Karl Scherm – zwei Länderspiele, zwei Abseitstore

Zwei Länderspiele, zwei Tore, und beide kamen aus einer Stellung, die nach Abseits aussah. Im ersten gab der Schiedsrichter den Treffer nicht, im zweiten schon. Karl Scherm, Rechtsaußen aus Nürnberg, hatte am 12. Dezember 1926 in München die Schweiz beim Stand von 1:2 wieder auf 2:2 herangebracht. Gewonnen hat Deutschland am Ende trotzdem nicht. Es war sein zweites und letztes Länderspiel.

Karl Scherms Laufbahn · vom Nürnberger ASV über Mainz 05 zurück nach Franken, 1925–1947
Karl Scherms Laufbahn · vom Nürnberger ASV über Mainz 05 zurück nach Franken, 1925–1947

»Im Sturm waren die beiden Flügel Hofmann und Scherm die besten Leute.«

— Darmstädter Tagblatt, 13. Dezember 1926, über die 2:3-Niederlage gegen die Schweiz

Ein Nürnberger, aber kein Clubberer

Karl Theodor Paul Scherm kommt am 8. April 1904 in Nürnberg zur Welt. Die Wikipedia nennt ihn auch »den Gaukler«, woher der Spitzname kommt, steht dort nicht. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt ihn mit Heimatort Nürnberg, als Beruf Kontrolleur und als Stammposten Rechtsaußen und Verteidiger; als Vereine nennt es den Nürnberger FV, Mainz 05 und den ASV Nürnberg.

Der Allgemeine Sportverein Nürnberg ist sein Hauptverein dieser Jahre. Nach der Wikipedia gehört er ihm von 1925 bis 1931 an, das Mainzer Vereinsarchiv fsv05.de setzt ihn von 1926 bis 1931 an. Er spielt Stürmer in der Bezirksliga Bayern. Und er ist, wie die Wikipedia eigens vermerkt, anders als viele hervorragende Nürnberger Fußballer nie für den 1. FC Nürnberg aufgelaufen.

Zwei Spiele im Herbst 1926

Beim 3:2 in Amsterdam am 31. Oktober 1926 sitzt nach Schulze-Marmeling zum ersten Mal ein Trainer auf der Bank, der 34-jährige Otto Nerz. Die Aufstellung darf er nur vorschlagen, das letzte Wort hat der Spielausschuss. Scherm und Heinrich Träg spielen die Außenpositionen, in der Mitte stürmt Tull Harder.

Nach dem Darmstädter Tagblatt trifft Scherm in der 17. Minute ins Tor, aber der Treffer wird »wegen angeblichen Abseits« nicht anerkannt, eine »ziemlich zweifelhafte« Entscheidung, so die Zeitung. Am Ende des Berichts fällt das Urteil über ihn weniger freundlich aus: Gute Torchancen habe er »durch eigensinniges Spiel und Abseitsstehen« verdorben, und mit Träg konnte er »trotz verschiedener guter Momente nicht gefallen« (Tagblatt, 1. November 1926). Die niederländische Zeitung De Amstelbode schreibt am 2. November 1926, beide hätten ständig im Abseits gestanden. Deutschland gewinnt 3:2, die Tore schießen Wieder und zweimal Harder.

