Martin Reißmann – der Dresdner Halbrechte von der Hoheluft
Zweimal reiste Martin Reißmann 1923 an die Elbe. Am 13. Mai verlor er in Altona mit Guts Muts Dresden in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft 0:2 gegen den Hamburger SV, den späteren Meister. Knapp sechs Monate später stand er wieder in Hamburg, diesmal im Nationaltrikot. Am 4. November 1923 spielte der Dresdner an der Hoheluft gegen Norwegen, Deutschland gewann 1:0. Es blieb sein einziges Länderspiel.
»Im allgemeinen strengte sich die deutsche Mannschaft sehr an. Der Sieg ist verdient.«
Ein Dresdner bei Guts Muts
Martin Reißmann wird am 21. September 1900 in Dresden geboren, so führen es das DFB-Datencenter und die Wikipedia. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt dagegen den 29. September 1900. Sein Vater Albert Max Reißmann ist Straßenbahnschaffner, sein eigener Beruf ist laut Lexikon Mechaniker. Die Wikipedia gibt als vollen Vornamen Max Martin an. Er stirbt am 8. April 1971 in Dresden, als Beleg nennt die Wikipedia die Todesanzeige in der »Sächsischen Zeitung« vom 14. April 1971.
Sein Verein ist Guts Muts Dresden. Wann er dort anfängt, sagen die Quellen unterschiedlich: Nach dem Nachschlagewerk von Tauber 1911, nach dem DFB-Datencenter am 1. Juli 1918. Guts Muts ist zu der Zeit mehr als eine Fußballabteilung. Der Verein im Stadtteil Johannstadt wurde am 8. Mai 1902 von Schülern des Kreuzgymnasiums und Turnern des Turnvereins GutsMuths gegründet, spielt in Blau-Weiß und heißt deshalb bald »die Lilien«. Nach dem Ersten Weltkrieg ist er nach der Wikipedia mit rund 1.500 Mitgliedern in zwölf Abteilungen der größte Sportverein Sachsens.
1923: Meister im Osten
1923 ist das Jahr des Vereins. Guts Muts wird Meister im Kreis Ostsachsen und hat in der mitteldeutschen Endrunde im Viertelfinale ein Freilos. Am 22. April schlägt die Mannschaft im Halbfinale den Chemnitzer BC 6:1, eine Woche später im Finale den VfB Leipzig 1:0. Es ist der erste und einzige mitteldeutsche Meistertitel des Klubs.
Die Endrunde um die deutsche Meisterschaft endet für Guts Muts gleich im Viertelfinale. Am 13. Mai 1923 steht die Elf im Altonaer Stadion vor 20.000 Zuschauern dem Hamburger SV gegenüber und verliert 0:2. Die Hamburger gewinnen am 10. Juni mit 3:0 gegen Union Oberschöneweide den Titel. Reißmann bildet nach der Wikipedia mit Rudolf Leip den rechten Flügel, das DFB-Datencenter führt ihn in diesem einen Endrundenspiel.
Halbrechts für Mitteldeutschland
Reißmanns angestammter Platz ist der des Halbrechten. Die Wikipedia nennt ihn Halbstürmer, nach Tauber spielte er als Mittelfeldspieler. Das Lexikon von 1939 bleibt bei »Halbrechter«. Er kommt in die Auswahl des Verbandes Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine im Wettbewerb um den Bundespokal. Am 13. November 1921 steht er in Halle beim 0:3 gegen Norddeutschland an der Seite von Paul Pömpner. Am 8. Oktober 1922 gewinnt Mitteldeutschland gegen Brandenburg 2:1 nach Verlängerung, wobei der rechte Flügel Leip und Reißmann nach der Wikipedia überzeugt. Im Halbfinale am 12. November 1922 in Hannover verliert die Auswahl 1:4 gegen Westdeutschland, den Ehrentreffer schießt Reißmann an der Seite des früheren Nationalspielers Fritz Förderer.
