Wolfgang Strobel – der flinke Rechtsaußen des Club

»Wolfl!« Wenn der Rechtsaußen Wolfgang Strobel auf dem Platz vor sich hin träumte, holte ihn Kapitän Gustav Bark mit diesem Ruf zurück in die Gegenwart. So erzählen es Wikipedia und die Club-Chronik glubberer.de. Am 9. Juni 1924 in Berlin war er hellwach: In der 87. Minute des Endspiels gegen den Hamburger SV machte er das 2:0 zum dritten Meistertitel des 1. FC Nürnberg. Vier Länderspiele bestritt er für Deutschland, 1922 bis 1924, getroffen hat er in keinem. Mit dem gleichnamigen Handballspieler (* 1983) hat er nichts zu tun.

Wolfgang Strobels Lebensweg · vom TV Schweinau zum 1. FC Nürnberg, 1896–1945
Wolfgang Strobels Lebensweg · vom TV Schweinau zum 1. FC Nürnberg, 1896–1945

»Selten kommt unser flinker Rechtsaußen zum Schuss, aber merkwürdigerweise war er fast immer dazu berufen, den Spielen durch seine erzielten Tore Wendungen zu geben.«

— Vereinszeitung des 1. FC Nürnberg, Juni 1924 (zitiert nach glubberer.de)

Von Schweinau zum Club

Wolfgang Strobel kommt am 17. Oktober 1896 in Nürnberg zur Welt. Er fängt in Schweinau an, einem Nürnberger Vorort, beim ortsansässigen TV Schweinau. 1917 holt ihn der 1. FC Nürnberg. Beim Club bleibt er dreizehn Jahre, nach Wikipedia mit 421 Pflichtspielen, darunter 17 Endrundenspielen um die Deutsche Meisterschaft. Es ist die Zeit, in der die Mannschaft nach Wikipedia mehr als ein Jahrzehnt lang Dominanz ausstrahlt.

Neben dem Fußball betrieb er nach glubberer.de eine Auto- und Fahrradreparaturwerkstatt in der Schweinauer Hauptstraße 64. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn dagegen Tankstellenbesitzer. Ob das zwei Lebensabschnitte waren oder zwei Namen für denselben Betrieb, sagen die Quellen nicht.

Ein Außen mit Eigenheiten

Strobel war ein klassischer Flügelspieler. Nach glubberer.de war er in der Regel auf Vorlagen angewiesen, raste dann mit dem Ball an der Seitenlinie entlang, zog einen leichten Bogen nach innen und flankte. Der »wieselflinke« Stürmer, schreibt die Club-Chronik, sei bei diesen Läufen kaum einzuholen gewesen. Viel mehr habe er nicht gekonnt, das aber beständig. Hans Hofmann nannte ihn nach derselben Quelle ein »Zwischending« zwischen einem guten Stürmer mit hervorragender Balltechnik und einem wuchtigen Kämpfer, wie Heiner Träg einer war.

Die Vereinszeitung war nicht immer freundlich zu ihm. Im April 1925 rügte sie seine Eckbälle, die vor dem gegnerischen Tor meist weit ins Feld zurückbögen, statt dort zu landen, »wo sie Verwirrung in den feindlichen Reihen hervorrufen können«. Im Oktober 1926 fehlte ihm die Beidfüßigkeit: »Was das heißen will, das sehen wir im negativen Sinn an unserm sonst recht flinken Strobel.« Im Juni 1925 schrieb sie nach einem verlorenen Spiel gegen den FC Modena: »Strobel kann in der letzten Zeit nicht gefallen. Wolfel, warum denn?« Einen Monat später hieß es, er habe weit mehr befriedigt: »Also, Wolfel, der Karren geht doch wieder.«

Ende 1924 flog er im Spiel gegen Wacker München vom Platz. In der Folgezeit wurde er nicht eingesetzt, er hielt sich für gesperrt. Im Januar 1925 stellte die Vereinszeitung fest, dass die Hinausstellung der Fall erledigt hatte: Eine Disqualifikation hatte es nie gegeben, der befreiende Erlass war bei der Behörde liegen geblieben. Es werde kaum ein zweites Mal vorkommen, so das Blatt, »dass ein Spieler sich freiwillig einer eingebildeten Disqualifikation wochenlang unterwirft«.

