Karl Wolter – der Linksaußen, der zweimal Nationalspieler wurde
Zwischen seinem ersten und seinem zweiten Länderspiel liegen fast acht Jahre und ein Weltkrieg. Karl Wolter war 18, als er in Kopenhagen zum ersten Mal für Deutschland auflief, auf Linksaußen. Als der DFB 1920 wieder international spielte, war er erneut dabei, als einer von nur vier Spielern mit Vorkriegs-Erfahrung. 1921 führte er Vorwärts 90 Berlin ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Drei Länderspiele sind es am Ende geworden, keines davon gewonnen.
»Immer wieder versuchte der 26jährige Karl Wolter das Angriffsspiel der Vorwärts-Elf anzukurbeln …«
Aus Hohenlübbichow nach Berlin
Karl Wolter wird am 2. August 1894 in Hohenlübbichow geboren, laut Wikipedia ein »kleiner brandenburgischer Flecken«. Heute heißt der Ort Lubiechów Górny und liegt in Polen. Nach der Jahrhundertwende kommt Wolter nach Berlin. Er spielt zuerst beim SC des Westens 97, dann beim BFC Vorwärts 1890. Im Beruf ist er Angestellter, so das Lexikon von 1939, und auf dem Platz Linksaußen.
1912/13 bestreitet er seine erste Saison mit Vorwärts in der obersten Berliner Spielklasse. Vorwärts wird Vierter. Da ist Wolter bereits Nationalspieler.
Der große Tag: Debüt in Kopenhagen (Oktober 1912)
Sonntag, 6. Oktober 1912, Idrætsparken in Kopenhagen. Es ist das erste Länderspiel nach dem enttäuschenden Olympiaturnier von Stockholm, und der Gegner ist ausgerechnet der Olympiazweite. Dänemark hat Nils Middelboe, laut IFFHS-Statistik der erste Däne, der allein den Rekord an Länderspielen hielt. 10.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist der Niederländer Herbert James Willing.
Die deutsche Elf ist eine Mischung. Kapitän ist der Leipziger Camillo Ugi, vorn stürmen Karl Wegele, Adolf Jäger, Willi Worpitzky und Eugen Kipp. Links außen der 18-jährige Karl Wolter. Im Tor steht sein Vereinskamerad Albert Weber, in der Verteidigung debütiert mit Kurt Diemer ein zweiter junger Berliner.
Vor dem Spiel stellen sich beide Mannschaften zu einem gemeinsamen Foto auf, die Dänen im dunklen Trikot mit »DBU« auf der Brust, die Deutschen in Weiß. Wolter steht in der mittleren Reihe.
Dann spielt Dänemark. Middelboe bringt die Gastgeber in der ersten Halbzeit in Führung. Nach der Pause trifft Alf Olsen zum 2:0, in der 67. Minute Middelboe zum 3:0. Fünf Minuten vor Schluss verwandelt Adolf Jäger einen Elfmeter zum 3:1. Mehr ist nicht drin. Was Wolter selbst an diesem Tag zeigte, halten die Quellen nicht fest.
Eine Woche später trifft er dafür doch. Im Kronprinzenpokal gewinnt Brandenburg am 13. Oktober 1912 in Breslau gegen Südostdeutschland 5:0. Das letzte Tor, in der 90. Minute, schießt Karl Wolter. Laut Wikipedia bestreitet er zwischen 1912 und 1924 insgesamt 36 Spiele für die Berliner Auswahl.
»Adolf Jäger, neben Hans ›Bumbes‹ Schmidt, Karl Wolter und Otto ›Tull‹ Harder auch schon vor 1914 im Nationaldress aktiv, markierte in der 77. Minute den Ehrentreffer zum 1:4-Endstand.«
Nach dem Krieg wieder dabei
Im Ersten Weltkrieg spielt Vorwärts in Berlin keine große Rolle, die Plätze reichen von Sechster bis Dreizehnter. Als der DFB am 27. Juni 1920 in Zürich gegen die Schweiz das erste Länderspiel nach dem Krieg bestreitet, ist Wolter wieder Linksaußen. Er ist einer der vier Vorkriegs-Nationalspieler in dieser Elf. Deutschland verliert 1:4, Jäger schießt den Ehrentreffer.
1921 ist das Jahr von Vorwärts 90. Der Verein wird Berliner Meister, mit 4:1 aus Hin- und Rückspiel gegen Preussen. In der Endrunde geht es nach Stettin. Beim Stettiner SC liegt Vorwärts zurück, bis Wolter in der 70. Minute per Elfmeter ausgleicht. Vorwärts gewinnt 2:1. Im Halbfinale gegen den Duisburger SV braucht es eine Verlängerung. Libero sieht Wolter dabei als Antreiber, der »immer wieder« versuchte, »das Angriffsspiel der Vorwärts-Elf anzukurbeln«. 2:1, Vorwärts steht im Endspiel.
Dort wartet am 12. Juni 1921 in Düsseldorf der 1. FC Nürnberg. 27.000 Zuschauer, Schiedsrichter Peco Bauwens. Der »Club« gewinnt 5:0. Wolter, diesmal halblinks, war laut Wikipedia wie seine Kollegen »chancenlos«.
Drei Monate später, am 18. September 1921, bestreitet Wolter in Helsinki sein drittes und letztes Länderspiel. Gegen Finnland heißt es 3:3, zwei Tore schießt Sepp Herberger, der spätere Reichs- und Bundestrainer. Das Lexikon von 1939 führt dieses Spiel übrigens fälschlich als Länderspiel gegen Frankreich.
Alemannia und der Rest
1923 verliert Vorwärts die Berliner Endspiele gegen Union Oberschöneweide. Wolter wechselt zu Alemannia 90 Berlin und wird dort 1924 an der Seite des späteren Hertha-Stars Hanne Sobek noch einmal Berliner Meister. In der Endrunde ist dann wieder Nürnberg Endstation, 1:6 im Grunewaldstadion. 1925 scheidet Alemannia im Achtelfinale gegen den Duisburger SV aus, 1:2.
Laut Wikipedia beendet Wolter 1935 seine Laufbahn und arbeitet danach als Sportwart für seinen Verein. Er stirbt am 19. April 1959. Wo, ist nicht überliefert.
Karl Wolter auf einen Blick
Geboren: 2.8.1894 in Hohenlübbichow (Brandenburg, heute Lubiechów Górny, Polen)
Gestorben: 19.4.1959
Vereine: SC des Westens 97 Berlin, BFC Vorwärts 1890 (bis 1923), BFC Alemannia 90 Berlin (ab 1923)
Position: Linksaußen, auch Halblinker
Titel: Deutscher Vizemeister 1921; Berliner Meister 1921 und 1924
Bilanz: 3 Länderspiele, 0 Tore (1912–1921)
Beruf: Angestellter
Nationalspieler Nr.: 93 (Debüt 6. Oktober 1912 in Kopenhagen)
Länderspiele
- 06.10.1912 Deutschland – Dänemark 1:3
- 27.06.1920 Deutschland – Schweiz 1:4
- 18.09.1921 Deutschland – Finnland 3:3
Quellen
Wikipedia: Karl Wolter (Fußballspieler) · Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 87 · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · IFFHS: Danmark 1908–1940 · Libero 36 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft