Karl Schulz – Holsteins Mittelstürmer, Rechtsanwalt, zwei Länderspiele 1925

Zwei Tore in zwei Minuten: In der 41. und 43. Minute schießt Karl Schulz am 8. Mai 1927 Holstein Kiel gegen Titania Stettin auf 3:1 und 4:1, später legt er noch ein drittes nach. Am Ende steht es 9:1. Der Mittelstürmer galt nach der Wikipedia als grob angreifend und ging seine Gegner oft mit Härte an. Von Beruf war er Rechtsanwalt, in der Freizeit schrieb er Gedichte. Für Holstein spielte er fünfzehn Jahre lang, für Deutschland zweimal: im Juni 1925, innerhalb von fünf Tagen, in Stockholm und in Helsinki.

Wer nach ihm sucht, findet leicht den Falschen. Es gab mehrere Schulz in der Nationalelf, und zwei von ihnen heißen im Lexikon von 1939 genau gleich. Dieser Text handelt vom Kieler.

Karl Schulz 1901–1971: Holstein Kiel von 1920 bis 1935, zwei Länderspiele im Juni 1925, zwei Norddeutsche Meistertitel mit Endrunde 1926 und 1927, Vizemeisterschaft 1930 ohne Einsatz in der Endrunde.
Karl Schulz 1901–1971: Holstein Kiel von 1920 bis 1935, zwei Länderspiele im Juni 1925, zwei Norddeutsche Meistertitel mit Endrunde 1926 und 1927, Vizemeisterschaft 1930 ohne Einsatz in der Endrunde.

»Zu einer Skandinavienreise beispielsweise reiste man im Juni 1925 mit einem 25 Spieler umfassenden Tross, von denen 15 Akteure anschließend nie wieder eingesetzt wurden.«

— Dietrich Schulze-Marmeling, Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft (2004)

Ein Kieler bei Holstein

Karl Schulz kam am 11. August 1901 in Kiel zur Welt. Das nennen die Wikipedia, das DFB-Datencenter und das Lexikon »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 übereinstimmend; das Lexikon führt Kiel als Heimatort. Sein Sterbedatum, der 9. März 1971, steht in der Wikipedia, der Sterbeort ist dort nicht angegeben. In Kiel nannte man ihn nach der Wikipedia »Cally«; im Libero-Heft zur Endrunde 1926 heißt er »Kallie Schulz«.

Von 1920 bis 1935 gehörte er Holstein Kiel an, das DFB-Datencenter führt ihn vom 1. Juli 1920 bis zum 30. Juni 1935. Das war die Zeit, in der Holstein nach dem Meistertitel von 1912 wieder an die nationale Spitze klopfte. Schulz gewann, so die Wikipedia, die Kreisliga Nordkreis 1921/22 und wurde in der Endrunde um die Norddeutsche Meisterschaft Zweiter hinter dem Hamburger SV. Danach sammelte er Titel auf Landesebene: Schleswig-Holsteinischer Meister war er nach der Wikipedia 1923 bis 1928 und noch einmal 1930 bis 1933, Norddeutscher Meister 1926, 1927 und 1930.

Eine Spur führt noch weiter zurück, ist aber nicht gesichert. Im Libero-Heft D 3 steht für den 13. Oktober 1918 in Stettin eine norddeutsche Auswahl, die Nordostdeutschland 11:2 schlug, und in ihrer Läuferreihe ein »Karl Schulz (FC Holstein Kiel)«. Ob das der damals 17-Jährige war, sagt das Heft nicht. Das DFB-Datencenter führt ihn erst ab 1920 bei Holstein.

Beruflich war er Rechtsanwalt. Das Lexikon von 1939 verzeichnet den Beruf, die Wikipedia dazu die Gedichte.

Zwei Endrunden: 1926 und 1927

Die Kieler Mannschaft, die Mitte der Zwanziger an die Spitze rückte, hatte 1926 einen ungarischen Trainer, den 39-jährigen Ex-Internationalen Béla Révész, und einen ungarischen Mittelläufer, Gábor Obitz. So führen es die Endrundenbögen im Libero-Heft Nr. 38 auf. Ein Jahr später ist das anders: 1927 steht im Heft Willi Zincke als Trainer, Oskar Ohm spielt Mittelläufer, im Tor steht Hans Semmelhack statt Hans Passenheim, und der junge Widmayer ist dabei. Mit Obitz gewann Holstein nach der Wikipedia 1925 den Norddeutschen Pokal und 1926 das Double aus Pokal und Meisterschaft. Die Kieler heißen im Libero-Heft die »Störche«. Im Angriff spielte Schulz in der Mitte, rechts von ihm Oskar Ritter und Kurt Voß, links Waldemar Lübke und Franz Esser.

