Hans Riso – der Torwart, der »Riso II« hieß
Hans Riso trägt eine römische Zwei mit sich herum, sein Leben lang und darüber hinaus. »Riso II« steht in den Aufstellungen, weil es schon einen Riso gab: Heinrich, Verteidiger beim VfB Leipzig und Nationalspieler Nr. 19. Hans stand im Tor, beim Stadtteilklub FC Wacker aus Gohlis. 1908 galt er als bester Torhüter Mitteldeutschlands. 1909 gewann er den allerersten Kronprinzenpokal und kassierte dabei in drei Spielen ein einziges Tor, einen Elfmeter. Und 1910 stand er beim ersten Auswärtssieg der deutschen Nationalmannschaft zwischen den Pfosten. Danach führt seine Spur, laut Wikipedia, auf die Theaterbühne.
»Der Torhüter Hans Riso … galt damals als der beste Torhüter Mitteldeutschlands.«
Ein Leipziger aus Gohlis
Hans Riso kommt am 16. März 1889 in Leipzig zur Welt. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 hält den Rest in einer Zeile fest: »Vereine: Wacker Leipzig seit 1904 / Stammposten: Torwart / Beruf: Kaufmann.« Ein anderes Lexikon aus dem Jahr 1988 lässt ihn erst bei Arminia Leipzig anfangen und 1906 zu Wacker wechseln. Wikipedia nennt ihn sogar einen der Gründer des BC Arminia. Sicher ist: Spätestens ab 1906 hütet er das Tor des FC Wacker.
Und dann die Sache mit dem Namen. Zwei Risos im Leipziger Fußball, beide Nationalspieler, da muss eine Nummer her. Heinrich, sieben Jahre älter, wird »Riso I«, Hans »Riso II«. Waren sie Brüder? Die IFFHS-Hefte und ein Lexikon von 1988 sagen ja. Wikipedia sagt nein und stützt sich dabei auf eine Recherche der »Welt« aus dem Jahr 2003: Die Risos seien nicht verwandt gewesen. Die Frage bleibt offen.
Der beste Torwart Mitteldeutschlands
Die Saison 1907/08 wird Wackers große Saison. Im Gaufinale von Nordwestsachsen fegt die Elf den großen Nachbarn VfB mit 7:3 weg. Die mitteldeutsche Meisterschaft ist ein Kraftakt: erst ein 2:1 nach Verlängerung gegen den Halleschen FC, dann das Finale gegen den Magdeburger FC Victoria. Die Statistiker der IFFHS notieren dafür 137 Minuten Spielzeit, Wikipedia das Ergebnis: 3:2 für Wacker.
In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft muss Wacker am 3. Mai 1908 nach Breslau. 500 Zuschauer, zur Pause führt der VfR 1:0 durch einen Elfmeter. Dann drehen Palm, Gräfner und Reisland das Spiel, 3:1 für Leipzig. Im Bericht der IFFHS zu diesem Spiel steht der Satz, der Riso bis heute begleitet: Er »galt damals als der beste Torhüter Mitteldeutschlands«. Im Halbfinale in Magdeburg ist gegen Viktoria 89 Berlin Schluss, 0:4. Willi Worpitzky trifft zweimal, dazu Dumke und Röpnack.
Der große Tag: Der erste Kronprinzenpokal (April 1909)
Im Herbst 1908 beginnt ein neuer Wettbewerb. Um den Kronprinzenpokal spielen nicht Vereine, sondern die Auswahlmannschaften der Regionalverbände. Mitteldeutschland stellt Riso ins Tor. Im Viertelfinale am 1. November 1908 in Braunschweig gewinnt die Elf 2:0 gegen Westdeutschland, im Halbfinale am 21. Februar 1909 auf dem Wacker-Platz in Leipzig 8:0 gegen den Nordosten. Zwei Spiele, kein Gegentor.
