lexikon 1939 auch SV Haus Bergmann Dresden
Position: Mittelstürmer (Lexikon 1939)
Beruf: Geschäftsführer (Lexikon 1939)
Erfolge: Mitteldeutscher Meister 1926, 1929, 1930; fünf Gaumeisterschaften Ostsachsen 1926–1930; Halbfinale der Deutschen Meisterschaft 1930 (nach der Wikipedia)
Bilanz: 2 Länderspiele (1 Sieg, 1 Niederlage), kein Tor (1926–1927)
Länderspiele
- 18.04.1926 Deutschland – Niederlande 4:2 (Düsseldorf, Rheinstadion) – Debüt
- 02.10.1927 Deutschland – Dänemark 1:3 (Kopenhagen, Idrætsparken) – zweites und letztes Länderspiel
Quellen
- Wikipedia: Richard Gedlich
- Wikipedia: SV Brandenburg 01 Dresden, Sportfreunde 01 Dresden-Nord, Dresdner SC
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1928/29 und 1929/30; Deutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- IFFHS: Libero Spezial Deutsch (Heft zur Deutschen Meisterschaft 1925/26–1930/31), Aufstellungen, Zuschauer- und Torangaben der Endrundenspiele
- Delpher (Koninklijke Bibliotheek): niederländische Tageszeitungen vom 19. und 20. April 1926 zum Länderspiel in Düsseldorf
- Wikipedia (englisch): Richard Gedlich
- DFB-Datencenter: Richard Gedlich, Spielerprofil
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1925/26
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1927/28
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1928/29
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Dietrich Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 19. April 1926
- Darmstädter Tagblatt, 3. Oktober 1927
- Delpher (Koninklijke Bibliotheek): Het Volk, 31. März 1926 und Nieuwsblad van het Noorden, 30. März 1926 (Ankündigung der deutschen Elf); Groninger Dagblad, 23. September 1927 (Ankündigung für Kopenhagen)