Hans Reese – vom Kieler Meisterverteidiger zum Neurologen in Wisconsin
Die meisten Nationalspieler seiner Zeit hörten irgendwann auf und wurden Kaufmann, Beamter oder Trainer. Hans Reese wurde Professor für Neurologie in Madison, Wisconsin. Vorher war er einer der besten Abwehrspieler Norddeutschlands: Kronprinzenpokal-Sieger 1911, Deutscher Meister 1912 mit Holstein Kiel. Sein einziges Länderspiel war der höchste Sieg der deutschen Fußballgeschichte, 16:0 gegen Russland. Sein großer Tag aber war ein 1:0, fünf Wochen früher in Hamburg.
»Der linke Läufer war der Youngster Hans Reese (…), ein sehr eleganter Typ, der nicht nur spielintelligent war, sondern auch studierte, promovierte, Professor wurde und in die USA (…) ging.«
Ein Junge aus Bordesholm
Hans Heinrich Reese kommt am 17. September 1891 in Eiderstede zur Welt, einem Ort bei Bordesholm südlich von Kiel. Medizin liegt in der Familie: Sein Onkel ist laut dem Alumni-Magazin der University of Wisconsin Gustav Adolf Neuber, ein Pionier der sterilen Chirurgie. Arzt werden will der Junge zunächst aber nicht. Das Magazin schreibt: »He ran fast, loved the game, and played whenever he could.« Er lief schnell, liebte das Spiel und spielte, wann immer er konnte.
Er spielt für Holstein Kiel, ab 1908 in der ersten Mannschaft. Mit 18 steht er in der Läuferreihe eines Teams, das gerade zur Spitze drängt. 1910, 1911 und 1912 wird Holstein Norddeutscher Meister. Libero stellt den »Youngster« 1910 als »sehr eleganten Typ« vor, der »spielintelligent« war.
Schon die erste Endrunde führt ins Finale. Am 15. Mai 1910 in Köln hält Kiel gegen den Karlsruher FV bis in die Verlängerung ein 0:0. In der 114. Minute verwandelt Max Breunig einen Elfmeter, 0:1. Reese ist 18 Jahre alt und Vizemeister.
Pokalsieger in Mariendorf
Ein Jahr später ist er Teil der norddeutschen Auswahl. Am 25. Mai 1911 spielt der Norden im Finale des Kronprinzenpokals in Mariendorf gegen Süddeutschland, mit Reese als linkem Läufer. Nach 120 Minuten steht es 2:2, also wird noch einmal zweimal zehn Minuten verlängert. Ernst Möller schießt zwei Tore, der Norden gewinnt 4:2.
In der Saison 1911/12 rückt Reese in die Verteidigung. Mit Heinrich »Hotte« Homeister bildet er, so Libero, »ein neues Verteidigerpaar«. Im Halbfinale in Mariendorf gegen Viktoria 89 braucht Kiel zwei Verlängerungen, gewinnt aber 2:1. Dann steht wieder der Karlsruher FV im Weg.
Der große Tag: Das Endspiel auf der Hoheluft (Mai 1912)
Sonntag, 26. Mai 1912, Victoria-Platz an der Hoheluft in Hamburg. Endspiel um die deutsche Meisterschaft, Holstein Kiel gegen den Karlsruher FV. 9.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Paul Schröder aus Mönchengladbach. Die Karlsruher haben alles, was damals Rang und Namen hat: Breunig, Förderer, Fuchs, Hirsch. Ihr Trainer William Townley ist laut Wikipedia eigens für dieses Spiel von der SpVgg Fürth ausgeliehen worden.
Kiel hat dafür zweimal Glück, meint Libero. Einmal den »halben Heimvorteil«, denn auf der Hoheluft haben die »Störche« schon viele Endrundenspiele bestritten. Und dann ist Gottfried Fuchs, der gefährlichste Stürmer der Badener, angeschlagen. Er spielt laut Wikipedia die erste Halbzeit mit einer Gipsbandage am Knie. Libero nennt ihn »nur noch Statist«.
Zur Pause steht es 0:0. In der 52. Minute kommt Willi Fick im Karlsruher Strafraum zu Fall. Elfmeter. Ernst Möller verwandelt. Danach, schreibt Wikipedia, »verteidigten die Kieler geschickt ihren knappen Vorsprung«. Das war der Job von Reese und Homeister, zusammen mit Torwart Adolf Werner. Es bleibt beim 1:0. Holstein Kiel ist zum ersten Mal Deutscher Meister.