Das Finale steigt am 18. April 1909 auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf bei Berlin. 3.000 Zuschauer, Schiedsrichter Willi Rave aus Hamburg. Die Berliner haben das Innentrio von Viktoria 89 dabei, Dumke, Worpitzky und Röpnack, die gleichen drei, die Wacker im Jahr zuvor vier Tore eingeschenkt hatten. Doch der Mann des Tages steht auf der anderen Seite: Edgar Blüher vom Leipziger Ballspiel-Club trifft in der 15. und in der 75. Minute. Röpnack verkürzt per Elfmeter, Blüher macht mit seinem dritten Tor alles klar. 3:1 für Mitteldeutschland.
Rechnet man die drei Spiele zusammen, steht für Hans Riso ein einziges Gegentor im Buch. Ein Elfmeter. Auf dem Siegerfoto, das der DFB aufbewahrt hat, kniet er vorn, vor den Stehenden. Mit ihm im Team: sein Wacker-Verteidiger Paul Dietze und Rechtsaußen Erich Albrecht.
Im Jahr darauf reicht es nicht zur Titelverteidigung. Laut Wikipedia gewinnt Mitteldeutschland mit Riso noch 5:2 gegen den Norden, verliert dann aber das Halbfinale 2:6 gegen Süddeutschland. Danach übernimmt Johannes Schneider vom VfB das Auswahltor.
Basel 1910: das einzige Länderspiel
Am 3. April 1910 spielt Deutschland zum siebten Mal, auf dem Landhof in Basel. 5.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist der Schweizer H. P. Devitte. Riso steht im Tor, vor ihm Walter Hempel von den Sportfreunden Leipzig und Paul Kühnle von den Stuttgarter Kickers. Kapitän ist Paul Hunder, ein alter Bekannter aus Viktorias Läuferreihe.
Marius Hiller bringt Deutschland in der 8. Minute in Führung, kurz vor der Pause gleicht Müller aus. Eugen Kipp trifft in der 55. Minute, drei Minuten später steht es durch Renand 2:2. Fünf Minuten vor Schluss macht Kipp das 3:2. Libero D3 schreibt unter das Mannschaftsfoto, dies sei der »erste Auswärtssieg« einer deutschen Elf gewesen.
Riso ist an diesem Tag 21 Jahre und 18 Tage alt. In einer IFFHS-Liste der jüngsten Nationaltorhüter der Welt bis 1910 steht er als jüngster Deutscher, knapp vor Robert Faas, der sechs Wochen später debütiert. Ein zweites Länderspiel bekommt Riso nicht.
»Die deutsche Auswahl, die am 3. April 1910 in Basel zu ihrem ersten Auswärtssieg (3:2 gegen die Schweiz) kam.«
Vom Tor auf die Bühne
Mit dem Ersten Weltkrieg endet Risos Fußballerkarriere, so steht es bei Wikipedia. Danach, heißt es dort, sei er am Theater aktiv gewesen, als Schauspieler, Regisseur und Sänger. 1936 wird er Lektor beim Deutschen Verlag, dem früheren Ullstein-Verlag. Wikipedia stützt das auf eine Akte im Bundesarchiv.
Im Deutschen Bühnenjahrbuch von 1949 taucht tatsächlich ein »Riso, Hans« auf, eingetragen als Spielleiter. Ob es der Torwart von Wacker ist, sagt der Eintrag nicht. Hans Riso stirbt laut Wikipedia 1950. Tag und Ort sind nicht überliefert.
Hans Riso auf einen Blick
Geboren: 16.3.1889 in Leipzig
Gestorben: 1950 (laut Wikipedia; Ort unbekannt)
Spitzname: »Riso II« (Zählname zur Unterscheidung von Heinrich Riso)
Vereine: (BC Arminia Leipzig), FC Wacker Leipzig (bis 1914)
Position: Torwart
Titel: Kronprinzenpokalsieger 1909 (Mitteldeutschland); Mitteldeutscher Meister 1908; Gaumeister Nordwestsachsen 1908
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: Kaufmann; später laut Wikipedia Schauspieler, Regisseur, Sänger, ab 1936 Verlagslektor
Nationalspieler Nr.: 45 (Debüt 3. April 1910 in Basel)
Quellen
Wikipedia: Hans Riso · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero International (IFFHS) · Rohr/Simon: Lexikon Fußball (1988) · Deutsches Bühnenjahrbuch 1949 · Kicker-Almanach 1996