Carl Schulz – Mittelläufer von Viktoria 89, ein Länderspiel in Altona

Am 20. Oktober 1929 stand in Altona ein Berliner als Mittelläufer in der deutschen Nationalelf. Das Darmstädter Tagblatt hatte ihn nach der ersten Halbzeit schon abgehakt. Deutschland gewann trotzdem 4:0, und Carl Schulz von Viktoria 89 hat danach kein Länderspiel mehr bestritten.

Dazu kommt ein Problem, das der Name mitbringt: Es gab mehrere Spieler namens Schulz. Wer »Karl Schulz« sucht, landet schnell beim falschen. Dieser Text handelt von dem Berliner.

Carl Schulz: Union Oberschöneweide bis 1926, Viktoria 89 bis 1932, ein Länderspiel am 20. Oktober 1929. Das Sterbedatum ist unbekannt, der Todeszeitpunkt wurde amtlich auf 1949 festgelegt.
Carl Schulz: Union Oberschöneweide bis 1926, Viktoria 89 bis 1932, ein Länderspiel am 20. Oktober 1929. Das Sterbedatum ist unbekannt, der Todeszeitpunkt wurde amtlich auf 1949 festgelegt.

»Er spielte viel zu langsam, hatte keine Ballkontrolle und keine Ballverteilung, spielte ungenau zu und konnte überhaupt nur in der Zerstörung einiges leisten.«

— Darmstädter Tagblatt, 21. Oktober 1929 (Presseurteil über Schulz beim 4:0 gegen Finnland)

Aus der Stralauer Vorstadt zu Union

Karl Otto Ernst Schulz, wie ihn die Wikipedia nach den Berliner Standesamtsurkunden nennt, wurde am 10. Mai 1901 in der Weberstraße 8 in der Stralauer Vorstadt geboren. Sein Vater Ernst August war Tischler, die Mutter hieß Martha Wilhelmine Johanna, geborene Boldt. 1915 fiel der Vater in der Zweiten Flandernschlacht bei Pilkem, der Sohn war 14. 1922 heiratete Schulz die Arbeiterin Margarete Ziemke. Er schreibt sich in den Quellen mal mit C, mal mit K: Das DFB-Datencenter führt ihn als Carl, das Lexikon »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 und die Wikipedia als Karl.

Mit zehn Jahren begann er beim SC Union Oberschöneweide, laut Wikipedia gehörte er dem Verein bis 1926 an. Der Klub aus dem Südosten Berlins, bekannt als »Schlosserjungs«, war in dieser Zeit eine Größe. Schulz gewann mit ihm 1920 die Berliner Meisterschaft, in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft war im Viertelfinale gegen die Vereinigten Breslauer Sportfreunde Schluss (2:3). 1923 wurde Union erneut Berliner Meister und danach Deutscher Vizemeister. Ob Schulz in der Endrunde 1923 auf dem Platz stand, geht aus den geöffneten Quellen nicht hervor.

Der Wechsel zum Pokalsieger

Am 20. Juni 1926 verlor Schulz mit Union das Finale um den Berliner Pokal im Stadion am Gesundbrunnen, vor 4.000 Zuschauern mit 3:4. Der Gegner hieß Viktoria 89. Zur Saison 1926/27 wechselte er zu genau diesem Gegner, nach Wikipedia zu einem Stadtrivalen. Ein Motiv nennen die Quellen nicht.

Ein Jahr später hatte er den Pokal. Am 25. Juni 1927 schlug Viktoria im selben Stadion den SV Norden-Nordwest 6:2, vor 12.000 Zuschauern. Bis zum Ende der Saison 1931/32 blieb Schulz bei Viktoria; in der Berliner Meisterschaft spielte der Klub in diesen Jahren in der Gruppe B. Das Lexikon von 1939 nennt als Beruf Sportlehrer und als Stammposten Mittelläufer.

Berlin gegen den Norden: der Bundespokal

Für die Länderspiele reichte kein Vereinsname, man musste auffallen. Dafür gab es den Bundespokal, in dem die Auswahlmannschaften der DFB-Landesverbände gegeneinander antraten. Schulz spielte für die Auswahl des Verbands Brandenburgischer Ballspielvereine, also für Berlin, zwei Endspiele.

Das erste war am 28. April 1929 auf dem Preussen-Platz in Berlin, vor 25.000 Zuschauern. Brandenburg schlug Norddeutschland 4:1, nach Wikipedia mit Toren von Fritz Iwanowski (zwei) und Bruno Lehmann (zwei). Schulz spielte Mittelläufer, neben ihm in der Läuferreihe stand mit Willi Völker ein Spieler von Hertha BSC, der ein halbes Jahr später mit ihm in Altona debütieren sollte. Am selben Tag gewann die Nationalmannschaft in Turin 2:1 gegen Italien.

