August Sackenheim – zwei Tore zum Debüt
Eine Halbzeit lang fand die deutsche Elf in Altona keinen Weg am finnischen Torhüter vorbei. Er war, so das Darmstädter Tagblatt, der beste Mann seiner Mannschaft und hielt das 0:0 praktisch allein fest. Die Stimmung in der Pause sei »nicht gerade glänzend« gewesen. Dann traf ein Debütant aus Dresden, und er traf gleich zweimal. August Sackenheim, Stürmer von Guts Muts, machte am 20. Oktober 1929 nach der Zählung des DFB in der 61. und in der 81. Minute das 2:0 und das 4:0. Es blieben seine einzigen Länderspieltore. Dreimal spielte er danach noch für Deutschland, und dieselbe Zeitung, die ihn nach dem Debüt »eigensinnig« nannte, fand ihn dort nur noch »schwach« und »ungenügend«. Ein Debüt, das mehr hergab als alles, was folgte.
»Erst als in der 25. Minute [der zweiten Halbzeit] Sackenheim ein schönes Zusammenspiel von Czepan–R. Hofmann mit dem zweiten Tor abschloß, flammte die Anteilnahme der Massen wieder auf.«
Von den Rotblusen zu den Lilien
August Sackenheim wird am 5. August 1905 in Duisburg geboren. Das Datum steht in der Wikipedia und im Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939; das Lexikon führt Duisburg als Heimatort und nennt als Beruf Werbeleiter. 1916 beginnt er beim Duisburger SpV, den »Rotblusen«, einem Verein aus dem gehobenen Bürgertum und einem der Pioniere des westdeutschen Fußballs. Dort bleibt er bis 1929. Auch Peter Sackenheim spielte als Abwehrspieler für den DSV, von 1920 bis 1927 in den Punktspielen des Westdeutschen Spiel-Verbandes. Dass die beiden Brüder waren, steht in dieser Form nur in der Wikipedia-Biografie von August; Peters Lebensdaten sind unbekannt.
Die Mitte der Zwanziger sind seine besten Jahre. Von 1924 bis 1927 steht der Verein vier Jahre in Folge in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Die Wikipedia nennt ihn dreimal Westdeutschen Meister (1924, 1925, 1927). Die Seiten zu den einzelnen Endrunden zeichnen ein genaueres Bild: 1924 und 1927 war der DSV tatsächlich Meister des Westdeutschen Spielverbands. 1925 gab es dort keine westdeutsche Meisterschaft, Duisburg gewann nur die Qualifikation für die Endrunde, und 1926 die um den dritten Startplatz. Beim ersten Anlauf 1924 hatte der Verein ein Freilos und verlor am 25. Mai in Fürth 1:3 gegen den 1. FC Nürnberg. 1925 schlägt Duisburg am 3. Mai in Berlin Alemannia 90 mit 2:1 und am 17. Mai in Hamburg Altona 93 mit 2:0. Nach der Wikipedia fielen beide Tore gegen Altona durch Sackenheim. Bei Altona führte damals Adolf Jäger den Angriff. Im Halbfinale am 24. Mai ist im Duisburger Wedaustadion Schluss, 0:3 gegen den 1. FC Nürnberg, den späteren Meister. Am 16. Mai 1926 verliert der DSV im Wedaustadion 1:3 gegen den Hamburger SV, am 8. Mai 1927 in Berlin 4:5 nach Verlängerung beim BFC Kickers 1900. Insgesamt kommt er für Duisburg auf sechs Endrundenspiele und drei Tore.
Auch in der Auswahl der Landesverbände taucht er auf. Mit dem Westen steht er am 4. Juli 1926 im Endspiel um den Kampfspielpokal im Kölner Müngersdorfer Stadion. Der Süden gewinnt vor 30.000 Zuschauern 7:2. Auch Bruder Peter stand nach Wikipedia in dieser Westelf. Im Bundespokal 1927/28 scheitert Westdeutschland im Halbfinale an Norddeutschland, nach drei Spielen mit jeweils Verlängerung (4:4, 2:2, 1:2). Sackenheim schießt im ersten Spiel zwei Tore und am 1. April 1928 im Altonaer Wiederholungsspiel in der 20. Minute das 1:0.
