Hermann Schweickert – der Rechtsaußen in der Reklamedroschke
Einige Karlsruher wandten sich empört ab. Nackte Knie, mitten in der Stadt, auf einer Pferdedroschke! Zwei dieser Knie gehörten Hermann Schweickert, Rechtsaußen des 1. FC Pforzheim, und er fand die Sache noch gut fünfzig Jahre später erzählenswert. Schweickert bestritt genau ein Länderspiel, am 4. April 1909 in Karlsruhe. Es war das erste, das Deutschland gewann. Und weil er sich als alter Mann erinnerte, wissen wir heute, dass sich die Spieler damals zum Teil siezten und den Abend mit einem Sängerwettstreit beendeten.
»Schon im Sportdress wurden wir durch die Stadt in Pferdedroschken Reklame gefahren.«
Schweickert II aus dem Brötzinger Tal
Hermann Schweickert kommt am 14. November 1885 in Pforzheim zur Welt. 1896 wird dort der 1. FC Pforzheim gegründet, ein Jahr später ist Hermann dabei, als Elfjähriger. Er bleibt dem Klub treu, bis er aufhört.
Im Verein heißt er »Schweickert II«. Die römische Zwei hat einen Grund: Der ältere Bruder Ernst ist der erste Schweickert im Klub, und was für einer. Ernst wird 1903 erster Deutscher Meister über 400 Meter, führt den 1. FC Pforzheim von 1904 bis 1908 als Vorsitzender und ist erster Schriftführer des Süddeutschen Fußball-Verbandes. So steht es bei Wikipedia. Hermann ist also der kleine Bruder. Auch er läuft schnell: Nebenbei ist er Sprinter in der Leichtathletik.
In den Statistikbüchern taucht er übrigens meist ohne »c« auf, als »Schweikert«. Das Nationalspielerlexikon von 1939 führt ihn so, knapp wie ein Personalbogen: »Stammposten: Rechtsaußen / Beruf: Kaufmann«.
Ein Tor in der 100. Minute
Das große Jahr des Vereins ist 1906. Pforzheim gewinnt den Gau Mittelbaden, dann den Südkreis und am 25. April 1906 das süddeutsche Endspiel gegen den 1. Hanauer FC 93 mit 5:3. Damit ist der Klub in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft.
Im Viertelfinale am 6. Mai 1906 in Mannheim wartet der Cölner FC 1899. 400 Zuschauer sehen, wie die Kölner 2:0 führen. Gustav Stöhr gleicht mit zwei Toren aus, kurz vor und kurz nach der Pause. Es geht in die Verlängerung. In der 100. Minute schießt Schweickert das 3:2, Pforzheim führt zum ersten Mal. Stöhr macht vier Minuten später alles klar. Auf der anderen Seite verteidigt übrigens ein gewisser Peco Bauwens, später Schiedsrichter von Weltruf und DFB-Präsident.
Im Halbfinale in Braunschweig wird Titelverteidiger Union 92 aus Berlin 4:0 geschlagen. Im Endspiel am 27. Mai in Nürnberg reicht es nicht. Pforzheim reist über Nacht an, der VfB Leipzig ist überlegen, verschießt zwei Elfmeter und gewinnt trotzdem, durch ein Tor fünf Minuten vor Schluss. 1:2. Schweickert spielt in allen drei Partien Rechtsaußen. Deutscher Vizemeister: Das gilt laut Wikipedia bis heute als größter Erfolg des Vereins.
1908 wird Schweickert Spielführer des 1. FC Pforzheim. Im Herbst steht er auch in der süddeutschen Auswahl im neuen Kronprinzenpokal, doch in Leipzig verliert der Süden gegen den Norden 2:5.
Der große Tag: Droschken, Wind und »Sie« (April 1909)
Der DFB hat für den 4. April 1909 zwei Länderspiele angesetzt, am selben Tag. Eine Elf aus dem Norden spielt in Budapest, eine rein süddeutsche Mannschaft empfängt in Karlsruhe die Schweiz. Die Spieler werden per Telegramm herbeordert, Ersatzleute gibt es nicht. Aus Pforzheim sind zwei dabei: Schweickert und Arthur Hiller, der erste Kapitän der Nationalelf, diesmal als Außenläufer.
Bevor gespielt wird, wird geworben. Schweickert erzählte es so:
»Die meisten Passanten lachten und winkten uns zu. Einige wandten sich aber auch, sittlich entrüstet, ab. Wir erschienen ihnen mit unseren nackten Knien als anstößig.«
Die Reklame wirkt. Laut Stadtarchiv strömen die Zuschauer »zu Fuß, per Rad, mit der Droschke und im Automobil« zum Platz des Karlsruher FV an der Telegraphenkaserne, dazu kommen Sonderzüge und überfüllte Straßenbahnen. »Aus Pforzheim kamen allein 700 Personen an«, heißt es in dem zeitgenössischen Bericht, den das Stadtarchiv zitiert. Das Stadtarchiv zählt gut 5.000 Zuschauer, der DFB 7.000. Soldaten schauen aus den Fenstern der Kaserne zu. Der Schirmherr, Prinz Max von Baden, fehlt. Er hat sich am Vortag erkältet.
