Robert Faas – der jüngere Bruder im Pforzheimer Tor

Robert Faas stand genau einmal im deutschen Tor, und an diesem Tag ging schief, was schiefgehen konnte. Pfingstmontag 1910, Duisburg, Belgien zu Gast: Eine Stunde vor dem Anpfiff waren erst sieben Spieler da, der Rest wurde im Publikum gesucht. Faas gehörte wohl zu denen, die wirklich angereist waren, aus Pforzheim, mit 21 Jahren. Er kassierte drei Tore und wurde nie wieder berufen. Seine Geschichte beginnt aber vier Jahre früher, mit einem anderen Faas im selben Tor.

Robert Faas 1889–1966: sieben Jahre im Tor des 1. FC Pforzheim, ein Länderspiel (Robert Faas)
Robert Faas 1889–1966: sieben Jahre im Tor des 1. FC Pforzheim, ein Länderspiel

»Mit Emil Faas besaßen die Süddeutschen auch einen guten Torhüter, dessen jüngerer Bruder Robert auch Torhüter wurde und 1910 sogar einmal im deutschen Nationaltor stand.«

— Libero Nr. 36 (IFFHS)

Emils Platz

Robert Faas kommt am 3. April 1889 in Pforzheim zur Welt. Die Goldstadt ist früh eine Fußballstadt, und ihr erster Verein, der 1. FC Pforzheim, gehört um 1906 zur deutschen Spitze. Im Tor steht Emil Faas, Roberts älterer Bruder. Am 27. Mai 1906 steht er im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in Nürnberg gegen den VfB Leipzig im Tor, Pforzheim verliert 1:2.

Emil erlebt das nicht lange. Er stirbt laut Wikipedia noch 1906 an einem Herzleiden und wird auf dem Pforzheimer Hauptfriedhof beigesetzt. Ab 1907 steht Robert im Tor. Er »folgte seinem älteren Bruder Emil … als Torwart beim 1. FC Pforzheim nach«, heißt es bei Wikipedia, und er bleibt bis 1914. Mit ihm spielen Männer wie Arthur Hiller, der erste Kapitän der Nationalelf, dessen Neffe Marius, Gustav Stöhr und Hermann Schweickert.

Was für ein Torwart Robert Faas war, verrät keine der geöffneten Quellen. Kein Lob, kein Tadel, kein Spitzname. Überliefert ist sein Beruf: Mechaniker, so steht es im Nationalspieler-Lexikon von 1939.

Der große Tag: Pfingstmontag in Duisburg (Mai 1910)

Der DFB hat sich den Termin selbst eingebrockt. Seit 1903 gehört das Pfingstwochenende dem Endspiel um die Meisterschaft, die Kollision war also absehbar, wie die Chronik der Nationalmannschaft festhält. Trotzdem setzt der Spielausschuss das erste Länderspiel gegen Belgien auf Pfingstmontag, den 16. Mai 1910. Am Sonntag gewinnt der Karlsruher FV in Köln das Endspiel gegen Holstein Kiel mit 1:0 nach Verlängerung. Dass die Karlsruher Nationalspieler danach »nach Verlängerung und Bankett keine Lust mehr verspürten, am nächsten Tag ein Länderspiel zu bestreiten«, findet Sport1-Autor Udo Muras »nachvollziehbar«. Auch aus Kiel kommt niemand.

Robert Faas kommt. Eine Stunde vor Spielbeginn stehen laut der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« erst sieben Spieler auf dem Platz, ein DFB-Offizieller fehlt ganz. Also sucht man im Publikum. Drei Duisburger, Alfred Berghausen, Lothar Budzinski-Kreth und Christian Schilling, werden von der Tribüne geholt. Gespielt wird laut DFB-Datencenter auf dem Platz des Duisburger Spielvereins am Grunewald.

8.000 Zuschauer sind da, der Niederländer Herbert James Willing pfeift, Kapitän ist der Freiburger Josef Glaser. Faas ist 21 Jahre und 43 Tage alt. Eine IFFHS-Liste der jüngsten Nationaltorhüter der Welt führt ihn mit genau diesem Alter.

