Willi Wigold – Düsseldorfer Halbrechter, drei Tore in vier Länderspielen

Duisburg, 22. Oktober 1933. Sechs der elf Deutschen kommen von Fortuna Düsseldorf, dem frischen Meister. In der 47. Minute wehrt der belgische Torwart Robert Braet einen Schuss zu kurz ab, und Willi Wigold schiebt den Nachschuss zum 3:0 ein. Neun Minuten später läuft Stanislaus Kobierski drei Gegner an, flankt, und Wigold muss nur noch einsenden: 6:0. Am nächsten Tag urteilt das »Darmstädter Tagblatt«, im Sturm sei kein Mann abgefallen. Wigold sei vielleicht der einzige gewesen, der nicht ganz befriedigt habe.

Zwei Tore, und trotzdem das schwächste Zeugnis. Knapp elf Monate zuvor, bei seinem Debüt, hatte dieselbe Zeitung seine Wahl einen »Mißgriff« genannt.

Willi Wigolds Laufbahn · von Gerresheim zu Fortuna Düsseldorf und in die Nationalelf, 1930–1944
Willi Wigolds Laufbahn · von Gerresheim zu Fortuna Düsseldorf und in die Nationalelf, 1930–1944

»Wiegold ist für die Ländermannschaft noch nicht reif, seine Wahl war ein Mißgriff.«

— Darmstädter Tagblatt, 5. Dezember 1932, zum Länderspiel gegen die Niederlande (das Blatt schrieb den Namen »Wiegold«)

Aus Gerresheim zu Fortuna

Willi Wigold wird am 10. Dezember 1909 in Düsseldorf geboren und wächst im Stadtteil Gerresheim auf. Er spielt zuerst für den Rasensport 08 Gerresheim, einen der Stammvereine des späteren TuS Gerresheim. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt ihn als Halbrechten und nennt als Beruf städtischer Arbeiter.

Zum 1. Juli 1930 wechselt er nach den Angaben des DFB-Datencenters zu Fortuna Düsseldorf. Nach der Wikipedia spielt er dort als 21-Jähriger halbrechts, gemeinsam mit Paul Janes, Jakob Bender, Stanislaus Kobierski und Ernst Albrecht, also mit den Männern, die später mit ihm in der Nationalelf stehen. Fortuna gewinnt 1931 die Bezirksmeisterschaft Berg-Mark und die westdeutsche Endrunde.

Der Meister von 1933

1933 ist Fortunas Jahr. Am 30. April verliert die Mannschaft nach der Wikipedia das Finale um die Westdeutsche Meisterschaft in Duisburg 0:1 gegen den FC Schalke 04. Das scheint die Saison zu beenden, tut es aber nicht, denn die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft läuft noch. Und in dieser Endrunde ist Wigold mehr als ein Mitläufer: Nach den Spieltelegrammen im Libero-Heft zur Meisterschaft 1932/33 steht er in allen vier Spielen auf dem Platz, und in den ersten drei trifft er.

Am 7. Mai gewinnt Fortuna im Düsseldorfer Rheinstadion 9:0 gegen Vorwärts-Rasensport Gleiwitz, vor 8.000 Zuschauern. Hochgesang trifft in der 7. Minute, Kobierski in der 35., in der 40. Minute folgt Wigold mit dem 3:0, dann schießt Felix Zwolanowski vier Tore. Vierzehn Tage später, am 21. Mai, gewinnt die Elf in Hannover 3:0 bei Arminia, vor 20.000 Zuschauern in der Hindenburg-Kampfbahn. Georg Hochgesang trifft in der 3. und 43. Minute, gleich nach dem Wechsel erhöht Wigold in der 46. Minute. Am 28. Mai schließlich schlägt Fortuna im Berliner Preußen-Platz auf dem Tempelhofer Feld Eintracht Frankfurt 4:0, vor 30.000 Zuschauern. Das 1:0 in der 39. Minute geht auf Wigold zurück. Es ist, nach den Libero-Angaben, sein dritter Treffer in drei Wochen.

Das Endspiel am 11. Juni steigt im Kölner Müngersdorfer Stadion wieder gegen Schalke. Die Zuschauerzahl hängt von der Quelle ab: 60.000 nennt Libero, fast 55.000 zählt das »Darmstädter Tagblatt«. Diesmal heißt es 3:0 für Düsseldorf. Felix Zwolanowski trifft in der 10. Minute, Georg Hochgesang in der 85., und beim zweiten Tor widersprechen sich die Quellen. Libero und Wikipedia schreiben es Paul Mehl in der 70. Minute zu. Das Tagblatt dagegen berichtet am 12. Juni, die Entscheidung sei »in der 25. Minute« der zweiten Halbzeit gefallen, »als Wigold eine Flanke von Kobierski zum zweiten Treffer verwandelte«. Im Schlussabsatz des Berichts schreibt dieselbe Zeitung, Wigold und Mehl hätten sich »ausgezeichnet« verstanden. Wer das 2:0 geschossen hat, lässt sich mit diesen Quellen nicht entscheiden; hier steht Zeitung gegen Statistik. Das DFB-Datencenter zählt vier Meisterschaftsspiele in dieser Saison für ihn, alle gewonnen.

