Hans »Hennes« Tibulsky – der Schalker, der in Hannover Hofmanns Tore vorbereiten half
Der DFB-Spielausschuss ließ sich Zeit. Erst am Donnerstagabend, drei Tage vor dem Anpfiff, stand die Elf für Hannover fest, und im Angriff trug sie gleich drei Schalker Namen. Einer davon war Hans Tibulsky, genannt Hennes, Rechtsaußen, 22 Jahre alt. Am 27. September 1931 schlug Deutschland Dänemark 4:2, Richard Hofmann schoss drei Tore. Tibulsky bekam dafür ein Lob in der Zeitung. Ein zweites Länderspiel folgte nicht.
»Recht gut führten sich die beiden neuen Außenstürmer Tibulski und Kobierski ein.«
Der ältere der Tibulskys
Hans Tibulsky wird am 22. Februar 1909 geboren, als Heimatort nennt das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 Gelsenkirchen, die Wikipedia einen Geburtsort nicht. Beruflich ist er nach dem Lexikon Lagerist. Er kommt aus der Schalker Jugend und gehört nach dem DFB-Datencenter von 1929 an zur Schalker Mannschaft. Sein jüngerer Bruder Otto, Jahrgang 1912, debütiert erst am 4. September 1932 in der ersten Mannschaft. Otto wird später der berühmtere der beiden, Mittelläufer im Schalker Kreisel und Nationalspieler mit zwei Länderspielen.
Hans spielt meistens am rechten Flügel, aber auch als Mittelstürmer, neben Ernst Kuzorra und Fritz Szepan. Das Lexikon nennt als Stammposten »Linker Läufer, früher Rechtsaußen und Halblinker«. In der Endrunde 1930 fällt er zum ersten Mal auf: In Bochum schlägt Schalke am 18. Mai Arminia Hannover 6:2, am 1. Juni verliert es in Fürth 2:6 gegen den 1. FC Nürnberg. Zusammen erzielt Tibulsky in den beiden Spielen nach der Wikipedia drei Tore.
Die Sperre und das Tor gegen Düsseldorf
Danach bekommt es Schalke mit dem DFB zu tun. Wegen unerlaubter Handgelder wird der Verein nach der Wikipedia am 25. August 1930 verurteilt, die ganze erste Mannschaft einschließlich Tibulsky wird zu Berufsspielern erklärt und aus dem Spielbetrieb ausgeschlossen. Zum 1. April und 1. Juni 1931 werden alle Spieler begnadigt. Wie lange die Sperre dauerte und wen sie traf, erzählen die Quellen allerdings nicht einheitlich, die Biografie von Ernst Kuzorra stellt die Angaben nebeneinander.
Das erste Spiel nach der Sperre findet am 1. Juni 1931 gegen Fortuna Düsseldorf statt, dem Rivalen um die westdeutsche Meisterschaft. Schalke gewinnt 1:0, das Tor schießt Tibulsky. Angeblich kommen an einem Werktag 70.000 Zuschauer, so die Wikipedia nach dem Schalke-Buch von Georg Röwekamp. Drei Monate später, im September, ist er in der Nationalelf.
Der große Tag: Hannover, 27. September 1931
Die Vorgeschichte ist unruhig. Zwei Wochen vorher hatte Deutschland in Wien 0:5 verloren, und das Darmstädter Tagblatt schrieb danach, bei der Mannschaftsaufstellung seien »schwere Fehler« gemacht worden. Zum Vorbereitungskurs in Hannover waren bis Mittwoch nur acht Spieler eingetroffen. Am Donnerstagabend entschied sich der Spielausschuss »nach überaus langem Zögern«. Als Ersatz benannte er unter anderem Schmidt, Risse, Janes, Koehler und Wolpers. Im Angriff standen Tibulsky, Szepan, Kuzorra, Hofmann und Stanislaus Kobierski. Mit Tibulsky debütierten Kobierski und der Läufer Rudolf Gramlich.
Die Hindenburg-Kampfbahn mit ihren 30.000 Plätzen ist seit Tagen ausverkauft, vor den Toren blüht der Schwarzhandel, aus Kopenhagen sind dänische Schlachtenbummler mit einem Sonderzug und vielen Omnibussen gekommen. Der Wiener Adolf Miesz pfeift. Die Dänen gehen nach dem DFB-Datencenter in der 3. Minute durch Ernst Nilsson in Führung. Ernst Kuzorra gleicht in der 19. Minute nach einem Sologang aus, Pauli Jørgensen bringt Dänemark in der 31. Minute wieder nach vorn. Dann beginnt der Auftritt von Richard Hofmann: Er trifft in der 41. und 45. Minute und, nach einem Weitschuss, in der 78. Minute zum 4:2. Die Torminuten des Tagblatts weichen ab.
Nach Schulze-Marmeling legt Szepan drei der vier Tore vor. Das Tagblatt nennt den Sieg nicht nur verdient, er hätte »noch höher ausfallen können«. Es lobt die Läuferreihe mit Leinberger, Gramlich und Knöpfle und sagt von der Mannschaft, sie sei endlich einmal »ein einigermaßen harmonisches Gebilde« gewesen. Tibulsky und Kobierski führten sich recht gut ein. Es ist der erste deutsche Sieg seit dem 5:3 gegen Ungarn am 28. September 1930.
