August Werner – der andere Werner aus Kiel

Wer »Werner«, »Kiel« und »Nationalelf« in einem Satz hört, denkt an Adolf »Adsch« Werner, den Torwart, der 1909 in Oxford neun Gegentore kassierte und trotzdem auf den Schultern der Sieger vom Platz getragen wurde. Dieser Text handelt vom anderen: von August Werner, geboren zehn Jahre nach Adsch, ebenfalls in Kiel, ebenfalls bei Holstein, ebenfalls Nationalspieler. Nur eben nicht im Tor, sondern davor, und nicht dreizehnmal, sondern zweimal. Beide Einsätze fielen in dieselbe Woche im Juni 1925.

August Werners Leben 1896–1968: Verteidiger bei Holstein Kiel, zwei Länderspiele 1925, später Polizeihauptmann und SS-Angehöriger.
August Werners Leben 1896–1968: Verteidiger bei Holstein Kiel, zwei Länderspiele 1925, später Polizeihauptmann und SS-Angehöriger.

Ein Werner mehr in Kiel

August Werner kam am 6. März 1896 in Kiel zur Welt. Er gehörte zu einer Fußballfamilie: Sein Bruder Adolf, Jahrgang 1886, war Torwart des FC Holstein und Deutscher Meister von 1912, und auch Friedrich, genannt »Fred«, spielte für Holstein. Dass August der jüngere Bruder Adolfs war, schreiben übereinstimmend die deutsche und die englische Wikipedia, und auch Olympedia erwähnt ihn im Lebenslauf Adolfs als dessen Bruder. Die Zusammenstellung der Brüderpaare in der Nationalelf auf trainer-baade.de führt Adolf und August ebenfalls. Mehr zu Adolf, zu Oxford und zum Titel von 1912 steht in seiner Biografie.

Als Adsch 1912 mit Holstein Deutscher Meister wurde, war August sechzehn. Über seine Anfänge im Verein nennen die Quellen nichts. Die deutsche Wikipedia schreibt, er sei kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs zu Holstein Kiel gekommen, nach einem Jahr zum Hamburger SV gewechselt und im Jahr darauf nach Kiel zurückgekehrt. In Hamburg spielte er nach dieser Darstellung zusammen mit Hugo Fick, dem Bruder des Nationalspielers Willi Fick. Das DFB-Datencenter führt ihn für den Kieler SV Holstein von 1920 bis 1940.

Der Verteidiger

Werner spielte rechter Verteidiger, im Verein wie in der Nationalelf. Nach der Wikipedia galt er als gefürchteter Elfmeterschütze, und zusammen mit Theo Lagerquist war er in der Kieler Abwehr unverzichtbar. Das Lexikon »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 verzeichnet ihn knapp: Heimatort Kiel, Vereine Holstein Kiel und HSV, Stammposten rechter Verteidiger, Beruf Polizeihauptmann, zwei Länderspiele 1925 gegen Schweden und Finnland.

Die meisten Spiele, die über ihn Auskunft geben, sind Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft. Das DFB-Datencenter nennt sieben Einsätze zwischen 1926 und 1928: vier Siege, drei Niederlagen, drei Tore.

Der große Tag: Helsinki, 26. Juni 1925

Im Juni 1925 schickte der DFB 25 Spieler nach Skandinavien, von denen laut Schulze-Marmeling anschließend 15 nie wieder für Deutschland spielten. Wikipedia führt Werners Berufung auch auf den Dauerstreit zwischen dem 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth zurück, dessen Spieler teilweise gar nicht erst anreisten, sodass Neulinge einspringen mussten. Das ist die Darstellung der Wikipedia. Zu den 15, die danach nie wieder aufliefen, gehörte Werner, denn auch er blieb bei diesen beiden Einsätzen.

Für Werner begann es am 21. Juni in Stockholm mit einer Niederlage. Schweden führte durch Filip Johansson schon früh, die Torminute schwankt zwischen der fünften und der neunten. Etwa 10.000 Zuschauer sahen zu, darunter nach niederländischen Meldungen die gesamte königliche Familie. In der 22. Minute verließ Ali Beier das Feld, und der 29-jährige Werner kam in die Partie. Mehr, als dass es beim 0:1 blieb, wissen die Quellen über seinen Auftritt nicht.