Bei der Siegerehrung überreicht Reichssportkommissar Hans von Tschammer und Osten, so das Tagblatt, dem Düsseldorfer Spielführer Theo Breuer einen Kranz. Das Blatt hebt vor allem Jakob Bender hervor, den überragenden Mittelpunkt der Fortuna-Läuferreihe.

Der Debütant, den man einen Mißgriff nannte

Schon vor dem Titel steht er im Nationaltrikot. Schon die Meldung vom 28. November 1932, die das »Darmstädter Tagblatt« abdruckt, führt ihn im Angriff: Albrecht, Wigold, Kuzorra, Hofmann, Kobierski. Am 4. Dezember 1932 bietet Reichstrainer Otto Nerz in Düsseldorf zwei Neulinge auf, im Tor Fritz Buchloh vom VfB Speldorf, auf halbrechts Wigold. Vor 49.000 Zuschauern im Rheinstadion, seiner späteren Heimstätte mit Fortuna, verliert Deutschland 0:2 gegen die Niederlande, beide Tore schießt Law Adam. Das Tagblatt gibt dem Sturm die Hauptschuld, er sei »viel zu saft- und kraftlos« gewesen. Von Wigold schreibt es den Satz, den die Seite hier als Motto trägt. Besser kommt nur Albrecht weg, dessen Flanken »prächtig« gewesen seien, aber vom Innensturm nicht genutzt wurden.

Wigold bleibt trotzdem im Kreis des Reichstrainers. Im Herbst 1933 baut Nerz den ersten Länderspielkader, der nur aus Westdeutschen besteht. Sechs davon stammen vom Meister Fortuna, darunter die ganze Läuferreihe mit Bender, Janes und Theo Breuer, und mit Albrecht, Wigold und Kobierski drei von fünf Stürmern.

Der große Tag: Duisburg, 22. Oktober 1933

Zwanzig Jahre haben Deutschland und Belgien nicht mehr gegeneinander gespielt, als sie sich im Duisburger Wedaustadion gegenüberstehen. Am Freitag davor hatte das Tagblatt die Elf noch mit dem Schalker Ernst Kuzorra als Halblinkem gemeldet; auf dem Platz steht dann der Benrather Rasselnberg. Das Tagblatt zählt etwa 30.000 Zuschauer, das DFB-Datencenter 35.000. Die Belgier setzen auf die Abseitsfalle, in die der deutsche Sturm anfangs oft hineinläuft, dann übernimmt Deutschland. Nach dem DFB treffen Josef Rasselnberg (21.) und Karl Hohmann (29.) vor der Pause, es steht 2:0.

Mit dem zweiten Durchgang fallen die Tore im Minutentakt. In der 47. Minute kommt der Auftritt, mit dem diese Seite beginnt: Wigold verwandelt den von Braet zu kurz abgewehrten Ball im Nachschuss zum 3:0. Hohmann erhöht gleich nach dem Wiederanstoß, Albrecht trifft zum 5:0, und in der 56. Minute läuft Kobierski an drei Belgiern vorbei, sodass Wigold sein zweites Tor aus kurzer Entfernung erzielt. Hohmann (72.) und Kobierski (87.) vollenden das 8:1, Robert Lamoot gelingt noch das belgische Ehrentor.

Deutschland – Belgien 8:1 in Duisburg · Wigolds zwei Tore in der 47. und 56. Minute
Deutschland – Belgien 8:1 in Duisburg · Wigolds zwei Tore in der 47. und 56. Minute

Das Tagblatt schreibt von einer Mannschaft, die »um Klassen besser« gewesen sei, mit schnellem, flachem Passspiel. Die Läuferreihe von Fortuna sei erst nach einiger Zeit in Schwung gekommen, dann aber »erstklassig« gewesen, Bender der »spiritus rector«. Im Sturm sei keiner abgefallen, einzig Wigold habe vielleicht nicht ganz befriedigt.

Zwei Wochen später, am 5. November, steht er mit derselben Elf im Magdeburger Viktoria-Platz am Gübser Damm gegen Norwegen auf dem Platz, vor 40.000 Zuschauern. Das 2:2 ist weniger glanzvoll, aber auch hier hat Wigold seinen Anteil: Gleich nach dem Führungstor von Albrecht zwingt er den norwegischen Torwart mit einem Flachschuss zu einer Parade, und zehn Minuten vor der Pause legt er nach schnellem Durchspiel zu Hohmann vor, der zum 2:0 trifft. Die Zeitung nennt das Tor »völlig verdient«. Nach der Pause verliert die deutsche Elf den Faden, Arthur Kvammen und Jørgen Juve gleichen aus.

