Leonhard Weiß – ein Fürther im Nürnberger Angriff, einmal in Wien
Nach zwei Minuten stand es 0:1. Matthias Sindelar hatte aus kurzer Entfernung getroffen, und für Leonhard Weiß, Außenstürmer vom 1. FC Nürnberg, fing sein erstes Länderspiel gerade erst an. Es war der 13. September 1931, das neue Stadion der Stadt Wien, und es blieb sein einziges. Am Ende hieß es 0:5. Und doch zählte das Darmstädter Tagblatt Weiß am nächsten Morgen zu den Besseren.
»… denn die deutsche Elf war plötzlich wach …«
Vom Kleeblatt zum Club
Leonhard Weiß kommt in Fürth zur Welt. Das Datum ist umstritten: Das DFB-Datencenter und die deutsche Wikipedia nennen den 26. Juni 1907, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939, die Kleeblatt-Chronik und die englische Wikipedia den 26. Juli. Beruflich ist er nach dem Lexikon Kaufmann, als Stammposten gibt es Linksaußen an.
Im Juli 1918 tritt er der Jugend der SpVgg Fürth bei, im Mai 1926 gehört er zur Ligamannschaft. Die Kleeblatt-Chronik zählt für 1926/27 elf Spiele und ein Tor in der Bezirksliga Bayern. Wichtiger ist der Mai 1926: Mit 18 oder 19 Jahren steht er in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Fürth schlägt am 16. Mai Viktoria Forst 5:0, am 30. Mai in Leipzig den Breslauer SC 4:0 und am 6. Juni in Düsseldorf Holstein Kiel 3:1. Das Finale gegen Hertha BSC, das Fürth am 13. Juni in Frankfurt 4:1 gewinnt, erlebt Weiß nach der Wikipedia nicht mehr als Stammspieler. Das DFB-Datencenter führt ihn trotzdem unter den Meistern von 1925/26.
Nach der Saison 1926/27 spielt er nicht mehr in der Fürther Liga, 1928 wechselt er zum Nachbarn und Dauerrivalen nach Nürnberg. Beim Club wird er Stammspieler. Die Wikipedia nennt unter Berufung auf die Club-Chronik 244 Einsätze zwischen 1928 und 1934, dazu Titel als Süddeutscher Meister 1929, Nordbayerischer Meister 1929, 1932 und 1933 und Gaumeister von Bayern 1934. Die Kleeblatt-Chronik führt ihn bis 1935 beim Club.
Endrunden mit dem Club
Elfmal steht er für Nürnberg in der Endrunde, das DFB-Datencenter zählt mit den drei Fürther Spielen von 1926 insgesamt 14, die Wikipedia nennt dazu drei Tore. 1929 spielt der Club vier Endrundenspiele und scheitert im Halbfinale an Hertha BSC, nach 0:0 nach Verlängerung in Berlin und 2:3 in Düsseldorf. 1930 führt das Datencenter Weiß mit drei Endrundenspielen, so viele bestritt der Club insgesamt: ein 7:0 in Breslau, ein 6:2 gegen Schalke 04 in Fürth am 1. Juni, ein 3:6 gegen Hertha in Leipzig. Bei Schalke stürmt damals Hans Tibulsky, der 1931 ebenfalls ein einziges Länderspiel bestreitet (seine Biografie). 1932 geht es im Halbfinale 0:2 gegen Bayern München in Mannheim zu Ende. Den letzten Endrundeneintrag des Datencenters gibt es am 15. April 1934, dem Tag des 2:1 in Fulda.
Der große Tag: Wien, 13. September 1931
Es ist das Rückspiel nach dem 0:6 im Berliner Pfingstspiel. Das Tagblatt hat am 10. September noch eine andere Besetzung gemeldet: Als Angriff nennt es Bergmaier, Lochner, Kuzorra, Richard Hofmann und Kund. Am Sonntag stürmen dann Weiß, Josef Hornauer, Ernst Kuzorra, Richard Hofmann und Willi Kund. Weiß spielt dabei rechts: Das Tagblatt spricht vom Flügel Hornauer–Weiß, und Hornauer ist Halbrechter. Das Lexikon nennt als Stammposten dagegen Linksaußen, und die Wikipedia beschreibt ihn in einem Satz als Linksaußen und im nächsten als Rechtsaußen.