Die Norddeutsche Meisterschaft 1926 gewann Holstein in der Endrunde mit drei Siegen und einem Remis bei 15:3 Toren, einen Punkt vor dem Hamburger SV. Ein Jahr später klappte es noch einmal, wieder mit einem Punkt Vorsprung vor dem HSV (drei Siege, ein Remis, 7:2 Tore). Beide Titel öffneten das Tor zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Nach dem DFB-Datencenter bestritt Schulz dort fünf Spiele: drei Siege, zwei Niederlagen, fünf Tore, zwei davon 1926 und drei 1927. Die Minuten kennt das Libero-Heft.

1926. Am 16. Mai schlug Holstein vor eigenem Publikum den Stettiner SC 8:2. Die Kieler führten schon zur Pause 4:0, vier der Tore schoss Lübke. In der 71. Minute besorgte Schulz das 8:0. Zwei Wochen später, am 30. Mai, siegte Holstein in Berlin gegen Norden-Nordwest 4:0, vor 15.000 Zuschauern im Grunewald-Stadion, wie Libero das Berliner Deutsche Stadion nennt. Schulz eröffnete in der 5. Minute das Spiel, Ritter, Esser und Voß legten nach. Das Heft widmet dem »Kallie Schulz« und dem »Seppla« Esser ein paar Zeilen: Norden-Nordwest habe trotz Heimvorteil »nicht die Spur einer Chance« gehabt.

Am 6. Juni stand das Halbfinale in Düsseldorf an, im Rheinstadion, vor 16.000 Zuschauern nach dem DFB-Datencenter. Das Darmstädter Tagblatt zählte »über 20000« Zuschauer, trotz regnerischen Wetters, und sah die »bei weitem besseren Süddeutschen« verdient gewinnen. Fürth erinnere an seine besten Zeiten, schrieb das Blatt; die Läuferreihe, vor allem Krauß, habe das Spiel entschieden. Holstein zeigte nach demselben Urteil »ein sehr schnelles Spiel«, doch fehle der Mannschaft »die Einheitlichkeit«; die Außenstürmer versagten »ziemlich«, am besten gefielen noch die Halbstürmer Ritter und Lübke und die beiden Verteidiger. Schulz wird im Bericht nicht genannt. Einen Elfmeter, den die Kieler erwarteten, als Fürths Verteidiger Müller den Ball an die Hand bekam, gab es nicht.

Fürth führte nach Libero 3:0, durch zwei Tore von Andreas Franz (das erste per Elfmeter in der 45. Minute) und eines von Konrad Kleinlein in der 65. Minute. Das Tagblatt nennt für den Elfmeter die 42. Minute und beschreibt das zweite Tor als Freistoß aus 22 Metern, den Torwart Hans Passenheim erst fing und dann ins Netz rollen ließ. Erst in der 76. Minute verkürzte Ritter auf 1:3, nach dem Tagblatt aus acht Metern nach einem Freistoß. Fürth gewann eine Woche später das Endspiel gegen Hertha BSC 4:1.

1927. Am 8. Mai kam Titania Stettin nach Kiel, vor 4.000 Zuschauern auf den Holstein-Platz. Werner eröffnete in der 7. Minute, in der 30. erhöhte der 17-jährige Werner Widmayer auf 2:0, in der 40. Minute verkürzte Grapow für Titania auf 2:1. Dann kam Schulz: Libero verzeichnet das 3:1 in der 41. Minute und das 4:1 in der 43. Danach trafen Ohm, Werner (per Elfmeter) und noch einmal Ohm, Schulz legte das 8:1 nach, und Voß machte das 9:1 voll. Die Minuten dieser späteren Tore sind im Libero-Heft nicht mehr lesbar. Mit drei Toren in einem Spiel landete Schulz in der Torschützenliste der Endrunde 1927 auf dem geteilten siebten Platz, hinter dem Fürther Andreas Franz, der in drei Spielen sechsmal getroffen hatte.