Das letzte Länderspiel: Luxemburg

Am 11. März 1934 spielt Deutschland im Städtischen Stadion von Luxemburg die erste WM-Qualifikation seiner Geschichte, vor 15.000 Zuschauern, und das Wetter ist schlecht: Es regnet seit dem Morgen »wie aus Gießkannen«, so das Tagblatt. Rasselnberg trifft nach zwei Minuten, in der 12. Minute erhöht Wigold auf 2:0. Es ist sein drittes und letztes Länderspieltor. Am Ende steht es 9:1. Die deutsche Elf fährt zur Weltmeisterschaft nach Italien, Wigold nicht: Nach der Wikipedia wird er für das Turnier nicht nominiert. Es bleibt bei vier Länderspielen.

Weiter bei Fortuna

Für Fortuna spielt er noch Jahre. Die erste Gauliga-Saison 1933/34 endet für die Düsseldorfer punktgleich mit dem VfL Benrath, der wegen des besseren Torquotienten Meister wird; auch im Jahr darauf holt Benrath den Titel. Von 1936 bis 1940 heißt der Gaumeister Niederrhein dann fünfmal in Folge Fortuna.

Im Frühjahr 1936 erreicht Fortuna zum zweiten Mal nach 1933 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. In der Endrundengruppe gewinnt die Mannschaft fünf von sechs Spielen, unter anderem 3:1 gegen Hanau 93 in Duisburg und 4:0 in Mannheim bei Waldhof; im Halbfinale schlägt sie am 7. Juni in Dresden Vorwärts-Rasensport Gleiwitz 3:1. Das Endspiel steigt am 21. Juni im Berliner Poststadion gegen den 1. FC Nürnberg, vor 45.000 Zuschauern, und Fortuna verliert es 1:2 nach Verlängerung. Josef Nachtigall hat sie in der 3. Minute in Führung gebracht, Max Eiberger gleicht in der 34. aus, und erst in der 120. Minute entscheidet Karl Gußner das Spiel für Nürnberg; einen Treffer von Edmund Czaika in der 95. Minute erkennt Schiedsrichter Alfred Birlem nicht an. Wigold steht in der Elf, im Angriff mit Ernst Albrecht, Nachtigall, Zwolanowski und Stanislaus Kobierski.

Im Januar 1938 steht er in einem zweiten Endspiel. Im Tschammerpokal hat Fortuna zuvor Holstein Kiel (2:1), den BC Hartha (4:1) und im Halbfinale den Dresdner SC (5:2, in Hannover) geschlagen. Das Finale am 9. Januar im Kölner Müngersdorfer Stadion verliert sie vor 72.000 Zuschauern 1:2 gegen Schalke. Nach der Pause, in der 46. und 47. Minute, treffen Ernst Kalwitzki und Fritz Szepan, Paul Janes verkürzt in der 84. Minute per Handelfmeter. Wigold steht auch hier in der Aufstellung. Das DFB-Datencenter führt ihn für Fortuna mit 34 Spielen in Endrunden um die Deutsche Meisterschaft und im Tschammerpokal. Bis zum 30. Juni 1940 gehört er dem Verein an; die Wikipedia nennt in der Infobox das Jahr 1942.

Krieg und Tod

Wigold wird zum Wehrdienst eingezogen. Nach der Wikipedia stirbt er als Obergefreiter am 28. November 1944 im Kriegslazarett 1/531 in Łódź-Doły, gestützt auf die Gräbersuche des Volksbundes und ein Fortuna-Buch von 2020. Die Quellen widersprechen sich allerdings: Ein Forenbeitrag, den die Wikipedia anführt, lässt ihn am Ilmensee fallen, footballdatabase.eu nennt den 8. Dezember 1943, und die englische Wikipedia verweist auf eine Fortuna-Meldung zum 100. Geburtstag mit dem 12. August 1943. Ort und Datum seines Todes sind also nicht eindeutig geklärt.

Willi, Willy oder Wiegold?

Der DFB und die Wikipedia führen ihn als Willi Wigold, das Lexikon von 1939 als Willy Wigold, das Tagblatt schreibt nach seinem Debüt »Wiegold«. Gemeint ist immer derselbe Mann: ein Halbrechter von Fortuna Düsseldorf, geboren am 10. Dezember 1909. Einen Namensvetter in der Nationalelf kennen die benutzten Quellen nicht.

Willi Wigold auf einen Blick

Geboren: 10.12.1909 in Düsseldorf
Gestorben: 28.11.1944 (nach der Wikipedia in Łódź-Doły; Ort und Datum in den Quellen umstritten)
Vereine: Rasensport 08 Gerresheim, Fortuna Düsseldorf (1930–1940, nach der Wikipedia bis 1942)
Position: Halbrechter
Beruf: Städtischer Arbeiter (Lexikon 1939)
Bilanz: 4 Länderspiele (2 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage), 3 Tore (1932–1934)
Erfolge: Deutscher Meister 1933 (nach Libero drei Tore in der Endrunde), Westdeutscher Vizemeister 1933, Deutscher Vizemeister 1936, Tschammerpokal-Finalist 1937/38, Gaumeister Niederrhein 1936 bis 1940

Länderspiele

Quellen