Hans Wentorf – der Hamburger Torwart, der einfach aufhörte

Zwei Länderspiele, zwei Siege, drei Gegentore: Mit dieser Bilanz endet 1928 die Nationalmannschaftskarriere von Hans Wentorf. Der Hamburger Torwart kam an Heiner Stuhlfauth und Willibald Kreß nicht vorbei. Anfang 1929 hörte er auf, ohne große Erklärung.

Hans Wentorfs Laufbahn · Eimsbüttel, Altona 93 und zwei Länderspiele 1928, 1899–1929
Hans Wentorfs Laufbahn · Eimsbüttel, Altona 93 und zwei Länderspiele 1928, 1899–1929

»Ich wüsste nicht einmal eine gut motivierte Begründung. Ich spürte ein gewisses Ruhebedürfnis und habe dann einfach nicht wieder angefangen.«

— Hans Wentorf, Anfang der 1950er Jahre auf die Frage eines Reporters, warum er aufhörte; zitiert nach der Wikipedia, dort mit Verweis auf ein Buch zur Hamburger Fußballgeschichte (ISBN 978-3-89533-477-1, S. 325)

Vom Turnen ins Tor

Hans Wentorf, mit vollem Namen Hans Albert Jens Wentorf, kommt am 6. April 1899 in Hamburg zur Welt. Seine Laufbahn beginnt 1906 in der Turnabteilung des Eimsbütteler TV. Erst später entscheidet er sich für den Fußball und debütiert nach der Wikipedia mit 17 Jahren in der Saison 1916/17 in der Ligamannschaft des ETV. Sein Spiel, schreibt sie, habe von dieser Turnerausbildung profitiert: Hechten, Fausten und Springen seien ihm geschmeidig gelungen.

1921/22 steht er für Norddeutschland im Bundespokal im Tor, zuerst am 9. Oktober 1921 beim 4:1 in Stettin gegen die Auswahl der Balten, dann am 13. November 1921 beim 3:0 in Halle gegen Mitteldeutschland. Das Finale am 5. März 1922 in Hamburg geht 0:7 gegen Süddeutschland verloren, vier Tore schießt Andreas Franz, drei Heinrich Träg. Danach wechselt Wentorf mit den Verteidigern Oscar Lüdecke und Waldemar Gilge zum Altonaer FC von 1893, wo er an der Seite von Adolf Jäger spielt.

1925 ist sein Jahr als Vereinsspieler. Am 22. Februar gewinnt Norddeutschland in Hamburg das Bundespokalfinale 2:1 gegen Süddeutschland, Kurt Voß und Tull Harder treffen. Im Mai führt Altona 93 als norddeutscher Vizemeister in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, mit einem 4:2 in Stettin gegen Titania, ehe das Heimspiel am 17. Mai gegen den Duisburger SpV 0:2 verloren geht. Zwei Treffer erzielt der Duisburger August Sackenheim.

Der Bundespokal bleibt für Wentorf eine Serie von Enttäuschungen. Am 6. März 1927 steht er im Altonaer Stadion vor 18.000 Zuschauern im Tor, als Mitteldeutschland durch ein Tor in der 87. Minute 1:0 gewinnt. In der Läuferreihe der Gäste spielt Rudolf Berthold vom Dresdner SC, den er im April 1928 in der Nationalelf wiedersieht. Am 29. April 1928 in Breslau verliert er auch das Finale gegen Südostdeutschland, 0:2. Es ist sein dritter verlorener Finalauftritt bei vier Endspielen.

Bern, Olympia, Nürnberg

Zwischen diesen beiden Finals liegt der 15. April 1928. In Bern spielt Deutschland sechs Wochen vor dem olympischen Turnier gegen die Schweiz, und Reichstrainer Otto Nerz setzt im Tor auf den Hamburger. Die Elf ist die vorgesehene, ausgewechselt wird bei den Deutschen niemand. Nach einer Viertelstunde muss Wentorf zum ersten Mal richtig eingreifen: Rudolf Ramseyer schießt aus 40 Metern, der Torwart pariert nach dem Darmstädter Tagblatt »glatt«. Deutschland führt bald 2:0, später 3:0, und gewinnt am Ende 3:2, obwohl die Schweizer in den Schlussminuten zwei Tore aufholen. Die Wikipedia schreibt ihm außerdem die Parade gegen einen Elfmeter Ramseyers in der 26. Minute zu. Im Bericht des Tagblatts steht davon nichts, nur ein Freistoß Ramseyers aus 40 Metern, der in der zweiten Halbzeit neben das Tor geht. Ob es diesen Elfmeter gab, bleibt offen.