»Die Kieler ›Störche‹ hatten in diesem Finale doppeltes Glück.«
Auf der Gegenseite steht in der Läuferreihe Hermann Bosch, gegen den Reese schon im Finale 1910 und im Pokalfinale 1911 gespielt hat. Für Reese ist es nicht der einzige Titel des Jahres. Holstein gewinnt 1912 auch das Finale der deutschen Akademikermeisterschaft gegen den VfB Marburg. »So wurden Hans Reese, Hans Dehning und Georg Krogmann quasi Doppelmeister«, notiert Libero.
Ein Spiel, sechzehn Tore
Fünf Wochen später ist Reese in Stockholm. Der DFB hat für das olympische Turnier zwei komplette Mannschaften mitgenommen. Nach dem 1:5 gegen Österreich bekommt Reese seinen Einsatz: am 1. Juli 1912 in der Trostrunde gegen Russland. Er verteidigt neben Walter Hempel, vorn schießt Gottfried Fuchs zehn Tore. Deutschland gewinnt 16:0, bis heute der höchste Sieg einer deutschen Nationalelf. Viel zu verteidigen gab es für Reese nicht, Torwart Werner blieb ohne Gegentor.
Es bleibt Reeses einziges Länderspiel. Nach Olympia kommt es laut der Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft zum Generationswechsel, Reese gehört zu denen, die danach nicht mehr berufen werden. Im Verein spielt er weiter. Im April 1913 scheidet der Titelverteidiger im Halbfinale gegen den Duisburger SV aus, Libero bescheinigt den Kielern da, ihre Stärken lägen »inzwischen in der Abwehr«. Es ist Reeses neuntes und letztes Endrundenspiel.
Von Kiel nach Madison
Während des Ersten Weltkriegs arbeitet Reese als Hilfsarzt bei der Marine. 1917 wird er in Kiel zum Doktor der Medizin promoviert. Im November 1919 taucht er noch einmal kurz beim VfL Altona auf, dann verlässt er Deutschland. 1920 geht er in die USA, laut Alumni-Magazin zunächst als Arzt einer deutschamerikanischen Familie.
1924 holt ihn William Lorenz an die University of Wisconsin nach Madison, um die dort grassierende Neurosyphilis zu bekämpfen. Als Reese ankam, fragte er seinen Fahrer, so das Magazin: »What is this? Where is the city?« Er blieb trotzdem. 1929 wurde er Professor, 1940 leitete er die Neuropsychiatrie. 1944 arbeitete er für die geheime Alsos-Mission, die das deutsche Atomprogramm ausforschte. 1954 sprach er sich auf einer Tagung der American Neurological Association offen gegen Senator Joseph McCarthy aus. Ab 1956 führte er die eigenständige Neurologie. 1962 erhielt er für seine medizinischen Verdienste die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik. In den Ruhestand ging er laut Wikipedia 1958, laut Alumni-Magazin 1962. Beraten hat er die Universität bis zu seinem Tod.
Hans Reese starb am 23. Juni 1973 in Madison. Ein früherer Student, John Toussaint, erinnerte sich an ihn als einen Mann, der vorlebte, wie wichtig es ist, peinlich genau und absolut ehrlich zu sein und vor allem ein Gentleman, der über jeden Tadel erhaben ist.
»I learned [from Reese] the merits of being meticulously thorough, of being scrupulously honest, and of being, above all else, a gentleman beyond reproach.«
Hans Reese auf einen Blick
Geboren: 17.9.1891 in Eiderstede bei Bordesholm
Gestorben: 23.6.1973 in Madison, Wisconsin (USA)
Vereine: FV Holstein Kiel (1908–1919), VfL Altona (kurz 1919)
Position: Linker Läufer, ab 1911/12 Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1912; Kronprinzenpokal 1911; Norddeutscher Meister 1910, 1911, 1912; Deutscher Vizemeister 1910
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1912)
Beruf: Arzt, Professor für Neurologie an der University of Wisconsin
Nationalspieler Nr.: 90 (Debüt 1. Juli 1912 in Stockholm)
Länderspiele
Quellen
Wikipedia: Hans Reese · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1911/12 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Olympedia: Hans Reese · On Wisconsin: A Gentleman and a Scholar (2012) · Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 63 · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft