Josef Rasselnberg – der Benrather, der in Luxemburg viermal traf
Luxemburg, 11. März 1934, es regnet »wie aus Gießkannen«, so schreibt es ein Reporter des Darmstädter Tagblatts. Das Spiel ist keine zwei Minuten alt, da schlägt der Ball im luxemburgischen Tor ein. Der Schütze ist Josef Rasselnberg, 21 Jahre alt, Stürmer des VfL Benrath. Es ist das erste deutsche Tor in einem WM-Qualifikationsspiel überhaupt. Er wird noch dreimal treffen. Es bleibt sein bester Tag im Nationaltrikot, und wenig später stoppt ihn eine Knieverletzung.
»Das Mittelfeld wurde nach der Pause von Szepan und Rasselnberg beherrscht, soweit es die deutschen Angriffe betrifft.«
Von Urdenbach nach Benrath
Josef Rasselnberg kommt am 18. Dezember 1912 in Düsseldorf zur Welt. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt als Vereine Düsseldorf-Urdenbach, den VfL Benrath und Eintracht Kreuznach, als Stammposten Halblinks und als Beruf Kaufmann. Bei Benrath, einem Verein im Düsseldorfer Süden, spielt er nach der englischen Wikipedia seit 1930.
Seine ersten Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft enden mit Niederlagen. Das DFB-Datencenter führt ihn erstmals am 8. Mai 1932, damals verliert Benrath im Hamburger Altonaer Stadion 1:3 beim Hamburger SV. 1933 scheidet Benrath im Achtelfinale am 7. Mai im Kölner Müngersdorfer Stadion mit 0:2 gegen den TSV 1860 München aus. Dazu kommen Erfolge im Westen: Benrath gewinnt 1932 und 1933 den westdeutschen Pokal. Das zweite Finale, am 30. April 1933 in Wuppertal, geht gegen Schwarz-Weiß Essen und dessen Verteidiger Eduard Hundt. Essen führt nach dem Seitenwechsel 1:0, Rasselnberg gleicht in der 72. Minute aus, Benrath gewinnt vor 15.000 Zuschauern 3:1. Neben ihm stürmt, nach der Wikipedia, auch Karl Hohmann, der später sein ständiger Partner in der Nationalelf wird. Beim VfL Benrath erinnert bis heute die Karl-Hohmann-Straße an ihn, an ihr liegt die Bezirkssportanlage des Vereins.
Mit der Einführung der Gauligen 1933 beginnt Benraths große Zeit. 1933/34 wird der VfL in der ersten Gauliga-Saison Niederrhein-Meister (12 Siege, 5 Unentschieden, 5 Niederlagen, 62:34 Tore), 1934/35 wieder, dann mit 15 Siegen, 2 Unentschieden und 3 Niederlagen bei 48:18 Toren. Der Trainer ist nach der Vereinsseite der Wikipedia Sepp Kretschmann. Die Wikipedia zählt für Benrath Endrundenteilnahmen 1930, 1932, 1933, 1934 und 1935.
Eine Elf aus dem Westen
Am 22. Oktober 1933 steht Rasselnberg zum ersten Mal in der Nationalelf. Reichstrainer Otto Nerz hat gegen Belgien erstmals eine Mannschaft aufgeboten, die nur aus westdeutschen Spielern besteht, und Rasselnberg ersetzt den ursprünglich als Halblinken vorgesehenen Ernst Kuzorra, so dass Schalke 04 gar nicht vertreten ist. Das Tagblatt findet, diese Umstellung habe sich auf die einheitliche Linie im Sturm »sehr günstig« ausgewirkt. In der 20. Minute, nach der DFB-Zählung in der 21., schließt Rasselnberg einen Angriff über die linke Seite mit einem Schuss ab, den die Zeitung »unhaltbar« nennt. Es ist das 1:0 beim 8:1 in Duisburg. Hohmann und Kobierski seien die besten Leute gewesen, schreibt das Tagblatt, »Rasselnberg und Albrecht ergänzten die Reihe vorzüglich«.
Dann wird es nüchterner. In Magdeburg am 5. November gibt es ein 2:2 gegen Norwegen, ohne Tor für ihn. In Zürich am 19. November siegt Deutschland 2:0, und Rasselnberg steht im Sturm neben dem Münchner Ludwig Lachner und Hohmann; mit dem Verteidiger Josef Wendl laufen zwei Josefs ein, die man nicht verwechseln sollte. Das Tagblatt ist kritisch. Fünf Minuten lang bestimmen die Deutschen das Spiel, eine ganze Serie guter Chancen bleibt ungenutzt, und Rasselnberg »tat sich darin besonders hervor«. Einmal verliert der Schweizer Torwart Huber den Ball, aber Rasselnberg bringt ihn nicht ins leere Tor. Er sei »im Schuß sehr unsicher« gewesen, schreibt die Zeitung, sonst hätte Deutschland »gut und gern auch noch höher gewinnen können«.