Zur Saison 1929/30 geht er nach Dresden zu Guts Muts, den »Lilien« in Blau-Weiß. Die Wikipedia beruft sich dafür auf eine Meldung der Berliner Börsen-Zeitung vom 27. Juli 1929. Guts Muts war 1923 Mitteldeutscher Meister gewesen und gehörte neben dem Dresdner SC zu den stärksten Vereinen Sachsens. In Sackenheims erster Saison wird die Mannschaft Zweiter im Gau Ostsachsen, hinter dem Dresdner SC. Am 13. Oktober 1929, eine Woche vor seinem Länderspieldebüt, spielt er in der mitteldeutschen Auswahl, die in Magdeburg vor 10.000 Zuschauern Süddeutschland 5:2 schlägt.
Vier Spiele, keine Niederlage
Beim Debüt in Altona steht er zusammen mit Fritz Szepan und dem Duisburger Hermann Flick erstmals im Nationaltrikot, im Sturm neben dem Dresdner Richard Hofmann. Nach den Aufstellungen im Tagblatt spielt er am linken Flügel.
Gut ein halbes Jahr später, am 4. Mai 1930, steht er im Zürcher Hardturm wieder in der Elf, vor 25.000 Zuschauern. Deutschland gewinnt 5:0, Ernst Kuzorra schießt drei Tore, Hofmann zwei. Sackenheim bleibt ohne Treffer. Das Tagblatt urteilt: »Sackenheim war nicht schlecht, fiel jedenfalls gegen Kuzorra ab.« Danach spielt Deutschland sieben Länderspiele ohne ihn, darunter das 3:3 gegen England und das 5:3 gegen Ungarn.
Erst auf der Nordlandreise im Juni 1931 ist er wieder dabei. Am 17. Juni endet in Stockholm ein Spiel ohne Tore, 0:0. Das Tagblatt schreibt, im Sturm sei Hanne Sobek zu langsam und Sackenheim »schwach« gewesen, »sehr befriedigend« hätten dagegen Bergmaier, Widmayer und Ludwig gespielt. Torwart Willibald Kreß sei »einfach nicht zu schlagen« gewesen. Vier Tage später, am 21. Juni, spielt Deutschland in Oslo 2:2. Der Angriff steht in der Besetzung Bergmaier, Sobek, Ludwig, Widmayer, Sackenheim. In der 60. Minute legt Sobek auf Sackenheim ab, der flankt, und der Kieler Ludwig schießt das 2:1. Kurz davor haben Sackenheim und Sobek nach dem Tagblatt zwei gute Chancen vergeben, und in der Schlussminute habe Sackenheim »wieder einmal nicht schnell genug« gehandelt. Im Urteil heißt es: »Ungenügend war auch wieder Sackenheim.« Es ist sein letztes Länderspiel. Ein Grund dafür ist in den Quellen nicht überliefert.
Keine Niederlage also, doch nach den Siegen von 1929 und 1930 nur noch zwei Remis auf der Nordlandreise.
Der große Tag: Altona, 20. Oktober 1929
Sonntag, 20. Oktober 1929, Volksparkstadion Altona. Nur 20.000 Zuschauer sind gekommen, und das Tagblatt schreibt, der DFB habe diesmal »kein großes Geschäft« gemacht. Finnland war eine Woche zuvor in Dänemark 0:8 untergegangen, das Interesse am Gegner war entsprechend gering. Schiedsrichter ist der Norweger Bjarne Bech. Fünf Spieler debütieren: Szepan, Sackenheim, Flick, Carl Schulz von Viktoria Berlin und Willi Völker von Hertha BSC. Vor dem Anpfiff ehrt der Verband die beiden Verteidiger Ali Beier und Hans Hagen für ihr zehntes Länderspiel.
Dann passiert lange nichts. Deutschland ist überlegen, schießt aber nach dem Bericht oft »unplaciert«, und der finnische Torwart hält alles. Nach einer halben Stunde erlahmt der Eifer, 0:0 zur Pause. Nach dem Wechsel fallen die Tore. Das 1:0 schreibt der DFB Szepan in der 52. Minute zu, das Tagblatt dem Rechtsaußen Ernst Albrecht, der aus spitzem Winkel einen »Bombenschuss« anbringt. Dann ist Sackenheim an der Reihe: Szepan und Hofmann kombinieren, und er schließt zum 2:0 ab, nach dem DFB in der 61. Minute, nach dem Tagblatt erst um die 70. Hofmann macht nach einem Zuspiel von Franz Horn das 3:0. Kurz vor dem Abpfiff vollendet Sackenheim eine »Kombination des ganzen Angriffs« zum 4:0.