Die niederländische Presse hat für den Debütanten viel Aufmerksamkeit übrig. Nach dem »Telegraaf« vom 2. November ließ der deutsche Spielausschuss nur einen einzigen Neuling auflaufen, eben den Rechtsaußen Scherm aus Nürnberg, für alles andere vertraute er auf erprobte Spieler. Der englische Schiedsrichter heißt Prince Cox. Im Bericht der »Provinciale Noordbrabantsche en 's Hertogenbossche courant« vom 2. November ist Scherm, wenn er den Ball habe, »buitengewoon gevaarlijk«: Dieser »debutant in de Duitsche ploeg« schlängle sich »in een razende rush langs van Kol« und belagere das Tor; bei einem Durchbruch sei er Torwart Van der Meulen davongelaufen und habe den Ball ins Netz geschossen, aber: »Maar Scherm stond buitenspel en er was gefloten.« Das »Nieuwsblad van het Noorden« findet das Abseitsstehen des Nürnbergers am 1. November »lachwekkend«, der Schiedsrichter habe ihm schließlich kurz die Abseitsregel erklärt, »'t Hielp wel iets«, aber noch öfter sei er in die Falle gelaufen. »De Tijd« schreibt, Scherm und Träg seien als einzige in ihrem Eifer wohl der Ansicht gewesen, »dat de buitenspelregel in interlandwedstrijden niet moet worden toegepast«. Und »De Gooi- en Eemlander« urteilt am 1. November in den »Nabeschouwingen«, Scherm sei ein »pittig«, noch junger Spieler, der, wenn er seinen Abseitsfehler ablege, »nog menige back tot vertwijfeling kan brengen«. Neben der Schnelligkeit verfüge er über einen harten Schuss. Alle vier Blätter sehen dasselbe: schnell, gefährlich, aber ständig im Abseits.

Die Wikipedia vermerkt Jahre später bei seinem Mainzer Aufenthalt, es sei oft »sein Eigensinn im Mainzer Angriffsspiel« kritisiert worden. Der Vorwurf steht also schon 1926 in der Zeitung.

Der große Tag: München, 12. Dezember 1926

Das Rückspiel gegen die Schweiz, das zweite unter Nerz, wird ein Fiasko. Im Stadion an der Grünwalder Straße sind etwa 40.000 Menschen, die Stadt hat die Gäste im Rathaus empfangen, vor dem Anpfiff werfen Flieger Blumensträuße und den Spielball ab. Die Schweizer stehen nach 13 Minuten 2:0, nach der englischen Wikipedia treffen Max Brand (7.) und Max Weiler (15.), das Darmstädter Tagblatt schreibt das zweite Tor Aldo Poretti zu. Torwart Georg Ertl, so die Zeitung, steht beim ersten Gegentor zu weit vor dem Kasten.

Dann kommt Scherm ins Spiel. Der Rechtsaußen gibt in der 4. Minute die erste Ecke »schön herein«, in der 37. Minute läuft er nach einem Pass von Ludwig Hofmann allein auf Verteidiger Edmond de Weck zu und kommt nicht an ihm vorbei. Kurz vor der Pause verwandelt Georg Hochgesang einen Strafstoß zum 1:2, Pause.

Gleich nach dem Wechsel fällt sein Tor. Hans Schmidt tritt einen Freistoß, Tull Harder umspielt die Verteidigung und flankt, und Scherm schießt aus einer Stellung ein, die nach dem Tagblatt »stark nach Abseits« aussah. Der Schiedsrichter, der Niederländer Johannes Mutters, gibt den Treffer. Für Minuten drängt Deutschland, doch der Schweizer Torwart Charles Pache hält alles. In der 83. Minute (Tagblatt: 37. Minute der zweiten Halbzeit) fällt Ernesto Finks Schuss aus gut 30 Metern, den Ertl mit den Fingerspitzen berührt, und die Schweiz gewinnt 3:2.

Deutschland – Schweiz 2:3 in München · Scherm gleicht in der 50. Minute zum 2:2 aus
Deutschland – Schweiz 2:3 in München · Scherm gleicht in der 50. Minute zum 2:2 aus

Das Tagblatt ist hart: »Die deutsche Nationalelf liefert eines ihrer schlechtesten Spiele. Ertl und Harder versagen.« Scherm aber zählt es zu den besten Leuten des Angriffs, zusammen mit seinem Flügelkollegen Ludwig Hofmann (Tagblatt, 13. Dezember 1926). Allerdings bemängelt es in der Zusammenfassung des Berichts neben Köhler auch »Scherm« als schwach. Im eigentlichen Spielbericht ist dagegen von Köhler und dem Läufer Hans Geiger die Rede, es handelt sich vermutlich um einen Fehler in der Zusammenfassung.

