Georg Krogmann – der Doppelmeister von 1912
Im Sommer 1912 hat Georg Krogmann ein Jahr, von dem andere ein Leben lang erzählen. Im April spielt er zum ersten Mal für Deutschland, im Mai wird er mit Holstein Kiel deutscher Meister, im Juni und Juli spielt er bei den Olympischen Spielen in Stockholm. Und zwei Wochen danach gewinnt er mit einer Kieler Studentenelf auch noch die Meisterschaft der Akademiker, mit einem eigenen Tor im Finale. Die IFFHS-Statistiker haben dafür später ein Wort gefunden: »Doppelmeister«. Der Mittelläufer aus Meldorf kommt auf drei Länderspiele. Im Januar 1915 fällt er bei Warschau.
»So wurden Hans Reese, Hans Dehning und Georg Krogmann quasi Doppelmeister.«
Ein Dithmarscher bei den »Störchen«
Heinrich Georg Friedrich Krogmann wird am 4. September 1886 in Meldorf in Dithmarschen geboren. Gerufen wird er Georg. Über seine Familie und seine Kindheit schweigen die Quellen. Sicher ist: Er studiert, und er spielt Fußball beim FV Holstein in Kiel, laut Wikipedia seit 1904. Das Lexikon der Nationalspieler von 1939 nennt Kiel als Heimatort, Student als Beruf, Mittelläufer als Stammposten.
Holstein Kiel ist in diesen Jahren der kommende Mann im Norden. Die »Störche« werden 1910, 1911 und 1912 norddeutscher Meister, jedes Mal mit Krogmann. Schon im Februar 1909 steht er als Mittelläufer in der Auswahl Norddeutschlands, im Halbfinale des Kronprinzenpokals gegen Berlin. Es geht 1:4 verloren, der Berliner Helmut Röpnack schießt allein drei Tore.
Zweimal Karlsruhe
1910 erreicht Kiel zum ersten Mal die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Mit Krogmann als Mittelläufer schlagen die Störche Preussen Berlin 4:1 und Tasmania Rixdorf 6:0, beide Male auf der Hoheluft in Hamburg. Im Finale am 15. Mai 1910 in Köln wartet der Karlsruher FV, der scheinbar übermächtige Angriff mit Förderer, Fuchs und Hirsch.
Die Kieler Abwehr hält. Libero lobt eine »vorzügliche Abwehrleistung«, Max Breunig verschießt sogar einen Hand-Elfmeter. Es geht in die Verlängerung, in der 114. Minute gibt es den nächsten Elfmeter, Breunig trifft. Karlsruhe gewinnt 1:0, Kiel ist Vizemeister.
1911 ist im Halbfinale Schluss, 0:4 gegen Viktoria 89. Im Sommer 1911 steht Krogmann dann wohl in einem ganz anderen Endspiel. Der Kaiser hat einen Wanderpokal für Akademiker gestiftet, Studenten und ehemalige Studenten sollen dem Fußball zu mehr Ansehen verhelfen. Holstein Kiel schickt eine Studentenelf, die bis ins Finale kommt und dort am 23. Juli 1911 in Marburg dem VfB Marburg 0:1 unterliegt. In der Kieler Aufstellung steht ein Krogmann in der Verteidigung.
Im April 1912 kommt der Ruf in die Nationalelf. In Budapest bildet Krogmann mit Camillo Ugi und Willy Krauß die Läuferreihe, 25.000 Zuschauer sehen ein verrücktes Spiel: Deutschland führt zur Pause 4:1, am Ende steht es 4:4, weil der Ungar Sándor Bodnár dreimal trifft.
Der große Tag: Meister auf der Hoheluft (Mai 1912)
Sechs Wochen später ist Krogmann 25 Jahre alt, als Holstein zum zweiten Mal im Finale steht. Wieder heißt der Gegner Karlsruher FV. Diesmal spielen die Kieler fast zu Hause: Am 26. Mai 1912 ist der Victoria-Platz an der Hoheluft in Hamburg Endspielort, wo Kiel schon viele Endrundenspiele bestritten hat. 9.000 Zuschauer kommen, Schiedsrichter ist Paul Schröder aus Mönchengladbach.
Kiel hat inzwischen umgebaut. Torwart Adolf Werner ist aus Hamburg zurückgekehrt, die Mitte der Läuferreihe hat Spielertrainer und Kapitän Willi Zincke übernommen, Krogmann spielt neben ihm. Karlsruhe hat seinen früheren Trainer William Townley eigens von der SpVgg Fürth ausgeliehen und bringt sechs Spieler mit, die zwei Monate zuvor in Zwolle im Länderspiel standen, darunter den jungen Läufer Wilhelm Gros.