Die Zuschauerzahl: 50.000 nach dem DFB, 60.000 nach dem Tagblatt. Feuchtkaltes Wetter, die Wiener sind von Putschnachrichten aus der Steiermark abgelenkt. Nach dem DFB-Datencenter trifft Sindelar in der 2. Minute, Toni Schall in der 41., Fritz Gschweidl in der 64., Sindelar in der 69. und 76. Minute. Das Tagblatt zählt die Tore anders, aber alle fünf Treffer fielen für Österreich.
Und doch lobt die Zeitung. Die Kritik des Tagblatts fällt gemischt aus. Gelobt werden die Außenstürmer Weiß und Kund und auch Hornauer, der Flügel Hornauer–Weiß schlägt nach der Zeitung besser ein als erwartet. Kuzorra und Hofmann enttäuschen mit Eigenbrötelei. Nach dem frühen Rückstand spielt der Angriff zeitweise gefährlich, Hornauer köpft knapp über die Latte. Der Verteidigung Emmerich–Brunke schreibt die Zeitung die hohe Niederlage zu.
Nach Schulze-Marmeling feierte die Presse den österreichischen Sieg als »Sieg des Ideenreichtums und der Eleganz über Schematismus und Kampf«, Nerz wurde verspottet. Zwei Wochen später stellte er in Hannover eine weitgehend neue Elf auf, Hans Tibulsky stürmte dort neu im Angriff. Leonhard Weiß war nicht dabei. Eine Begründung nennen die Quellen nicht, ein zweites Länderspiel hat er nie bestritten.
Nach dem Club
1935 endet seine Zeit in Nürnberg. Die Kleeblatt-Chronik nennt als nächste Station den Reichsbahn-SV Fürth 1936/37. Nach dem Ende der Laufbahn betreibt er nach der Wikipedia eine Gaststätte im oberpfälzischen Neumarkt. Leonhard Weiß stirbt am 18. August 1981, Ort und Umstände nennen die Quellen nicht.
Nicht zu verwechseln ist er mit dem Bauunternehmer Leonhard Weiss und mit dem Stadtpfleger Leonhard Weiß, auf die die Wikipedia in einem Hinweis verweist. Das DFB-Datencenter schreibt ihn »Weiss«, das Lexikon von 1939 »Weiß«.
Leonhard Weiß auf einen Blick
Geboren: 26.6.1907 (DFB, Wikipedia) oder 26.7.1907 (Lexikon 1939, Kleeblatt-Chronik) in Fürth
Gestorben: 18.8.1981 (Ort nicht angegeben)
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend ab 1918, Liga 1926/27), 1. FC Nürnberg (1928–1935), Reichsbahn-SV Fürth (1936/37)
Position: Außenstürmer (Linksaußen nach dem Lexikon, in Wien rechts)
Beruf: Kaufmann, später Gastwirt in Neumarkt
Erfolge: Deutscher Meister 1926 (DFB-Datencenter), Süddeutscher Meister 1929, Gaumeister Bayern 1934
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Niederlage), kein Tor (1931)
Länderspiele
Quellen
- Wikipedia: Leonhard Weiß (Fußballspieler)
- Wikipedia (englisch): Leonhard Weiß
- DFB-Datencenter: Leonhard Weiss, Spielerprofil
- Kleeblatt-Chronik: Leonhard Weiß
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1925/26
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1928/29
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1929/30
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1931/32
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1933/34
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 10. September 1931
- Darmstädter Tagblatt, 14. September 1931
- Christoph Bausenwein, Harald Kaiser, Bernd Siegler: Die Legende vom Club. Die Geschichte des 1. FC Nürnberg (zitiert nach der Wikipedia)