Am 3. Dezember 1933 spielt Deutschland in Berlin gegen Polen, auf gefrorenem Boden, bei Frost und Sonne. Hohmann und Rasselnberg rutschen bei guten Schussmöglichkeiten aus. Dann, so das Tagblatt, legt Hohmann in der 88. Minute (DFB: 89.) vor, und Rasselnberg schießt platziert ein. Es ist das 1:0, der Sieg, nach zuvor torlosen 88 Minuten.
Der große Tag: Luxemburg, 11. März 1934
Das Länderspiel ist das hundertste des DFB und das erste einer deutschen Mannschaft in einer WM-Qualifikation. Deutschland liegt in einer Gruppe mit Frankreich und Luxemburg, wer gegen Luxemburg gewinnt, fährt nach Italien. Die deutsche Elf reist mit dem Omnibus von Trier an, im Hotel »Alfa« am Bahnhof gibt es einen deutschen Abend, es regnet den ganzen Tag. Vor dem Spiel antwortet Sigmund Haringer auf die Frage nach einem Tipp: »Wir verlieren 0:1!« Dann schiebt er nach: »Natürlich Spaß. Im Ernst: Wir gewinnen ohne Zweifel dicke.«
15.000 Zuschauer kommen, eine Rekordkulisse für Luxemburg, so das DFB-Datencenter; ein Buch zur Geschichte der Nationalmannschaft nennt 18.000. Der Boden ist schwer. Nach zwei Minuten trifft Rasselnberg zum 1:0. In der 12. Minute erhöht Willi Wigold, in der 24. Ernst Albrecht, nach dem luxemburgischen Anschluss durch Ernest Mengel (27.) schießen Hohmann in der 30. und Rasselnberg in der 35. Minute das 5:1.
Zur Pause, so geben es die DFB-Matchseite und die Wikipedia an, steht es 5:1; der DFB-Artikel zu den »Jubiläumspartien« nennt dagegen 1:6. Nach dem Wechsel dauert es bis zur 52. Minute, dann trifft Karl Hohmann in der 52. und 53. Minute zum 6:1 und 7:1; die Wikipedia nennt für das erste dieser Tore die 51. Minute. In der 57. Minute folgt Rasselnbergs drittes Tor, in der 89. sein viertes, der Endstand von 9:1. Beide Torjäger, Hohmann und Rasselnberg, kommen vom VfL Benrath. Vier Berichterstatter, darunter der des Tagblatts, nehmen nach dem Spiel ein Taxi zum Bahnhof und verpassen den Zug um 18.41 Uhr nach Trier um drei Minuten; ihre Berichte gelangen per Telefon nach Hause.
Die Wikipedia merkt an, mit 21 Jahren gehöre Rasselnberg zu den jüngsten deutschen Spielern, die vier Treffer in einem Länderspiel erzielten. Als Michael Ballack am 27. Mai 2004 in Freiburg beim 7:0 gegen Malta ebenfalls viermal traf, erinnerte man sich an Rasselnberg.
Das Knie und die Weltmeisterschaft
Nach dem Spiel in Luxemburg, schreibt die Wikipedia, zog sich Rasselnberg eine langwierige Knieverletzung zu. Die Weltmeisterschaft im Sommer 1934 in Italien fand ohne ihn statt. Auch der Ersatzmann Kuzorra fiel aus, und so rückte nach Schulze-Marmeling der erst 19-jährige Edmund Conen in den Kader, der im Auftaktspiel gegen Belgien einen Hattrick erzielte. Benrath spielte die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1934 ohne Rasselnberg und landete in den Gruppenspielen nach der Wikipedia einen Punkt hinter Schalke. Dabei gewann der VfL am 22. April in Bochum 1:0 gegen Schalke, verlor am 13. Mai im Duisburger Wedaustadion aber 0:2. Das Tagblatt (14. Mai 1934) schrieb, Benrath habe immer noch auf seinen besten Mann, Rasselnberg, verzichten müssen. Schalke wurde am 24. Juni 1934 Deutscher Meister.