Fünf Tage später, am 26. Juni, stand er im Töölön Pallokenttä in Helsinki von Beginn an auf dem Platz. Vor 3.500 Zuschauern geriet Deutschland gegen Finnland nach Hjalmar Kelins Tor in der 28. Minute und Aulis Koponens Elfmeter in der 50. mit 0:2 in Rückstand. Dann traf Paul Pömpner dreimal, in der 52., 71. und 79. Minute, und Hans Ruch verwandelte in der 75. einen Elfmeter. Koponen verkürzte noch einmal auf 3:4, Kurt Voß erzielte in der 87. Minute den 5:3-Endstand. Es war der erste deutsche Sieg über Finnland überhaupt. Wie Werner im Einzelnen spielte, ist nicht überliefert.

Bei der Halbzeitführung gibt es einen Quellenkonflikt: Das DFB-Datencenter und die deutsche Wikipedia sehen Finnland zur Pause mit 1:0 vorn, der Telegraaf meldete aus Helsingfors 0:2. Die Torminuten oben folgen der englischen Wikipedia und dem DFB-Datencenter.

Helsinki, 26. Juni 1925: Deutschland – Finnland 5:3. Pömpner trifft dreimal, Voß entscheidet das Spiel in der 87. Minute.
Helsinki, 26. Juni 1925: Deutschland – Finnland 5:3. Pömpner trifft dreimal, Voß entscheidet das Spiel in der 87. Minute.

Mit der Rückkehr nach Kiel endete seine Nationalmannschaftszeit. Das Lexikon von 1939 und das DFB-Datencenter kennen keinen weiteren Einsatz. Es blieb bei einem Sieg und einer Niederlage.

Holstein in der Endrunde: 1926 bis 1928

Dass Werner in Kiel trotzdem nicht in Vergessenheit geriet, lag am Verein. Holstein wurde in der Saison 1925/26 nach 14 Jahren wieder Norddeutscher Meister, mit einem Punkt Vorsprung vor dem Hamburger SV. Das Endrundenbuch des IFFHS-Hefts »Libero« Nr. 38 führt Werner in allen sieben Endrundenspielen von 1926 bis 1928 als Kapitän der Kieler. Seine Bilanz nach dem DFB-Datencenter: vier Siege, drei Niederlagen, drei Tore.

1926. Am 16. Mai schlägt Holstein auf dem eigenen Platz den Stettiner SC 8:2 (4:0), 4.000 Zuschauer, Schiedsrichter Hugo Maisch aus Berlin. Das 4:0 in der 28. Minute schießt Werner per Elfmeter. Trainer der Kieler ist der Ungar Béla Révész, in der Läuferreihe steht Obitz, der in Ungarn 13-mal Nationalspieler gewesen war. Am 30. Mai folgt in Berlin ein 4:0 bei Norden-Nordwest (Schulz 5., Ritter 7., Esser 67., Voß 90.), im Grunewald-Stadion vor 15.000 Zuschauern. Im Halbfinale am 6. Juni im Düsseldorfer Rhein-Stadion unterliegt Holstein der SpVgg Fürth 1:3 (16.000 Zuschauer, Schiedsrichter Willi Guyenz aus Essen); Fürth trifft durch Franz I (Elfmeter, 45.), Franz II (57.) und Kleinlein (65.), Ritter verkürzt in der 76. Minute. Fürth wurde eine Woche später Deutscher Meister. Im Halbfinale taucht ein »Werner« auch im Spielbericht des Darmstädter Tagblatts vom 7. Juni 1926 auf, ohne Vornamen, aber als Abwehrspieler: In der 20. Minute wehrt er Fürths siebte Ecke »schlecht« ab, der Ball kommt zu Kleinlein, »der glatt zum dritten Tor für Fürth einschoß«. Dass hier August gemeint ist, ist eine Annahme: Im Kieler Tor stand laut Bericht Passenheim, nicht sein Bruder.

1927. Holstein wiederholt den norddeutschen Titel. Am 8. Mai gewinnt es zu Hause 9:1 gegen Titania Stettin, Trainer ist jetzt Willi Zincke. Werner schießt das 1:0 (7. Minute) und per Elfmeter ein weiteres Tor. Mit dem Elfmeter von 1926 sind das genau die drei Endrundentore, die das DFB-Datencenter führt. Titania spielte lange in Unterzahl, nachdem sich Ehlert in der 20. Minute verletzt hatte. Eine Woche später, am 22. Mai, verliert Holstein beim Berliner Meister Hertha BSC 2:4. Gespielt wird auf dem Preußen-Platz in Tempelhof, vor 25.000 Zuschauern, Schiedsrichter ist Emil Bühler aus Stuttgart. Für Hertha treffen Kirsei (10., 83.) und Sobeck (38., 63.), für Holstein Esser (60.) und Ritter (88.); in der 50. Minute muss Slebioda verletzt raus.