Auch 1923/24 endet der Bundespokal für ihn im Halbfinale: In Leipzig setzt sich Süddeutschland 3:0 durch. Bis in die Saison 1927/28 trägt er das Mitteldeutschland-Trikot, am 8. Januar 1928 verliert die Auswahl in Chemnitz 2:3 gegen Südostdeutschland, Reißmann spielt auf seinem Stammplatz halbrechts.
Der große Tag: Hamburg, 4. November 1923
Eigentlich sollte das Länderspiel in Berlin steigen. Es wurde nach Hamburg verlegt, weil Berlin kurz darauf die Zwischenrunde um den Bundespokal ausrichtete, wie das Darmstädter Tagblatt meldete. So kommt es auf den Victoria-Sportplatz an der Hoheluft, vor 20.000 Zuschauern. Norwegen spielt zum ersten Mal gegen eine deutsche Nationalelf, Heiner Stuhlfauth führt die Deutschen als Kapitän aufs Feld. Den ausführlichen Verlauf erzählt der Spielbericht.
Der Angriff besteht aus Guts-Muts-Spielern, Nürnbergern und einem Hamburger. Nach der Aufstellung im Tagblatt stehen im Angriff Leip, Reißmann, Tull Harder vom HSV und die Nürnberger Ludwig Wieder und Hans Sutor. Reißmann ist neben Leip der Halbrechte, so sagt es auch die Wikipedia.
Harder, so das Tagblatt, war zuvor »disqualifiziert« und bekam für dieses Spiel eine Spielgenehmigung. In der 22. Minute schießt er das einzige Tor des Tages, mit 1:0 geht es in die Pause und auch ins Ziel. Als Sturmführer, urteilt das Blatt, habe er aber nicht das Erwartete geleistet. Über Reißmann selbst schreibt die Zeitung nichts. Gelobt werden Stuhlfauth im Tor und der Verteidiger Walter Risse, der Berliner Fritz Bache fällt nach ihrer Ansicht etwas ab, und in der Läuferreihe habe Hans Schmidt besser gespielt als Hans Kalb. Als Schiedsrichter führen das DFB-Datencenter und die Wikipedia den Niederländer Theo van Zwieteren, das Tagblatt nennt einen Mutters.
Danach
Weitere Länderspiele folgen nicht. Eine Begründung nennt keine der Quellen. Der DFB tritt im Januar und April 1924 mit Elfen an, die nur aus Nürnbergern und Fürthern bestehen, darunter in Amsterdam Willy Ascherl vom Rivalen aus Fürth. Reißmann spielt weiter für Guts Muts und für Mitteldeutschland. 1924/25 zieht er mit dem Verein noch einmal in die mitteldeutsche Endrunde ein, nach der Wikipedia scheitert Guts Muts dort im Halbfinale 2:3 gegen den SV Jena.
Von der Saison 1930/31 an spielt er bis 1937 für den Meißner SV 08 im Gau Ostsachsen. Auch das Lexikon von 1939 führt als seine Vereine Guts Muts Dresden und »08 Meißen«. Der Verein aus Meißen ist derselbe, zu dem 1928 Ascherl wechselte. Dass sich die beiden dort begegnet wären, steht in keiner Quelle, Ascherl starb im August 1929. Reißmann stirbt 1971 in seiner Heimatstadt.
Martin Reißmann auf einen Blick
Geboren: 21.9.1900 in Dresden (DFB, Wikipedia; Lexikon 1939: 29.9.1900)
Gestorben: 8.4.1971 in Dresden
Vereine: Guts Muts Dresden (bis 1930; Beginn 1918 nach DFB, 1911 nach Tauber), Meißner SV 08 (1930/31–1937)
Position: Halbrechter
Beruf: Mechaniker (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), kein Tor (1923)
Erfolge: Mitteldeutscher Meister 1923, Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft 1923
Auswahl: Mitteldeutschland im Bundespokal, 1921 bis 1928
Länderspiele
- 04.11.1923 Deutschland – Norwegen 1:0 – Debüt und einziges Länderspiel
Quellen
- Wikipedia: Martin Reißmann
- Wikipedia (en): Martin Reißmann
- DFB-Datencenter: Martin Reißmann, Spielerprofil
- Wikipedia: Guts Muts Dresden
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Darmstädter Tagblatt, 5. November 1923