Das Comeback in der Nationalelf kommt erst am 12. Mai 1935 in Köln, vor 74.000 Zuschauern nach DFB-Datencenter. Spanien gewinnt 2:1, Deutschland spielt mit Rasselnberg im Sturm. Das Tagblatt vom 13. Mai notiert, er schieße »bombig aus dem Hinterhalt«, aber der Hüter sei parat, und im Fazit: Hohmann und Rasselnberg hätten oft zu weit zurückgehangen und seien gegen die Abwehr der Spanier dann nicht zur Stelle gewesen. Deutschland spielte mit Buchloh; Janes, Busch; Gramlich, Münzenberg, Bender; Lehner, Hohmann, Rasselnberg, Conen, Fath; Schiedsrichter war der Belgier John Langenus.
Benrath ist 1935 die Mannschaft der Stunde: In der Gruppenphase der Endrunde gewinnt der VfL fünf von sechs Spielen und spielt einmal 0:0 (17:5 Tore), darunter ein 5:0 gegen VfR Köln 04, ein 3:2 in Mannheim und ein 2:1 gegen Phönix Ludwigshafen. Am 2. Juni 1935 scheitert er im Halbfinale in Leipzig 2:4 am VfB Stuttgart. Das Tagblatt (3. Juni 1935) nennt die Aufstellung mit Rasselnberg als halblinkem Stürmer neben den beiden Stoffels; Hohmann fehlt. Lenzki bringt Benrath in der 9. Minute in Führung, nach Rutz' Ausgleich in der 15. Minute erzielt Rasselnberg ein weiteres Tor, das aber nicht zählt, weil Lenzki zuvor im Abseits stand. Nach dem 1:3 zu Beginn der zweiten Halbzeit verwandelt er einen Handelfmeter zum 2:3, nach DFB-Datencenter in der 60. Minute. Dann muss der Stuttgarter Verteidiger Weidner verletzt raus, die Schwaben spielen mit zehn Mann weiter und treffen in der 25. Minute zum 4:2. Das Fehlen Hohmanns, schreibt die Zeitung, habe sich im Angriff stark bemerkbar gemacht; die Hauptlast habe auf Rasselnberg gelegen, der sich »liebevoller Bewachung« erfreut habe und selten zu überlegten Aktionen gekommen sei. Insgesamt führt das DFB-Datencenter ihn 1934/35 in sieben Endrundenspielen, mit fünf Toren.
Im Herbst 1935 folgen drei weitere Länderspiele. Am 25. August gewinnt Deutschland in Erfurt 4:2 gegen Rumänien, und Rasselnberg trifft nach den DFB-Daten bereits in der ersten Minute. Am 15. September heißt es in Stettin 5:0 gegen Estland, sein Tor fällt in der 46. Minute. Nach dem Tagblatt (16. September 1935) war es das erste Spiel einer deutschen Elf gegen Estland, der Platz war vor Beginn überfüllt, 20.000 Zuschauer sahen den Sieg, zur Pause stand es 2:0. Am 4. Dezember verliert Deutschland in London an der White Hart Lane vor 54.164 Zuschauern 0:3 gegen England. Es ist sein neuntes und letztes Länderspiel. Die Presse urteilt gespalten: Das Tagblatt vom 5. Dezember sieht das Mittelfeld nach der Pause von Szepan und Rasselnberg beherrscht, ein Mitarbeiter derselben Zeitung schreibt zwei Tage später aus London: »Enttäuscht waren wir auch von Rasselnberg.« Zur Olympiamannschaft 1936 gehörte er nicht; Schulze-Marmeling zählt ihn zu den vier Stammkräften, die Nerz zu Hause ließ.
Bad Kreuznach
Nach der Wikipedia spielt Rasselnberg ab 1937 für Eintracht Bad Kreuznach im Südwesten. Dass ein Düsseldorfer Nationalspieler in die Nahestadt wechselte, erklärt keine Quelle. Die Eintracht war damals ein Zusammenschluss von 1932, der in der Bezirksliga Mittelrhein spielte und 1938 und 1939 in der Aufstiegsrunde zur Gauliga Mittelrhein scheiterte.
Nach dem Krieg war der Verein zunächst zweitklassig. Als Spielertrainer schafft Rasselnberg 1950 in den Entscheidungsspielen gegen Herdorf den Aufstieg in die Oberliga Südwest; nach der Vereinsseite der Wikipedia endet das Entscheidungsspiel gegen die Sportfreunde Herdorf 5:1, und der von Schweinfurt gekommene Bruno Toffel war mit 18 Toren Torschützenkönig der Landesliga Rheinhessen. Die Vereinsseite führt Rasselnberg von 1950 bis 1961 als Trainer, die englische Wikipedia nennt 1951 bis 1961 und als Spielerzeit 1937 bis 1956. Die Oberliga-Jahre der Eintracht waren schwer: 1950/51 wird sie Elfte, 1951/52 Fünfzehnte und steigt ab, kehrt 1954 aus der 2. Oberliga zurück und wird danach Dreizehnte (1954/55), Achte (1955/56), Elfte (1956/57), Siebte (1957/58), Zehnte (1958/59), wieder Dreizehnte (1959/60) und Zwölfte (1960/61). 1956 legt Rasselnberg die Prüfung zum Fußball-Lehrer ab. Die Wikipedia führt für 1961 außerdem eine Station als Trainer bei Arminia Bielefeld auf, nennt dafür aber keinen Beleg. Er heiratet eine Kreuznacherin und führt einen Zigarren- und Zigarettengroßhandel.
Nach der Wikipedia beantragt Rasselnberg am 6. September 1939 die Aufnahme in die NSDAP und wird zum 1. Dezember 1939 aufgenommen; sie beruft sich dabei auf das Bundesarchiv und einen Artikel der »Zeit« von 2024 zu den NS-Verstrickungen der DFB-Nationalspieler. Mehr als diese beiden Daten teilt sie dazu nicht mit. Nach dem Krieg beantragte er eine Namensänderung in »Rasselenberg«. Josef Rasselnberg stirbt am 9. Februar 2005 im Alter von 92 Jahren; einen Sterbeort nennt die Wikipedia nicht.
Josef Rasselnberg auf einen Blick
Geboren: 18.12.1912 in Düsseldorf
Gestorben: 9.2.2005 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Düsseldorf-Urdenbach, VfL Benrath (ab 1930), Eintracht Bad Kreuznach (ab 1937, Spielertrainer 1950, Trainer bis 1961)
Position: Halblinker Stürmer
Beruf: Kaufmann (laut Lexikon 1939), später Zigarren- und Zigarettengroßhändler
Bilanz: 9 Länderspiele (6 Siege, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen), 8 Tore (1933–1935)
Erfolge: Westdeutscher Pokalsieger 1932 und 1933, Meister der Gauliga Niederrhein 1934 und 1935 (englische Wikipedia), Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft 1935
Als Trainer: Eintracht Bad Kreuznach (bis 1961), Arminia Bielefeld (1961 laut Wikipedia)
Länderspiele
- 22.10.1933 Deutschland – Belgien 8:1 – Debüt, Tor zum 1:0 (21.)
- 05.11.1933 Deutschland – Norwegen 2:2
- 19.11.1933 Schweiz – Deutschland 0:2
- 03.12.1933 Deutschland – Polen 1:0 – Tor zum 1:0 (89.)
- 11.03.1934 Luxemburg – Deutschland 1:9 – WM-Qualifikation, vier Tore (2., 35., 57., 89.)
- 12.05.1935 Deutschland – Spanien 1:2
- 25.08.1935 Deutschland – Rumänien 4:2 – Tor zum 1:0 (1.)
- 15.09.1935 Deutschland – Estland 5:0 – Tor zum 3:0 (46.)
- 04.12.1935 England – Deutschland 3:0
Quellen
- Wikipedia: Josef Rasselnberg
- Wikipedia (en): Josef Rasselnberg
- RSSSF: Josef Rasselnberg, Goals in International Matches
- DFB-Datencenter: Josef Rasselnberg, Spielerprofil
- DFB-Datencenter: Luxemburg – Deutschland 1:9
- DFB-Datencenter: Deutschland – Spanien 1:2
- DFB-Datencenter: Deutschland – Rumänien 4:2
- DFB-Datencenter: Deutschland – Estland 5:0
- DFB-Datencenter: England – Deutschland 3:0
- DFB-Datencenter: VfB Stuttgart – VfL Benrath 4:2, Halbfinale 1934/35
- DFB.de: 1000 Länderspiele, die Jubiläumspartien
- Wikipedia: VfL Benrath
- Wikipedia: Eintracht Bad Kreuznach
- Wikipedia: Gauliga Niederrhein 1933/34 · 1934/35
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1931/32 · 1932/33 · 1933/34 · 1934/35
- Wikipedia: Westdeutscher Verbandspokal 1932/33
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, Kapitel 1933 bis 1945
- Darmstädter Tagblatt, 23. Oktober 1933
- Darmstädter Tagblatt, 20. November 1933
- Darmstädter Tagblatt, 4. Dezember 1933
- Darmstädter Tagblatt, 13. März 1934
- Darmstädter Tagblatt, 13. Mai 1935
- Darmstädter Tagblatt, 26. August 1935
- Darmstädter Tagblatt, 14. Mai 1934
- Darmstädter Tagblatt, 3. Juni 1935
- Darmstädter Tagblatt, 16. September 1935
- Darmstädter Tagblatt, 5. und 7. Dezember 1935