Am 22. Mai trat Holstein in Berlin bei Hertha BSC an, auf dem Preußen-Platz in Tempelhof, vor 25.000 Zuschauern. Kirsei und Sobek brachten Hertha 2:0 in Front, Esser verkürzte in der 60. Minute, nach Sobeks 3:1 und Kirseis 4:1 (83.) traf Ritter noch zum 2:4 (88.). Hertha stand danach im Endspiel, Holstein war draußen. Libero hält fest, dass die Kieler ihren rechten Läufer Slebioda in der 50. Minute verletzt verloren und in Unterzahl weiterspielen mussten. Das Darmstädter Tagblatt vom 23. Mai bestätigt die zehn Mann, nennt andere Berliner Torschützen (Kirsey, Sobeck, Schink und Nirsch) und führt die beiden Kieler Tore auf Esser und Schulz zurück, nicht auf Esser und Ritter. Das DFB-Datencenter zählt für Schulz fünf Endrundentore, zwei 1926 und drei 1927, und das passt nur zur Libero-Lesart. Schulz hat damit nach Libero in Berlin nicht getroffen; offen ist, ob die Zeitung ihn und Ritter verwechselte.

Mit der Vizemeisterschaft von 1930 hat Schulz nur noch am Rande zu tun. Holstein erreichte das Endspiel in Düsseldorf und verlor es 4:5 gegen Hertha; Schulz kam laut Wikipedia in der Endrunde nicht zum Einsatz. Im Sturmzentrum stand im Finale Johannes Ludwig, über den es eine eigene Biografie gibt. Das Siegtor in der 87. Minute schoss Hans Ruch, der Herthaner, der fünf Jahre zuvor in Helsinki mit Schulz im deutschen Sturm gestanden hatte.

Die Nordlandreise

Im Juni 1925 schickte der DFB einen Tross von 25 Spielern nach Skandinavien. Dazu gehörten, nach der Wikipedia, vier Holsteiner: Schulz, Oskar Ritter, Kurt Voß und August Werner. Der rechte Verteidiger Werner hatte einen berühmteren Bruder, den Torwart Adolf Werner.

Der Auftakt am 21. Juni in Stockholm ging 0:1 verloren. Etwa 10.000 Zuschauer waren im Olympiastadion, nach niederländischen Meldungen die gesamte königliche Familie. Filip Johansson traf früh für Schweden, nach den niederländischen Berichten in der fünften, nach dem DFB-Datencenter in der neunten Minute. Nach der Pause, so die Winschoter courant vom 23. Juni 1925, wogen sich die Mannschaften besser auf. Ein deutsches Tor fiel nicht. Schulz spielte durch. Der Aufstellung nach, die keine Positionen nennt, stand er in der Mitte der Sturmreihe, zwischen Otto Montag und seinem Vereinskameraden Ritter. In der 22. Minute kam für den ausgeschiedenen Ali Beier August Werner aufs Feld, womit zeitweise drei Holsteiner zugleich spielten.

Der große Tag: Helsinki, 26. Juni 1925

Fünf Tage später, am 26. Juni, trat die Elf im Pallokenttä in Helsinki gegen Finnland an. Schulz blieb im Sturmzentrum, diesmal zwischen Otto Montag und Paul Pömpner, außen Kurt Voß und Hans Ruch. Im Tor stand wieder Georg Ertl, in der Verteidigung neben Emil Kutterer der Kieler August Werner.

Die Zuschauer, 3.500 laut DFB-Datencenter, sahen eine Mannschaft, die erst einmal ins Hintertreffen geriet. Hjalmar Kelin brachte Finnland in der 28. Minute in Führung, kurz nach der Pause verwandelte Aulis Koponen einen Elfmeter zum 2:0. Dann drehte Deutschland die Partie. Pömpner traf in der 52. Minute, glich in der 71. aus und machte in der 79. das 4:2. Dazwischen verwandelte Hans Ruch in der 75. Minute einen Elfmeter zur ersten deutschen Führung. Koponen verkürzte in der 83. Minute auf 3:4, Kurt Voß, Schulz' Vereinskamerad, stellte in der 87. Minute den 5:3-Endstand her. Es war der erste deutsche Sieg gegen Finnland überhaupt.