Die Minute des Treffers ist nicht überall dieselbe. Das DFB-Datencenter und Schweizer Quellen nennen die 50. Minute, das Tagblatt die 5. der zweiten Halbzeit, De Telegraaf die 35. nach Wiederbeginn.

Danach: Mainz, und nie wieder Nationalelf

Auf Nerz' Liste steht Scherm nicht mehr. Zehn Monate lang gibt es kein Länderspiel, die Pause nutzt der Reichstrainer nach Schulze-Marmeling, um die Mannschaft auf das W-M-System umzustellen. Warum Scherm danach nie wieder gerufen wird, nennt keine der benutzten Quellen.

1931 wechselt er nach Mainz, zum 1. FSV Mainz 05, der damals in der zweitklassigen Bezirksliga Hessen spielt. Dort beginnt eine seiner stärksten Zeiten. Im zweiten Pflichtspiel, am 23. August 1931, schießt er beim 8:2 gegen Rot-Weiß Walldorf fünf Tore, so viele hat in einem Mainzer Ligaspiel nach der Wikipedia sonst nur Paul Lipponer senior erreicht, der zweimal sieben Tore erzielte. Bei Mainz 05 kommt er nach fsv05.de bis 1934 auf 71 Pflichtspiele, 77 Tore und 31 Torvorlagen. In der Saison 1931/32 sind es 19 Spiele und 24 Tore (Bezirksliga: 15 Spiele, 23 Tore, 7 Vorlagen; Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft: 4 Spiele, 1 Tor, 1 Vorlage), 1932/33 dann 31 Spiele und 30 Tore (Bezirksliga 18 Spiele, 20 Tore, 11 Vorlagen; Endrunde 13 Spiele, 10 Tore, 2 Vorlagen), 1933/34 in der Gauliga Südwest 21 Spiele, 23 Tore und 10 Vorlagen. Zusammengerechnet sind das 43 Tore in 33 Bezirksligaspielen, 11 in 17 Endrundenspielen und 23 in 21 Gauligaspielen. Er war nach der Wikipedia ein nie umstrittener Stammspieler mit mehr als einem Tor pro Spiel; kritisiert wurde sein Eigensinn. Mit Mainz wird er zweimal Meister der Bezirksliga Hessen. Die Wikipedia nennt dafür 1932 und 1933, fsv05.de spricht von den Meisterschaften 1931 und 1932.

Danach geht er zurück nach Franken. Von 1935 an spielt er nach der Wikipedia bis 1939 für die Betriebssportgemeinschaft Neumeyer Nürnberg, zuletzt in der Gauliga Bayern. Das Mainzer Archiv führt für 1935/36 dagegen wieder den ASN. Im Tschammerpokal bestreitet er für Neumeyer zwei Erstrundenspiele: 1937/38 das 0:1 nach Verlängerung gegen den VfB Stuttgart und am 29. August 1939 das 7:3 gegen den CSC 03 Kassel. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielt er die Saison 1946/47 in der Landesliga Bayern für den 1. FC Bamberg. Karl Scherm stirbt am 30. Juni 1977 in Nürnberg.

Karl Scherm auf einen Blick

Geboren: 8.4.1904 in Nürnberg
Gestorben: 30.6.1977 in Nürnberg
Vereine: ASV/ASN Nürnberg (1925/26–1931), 1. FSV Mainz 05 (1931–1934), WKG BSG Neumeyer Nürnberg (1935–1939), 1. FC Bamberg (1946/47)
Position: Rechtsaußen, Stürmer (Lexikon 1939 außerdem: Verteidiger)
Beruf: Kontrolleur (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 2 Länderspiele (1 Sieg, 1 Niederlage), 1 Tor (1926)

Länderspiele

Quellen