Vier Länderspiele

Am 23. April 1922 debütierte Strobel in Wien. Deutschland gewann auf der Hohen Warte 2:0 gegen Österreich, es war der erste deutsche Sieg gegen den Nachbarn überhaupt. Zwei Elfmeter blieben ungenutzt, einer davon von Hans Kalb, dann trafen Viktor Weißenbacher in der 69. und Adolf Jäger in der 76. Minute. Das DFB-Datencenter nennt 70.000 Zuschauer, niederländische Agenturen 55.000. Strobel stand in der Startelf.

Am 2. Juli 1922 folgte Bochum gegen Ungarn, das erste Länderspiel ohne Tor überhaupt, 0:0. Eigentlich sollte es in Hamburg stattfinden. Aber nach den Zuständen beim Bundespokalfinale am 5. März an der Hoheluft verlegte der DFB das Spiel nach Bochum. In der süddeutschen Elf, die dort Norddeutschland 7:0 schlug, standen Strobel und sein späterer Nationalelf-Kollege Andreas Franz im Angriff, Franz schoss vier Tore. In Bochum standen die beiden wieder zusammen auf dem Platz.

Dann vergingen knapp zwei Jahre. Am 15. Juni 1924, sechs Tage nach dem Endspiel, spielte Strobel in Kristiania gegen Norwegen, 2:0 durch Tore von Hans Sutor und Ludwig Wieder, vor rund 6.000 Zuschauern. Acht der elf Spieler kamen vom Club. Das Darmstädter Tagblatt lobte die deutsche Mannschaft, sie sei trotz Wind und Sonne in der ersten Halbzeit überlegen gewesen.

Sein letztes Länderspiel war das 1:4 am 21. September 1924 in Budapest, das 50. der Nationalelf. Kein Fürther stand in der Elf, die Nürnberger kehrten nach dem Streit der fränkischen Vereine zurück. Die Ungarn, so das Darmstädter Tagblatt, waren »taktisch und technisch« besser. Strobel blieb damit bei vier Länderspielen: zwei Siege, ein Remis, eine Niederlage, kein eigenes Tor.

Der große Tag: Endspiel in Berlin (9. Juni 1924)

Deutsches Stadion in Berlin, 40.000 Zuschauer. Es ist die Neuauflage des Endlos-Endspiels von 1922, als Nürnberg und der Hamburger SV zweimal keinen Sieger gefunden hatten. Diesmal fällt die Entscheidung in der regulären Spielzeit. Schiedsrichter ist Fritz Seiler aus Mittweida. Das Darmstädter Tagblatt schreibt vom »ersten Pfingstfeiertag«, nach Wikipedia war es Pfingstmontag, der 9. Juni.

Nürnberg spielt mit der klassischen Elf: Stuhlfauth im Tor, Bark und Kugler hinten, Schmidt, Kalb und Riegel als Läufer, vorn Strobel, Hochgesang, Wieder, Träg und Sutor. Hamburg hat unter anderen Albert Beier, Hans Lang, Walter Kolzen und Tull Harder im Team. In der 30. Minute trifft Georg Hochgesang zum 1:0. Kurz vor Schluss, in der 87. Minute, schickt Strobel den Hamburgern das 2:0 hinterher. Selten schoss er, aber wenn, dann wichtig: So hatte es die Vereinszeitung im Juni 1924 formuliert. Hier passte es.

1. FC Nürnberg – Hamburger SV 2:0 im Berliner Deutschen Stadion · das 2:0 durch Wolfgang Strobel
1. FC Nürnberg – Hamburger SV 2:0 im Berliner Deutschen Stadion · das 2:0 durch Wolfgang Strobel

