Josef Wendl – der Löwe, den eine Zeitung abschrieb

Am Neujahrstag 1933 verlor die Nationalelf in Bologna 1:3, und das Darmstädter Tagblatt hatte seinen Schuldigen gefunden. Der Verteidiger Wendl habe »durch sein unsicheres und dazu unnötig hartes Spiel großen Schaden« angerichtet und »dürfte wohl zum letzten Male in der Nationalelf gestanden haben«. Josef Wendl von 1860 München stand noch zweimal drin, im März und im November 1933. Die Zeitung hatte sich geirrt, und das ist das Kleinste an seiner Geschichte. Er war ein Münchner, der über zwanzig Jahre für die Löwen spielte, ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft verlor, den Krieg und eine lange Gefangenschaft überstand und danach den Nachwuchs seines Vereins trainierte.

Josef Wendls Laufbahn · von der Löwen-Jugend zur Nationalelf und zum Jugendtrainer, 1906–1980
Josef Wendls Laufbahn · von der Löwen-Jugend zur Nationalelf und zum Jugendtrainer, 1906–1980

»… aber auch Wendl zeigte kluges Stellungsspiel …«

— Darmstädter Tagblatt, 15. Juni 1931, über die Münchner Verteidigung im Endspiel von Köln

Ein Löwe von klein auf

Josef Wendl kommt am 17. Dezember 1906 in München zur Welt. Wikipedia, DFB-Datencenter und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 stimmen beim Datum überein. Sein Vater ist der Schäfflermeister Maximilian Wendl. Der Sohn besucht die städtische Kaufmannsschule und arbeitet als Buchhalter und Verkäufer. Bis zu seinem 27. Lebensjahr wohnt er nach der Wikipedia bei den Eltern. Am 2. April 1928 stellt ihn die Stadt München als Werkstättenschreiber im Elektrizitätswerk ein.

Im Mai 1916 tritt er in die Jugendabteilung von 1860 ein. Die Wikipedia lässt ihn mit 17 Jahren erstmals in der Ligamannschaft spielen, damals Bezirksliga Bayern; das DFB-Datencenter führt seine Zugehörigkeit erst ab dem 1. Juli 1925. In der Saison 1926/27 gehört er jedenfalls zur Mannschaft, die als bayerischer Vizemeister in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft einzieht. Die Löwen schlagen in der Endrunde am 8. Mai 1927 in Dortmund Schalke 04 mit 3:1 und am 22. Mai in München den VfB Leipzig 3:0. Am 29. Mai scheitern sie im Halbfinale in Nürnberg mit 1:4 am späteren Meister 1. FC Nürnberg. Zur Mannschaft zählen nach der Wikipedia unter anderem Alois Pledl, Eugen Kling und Josef Hornauer. Wendl spielt in diesen Spielen linker Außenläufer. Schon mit 19 steht er außerdem in der Münchner Stadtauswahl, für die er in seiner Laufbahn 28 Spiele macht. Am 9. Oktober 1927 debütiert er im Bundespokal in der süddeutschen Auswahl, die nach der Wikipedia aus lauter Münchnern besteht: sechs Spieler des FC Bayern, vier Löwen (Pledl, Stiglbauer, Hornauer und Wendl) und ein Spieler von Wacker München. Es ist ein Debüt mit Niederlage, 3:4 in Duisburg gegen Westdeutschland.

Später spielt er hinten. Das Lexikon von 1939 führt ihn als Verteidiger, »früher Außenläufer«.

Fünf Spiele im Nationaltrikot

Breslau, 2. November 1930. Wendl debütiert gemeinsam mit Torwart Hans Jakob und mit Erich Kauer von Tennis Borussia Berlin. In der Läuferreihe spielt er mit Kauer und Reinhold Münzenberg, beim 1:1 gegen Norwegen. In der 55. Minute leiten Richard Hofmann und Wendl den Angriff ein, den Walter Hanke zum 1:0 abschließt. Das Tagblatt urteilt am 3. November, Wendl habe »mehr gute als schwache« Momente gehabt, Kauer dagegen »mehr schwache als gute«.

Budapest, 30. Oktober 1932. Fast zwei Jahre lang wird er nicht gerufen. Dann steht er als Verteidiger neben Lorenz Huber vom Karlsruher FV, vor Torwart Jakob. Paul Janes debütiert, Ungarn gewinnt 2:1. Das Tagblatt sagt, die deutsche Elf habe sich besser geschlagen als erwartet, Läuferreihe und Abwehr hätten ihre Pflicht getan. Mit Wendl und Ludwig Lachner fehlen den Löwen an diesem Sonntag zwei Stammspieler; sie gewinnen trotzdem 7:2 gegen den Ulmer FV 94.

Bologna, 1. Januar 1933. Sein Partner ist jetzt Sigmund Haringer, die Läufer führt Ludwig Leinberger als Kapitän an. Nach dem Tagblatt war Haringer »eleganter und weit wirksamer«, die Niederlage hätte »sehr leicht höher ausfallen können«. Die Rubrik »Enttäuschungen in der deutschen Elf« eröffnet das Tagblatt mit Wendl. Nach dem Spiel nimmt ihn Josef Glaser, der Vorsitzende des Bundes-Spielausschusses, in einem Satz in Schutz: Wendl habe unter dem schwachen Spiel von Georg Knöpfle zu leiden gehabt.

Berlin, 19. März 1933. Gegen Frankreich führt Deutschland 3:1, am Ende steht es 3:3. Das Tagblatt macht die Verteidigung verantwortlich: Wendl habe schlecht zerstört und unrein abgespielt, seinem Leichtsinn sei auch noch das Ausgleichstor der Franzosen zuzuschreiben. Die Löwen verlieren am selben Nachmittag ohne ihn und Lachner in Fürth 0:4. Das Tagblatt meldet, die Münchner hätten dieses Spiel unter dem bekannten »Vorbehalt« ausgetragen: Es solle wiederholt werden, falls die beiden fehlenden Punkte 1860 die Meisterschaft kosten.

Zürich, 19. November 1933. Er spielt noch einmal neben Haringer, im Hardturm gewinnt Deutschland 2:0. Der Tagblatt-Bericht nennt ihn den »solid spielenden« Wendl, den Haringer noch übertroffen habe. Es ist sein fünftes und letztes Länderspiel. Warum es das letzte bleibt, steht in keiner der benutzten Quellen.

Der große Tag: Köln, 14. Juni 1931

Der größte Tag seiner Laufbahn endet mit einer Niederlage. Am Pfingstsonntag, 24. Mai 1931, haben die Löwen in Frankfurt im Viertelfinale Tennis Borussia Berlin mit 1:0 aus dem Rennen geworfen, das Tor schoss Otto Oeldenberger. Auf der anderen Seite stand nach dem DFB-Datencenter Kauer. Am selben Nachmittag verlor die Nationalelf in Berlin 0:6 gegen Österreich. Eine Woche später schlägt 1860 in Duisburg Holstein Kiel 2:0 und steht zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte im Endspiel, als erste Münchner Mannschaft überhaupt.

Am 14. Juni empfängt das Müngersdorfer Stadion in Köln Hertha BSC und 1860, Schiedsrichter ist Fissenewerth aus Mönchengladbach. Die Zuschauerzahl schwankt: 55.000 nennt das Tagblatt, 50.000 die Wikipedia. Im Tor der Löwen steht Alfred Riemke, davor spielen Max Schäfer und Wendl. Auf der Gegenseite stehen Paul Gehlhaar im Tor, Hans Ruch und Hanne Sobek im Angriff.

In der 24. Minute schießt Oeldenberger das 1:0. Sobek gleicht vor der Pause aus, nach der Wikipedia in der 44. Minute (Tagblatt: 42.). Kaum zwei Minuten später bringt Ludwig Lachner nach Vorlage von Ludwig Stiglbauer die Münchner mit einem »Prachttor« wieder in Führung. Nach der Pause bleiben die Münchner überlegen; 70 Minuten lang waren sie nach dem Tagblatt »die einwandfrei bessere Mannschaft«. Dann kippt das Spiel. Hertha gleicht aus, und eine Minute vor Schluss fällt das 3:2.

Wer die Berliner Tore schoss, ist umstritten. Die Wikipedia nennt Sobek in der 75. Minute für das 2:2 und Willi Kirsei in der 89. für das 3:2. Das Tagblatt schreibt den Ausgleich Bruno Lehmann zu und das Siegtor Sobek. Der Wikipedia-Artikel zur Meisterschaft merkt außerdem an, Hertha habe zwei Tore aus klarer Abseitsstellung erzielt; im Bericht des Tagblatts findet sich davon nichts. Für die Zeitung war Wendls Nebenmann Schäfer der Überragende der »soliden Verteidigung«, doch auch Wendl habe kluges Stellungsspiel gezeigt.

Hertha BSC – 1860 München 3:2 in Köln · Torfolge nach der Wikipedia, die Torschützen der Berliner nennt das Tagblatt anders
Hertha BSC – 1860 München 3:2 in Köln · Torfolge nach der Wikipedia, die Torschützen der Berliner nennt das Tagblatt anders

Auf Wendls früherer Position, links in der Läuferreihe, spielt nach der Wikipedia Fritz Eiberle. Der Titel geht an Berlin. Wendl hat erst ein Länderspiel auf dem Konto, das nächste folgt im Oktober 1932.

Kapitän, Soldat, Jugendtrainer

In der Saison 1932/33 stehen die Löwen noch einmal in der Endrunde. Sie schlagen am 7. Mai in Köln den VfL Benrath 2:0 und am 21. Mai in Nürnberg den Beuthener SuSV 3:0, verlieren dann aber das Halbfinale am 28. Mai in Leipzig 0:4 gegen Schalke 04. 1933 gewinnt Wendl mit der bayerischen Auswahl den Gaupokal. Auf dem Weg dorthin gewann die bayerische Auswahl in Chemnitz 2:1 gegen Sachsen und in München 6:2 gegen Nordhessen. Im Wiederholungsspiel des Finales schlägt Bayern am 6. August in München Brandenburg 6:1, hinten spielen Jakob, Haringer und Wendl. Er wird zum Ehrenspielführer ernannt und erhält 1934 für hervorragende sportliche Leistungen den städtischen Ehrenbrief. Die Stadt übernimmt ihn am 31. August 1934 in das Angestelltenverhältnis, ab dem 1. März 1935 arbeitet er als Aufseher im Straßenbau.

Nach der Wikipedia, die sich auf Unterlagen des Bundesarchivs stützt, trat Wendl zum 2. November 1933 der SA bei und erreichte dort mindestens den Rang eines Oberscharführers; zum 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei. Am 17. Juni 1940 wird er zur Wehrmacht einberufen und bleibt bis Kriegsende an der Front. In der Endrunde 1941 leitet der 34-Jährige als Mittelläufer die Abwehr in den Gruppenspielen gegen die Stuttgarter Kickers, den VfL Neckarau und Rapid Wien. Das 2:1 gegen Rapid am 27. April vor 30.000 Zuschauern gilt der Wikipedia als Höhepunkt: Wendl hatte dabei den Wiener Torjäger Franz Binder zu bewachen. Das entscheidende Rückspiel in Wien verpasst der Soldat und Kapitän wegen des Dienstes. Rapid gewinnt es 2:0, wird mit zwei Punkten Vorsprung Gruppenerster und später Deutscher Meister. Im Tschammerpokal-Jahr 1942 spielt er nur eine einzige Partie, am 19. Juli beim 5:3 gegen Rapid Wien in der ersten Schlussrunde, als linker Verteidiger neben Georg Pledl. Das Finale, 2:0 gegen Schalke, spielen die Löwen am 15. November ohne ihn. Das DFB-Datencenter führt für ihn außerdem zwei Tschammerpokal-Spiele 1936: ein 1:0 am 14. Juni bei den Stuttgarter Kickers und ein 3:3 nach Verlängerung am 27. Juni gegen den 1. FC Pforzheim. Das Wiederholungsspiel am 16. August, das Pforzheim 2:0 gewann, steht nicht in seiner Bilanz. Insgesamt kommt er dort auf 14 Endrundenspiele um die Meisterschaft (1927, 1931, 1933 und 1941) mit neun Siegen, einem Remis und vier Niederlagen. Im Frühjahr 1945 steht er während eines Fronturlaubs zum letzten Mal in einem Pflichtspiel für 1860.

Im Mai 1945 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und kommt erst am 5. Januar 1950 zurück nach München. Er geht zurück ins Straßenbauamt und beginnt bald darauf als Trainer in der Jugendabteilung der Löwen. 1953 besteht er an der Sporthochschule Köln die Fußball-Lehrer-Ausbildung. Bis Ende Juli 1965 betreut er die Nachwuchsmannschaften. Die Wikipedia nennt Alfred Heiß, Hans Rebele, Hans Reich und Ludwig Bründl als bekannte Spieler, die er hervorbrachte. Als Spieler kommt er laut Wikipedia, die sich auf Löffelmeiers Löwen-Buch beruft, als zehn Jahre langer Kapitän auf über 1.000 Spiele für die Löwen. Josef Wendl stirbt am 2. September 1980 in München.

Josef Wendl auf einen Blick

Geboren: 17.12.1906 in München
Gestorben: 2.9.1980 in München
Verein: 1860 München (Jugend ab 1916; Ligamannschaft bis 1945)
Position: Verteidiger, früher Außenläufer
Beruf: Buchhalter und Verkäufer, dann bei der Stadt München (Werkstättenschreiber, Aufseher im Straßenbau); ab 1953 Fußball-Lehrer
Bilanz: 5 Länderspiele (1 Sieg, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen), kein Tor (1930–1933); 14 Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft (nach DFB-Datencenter)

Länderspiele

Quellen