Deutschland – Belgien 0:3 am 16. Mai 1910 in Duisburg: Torfolge nach DFB-Datencenter, Breynck ersetzt Bauwens in der 55. Minute (Robert Faas)
Deutschland – Belgien 0:3 am 16. Mai 1910 in Duisburg: Torfolge nach DFB-Datencenter, Breynck ersetzt Bauwens in der 55. Minute

Nach 20 Minuten trifft Robert De Veen zum 0:1, so geht es in die Pause. Dann reißt sich Peco Bauwens einen Muskel, der spätere DFB-Präsident. Nach 55 Minuten kommt Andreas Breynck aus dem Publikum für ihn, der vierte Zuschauer in deutschen Farben an diesem Tag. Lange bleibt es beim 0:1, erst in den letzten Minuten treffen Louis Saeys und Edmond Van Staceghem. So die Torfolge nach dem DFB-Datencenter; Libero und belgische Quellen nennen andere Schützen und Minuten. Die Deutschen haben ihre Momente: Schilling trifft den Pfosten, ein Tor von Otto Reislant zählt wegen Abseits nicht.

Wie Faas hielt, schreibt niemand auf. Die Chronik der Nationalmannschaft nennt das 0:3 »noch schmeichelhaft«. Die Neue Sport Woche urteilt, die Mannschaft habe »recht und schlecht« gespielt und sei in den letzten 20 Minuten zum Teil »völlig zusammen« geklappt. Gelobt wird nur einer, der Münchner Rechtsaußen Max Gablonsky. Den eigentlichen Zorn bekommt aber der Spielausschuss ab.

»Diese Herren haben uns geradezu in der formvollendetsten Weise blamiert.«

— Neue Sport Woche, 1910 (zitiert nach Sport1)

Soldat, Mechaniker, Ehrengast

Ein zweites Länderspiel gibt es für Robert Faas nicht. In Pforzheim bleibt er die Nummer eins, zweimal schrammt der Club knapp an der Spitze vorbei: 1912/13 ist er im Südkreis punktgleich mit den Stuttgarter Kickers und nur wegen des schlechteren Torquotienten Zweiter, das Entscheidungsspiel geht 0:2 verloren. Ein Jahr später dasselbe Bild, diesmal endet das Entscheidungsspiel 0:4. Seit 1913 spielt der Verein im Brötzinger Tal.

Dann kommt der Krieg. Faas wird eingezogen und überlebt ihn als Soldat. Ein älteres Nachschlagewerk hatte ihn als 1914 gefallen geführt. Erst die Recherchen des Statistikers Fritz Tauber haben das laut Wikipedia richtiggestellt.

1961 schließt sich ein Kreis. Der Gedenkstein für Emil, zwei Tonnen schwer und vom 1. FC Pforzheim gestiftet, wird an die Stehtribüne im Brötzinger Tal versetzt. Und am 8. März 1961, als Deutschland in Frankfurt wieder gegen Belgien spielt und 1:0 gewinnt, sitzt Robert Faas laut Wikipedia als Ehrengast im Stadion. 51 Jahre nach Duisburg.

Er stirbt am 9. Januar 1966 in Heidelberg, mit 76 Jahren. Als Gernot Otto 2014 in den »Neuen Beiträgen zur Pforzheimer Stadtgeschichte« eine imaginäre »Pforzheimer Nationalelf« aufstellt, elf Clubspieler aus 25 Jahren, steht im Tor: Robert Faas.

Robert Faas auf einen Blick

Geboren: 3.4.1889 in Pforzheim
Gestorben: 9.1.1966 in Heidelberg
Vereine: 1. FC Pforzheim (1907–1914)
Position: Torwart
Titel: keine; Zweiter im Südkreis 1913 und 1914
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: Mechaniker
Nationalspieler Nr.: 56 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg gegen Belgien, 0:3)

Quellen

Wikipedia: Robert Faas · Wikipedia: Emil Faas · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D3 (IFFHS) · IFFHS/Libero International · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter: Deutschland – Belgien 1910 · fussballdaten.de · Sport1: Das peinlichste Länderspiel · DH/Les Sports+ · Gernot Otto: Eine »Pforzheimer Nationalelf« (Leseprobe)