Zum Olympiakader fährt Wentorf nach Amsterdam. Dort stehen 22 Spieler im Aufgebot, elf kommen in den beiden Turnierspielen gegen die Schweiz (4:0) und Uruguay (1:4) zum Einsatz. Im Tor steht beide Male Stuhlfauth, Wentorf und Paul Gehlhaar sind die Ersatzleute. Olympedia führt ihn deshalb als Nicht-Starter. Mehr zum Turnier steht auf der Seite Olympia 1928.

Der große Tag: Nürnberg, 16. September 1928

Das zweite Länderspiel ist das erste nach Olympia. Am 16. September 1928 sehen 50.000 Zuschauer im Nürnberger Städtischen Stadion, wie Deutschland zum ersten Mal Dänemark schlägt. Die Dänen hatten die drei Spiele davor alle klar gewonnen. Vor dem Anpfiff erinnert Oberbürgermeister Luppe, so das Tagblatt, daran, dass der Plan der Anlage beim olympischen Kunstwettbewerb in Amsterdam eine Goldmedaille bekommen hatte.

Vier Tage vorher sah es nicht danach aus, dass er spielen würde: Das Darmstädter Tagblatt meldete am 12. September, Wentorf sei »von seinem Verein disqualifiziert worden«, sodass wohl ein anderer Torwart gegen Dänemark spiele. Ein Grund steht dort nicht, und spätere Meldungen dazu fanden sich in den eingesehenen Ausgaben nicht. Am Sonntag stand er dann doch im Tor.

Das Spiel beginnt für Wentorf ärgerlich. In der 9. Minute tritt Verteidiger Ali Beier auf den Ball und stürzt, und ehe der Torwart eingreifen kann, hat ein Däne ihn im Netz. Wer ihn schoss, geben die Quellen unterschiedlich an: der DFB nennt Pauli Jørgensen, das Tagblatt Svend Petersen, 11v11.com Valdemar Laursen. Zur Pause steht es 0:1. Nach dem Wechsel drehen die Deutschen das Spiel mit dem Wind im Rücken: Conny Heidkamp gleicht in der 58. Minute aus, Ludwig Hofmann trifft in der 68. Minute zum 2:1. Das Eckenverhältnis lautet 13:4 für Deutschland. Das Tagblatt hält fest, Wentorf habe sich »ganz ausgezeichnet« gehalten.

Deutschland – Dänemark 2:1 · Wentorfs zweites und letztes Länderspiel, Heidkamp und Ludwig Hofmann drehen die Partie
Deutschland – Dänemark 2:1 · Wentorfs zweites und letztes Länderspiel, Heidkamp und Ludwig Hofmann drehen die Partie

Gespielt wird, wie die Wikipedia anmerkt, ausgerechnet in Nürnberg, der Heimatstadt von Stuhlfauth. Aber das Tor hütet an diesem Nachmittag der Hamburger. Zwei Wochen später, am 30. September in Stockholm, steht schon Gehlhaar im Tor.

Ein Rücktritt ohne Begründung

Zu Beginn des Jahres 1929 beendet Wentorf nach der deutschen Wikipedia seine Spielerlaufbahn, plötzlich und unvermittelt. Das Datencenter des DFB führt ihn für Altona 93 noch im Zeitraum 1922 bis 1935, die englische Wikipedia ebenso; die Quellen stimmen hier nicht überein. Das Lexikon von 1939 nennt ihn Angestellten. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet er laut Olympedia als Techniker im Hamburger Hafen.

Auch das Todesdatum ist offen. Die deutsche Wikipedia nennt den 1. Januar 1970, Olympedia und die englische Wikipedia den 11. Mai 1976, jeweils in Hamburg.

Hans Wentorf auf einen Blick

Geboren: 6.4.1899 in Hamburg
Gestorben: 1.1.1970 (deutsche Wikipedia) oder 11.5.1976 (Olympedia), jeweils in Hamburg
Vereine: Eimsbütteler TV (bis 1922), Altona 93 (ab 1922)
Position: Torwart
Beruf: Angestellter (Lexikon 1939), später Techniker im Hamburger Hafen (Olympedia)
Erfolge: Bundespokalsieger 1925, norddeutscher Vizemeister 1925, Olympiakader 1928 (ohne Einsatz)
Bilanz: 2 Länderspiele (2 Siege), 3 Gegentore (1928)

Länderspiele

Weitere Länderspiele sind nicht bekannt: RSSSF, DFB-Datencenter und das Lexikon von 1939 führen nur diese beiden.

Quellen