Das Lexikon von 1939 verzeichnet für dieses Spiel »2 Tore: 1929 Finnland 4:0 (2)« bei Sackenheim. Die Zeitung nimmt ihn trotzdem in die Kritik: Er und Hofmann seien im Sturm zu eigensinnig gewesen und hätten dadurch einen höheren Sieg verhindert. Am besten gefiel ihr der rechte Flügel Albrecht–Szepan. Das Fazit lautet, die Elf habe nicht schlecht gespielt, hätte »in dieser Zusammenstellung« aber nicht auf einen stärkeren Gegner treffen dürfen.
Sachsenjahre und danach
Bei Guts Muts bleibt Sackenheim bis 1932. 1931 nennt die Wikipedia wieder die Vizemeisterschaft, zum Titel reicht es nicht. In diesem Jahr kommt auch Hermann Flick aus Duisburg nach Dresden, sein Mitdebütant von Altona. 1932 wechselt Sackenheim zum Dresdner SC, und dort wird er prompt Meister: Der DSC gewinnt 1932/33 die mitteldeutsche Meisterschaft. In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft spielt Sackenheim am 7. Mai 1933 bei der 1:2-Heimniederlage nach Verlängerung gegen Arminia Hannover. Am 2. Juli 1933 steht er noch einmal in einer Auswahl, mit dem Gau Sachsen gegen Westfalen in Leipzig (1:1 nach Verlängerung).
In der neuen Gauliga Sachsen gewinnt der DSC 1933/34 die Meisterschaft. Am 29. April 1934 gewinnt Dresden in Leipzig 3:1 gegen Borussia Fulda, Sackenheim spielt als linker Verbinder neben Mittelstürmer Helmut Schön. 1935 und 1936 wird der DSC Vizemeister in Sachsen. Wie lange Sackenheim danach noch spielt, steht in den Quellen nicht. Nach dem Krieg arbeitet er als Trainer, nach der Wikipedia unter anderem bei der SG Striesen in Dresden.
Wo die Quellen auseinandergehen
Sackenheims Todestag ist umstritten. Die deutsche Wikipedia nennt den 10. April 1979, die englische den 19. April 1979; beide geben keinen Sterbeort an. Auch bei der Position sind sich die Quellen nicht einig. Das Lexikon von 1939 führt ihn als Mittelstürmer, die Wikipedia sagt, er habe meist halblinks oder am linken Flügel gespielt. Die Aufstellungen aus Altona und Oslo, in der Reihenfolge des Tagblatts und der Berichtsseiten, stützen eher den linken Flügel.
August Sackenheim auf einen Blick
Geboren: 5.8.1905 in Duisburg
Gestorben: 1979 (10. oder 19. April, Ort nicht bekannt)
Vereine: Duisburger SpV (1916–1929), Guts Muts Dresden (1929–1932), Dresdner SC (ab 1932)
Position: Stürmer, linker Flügel oder Halblinker (Lexikon 1939: Mittelstürmer)
Beruf: Werbeleiter (laut Lexikon 1939), nach dem Krieg Trainer
Bilanz: 4 Länderspiele (2 Siege, 2 Unentschieden), 2 Tore (1929–1931)
Länderspiele
- 20.10.1929 Deutschland – Finnland 4:0 – Tore 2:0 (61.) und 4:0 (81.)
- 04.05.1930 Schweiz – Deutschland 0:5
- 17.06.1931 Schweden – Deutschland 0:0
- 21.06.1931 Norwegen – Deutschland 2:2
Quellen
- Wikipedia: August Sackenheim
- Wikipedia (en): August Sackenheim
- Wikipedia: Peter Sackenheim
- Wikipedia: Duisburger SpV
- Wikipedia: Guts Muts Dresden
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1923/24
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1924/25
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1925/26
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1926/27
- DFB-Datencenter: Deutschland – Finnland 4:0
- DFB-Datencenter: Schweiz – Deutschland 0:5
- DFB-Datencenter: Schweden – Deutschland 0:0
- DFB-Datencenter: Norwegen – Deutschland 2:2
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 14. Oktober 1929
- Darmstädter Tagblatt, 18. Oktober 1929
- Darmstädter Tagblatt, 21. Oktober 1929
- Darmstädter Tagblatt, 5. Mai 1930
- Darmstädter Tagblatt, 18. Juni 1931
- Darmstädter Tagblatt, 22. Juni 1931