Helsinki, 26. Juni 1925: Finnland führt 2:0, Deutschland gewinnt 5:3. Torfolge nach dem DFB-Datencenter und der englischen Wikipedia.
Helsinki, 26. Juni 1925: Finnland führt 2:0, Deutschland gewinnt 5:3. Torfolge nach dem DFB-Datencenter und der englischen Wikipedia.

Wie Schulz spielte, ist nicht überliefert; ein Tor schoss er nicht. Beim Halbzeitstand widersprechen sich die Quellen: Das DFB-Datencenter und die deutsche Wikipedia sehen Finnland zur Pause mit 1:0 vorn, der Telegraaf meldete aus Helsingfors 0:2. Die Torminuten oben sprechen für das 0:1.

Es war sein letztes Länderspiel. Damit gehörte er zu den 15 der 25 Reisenden, die nach Schulze-Marmeling danach nie wieder aufliefen. Auch Oskar Ritter und August Werner kamen danach nicht mehr in die Nationalelf. Kurt Voß hatte im März 1925 schon einmal gespielt, beim 1:2 in den Niederlanden.

Nach dem Fußball

Holstein blieb er bis 1935 treu. Die letzten beiden Spielzeiten absolvierte er nach der Wikipedia in der neu eingeführten Gauliga Nordmark, die der Klub als Dritter abschloss. Nach der Wikipedia, die sich auf eine Karteikarte im Bundesarchiv und einen Artikel der »Zeit« vom 24. Juli 2024 stützt, trat Schulz zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Mehr nennt die Wikipedia dazu nicht.

Dem Fußball blieb er auch danach verbunden. Nach der Wikipedia war er später Schatzmeister des Landessportverbands Schleswig-Holstein. Als Mitautor der Holstein-Festschrift »50 Jahre Holstein Kiel« (1950) nennt die Wikipedia einen »Cally Schulz«; ob er derselbe ist, sagt sie nicht, der Spitzname passt jedenfalls. Wo und wie er 1971 starb, bleibt offen.

Verwechslungsgefahr: die anderen Schulz

Der Name Schulz kommt in der frühen Nationalmannschaft mehrfach vor, und Datenbanken und Aufstellungen werfen die Träger gelegentlich durcheinander. Die Unterschiede:

Carl Schulz (geboren 1901 in Berlin) war Mittelläufer von Union Oberschöneweide und Viktoria 89. Er bestritt ein einziges Länderspiel, das 4:0 gegen Finnland am 20. Oktober 1929 in Altona. Seine Geschichte steht in der eigenen Biografie. Er hat nichts mit Kiel zu tun. Geboren 1901, gegen Finnland gespielt, im Lexikon von 1939 als »Schulz, Karl« geführt: Das alles teilt er mit dem Kieler und ist doch ein anderer Mensch. Das DFB-Datencenter schreibt den Berliner mit C, den Kieler mit K; die englische Wikipedia nennt dagegen den Kieler »Carl Schulz (footballer)« und warnt in einem Hinweis vor dem »Karl Schulz«.

Fritz Schulz von Hertha 92 spielte 1909 in Budapest auf Linksaußen, sein einziges Länderspiel, und fiel 1918 als Soldat. Lesen kann man das in der eigenen Biografie.

Dazu kommt noch Werner Schulz von Arminia Hannover, nach dem Lexikon von 1939 drei Länderspiele 1935.

Karl Schulz auf einen Blick

Geboren: 11. August 1901, Kiel
Gestorben: 9. März 1971 (Ort unbekannt)
Spitzname: »Cally« (nach der Wikipedia)
Verein: Holstein Kiel (1920–1935)
Position: Mittelstürmer
Beruf: Rechtsanwalt
Erfolge: Norddeutscher Meister 1926, 1927 und 1930, Vizemeister 1930 (ohne Endrundeneinsatz)
Endrunde um die Deutsche Meisterschaft: 5 Spiele (3 Siege, 2 Niederlagen), 5 Tore, 1926 und 1927 (DFB-Datencenter; Torminuten nach Libero Nr. 38)
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1925): 1 Sieg, 1 Niederlage

Länderspiele

Quellen