Dann verletzt sich Gottfried Fuchs, der gefährlichste Karlsruher, kurz nach Beginn am Knie. Laut Wikipedia spielt er die erste Halbzeit mit einer Gipsbandage und danach nur noch bedingt. Bis zur Pause fallen keine Tore. In der 52. Minute kommt Willi Fick im Karlsruher Strafraum zu Fall. Ernst Möller verwandelt den Elfmeter. Danach verteidigen die Kieler laut Wikipedia »geschickt ihren knappen Vorsprung«. 1:0. Holstein Kiel ist deutscher Meister, zum bis heute einzigen Mal.
Libero sieht die Kieler später mit »doppeltem Glück«: halber Heimvorteil und ein Gegner, der quasi zu zehnt spielt. Für den Verein ist der Titel trotzdem ein »Riesenerfolg«.
»Die Kieler ›Störche‹ hatten in diesem Finale doppeltes Glück. Einmal hatten sie einen halben Heimvorteil, denn auf der ›Hoheluft‹ absolvierten sie bereits viele Endrundenspiele, zum anderen spielten sie quasi in Überzahl.«
Stockholm und Marburg
Im Juni fährt Krogmann mit der Nationalelf zu den Olympischen Spielen. Am 29. Juni 1912 steht er gegen Österreich auf dem Platz. Deutschland führt zur Pause 1:0, dann wird Torwart Albert Weber verletzt, der Mittelstürmer muss ins Tor, und am Ende heißt es 1:5. Das 16:0 gegen Russland zwei Tage später findet ohne ihn statt. Am 3. Juli spielt er wieder, 1:3 gegen Ungarn in der Trostrunde. Es ist sein drittes und letztes Länderspiel. Nach Olympia, schreibt die »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft«, endet für eine ganze Reihe von Spielern die Zeit als »Internationale«, Krogmann ist einer von ihnen.
Zwei Wochen später, am 21. Juli 1912, steht er wieder in Marburg. Wieder Akademiker-Finale, wieder gegen den VfB Marburg. Diesmal gewinnt Kiel 2:0, die Tore schießen Alfred Plambeck und Georg Krogmann. Mit Hans Reese und Hans Dehning stehen zwei weitere Spieler aus der Meisterelf in der Mannschaft. Drei Kieler sind damit im selben Jahr deutscher Meister und Meister der Akademiker.
1913 geht Kiel als Titelverteidiger in die Endrunde und scheidet gleich im Viertelfinale aus, 1:2 in Essen gegen den Duisburger SV. Für Krogmann ist es das neunte Endrundenspiel.
Gefallen bei Warschau
Im Ersten Weltkrieg dient Krogmann, noch Student, in der 61. Reserve-Infanterie-Brigade. Er kommt an die Ostfront. Im Januar 1915 fällt er in der Nähe von Warschau, im damals russischen Teil Polens. Über den genauen Tag sind sich die Quellen nicht einig: Wikipedia und die Olympia-Datenbank Olympedia nennen den 19. Januar, das Lexikon von 1939, die IFFHS und das DFB-Datencenter den 9. Januar 1915. Krogmann wurde 28 Jahre alt.
Libero zählt ihn zu den ersten Nationalspielern, die im Ersten Weltkrieg an der Front ihr Leben verloren. Auch Ernst Möller, der Elfmeterschütze von der Hoheluft, kehrt nicht zurück. Er fällt im November 1916 in Frankreich.
Georg Krogmann auf einen Blick
Geboren: 4.9.1886 in Meldorf
Gestorben: 9. oder 19.1.1915 bei Warschau, gefallen
Vereine: FV Holstein Kiel (1904–1915)
Position: Mittelläufer, rechter Läufer
Titel: Deutscher Meister 1912; Norddeutscher Meister 1910, 1911, 1912; Deutscher Akademiker-Meister 1912
Bilanz: 3 Länderspiele, 0 Tore (1912); Olympiateilnehmer 1912
Beruf: Student
Nationalspieler Nr.: 86 (Debüt 14. April 1912 in Budapest)
Länderspiele
- 14.04.1912 Deutschland – Ungarn 4:4
- 29.06.1912 Deutschland – Österreich 1:5
- 03.07.1912 Deutschland – Ungarn 1:3
Quellen
Wikipedia: Georg Krogmann · Olympedia: Georg Krogmann · DFB-Datencenter: Georg Krogmann · Wikipedia: Deutsche Akademiker-Meisterschaft · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1911/12 · Wikipedia: Olympische Sommerspiele 1912/Fußball/Spiele · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996