Erich Kauer – der Läufer, der nie gewann

Fünf Länderspiele, vier Unentschieden, eine Niederlage mit 0:5: Erich Kauer hat im Nationaltrikot nie gewonnen. Gespielt hat er vom November 1930 bis zum September 1931, von Breslau bis Wien, mit Willibald Kreß im Tor, Ludwig Leinberger und Georg Knöpfle an der Seite und Richard Hofmann im Sturm. Der freundlichste Satz über ihn steht in einer niederländischen Zeitung. Sie nannte ihn nach dem 1:1 in Amsterdam unter den besten Deutschen. Die deutschen Zeitungen waren zurückhaltender.

Erich Kauers Laufbahn · von Tennis Borussia Berlin zur Nationalelf und nach dem Krieg nach Neckarelz, 1908–1989
Erich Kauers Laufbahn · von Tennis Borussia Berlin zur Nationalelf und nach dem Krieg nach Neckarelz, 1908–1989

»Von Deutschland sind in erster Linie Kreß, Weber, Kauer und Hofmann zu nennen …«

— Nieuwe Tilburgsche Courant, 27. April 1931, über das 1:1 in Amsterdam (aus dem Niederländischen)

Vom Südstern zu den Veilchen

Erich Kauer wird am 8. Januar 1908 geboren. Wikipedia und DFB-Datencenter nennen das Datum, aber keinen Geburtsort. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 gibt als Heimatort Berlin-Rixdorf an, heute Neukölln. Es nennt als Beruf Metallschleifer und als Stammposten Mittelläufer. Als Vereine führt es Südstern Neukölln und Tennis Borussia auf.

Bei Tennis Borussia bleibt er. Die Wikipedia lässt ihn 1923 dort anfangen, das DFB-Datencenter führt ihn erst ab dem 1. Juli 1927, bis 1941. Die beiden Angaben passen nicht zusammen. In Berlin spielt Tennis Borussia in diesen Jahren hinter Hertha BSC. Die Mannschaft steigt 1923/24 in die Gruppe A der Berliner Meisterschaft auf und wird Vierter. Dreimal in Folge belegt die Mannschaft den zweiten Platz, 1927/28 gewinnt sie die Gruppe B und verliert das Endspiel gegen Hertha: Nach 4:4 im Hin- und Rückspiel setzt es im Entscheidungsspiel 0:4. 1928/29 verliert Tennis Borussia gegen Hertha mit 4:7 im Gesamtergebnis, 1929/30 mit 2:5. Auch 1930/31 endet die Finalrunde mit Platz zwei hinter Hertha.

Fünf Spiele ohne Sieg

Breslau, 2. November 1930. Kauer debütiert beim 1:1 gegen Norwegen, am selben Tag wie Torwart Hans Jakob und der Münchner Josef Wendl. Er spielt in einer Läuferreihe mit Wendl und Reinhold Münzenberg. Das Tagblatt hatte die Mannschaft am 31. Oktober vorgestellt, mit »Kauer–Berlin« neben Münzenberg, und dazu bemerkt, Norwegens Fußball habe sich zuletzt stark verbessert; man rechne aber dennoch mit einem deutschen Sieg. Daraus wurde das 1:1. Das Darmstädter Tagblatt vergibt ein gemischtes Zeugnis: Wendl habe »mehr gute als schwache« Momente gehabt, Kauer »mehr schwache als gute«.

Amsterdam, 26. April 1931. Fünf Monate später ruft ihn Reichstrainer Otto Nerz wieder, mehr dazu im nächsten Kapitel. Das Spiel endet 1:1.

Stockholm, 17. Juni 1931. Die Mannschaft reist nach Skandinavien, das Tagblatt nennt es die »Nordlandreise der Nationalelf«. Kauer spielt neben Ludwig Leinberger und Georg Knöpfle, in der Abwehr steht sein Vereinskamerad Hans Brunke. Im Sturm läuft Hanne Sobek auf, drei Tage zuvor mit Hertha Deutscher Meister geworden. Das 0:0 gehört nach dem Tagblatt den Hintermannschaften, Willibald Kreß sei »einfach nicht zu schlagen« gewesen. Das DFB-Datencenter zählt 16.000 Zuschauer, niederländische Zeitungen melden 17.000.

Oslo, 21. Juni 1931. Es regnet, Josef Bergmaier schießt in der ersten Minute das 1:0, Norwegen gleicht aus, Johannes Ludwig bringt Deutschland in der 60. Minute wieder in Führung, und eine Minute später steht es 2:2. Ohne Kreß, urteilt das Tagblatt, hätte die Mannschaft in den Schlussminuten noch verlieren können. Von Kauer ist in dem Bericht keine Rede.

Wien, 13. September 1931. In der zweiten Minute fällt das 0:1, am Ende steht es 0:5. Das Tagblatt nennt die Läuferreihe den besseren Mannschaftsteil, in der Knöpfle und Leinberger gewühlt hätten, und fährt fort: »Kauer war schwächer.« Es war sein letztes Länderspiel. Zwei Wochen später stellte der Reichstrainer gegen Dänemark in Hannover eine völlig neu formierte Elf auf, Kauer gehörte nicht dazu. Warum, steht in keiner der benutzten Quellen.

Der große Tag: Amsterdam, 26. April 1931

Samstag hat es in Amsterdam geregnet, vor dem Anpfiff kommt noch ein Schauer, dann bleibt es trocken. Mehr als 6.000 Deutsche sind mit Sonderzügen und Hunderten von Autos angereist. Das Tagblatt hatte am 24. April gewarnt, Deutschlands Aussichten auf einen fünften Sieg gegen Holland seien »nicht sehr groß«; von den bisherigen elf Spielen waren vier unentschieden ausgegangen, drei hatte Holland und vier Deutschland gewonnen. Auch die Aufstellung stehe »zur Stunde nicht einmal fest«. Das DFB-Datencenter zählt 32.000 Zuschauer, die »Nieuwe Tilburgsche Courant« »ruim 31.000«. Der Schwede Axel Bergqvist pfeift. Deutschland tritt in weißen Hemden mit gesticktem Adler an, Oranje in Orange, und die niederländische Zeitung nennt das Spiel ein Zeichen dafür, dass ihre Elf nach der schlechten Saison 1929/30 wieder mitzählt.

Kauer steht in der Läuferreihe zwischen Georg Knöpfle und Kurt Stössel, so führt ihn die Zeitung auf. Hinter ihnen verteidigen Erich Schröder und Heinrich Weber, im Tor steht Kreß, vorn spielen unter anderem Richard Hofmann und Ernst Albrecht. In der 29. Minute, nach dem Tagblatt in der 30., trifft Wim Tap zum 1:0 für die Niederländer. Nach der niederländischen Zeitung dribbelt er zwischen Weber und Schröder hindurch und schiebt ein, nach dem Tagblatt schießt er aus einem Gedränge. Mit dem 0:1 aus deutscher Sicht geht es in die Pause. Danach drängt Deutschland, und etwa in der 73. Minute spielt Hofmann nach einem Vorstoß quer, Karl Schlösser schießt ins leere Tor. Ein zweites Tor von Ludwig Lachner pfeift der Schiedsrichter kurz darauf wegen Abseits zurück.

Niederlande – Deutschland 1:1 in Amsterdam · Torfolge nach DFB-Datencenter, Kauer in der Läuferreihe
Niederlande – Deutschland 1:1 in Amsterdam · Torfolge nach DFB-Datencenter, Kauer in der Läuferreihe

Die niederländische Zeitung lobt Kreß als »Torwart von Superklasse« und nennt danach Weber, Kauer und Hofmann. Das Tagblatt nennt am nächsten Tag als besten Läufer nicht Kauer, sondern Knöpfle, den »unermüdlichen Schaffer«. Es spricht von einem »durchaus ehrenvollen Unentschieden« für ein Team, das man vorher für schwach gehalten habe. Für Kauer ist es das beste Zeugnis, das ihm in den Quellen ausgestellt wird. Es kommt aus Holland.

Meister, Pokalsieger, Gaumeister

1931 kommt Kauer mit Tennis Borussia zum ersten Mal in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft zum Einsatz. Am 10. Mai gewinnt die Mannschaft in Berlin 6:1 gegen den VfB Liegnitz. Am 24. Mai, am Pfingstsonntag, verliert sie in Frankfurt 0:1 gegen 1860 München. Das Tor schießt Otto Oeldenberger in der 32. Minute, und auf der anderen Seite steht der Verteidiger Josef Wendl, mit dem Kauer in Breslau debütiert hat. Am selben Tag verliert Deutschland in Berlin 0:6 gegen Österreich, ohne die beiden. 1860 spielt am 14. Juni in Köln das Endspiel.

Ende 1931 holt Tennis Borussia den Berliner Pokal: Am 26. Dezember schlägt die Mannschaft Wacker 04 Tegel 6:0. Im Frühjahr 1932 wird die Mannschaft zum ersten Mal Berliner Meister und gewinnt in der Endrunde am 8. Mai 3:0 gegen Viktoria Stolp, bevor sie am 22. Mai in Frankfurt 1:3 gegen die Eintracht verliert. Insgesamt kommt Kauer laut DFB-Datencenter auf sieben Endrundenspiele, zwei 1931, zwei 1932 und drei 1941.

Mit der Gauliga Berlin-Brandenburg, die 1933 eingeführt wird, bleibt er dabei. 1941 gewinnt Tennis Borussia die Gaumeisterschaft, Kauer ist 33. Die Gruppenspiele gegen NSTG Prag und den Dresdner SC bringen ein 3:1, ein 0:0 und eine 2:5-Niederlage. Im Tschammerpokal macht er am 13. Juli 1941 beim 6:0 über LSV Stettin in der 39. Minute das 2:0, sein einziges Tor in sieben Pokalspielen. Nach der Wikipedia bleibt er bis 1942 beim Verein.

Nach dem Krieg

Über die Kriegsjahre findet sich in den benutzten Quellen nichts. Die Wikipedia schreibt, Kauer sei nach dem Krieg Spielertrainer der SpVgg Neckarelz gewesen und habe zeitweise auch den FC Asbach betreut. Die Vereinschronik aus Asbach erzählt es für die Saison 1947/48 genauer: Der FC Asbach habe den Ex-Nationalspieler Kauer (»Tennis Berlin«), der als Spielertrainer die SpVgg Neckarelz zu großen Erfolgen führte, für Trainingsabende verpflichtet. Bezahlt wurde in Naturalien. Das Interesse der Spieler ließ rasch nach, am Ende kamen noch fünf Mann zum Training.

Erich Kauer starb nach der Wikipedia am 30. Dezember 1989. Einen Sterbeort nennt sie nicht.

Erich Kauer auf einen Blick

Geboren: 8.1.1908 (Heimatort laut Lexikon 1939: Berlin-Rixdorf)
Gestorben: 30.12.1989 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Südstern Neukölln, Tennis Borussia Berlin (1923 oder 1927 bis 1941/42)
Position: Läufer, Stammposten Mittelläufer
Beruf: Metallschleifer (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 5 Länderspiele (4 Unentschieden, 1 Niederlage), kein Tor (1930–1931)

Länderspiele

Quellen