Für Szepan endet der Abend nicht versöhnlich. Er fühlt sich von Hofmann geschnitten und verlässt das Bankett, nach Schulze-Marmeling mit den Worten: »In Zukunft spiele ich nur noch für Schalke.« Zweieinhalb Jahre trägt er danach nicht mehr das DFB-Trikot, seine Biografie erzählt davon. Auch für Tibulsky bleibt es bei diesem Spiel. Warum, sagen die Quellen nicht.
Nach Bremen: vom Stürmer zum Läufer
Im Spieljahr 1931/32 bleibt Tibulsky einer der Schalker Stürmer. In der Endrunde 1932 spielt er laut Wikipedia in allen drei Spielen Rechtsaußen. Schalke schlägt Plauen 5:4 nach Verlängerung (8. Mai) und den Hamburger SV 4:2 (22. Mai), im Halbfinale verliert es am 29. Mai in Dresden 1:2 gegen Eintracht Frankfurt.
Im Januar 1933 geht er zu Werder Bremen. Nach der Wikipedia ist er zu dieser Zeit arbeitslos und findet bei Werder eine feste Anstellung, mit ihm kommen weitere Spieler an die Weser. Er wird Meister der Gauliga Niedersachsen 1934, 1936, 1937 und 1942. An den Endrunden um die deutsche Meisterschaft nimmt Werder in dieser Zeit mehrfach teil, Tibulsky kommt dabei auf 22 Spiele und vier Tore. Aus dem Angreifer wird ein linker Außenläufer.
Am 25. Oktober 1936 trifft er im Tschammerpokal im Weserstadion vor 25.000 Zuschauern auf Schalke. Sein Bruder Otto spielt Mittelläufer, Hans hat es als Außenläufer mit Szepan zu tun. Zur Pause steht es 2:1, am Ende gewinnt Schalke 5:2. Im Halbfinale 1942 scheitert Werder am 25. Oktober noch einmal in Gelsenkirchen, diesmal 0:2.
Nach dem Krieg spielt Tibulsky noch. In der Oberliga Nord 1947/48 kommt der »Senior« auf acht Einsätze, darunter ein 4:2 gegen Hannover 96 am 4. Januar. Später trainiert er Amateurmannschaften, nach der Wikipedia Victoria Oldenburg, den SV Hemelingen und bis 1963 den Bremer SV. Er stirbt am 25. August 1976, den Ort nennen die Quellen nicht.
Tibulsky oder Tibulski?
Das DFB-Datencenter und die Wikipedia schreiben »Tibulsky«, das Lexikon von 1939, das Tagblatt und der Spielbericht auf dieser Seite »Tibulski«. Bei seinem Bruder Otto sind beide Schreibweisen belegt, ohne dass sich der Wechsel erklären lässt. Mit Otto ist Hans auch nicht zu verwechseln: Das Länderspiel von 1931 gehört Hans, Ottos zwei Länderspiele fallen auf 1936 und 1939.
Eine zweite Verwechslungsgefahr betrifft das Endspiel um die deutsche Meisterschaft am 24. Juni 1934 in Berlin, das Schalke 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg gewann. Im Darmstädter Tagblatt vom 25. Juni 1934 steht in der Besprechung die »westdeutsche Läuferreihe Tibulski, Szepan, Valentin«, ohne Vornamen. Die Wikipedia-Aufstellung des Finales führt dort Otto Tibulsky. Dazu passt, was sich zu Hans belegen lässt: Er hatte Schalke im Januar 1933 verlassen und spielte 1934 für Werder, das Meister der Gauliga Niedersachsen war und zu den Endrunden-Teilnehmern gehörte. Der Schalker »Tibulski« von Berlin ist also sein Bruder Otto, nicht Hans.
Hans Tibulsky auf einen Blick
Geboren: 22.2.1909 (Heimatort Gelsenkirchen laut Lexikon 1939)
Gestorben: 25.8.1976 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Schalke 04 (1929–Januar 1933), Werder Bremen (ab 1933)
Position: Rechtsaußen und Mittelstürmer, später linker Außenläufer
Beruf: Lagerist (Lexikon 1939), später Trainer
Erfolge: Westdeutscher Meister 1931/32, Meister der Gauliga Niedersachsen 1934, 1936, 1937 und 1942
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), kein Tor (1931)
Länderspiele
Quellen
- Wikipedia: Hans Tibulsky
- Wikipedia: Otto Tibulsky
- Wikipedia (englisch): Hans Tibulski
- DFB-Datencenter: Hans Tibulsky, Spielerprofil
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1931/32
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 24. September 1931
- Darmstädter Tagblatt, 25. September 1931
- Darmstädter Tagblatt, 28. September 1931
- Darmstädter Tagblatt, 25. Juni 1934
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1933/34
- Georg Röwekamp: Der Mythos lebt. Die Geschichte des FC Schalke 04, Göttingen 2003 (zitiert nach der Wikipedia)