Das Darmstädter Tagblatt meldete am 10. Juni knapp den Sieg: Der Spielverlauf habe ihn gerechtfertigt, Nürnbergs Mannschaft sei technisch überlegen gewesen. Für den Club war es der dritte Meistertitel nach 1920 und 1921. Nach Wikipedia wirkte Strobel in den ersten vier Endspielen mit, und die Aufstellungen bestätigen das, bis hin zum Endspiel 1925. Er stand 1920 in der Elf (2:0 gegen Fürth in Frankfurt, auf der anderen Seite spielte Andreas Franz), im Finale 1921 neben Luitpold Popp (5:0 gegen Vorwärts 1890 in Düsseldorf), in beiden Endspielen von 1922 gegen den HSV und 1925 beim 1:0 nach Verlängerung gegen den FSV Frankfurt. Nach den Aufstellungen im Libero-Heft stand er in allen Endrundenspielen des Clubs von 1920 bis zum Wiederholungsspiel im August 1922, neun an der Zahl. Trainer des Clubs war in der Saison 1921/22 Izidor »Dori« Kürschner (Libero). Die beiden Endspiele von 1922 waren: am 18. Juni in Berlin (2:2 nach Verlängerung, nach 189 Minuten wegen der Dunkelheit abgebrochen) und am 6. August in Leipzig, wo Schiedsrichter Peco Bauwens abbrach, weil dem Club nur noch sieben Spieler zur Verfügung standen. Der Hamburger SV wurde zum Meister erklärt und verzichtete auf den Titel.

Titel, Verletzung, Rückzug

Strobel wurde 1920, 1921, 1924 und 1925 Deutscher Meister. Wikipedia spricht im Text von fünf Titeln, zählt aber nur vier auf, ebenso glubberer.de, und im Endspiel 1927, dem fünften, spielte er nicht mehr. Dazu kamen mehrere Titel im süddeutschen und nordbayerischen Raum und mit der süddeutschen Auswahl die Bundespokalsiege 1922 und 1925/26. Im Finale am 4. Oktober 1925 in Leipzig, 2:1 gegen Mitteldeutschland, vor 30.000 Zuschauern unter Schiedsrichter Alfred Birlem, glich er in der 46. Minute zum 1:1 aus, in der 88. Minute traf der Fürther Andreas Franz zum Sieg. Die süddeutsche Elf bestand zu großen Teilen aus Nürnbergern und Fürthern: Stuhlfauth, Popp, Hans Kalb und »Bumbes« Schmidt aus Nürnberg, dazu Müller, Hagen und Franz aus Fürth.

Am Neujahrstag 1927 verletzte er sich im Spiel gegen den VfR Fürth so schwer, dass er bis zum Ende der Punktspiele ausfiel. Wikipedia nennt ein Freundschaftsspiel im Januar. In der Endrunde kam er im Achtelfinale noch einmal zum Einsatz, beim 5:1 gegen den Chemnitzer BC, der Elf des Endspiels von 1927 gehörte er aber nicht mehr an. Wann seine Laufbahn endete, geben die Quellen nicht an. Wikipedia spricht von dreizehn Jahren beim Club, das wäre bis etwa 1930.

Das Ende im April 1945

Strobel starb kurz vor Kriegsende. Nach Wikipedia und glubberer.de tat er als Hilfspolizist in einem Benzinlager Dienst, nach Wikipedia in Fürth. Einmarschierende Besatzungstruppen schossen ihn auf der Straße vom Fahrrad. Amerikaner brachten ihn nach Bad Kreuznach, wo er am 19. April 1945 seinen Verletzungen erlag. Er wurde 48 Jahre alt.

Wolfgang Strobel auf einen Blick

Geboren: 17.10.1896 in Nürnberg
Gestorben: 19.4.1945 in Bad Kreuznach
Spitzname: »Wolfl«
Vereine: TV Schweinau, 1. FC Nürnberg (ab 1917, 13 Jahre laut Wikipedia)
Position: Rechtsaußen
Titel: Deutscher Meister 1920, 1921, 1924, 1925; Bundespokal 1922, 1925/26 (mit Süddeutschland)
Bilanz: 4 Länderspiele, kein Tor (1922–1924)
Beruf: Tankstellenbesitzer (Lexikon 1939); Auto- und Fahrradwerkstatt in Nürnberg-Schweinau (glubberer.de)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Wolfgang Strobel (Fußballspieler) · glubberer.de: Wolfgang Strobel · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1923/24 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1921/22 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1926/27 · Wikipedia: Bundespokal · Libero 36 (IFFHS): Endrunde 1920 · Darmstädter Tagblatt, 10. Juni 1924 · Berichte der Länderspielseite (siehe Länderspiele)