Das zweite Finale gab es am 9. März 1930 in Altona: Norddeutschland gewann 2:0 vor 17.570 Zuschauern, Schulz spielte wieder Mittelläufer.

Der große Tag: Altona, 20. Oktober 1929

Der DFB stellte für das Spiel gegen Finnland eine Elf mit fünf Neulingen auf: Fritz Szepan von Schalke, August Sackenheim aus Dresden, Hermann Flick aus Duisburg, Willi Völker von Hertha und Schulz von Viktoria Berlin. Schon am Samstag hatte das Tagblatt die Elf gedruckt und geschrieben, sie könne »nicht in allen Teilen befriedigen«, müsse aber doch einen glatten Sieg gegen die Finnen erzielen. Am Sonntag kamen laut DFB-Datencenter 20.000 Zuschauer in das Volksparkstadion, eine Zahl, die das Tagblatt als »keine imponierende Ziffer« bezeichnete. Die Finnen hatten eine Woche zuvor 0:8 gegen Dänemark verloren.

Die deutsche Elf in Altona, 20. Oktober 1929: Schulz im Mittelfeld, Torschützen nach dem DFB-Datencenter.
Die deutsche Elf in Altona, 20. Oktober 1929: Schulz im Mittelfeld, Torschützen nach dem DFB-Datencenter.

Die erste Halbzeit blieb torlos, auch weil der finnische Torhüter allerhand hielt. Schulz lag nach dem Urteil des Tagblatts neben dem Spiel: Das Blatt nannte ihn einen »Versager«. Er habe zu langsam gespielt, und der Innensturm habe sich die Bälle selbst holen müssen, weil von hinten nichts kam. Das ist das Urteil eines einzelnen Berichterstatters; ein zweites Presseurteil zu Schulz liegt nicht vor.

Nach der Pause lief Deutschland besser. Das 1:0 fiel um die 53. Minute. Der DFB schreibt es Szepan zu, das Tagblatt dem Düsseldorfer Rechtsaußen Ernst Albrecht. Sackenheim erhöhte auf 2:0 (nach DFB 61.), Richard Hofmann traf zum 3:0 (70.), und kurz vor Schluss erzielte Sackenheim das 4:0 (81.). Von den drei Läufern genügte laut Tagblatt nur Flick den Ansprüchen. Ausgewechselt wurde auf deutscher Seite nach den Quellen niemand.

Danach

Ein zweites Länderspiel folgte nicht. Eine Woche nach Altona, am 27. Oktober 1929, verlor Viktoria das Finale um den Berliner Pokal im Stadion am Gesundbrunnen 1:5 gegen Hertha BSC. Wie lange Schulz danach noch auf Mittelläuferposten spielte, bleibt offen. Nach Wikipedia war er bis zum Ende der Saison 1931/32 für Viktoria aktiv.

Über sein weiteres Leben ist in den geöffneten Quellen nichts überliefert. Das Sterbedatum ist unbekannt. Das Stadtbezirksgericht Mitte in Berlin erklärte ihn 1957 für tot und legte den Todeszeitpunkt auf den 31. Juli 1949 fest, so die Wikipedia. Das Todesdatum 9. März 1971 gehört nach der Wikipedia zum Kieler Namensvetter (siehe unten), nicht zu ihm.

Drei Spieler, ein Name

Mit seinem Namen ist Schulz nicht allein geblieben.

Karl Schulz aus Kiel (11. August 1901 – 9. März 1971) war Mittelstürmer bei Holstein Kiel, von Beruf Rechtsanwalt, und bestritt 1925 beim 0:1 in Stockholm gegen Schweden und beim 5:3 in Helsinki gegen Finnland zwei Länderspiele. Er ist ein anderer Mensch als der Berliner. Beide Spieler wurden 1901 geboren, beide tragen im Lexikon von 1939 den Eintrag »Schulz, Karl«, beide spielten gegen Finnland. Deshalb werden die drei Länderspiele gelegentlich einer einzigen Person zugeschrieben.

Fritz Schulz von Hertha 92 spielte 1909 in Budapest auf Linksaußen, sein einziges Länderspiel. Seine Geschichte steht in der eigenen Biografie.

Carl Schulz auf einen Blick

Geboren: 10. Mai 1901, Berlin (Stralauer Vorstadt)
Gestorben: Sterbedatum unbekannt; amtlich auf den 31. Juli 1949 festgelegt (Todeserklärung 1957)
Eigentlich: Karl Otto Ernst Schulz
Vereine: SC Union Oberschöneweide (bis 1926), BTuFC Viktoria 89 Berlin (1926–1932)
Position: Mittelläufer
Titel: Berliner Meister 1920 und 1923 (Union), Berliner Pokalsieger 1927 (Viktoria 89), Bundespokalsieger 1929 (Auswahl Brandenburg)
Beruf: Sportlehrer (nach dem Lexikon von 1939)
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1929)

Länderspiele

Quellen