Anpfiff ist gegen halb vier, bei heftigem Wind. Schiedsrichter ist Albert Sohn aus Frankfurt. Schweickert steht rechts außen, neben ihm Fritz Förderer vom KFV, in der Mitte Otto Löble von den Stuttgarter Kickers, links Eugen Kipp und Linksaußen Emil Oberle vom FC Phönix. Kapitän Josef Glaser begrüßt seine Mitspieler erst am Vormittag. Fremd sind sie sich trotzdem nicht. »Wir harmonierten recht gut, weil wir uns von den süddeutschen Ligaspielen her kannten«, sagte Schweickert.
Die Deutschen drücken, der Schweizer Torwart hält mehrere »Bombenschüsse«. Kurz vor der Pause trifft Kipp zum 1:0, nach der Uhr der Badischen Landeszeitung um »4 Uhr 20 Minuten«. Die Minute ist bis heute umstritten. Nach dem Wechsel verrennen sich die Stürmer in Dribblings, ein Bericht spricht von »frappierender Schußunsicherheit«. Aber die Abwehr hält. Deutschland hat zum ersten Mal ein Länderspiel gewonnen.
Ein ruppiges Spiel war es nicht, wenn man Schweickert glaubt. Jeder Schweizer bekam laut seiner Erinnerung einen Begleiter, der ihm etwas über seinen deutschen Gegenspieler erzählte. In der Halbzeit blieben die Spieler auf dem Platz. »Zum Teil redeten wir uns sehr höflich mit ›Sie‹ an.« Abends gibt es ein Festessen im Hotel-Restaurant Friedrichshof, rund 60 Gäste, ein Opernsänger des Hoftheaters singt. Dann singen die Spieler selbst.
»Die Schweizer jodelten und wir schmetterten unsere Fußballlieder: Unentschieden.«
Es bleibt Schweickerts einziges Länderspiel. In der folgenden Saison gehört er laut Wikipedia noch mit zwei Einsätzen zur süddeutschen Auswahl, die 1910 den Kronprinzenpokal gewinnt. Im Finale steht er nicht mehr auf dem Platz.
Sänger, Schmuckhändler, Wanderer
1912 ist Schluss. Eine hartnäckige Sehnenverletzung beendet laut Wikipedia seine Laufbahn. Der Bruder Ernst fällt im Ersten Weltkrieg.
Hermann Schweickert bleibt in Pforzheim und wird dort, was man einen bekannten Bürger nennt. Er ist Kaufmann, ab 1935 selbständig als Großhändler für Schmuckwaren. Er stammt aus einer Sängerfamilie, tritt 1920 dem Männergesangverein »Harmonie« bei und ist über dreißig Jahre dessen Sängervorstand und Vorsitzender. In der Freizeit fährt er Ski und wandert, Mitglied im Alpenverein und im Schwarzwaldverein.
Mit Arthur Hiller ist er später verschwägert. Wikipedia schreibt, er habe »seine Schwägerin geehelicht«, gemeint ist offenbar eine Schwägerin Hillers.
Das Wandern bleibt bis zuletzt. Auf einer sonntäglichen Tour durch den Schwarzwald erleidet er im 77. Lebensjahr einen Herzinfarkt. Am 24. August 1962 stirbt Hermann Schweickert im Krankenhaus von Triberg. Begraben ist er auf dem Pforzheimer Hauptfriedhof, im selben Grab wie Arthur Hiller, mit dem er 1906 im Endspiel und 1909 im ersten Siegerteam gestanden hatte.
Hermann Schweickert auf einen Blick
Geboren: 14.11.1885 in Pforzheim
Gestorben: 24.8.1962 in Triberg im Schwarzwald
Vereine: 1. FC Pforzheim (1897–1912)
Position: Rechtsaußen
Titel: Süddeutscher Meister 1906; Deutscher Vizemeister 1906; Kronprinzenpokal 1910 mit Süddeutschland (zwei Einsätze, nicht im Finale)
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1909)
Beruf: Kaufmann, ab 1935 Schmuckwaren-Großhändler
Nationalspieler Nr.: 42 (Debüt 4. April 1909 in Karlsruhe gegen die Schweiz)
Quellen
Wikipedia: Hermann Schweickert · ka-news: Der erste Länderspielsieg vor 100 Jahren (2009) · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster deutscher Länderspiel-Sieg in Karlsruhe · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1905/06 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D3 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996