1928. Holstein qualifiziert sich über eine Ausscheidung, in der es eine Woche zuvor gegen Union 03 Altona 3:2 nach Verlängerung gewonnen hat. Am 8. Juli gewinnt Kiel bei Preußen Stettin 4:1 (Pause 3:1), in der Hans-Peltzer-Kampfbahn vor 10.000 Zuschauern; Schiedsrichter ist Jansen aus Neuss. Stettin geht durch einen Elfmeter von Lübke früh in Führung (5.), dann treffen Karow (24.) und dreimal Ludwig (40., 44., 55.). Am 15. Juli, einem Sonntag, scheidet Holstein im Kieler Holstein-Platz mit 0:4 (0:2) gegen Hertha aus, vor 7.000 Zuschauern, Schiedsrichter Fritz Zimmermann aus Leipzig. Grenzel trifft dreimal (21., 42., 84.), Sobeck einmal (64.). Dieses Spiel ist Werners letzter Endrundeneinsatz. Der Termin war lange unklar: Die Wikipedia nennt den 12. Juli, das Darmstädter Tagblatt kündigte das Spiel am Freitag, 13. Juli, als Spiel des kommenden Wochenendes an und meldete das Ergebnis am 16. Juli. Der Sonntag, 15. Juli, löst den Widerspruch. Der »Platz des Gegners«, von dem das Tagblatt spricht, ist aus Berliner Sicht der Kieler.

Im Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1930, das Holstein gegen Hertha am 22. Juni in Düsseldorf mit 5:4 gewann, stand Werner nach dem Libero-Heft nicht mehr in der Abwehr; dort spielten Lagerquist und Josef Zimmermann.

Polizei, NSDAP und SS

Beruflich war August Werner Polizeihauptmann in Kiel, so führt es das Lexikon von 1939 und nach ihm die Wikipedia. Nach den Angaben der deutschen Wikipedia, die sich auf eine Akte im Bundesarchiv (R 9361-III/563167) beruft, trat er zum 1. April 1933 in die NSDAP ein, zum 1. August 1939 in die SS, wo er den Rang eines Sturmbannführers erhielt und im November 1942 zum Obersturmbannführer befördert wurde. Unter Berufung auf einen Artikel von Armin Jäger in der Zeit vom 24. Juli 2024 hält die Wikipedia fest, er habe damit unter den deutschen Fußball-Nationalspielern den höchsten SS-Rang erreicht.

Welche Aufgaben Werner bei Polizei und SS im Einzelnen hatte, geben diese Quellen nicht an. Auch zu seiner Entnazifizierung nach 1945 haben wir keine Angaben gefunden.

Nach der Karriere

Wann Werner mit dem Fußball aufhörte, nennen die Quellen nicht genau. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er laut Wikipedia noch eine Weile Ligaobmann bei Holstein Kiel. Er starb am 20. Oktober 1968 in Kiel, so nennen es die deutsche Wikipedia und das DFB-Datencenter. Die Wikipedia vermerkt, andere Quellen gäben den 22. Oktober an.

August Werner auf einen Blick

Geboren: 6. März 1896, Kiel
Gestorben: 20. Oktober 1968, Kiel (andere Quellen: 22. Oktober)
Vereine: Holstein Kiel, 1919/20 Hamburger SV (nach Wikipedia), laut DFB-Datencenter bei Holstein von 1920 bis 1940
Position: rechter Verteidiger
Beruf: Polizeihauptmann in Kiel
Familie: jüngerer Bruder des Torwarts Adolf Werner und von Friedrich »Fred« Werner (nach Wikipedia und Olympedia)
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1925): 1 Sieg, 1 Niederlage
Endrunde um die Deutsche Meisterschaft: 7 Einsätze 1926 bis 1928, 4 Siege, 3 Niederlagen, 3 Tore (DFB-Datencenter)

Länderspiele

Quellen